Anfangsschritte

Markus 1, 14 – 20

14 Nachdem aber Johannes überantwortet wurde, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

             Es sind keine idyllischen Zeiten.

Der Täufer wird überantwortet – so heißt es im Deutschen ein wenig nebulös – Das griechische Wort: παραδοθναι wird später wieder an einer entscheidenden Stelle auftauchen: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen.“ (9,31 / 10,33) Darum gwht es im Klar-Text: Der Täufer Johannes wird gefangen gesetzt. Man erfährt nicht, warum und ist auf Vermutungen angewiesen- oder auf Ergänzungen aus den anderen Evangelien. Er ist lästig geworden. Das allerdings ist zwischen den Zeilen zu lesen: Im Schicksal, das der Täufer erleidet, ausgeliefert zu werden, wird das spätere Schicksal Jesu vorab abgebildet.

Jetzt aber ist es noch nicht so weit. Jetzt fängt Jesus an zu predigen. Als wäre erst jetzt der Raum für ihn frei. Oder eben: als würde er fortsetzen, was der Vorläufer angefangen hat: Das Reich Gottes auszurufen. So muss man streng genommen das Wort κηρσσειν übersetzen. Es geht nicht um Kanzelrede, wie wir sie mit Predigen verbinden, sondern um ein Ausrufen, das „an den Ruf eines Herolds anknüpft, der eine wichtige Botschaft öffentlich verkündigt.“(W. Klaiber, aaO. S. 36) Nicht im Schutzraum von Synagogen und Kirchenmauern, sondern auf Plätzen und Straßen, wo jedermann unterwegs ist.

Er ruft das Evangelium Gottes aus. Keine Botschaft, die ihm gehört, die er sich ausgedacht hat, sondern eine Botschaft im Auftrag Gottes. Hinter seinen Worten steht Gott. Das ist der zentrale Kern dieser Botschaft: Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Beide Male stehen die Verben im Perfekt. Jesus sieht also schon gewordene Wirklichkeit, und nicht nur unmittelbar bevorstehende Zukunft.

Und er sieht Zeitenwende. Die Zeit „war vorher noch nicht „voll“. Es war darin nur erst ein Drängen auf die Fülle hin, ein Hunger und ein Durst, ein Drängen und ein Treiben, ein Dichten und ein Trachten in der Menschenzeit, ohne dass sie Erfüllung finden konnte. Jetzt aber hat es „voll“ geschlagen.“(P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S. 185) Das alles signalisiert auch das besondere griechische Wort: καιρς. Es benennt den unverwechselbaren einen Augenblick im Unterschied zur gleichförmig vergehenden Zeit, χρόνος, von der unser deutsches „Chronometer“ für die Uhr kommt. Es ist Gottes Zeit, nicht die Zeit der Menschen, die hier erfüllt wird. Diese erfüllte Zeit Gottes aber verlangt ein neues Verhalten der Menschen.

In der Gotteszeit ist das andere: Das Reich, die Herrschaft Gottes. βασιλεα το θεο ist mehr als nur ein Herrschaftsraum, den man auf eine Landkarte eintragen könnte. Mit Grenzen nach außen und Machtbefugnissen und Gesetzen nach innen. Es ist Geschehen, es ist Kraft, es ist eine Richtung, die die Welt gewinnt. Wenn man so will: Entwicklungsrichtung. Und: Es fängt an damit, dass Jesus es ausruft „und wächst und wächst, bis endlich allen, das Herz zu deinem Dienst bereit.“(K.A. Höppl, 1958, EG 490)

Zugespitzt: Der Haftpunkt des Reiches Gottes ist das Menschenherz, das sich ihm öffnet, der Horizont aber ist die ganze Welt. Darum ist es sinnvoll und stimmig, dass mit der Ausrufung des Reiches der Umkehrruf Hand in Hand geht. Die Umkehr des eigenen Lebens hin in den Willen Gottes ist Zustimmung zum Evangelium, zum Reich Gottes. „Mit dem Glauben rechtfertigt der Mensch das Evangelium und bezeugt den in ihm erhobenen Anspruch als wahr.“ (J. Gnilka, aaO. S. 68)

 Es ist eine grundlegende Verknüpfung, die hier in einem Satz vorgeführt wird: Reich Gottes und an das Evangelium glauben gehören zusammen. Wer nicht glaubt, sieht nichts vom Reich Gottes. Er wird immer nur Weltwirklichkeit sehen, aber nie durch den Horizont blicken können. Aber auch umgekehrt; Wer das Evangelium nur für die eigene Seele glaubt, und nicht das Reich Gottes in der Weltwirklichkeit mit in den Blick nimmt, der verliert das Evangelium, weil es seine Kraft nur da entfaltet, wo es zu Schritten führt, die der Herrschaft Gottes, seinem Reich entsprechen. Weil das Evangelium das Reich Gottes zuspricht und aufrichtet. 

