Unter Gottes Ja

Markus 1, 9 – 13

9 Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan.

 Κα γνετο: Und es begab sich. Mit dem gleichen Wort wird Lukas die Geburt Jesu ankündigen: „Es begab sich aber…“(Lukas 2,1) Es klingt fast ein wenig beiläufig. Und doch liegt Markus daran: das ist wirklich geschehen, dass Jesus sich einreiht unter die Vielen, die zu Johannes an den Jordan kommen und sich taufen lassen. Dass er sich auf den Weg macht aus Nazareth in Galiläa an den Jordan.

Der Jordan ist nicht irgendein Fluss. Und was hier zur Sprache kommt mit dem Jordan ist nicht nur Geographie. Der Übergang über den Jordan brachte das Volk Israel einst in das gelobte Land. In das Land Gottes, der es gut mit seinem Volk meint, der ihm mit diesem Übergang den Raum zum Leben öffnete. Ob man das deshalb nicht mithören darf, ja mithören muss: die Taufe im Jordan ist neue Lebenseröffnung. Sie stellt hinein in das „eschatologische Gottesvolk“(W. Grundmann, aaO. S. 37), in eine neue Zukunft. Jesus, der neu das Gottesvolk sammeln wird, der stellt sich mit ihm zusammen in seiner Taufe im Jordan.

 10 Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. 11 Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.  

Die Taufe Jesu ist ein Geschehen, das jedermann am Jordan verfolgen konnte. „Höchstwahrscheinlich historisch.“(E. Schweitzer, aaO. S. 18) Und: „Sie gehört zu den gesichertsten Daten des Lebens Jesu.“(J. Gnilka, aaO. S. 51)  

Was aber dann geschieht, als Jesus aus dem Wasser steigt, das sprengt den „historischen Rahmen“. Dass der Himmel sich öffnet.  Dass der Geist in der Gestalt einer Taube kommt. Dass eine Stimme vom Himmel her geschah. Wieder dieses unscheinbare Wort: γνετο! Es geschah, es begab sich. Alles ist Hinweis darauf: hier verbindet sich irdisches Geschehen mit himmlischer Wirklichkeit. Man muss wohl mutig sein und sagen: „Das Taufevangelium verkündet die Welt als den irdisch-himmlischen Durchdringungsraum der göttlichen Liebe.“(P. Schütz, aaO. S. 171) Oder anders gesagt: „Die Welt ist nicht genug.“

Es ist  die Zumutung des Glaubens, die hier sichtbar wird: „Dass hier wirklich Gott selbst gesprochen hat, kann nur der Glaubende bekennen.“(E. Schweitzer, aaO.  S. 19) Und: er kann es nur bekennen, nie beweisen!  

 Ganz am Anfang des Evangeliums werden  durch die Stimme vom Himmel her die Weichen gestellt: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. Das ist zuerst Zusage an Jesus. Rückenwind für den Weg, der vor ihm liegt und von dem er noch nichts weiß. Rückenwind, weil es eine unbedingte Zusage ist. Durch nichts begründet. Durch nichts heraus gelockt. Noch vor dem ersten Wort, das Jesus sagen wird. Noch vor der ersten Tat, die Jesus tun wird: Du bist mein lieber Sohn. υἱός μου γαπητς  Mein Sohn, der Geliebte. Geliebt von Anfang an.

Oder darf ich vielleicht sogar sagen: Geliebt vor allem Anfang? Markus kennt ja keine Geburtserzählung. Weiß oder sagt nichts von Jungfrauengeburt. Weiß oder sagt nichts, wie das Johannes-Evangelium, von einem Sein beim Vater vor dem Anfang der Welt. Das alles scheint ihn nicht zu interessieren. Umso wichtiger, dass er sagt: Vom ersten Schritt des Weges Jesu an steht über ihm diese Zusage. Als Wort der Stimme aus dem Himmel. Und über allem, was er tun wird, gilt: an dir habe ich Wohlgefallen. Es  sind Zusagen, die der Person gelten, dem Jesus von Nazareth. Der Person – und weil sie der Person gelten, gelten sie auch seinem Tun.

Auch das darf ich wohl sagen: von Stund´ an geht Jesus seinen Weg unter dem geöffneten Himmel und nichts und niemand kann ihm den Himmel verschließen. Auch wenn es wieder und wieder versucht werden wird – von den Menschen und auch von dem Versucher.

12 Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; 13 und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.