 16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. 17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! 18 Und sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

Jetzt erzählt Markus, wie solche Umkehr und solcher Glaube aussehen kann. Nicht immer. Nicht als Schablone. Aber doch als ein Beispiel. Jesus ist unterwegs, am Galiläischen Meer, am See Genezareth. Und sieht dort Männer bei der Arbeit. In ihrem Alltag. Wir als Lesende erfahren auch die Namen der Männer, Simon und Andreas, Simons Bruder. Fischer sind sie, wie so viele am See Genezareth. Sie sehen und sie rufen ist eins. Folgt mir nach. Eine Aufforderung ohne jede Begründung, weder durch Jesus noch im bisherigen Leben der Gerufenen. Er sieht und ruft – das genügt. „Immer beginnt Nachfolge mit dem erwählenden Blick.“ (E. Schweitzer, aaO. S. 25)

 Und immer – so möchte ich ergänzen – wird sich mit diesem Ruf eine Aufgabe verbinden, ein Auftrag, eine Berufung. Hier: ich will euch zu Menschenfischern machen! Die bisher Fische gefangen haben, damit Menschen leben können, sollen nun Menschen fangen, damit Menschen leben können. „Menschenfischen hat auch im biblischen Sprachgebrauch eher einen negativen Klang.“(W. Klaiber, aaO. S. 40) Ob das im Umfeld der Gemeinde, die das Markus-Evangelium als erste liest, ein Vorwurf an die Christen war: sie fangen Menschen? Ob dieser Vorwurf dann hier – im Mund Jesu – positiv aufgenommen wird, paradox umgedreht: Ja, es ist ein Fangen, aber ein Fangen zum Leben!

Die so gerufen werden, folgen nach. Ohne Zögern. Wortlos. Fast, als hätten sie keine Wahl. „Nichts gilt mehr als sein Ruf.“(J. Klepper, 1938, EG 452) In diesem wortlos Folgen wird etwas deutlich über das innere Wesen der Nachfolge. Sie „ist weder eine selbständige ethische Entscheidung noch eine denkerische Übernahme von Lehrsätzen.“(E. Schweitzer, aaO. S. 26) Sie besteht vielmehr in etwas sehr Schlichtem: Im Gehen auf einem Weg, auf den man gerufen ist. Im Hinterhergehen hinter dem Rufenden. Nachfolge ist kein Programm, das man abarbeitet. Sie ist Weg, den man geführt wird, durch immer neue Worte und Augen-Blicke.

19 Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. 20 Und sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.

             Ein paar Schritte nur weiter – aber das gleiche Geschehen.  In der Schilderung, wenn das überhaupt möglich ist, noch weiter reduziert.  Er sieht die Söhne des Zebedäus. Zwei Brüder, die bis dahin ihr Leben nur dadurch definiert haben, dass Söhne ihres Vaters waren, mit dem gleichen Beruf wie er, abhängig von ihm. Auch sie bei der Arbeit, in der Vorbereitung für neue Fänge. Und er, Jesus, sieht sie und ruft. Sogleich. εθς. Kein Zögern im Rufen und kein Zögern im Folgen auf der Stelle. Lassen die Arbeit an den Netzen Arbeit sein und den Vater lassen sie Vater bleiben – und gehen hinter Jesus her.  Weil auch auf sie die größere Aufgabe wartet: Menschen fischen.

Es ist, als würde hier das Jesus-Wort aus einem anderen Evangelium positiv ausgelegt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“(Matthäus 10,37) Die beiden erweisen sich seiner als würdig – nicht durch irgendwelche Großtaten, sondern indem sie ihm nachlaufen.

Es ist die Provokation an den Glauben auch heute. Über die richtigen Lehrsätze hinaus zu finden zu Schritten des Glaubens. Zu einer Gestalt, die sich im gelebten Vertrauen zeigt. Darum also geht es, ob das Vertrauen zu Jesus, auf Jesus mich befähigt, unterwegs zu bleiben, ob es Raum zu neuen Schritten wirkt. Ob es mich mutig macht, die eigenen Kinder loszulassen, ihren Weg zwar noch zu sehen und zu begleiten, sie aber aus der eigenen Obhut zu entlassen. Ob mich das Vertrauen zu Jesus dazu befähigt, dem eigenen Gotteskomplex entgegen zu treten.

Sind solche Geschichten nur „ideale Szenen“, erzählt, um andere auf den gleichen Weg zu locken? Sind sie, so fragen wir heute, nicht auch gefährlich? Wenn junge Leute sich plötzlich auf einen Weg machen, hinter einem her, der sie gerufen hat. Alles stehen lassen. Wir rufen doch dann rasch nach dem Sekten-Beauftragten der Kirche – oder, aktuell, nach Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Die Frage muss erlaubt sein: wie hat dieser Aufbruch in die Nachfolge auf die gewirkt, die nicht nachgefolgt sind, Jesus nicht nachgelaufen sind?

Zum Weiterdenken

Markus erzählt dieses Rufen in die Nachfolge, weil dadurch sichtbar wird, mit wem man es zu tun bekommt, wenn man es mit Jesus zu tun bekommt. „Es heißt hier nicht, dass die vier Fischer Herd und Brot verließen, weil er sie überredet habe oder auch überzeugt. Es heißt hier nur, dass er sie sah und befahl. Er befahl nur mit drei Worten. Das war alles und das genügte. Es ging da ein Ausstrahlen vor sich, und ein Einflussnehmen aus der Kraft des Geistes. Ich glaube, dass alles Christwerden solche Einfließung ist. Das Unerklärliche des Christseinmüssens kann nur auf solche Weise zustande kommen. Die Netze, die sie eben noch in den Händen gehalten hatten, der Anblick des Vaters, das Ruhen im Wohlstand eines alteingesessenen Gewerbes, die Tagelöhner, die staunend den Söhnen nachsahen wie sie aus solchem Erbe hinausgingen, das alles hatte wahrlich Überzeugungskraft genug. Aber sie folgten ihm. Sie müssen. Und das ist seine Macht, dass dieses Müssen ein Wollen wird.“(P. Schütz, aaO.;  S. 197) Ein schöner Versuch, sich selbst zu erklären, was im Grunde unerklärlich bleibt. Der Macht dieses Rufers auf die Spur zu kommen.

In Wahrheit aber ist da nichts zu erklären, weil es nichts zu verstehen gibt. Nur zu sehen und zu spüren, dass hier das Leben auf dem Spiel steht. Entweder ist dieser Ruf ein Ruf ins Leben oder aber ein Ruf,  der spätestens angesichts des Todes zerplatzen wird wie Seifenblasen zerplatzen. Still und ohne Getöse. Aber der Glanz der bunten Farben ist weg. Und geblieben ist ein Wassertropfen.

 

Es bleibt die Frage an die Leser*innen heute: Rechnen wir noch damit, dass es diesen unbedingten Ruf auch in unsere Zeit hinein gibt? So, dass Leben eine neue Richtung bekommt, so, dass sich plötzlich neue Weg öffnen. So, dass eine merkwürdige innere Klarheit entsteht: Ich weiß, dass dieser Ruf mich meint und dass gut ist, hinter Jesus her zu gehen. Innere Klarheit findet dann allemal auch äußerlichen Ausdruck.

 

Du rufst, Jesus, damals und heute. Du suchst meinen Glauben, der mich Schritte hinter Dir her tun lässt, der mir den Mut gibt, Gewohntes zu verlassen, mich auf Dich zu verlassen.

Manchmal erschreckt es mich. Ich habe nichts in Händen. Ich kann nichts vorweisen als Rechtfertigung, dass die Nachfolge sich lohnt.  Aber ich habe nichts anderes, nur Dein Wort. Deinen Ruf und dass er in mir Echo ausgelöst hat, das Echo der Liebe. Amen

 

 

Ein Gedanke zu „Anfangsschritte“

  1. Lieber Paul-Ulrich ich wünsche Dir und Deiner Familie ein behütetes und gesegnetes Neues Jahr ! Ich danke Dir für Deine tägliche Ausarbeitung der Bibellese. Auf diese Weise bist Du mir ein treuer Wegbegleiter durch die letzten Wochen und Monate gewesen . Das Rufen Jesu in die Nachfolge am Anfang dieses neuen Jahres und des neuen Jahrzehnts ist für mich gerade nochmal wieder ganz aktuell, weil ich nach einer schweren und intensiven Traumatherapie neu frage: wie kann Nachfolge JETZT nach der Aufarbeitung schwerster Gewaltverbrechen in Kindheit , Jugend und jungem Erwachsenalter. neue Formen und Räume finden. Und somit verbinde ich mich mit Dir in Deinem Gebet von heute und bin gespannt, wie Gott führen wird. Liebe Grüße Ulrike Schröder früher

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