Am Jordan ist nicht sein Bleiben. Er wird getrieben. Nicht von sich selbst, nicht aus eigenem Antrieb Es widerfährt ihm. ἐκβάλλω – „herauswerfen hinausschleudern, verjagen“ (Gemoll  Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 252) Dieses Treiben des Geistes ist nicht sanft. Es wirkt, als wäre keine Zeit zum Verweilen. Keine Zeit, sich in dieser Taufszene aufzuhalten, sie zur Idylle werden zu lassen. Es geht aus der lieblichen Jordanaue in die Wüste, die karge Landschaft, in der das Leben bedroht wird. Die Wüste ist aber auch der Ort, an dem Gott sich seinem Volk verlobt hat. Dahin also treibt ihn der Geist. Jesus wird, so lese ich, auf dem Weg seines Lebens immer einer sein, den der Geist treibt. Führt. Leitet.

Es ist der Geist, , τὸ πνεῦμα , der ihn der Versuchung aussetzt. Es ist nicht Jesu Eigensinn. Nicht Jesus, der sich selbst testen will. Dort, in der Wüste tritt ihm der Satan entgegen. Markus sagt nichts über das Wie, nur das Dass. Nur daran liegt ihm: „In der Einsamkeit der Wüste ist auch Jesus der verführerischen Macht des Bösen ausgesetzt und muss diese Versuchung bestehen.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S. 29) Nicht einmal daran liegt Markus, uns zu sagen, dass er sie bestanden hat. Er setzt es stillschweigend voraus.

Dass er sie bestanden hat, zeigt sich an den beiden folgenden „Bildern: Er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Es sind paradiesische Zustände, die hier sichtbar werden. Adam im Paradies war bei den Tieren! Und – wenn „das Reis aus dem Stamm Isai aufgeht“, wenn die Zeiten sich erfüllen, wird es wieder so sein: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“(Jesaja 11, 1, 6-8) Das erfüllt sich jetzt schon in der Wüste, in der Verborgenheit.

Und dort dienen ihm auch die Engel. Hier ist mehr als Elia. Der wurde von den Raben Gottes am Bach Krit versorgt. Jesus aber wird von den Engeln Gottes versorgt. διακνειν hat oft die Bedeutung „zu Tisch dienen, mit Speise versorgen“. Vierzig Tage lang. Vierzig Tage braucht Elia für seinen Weg zum Horeb. Vierzig Jahre Israel für den Weg durch die Wüste. Das sollen wir verstehen: Es ist Gott, der Jesus durch seine Engel in der Wüste bewahrt.

Vielleicht schwingt ja im Hintergrund doch ein Psalm mit:

Denn er hat seinen Engeln befohlen,                                                                                  dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.        Psalm 91,11

Bei den anderen Evangelisten ist das der Psalm, mit dem der Versucher Jesus auf die Probe stellen will. Hier dagegen scheint er mir – im Gegensatz dazu – der Hintergrund zu sein für das bewahrende Handeln Gottes.      

 Zum Weiterdenken

Hineingeworfen ins Da-Sein. Ungefragt. So haben Existentialisten oft in den 50-er Jahren ihr Verständnis vom Leben angedeutet. Das scheint nahe an dem, wie Jesus in die Zeit in der Wüste geschleudert wird. Das ist nahe auch an Erfahrungen, die viele kennen: plötzlich ist aus dem ruhigen Fahrwasser des Lebens ein reißender Strom geworden, aus der Idylle Chaos. Was hilft solche Wechsel, solche Umbrüche und Abstürze zu bewältigen? Der Umbruch in die Wüste hebt für Jesus das Ja seiner Taufe nicht auf. Dieses Ja bleibt gültig. Das ist die Botschaft über die Taufe Jesu hinaus – an alle, die ungefragt im Leben sind und auch ungefragt getauft: Das Ja der Taufe gilt.

 

Mein Gott. Vor langer Zeit bin ich getauft worden. Das ist für mich der Haltepunkt in allen Ängsten, dass ich aufgrund meiner Taufe glauben darf, dass ich geliebt bin. Von Anfang an. Vor aller Leistung. In allem Versagen. Mit und trotz aller Schuld. Gegen alles Verzagen.

Ich danke Dir, dass ich das nicht nur für mich glauben darf, sondern für jeden Menschen, der mir begegnet, und ganz besonders für jeden Menschen, der mir lieb ist. Amen