Gottes neuer Anfang: Evangelium

Markus 1, 1 – 8

 1 Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

             Nur eine Überschrift. So scheint es auf den ersten Blick. Eine Überschrift über eine Text-Form, die es vorher so nie gegeben hat. „Es gibt in der ganzen griechischen Literatur sonst keine Schrift, die mit Evangelium überschrieben wäre.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S. 11) Aber dieser dürre Satz ist mehr als nur der Auftakt einer neuen Schrift, mehr auch als nur der Auftakt zu einer neuen Literatur-Gattung.. Es ist auch eine inhaltliche Ansage: Was folgen wird ist εαγγελον, Evangelium, gute Nachricht. Siegesbotschaft.

Eine Siegesbotschaft, die ihren Inhalt in einer Person hat, in Jesus Christus. Ihr Verfasser – Markus, von dem wir nicht wirklich wissen, wer er war. Manches deutet auf Johannes Markus hin, den Weggefährten der Missionare Barnabas und Paulus. So sieht ziemlich einhellig die altkirchliche Tradition. Ein junger Mann aus Jerusalem. „Und als er (Petrus) sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.“(Apostelgeschichte 12,12) Aber ganz sicher kann man nicht sein.

Wichtiger ist: εὐαγγελίον Ἰησοῦ ΧριστοῦDie kurze Wendung könnte man auch übersetzen: Evangelium Jesu Christi. Dann wäre, was folgen wird, eben nicht nur ein „Bericht“ über ihn, eine Erzählung, in der er eine zentrale Rolle spielt. Sondern er wäre der Urheber. Der Autor, wenn man so will. Ohne ihn kein Evangelium. Jesus Christus, der Sohn Gottes. Was das bedeutet, wie das zu verstehen ist, das wird sich zeigen müssen. Für die ersten Leser klingt das nach Gottessöhnen, wie sie ihnen aus den Göttererzählungen Griechenlands vertraut sind. Heroen. Übermenschen.

Es ist gut, sich klar zu machen: dieser erste Satz ist nicht der Auftakt zu einem Mythos. „Dieser Anfang ist Anfang in der Zeit. Jenes Wort vom Anfang besagt mir das Entscheidende über die neue Wahrheit. Dass es nämlich keine logische Wahrheit sei, keine Wahrheit des Mythos, keine innere Wahrheit der ewigen Schau, sondern dass diese Wahrheit passiert sei. Dass diese Wahrheit sich ereignet habe. Ja, dass dieses Ereignis eine Person sei.“(P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972. 147) Damit also bekommen wir es als Lesende zu tun: Mit einem Erzählen, das beansprucht, Geschehen zu erzählen, Geschichte, in der Jesus als der Sohn Gottes erkennbar wird. In der wir vor die Frage gestellt werden, ob wir ihm glauben, an ihn glauben.

So gelesen, könnte man auch statt ρχ – Anfang übersetzen: Ursprung des Evangeliums. Das stellt dann klar: Evangelium ist keine bloße Vergangenheit, nicht einfach nur Geschichte – es reicht bis zu uns. Es hat damals seinen Ursprung und wirkt nun weiter, bis an das Ende aller Zeiten. Es ist ein „ewiges Evangelium“.(Offenbarung 14,6) Für alle Zeiten.        

2 Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.« 3 »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!«(Maleachi 3,1; Jesaja 40,3):

             Dieser Anfang hat seine Vorgeschichte. Greifbar, angekündigt in den uralten Worten der Propheten. Ein Hinweis auch darauf, dass die Worte des Alten Testaments einem Autor wie Markus nicht als überholt, nebensächlich gelten. Sie helfen zum Verstehen. „Das Neue Testament kennt nur diesen Gebrauch der Heiligen Schriften der Juden: den Erweis, dass der Einstige auch der Gegenwärtige sei und der Gegenwärtige auch der einstige war.“(P. Schütz, aaO.  S. 153) Durch diese Worte fällt Licht auf das Geschehen jetzt.

Es ist die Ankündigung eines Boten, eines Vorläufers, auf die diese Worte hinweisen. Im Griechischen steht für Boten das Wort γγελς unser Wort Engel kommt daher. Mit ihm, mit dem Vorläufer nimmt das Geschehen seinen Anfang. Er ist die prophetische Stimme, die nach der langen Zeit des Schweigens – zwischen dem letzten Propheten des Alten Bundes und dem Täufer liegen gut 200 Jahre – wieder zu hören ist, das Volk ruft. Und der Auftrag des Vorläufers: Den Weg bereiten. Für den, der nach ihm kommen wird.

4 So war Johannes der Täufer in der Wüste, taufte und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. 5 Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden.

Dieser neue Anfang, den Gott setzt, ist verbunden mit dem Täufer, mit Johannes in der Wüste. Er ist die Stimme, die ruft. Und sein Ruf ist ein Ruf zur Umkehr, so wie seine Taufe eine Taufe zur Umkehr, βπτισμα μετανοας, ist. Ich übersetze lieber „Umkehr“ statt Buße. Weil Buße allzu sehr nur nach reumütiger Gesinnung klingt. Umkehr aber meint wirklich andere Lebensrichtung und andere Lebensschritte, nicht nur ein wenig zerknirschtes Gefühl. Eine neue Gesamtausrichtung des ganzen Lebens, die auch „seine Beziehung zu Gott“ einschließt.(E. Schweitzer, Das Evangelium nach Markus, NTD 1, Göttingen 1967, S. 16) Darum geht es dem Täufer: Um Schritte in eine neue Lebenspraxis, ausgerichtet am Willen Gottes, an seinem Gebot. Seine Taufe „ist das wirksame Zeichen dafür, dass Gott angesichts des drohenden Gerichtes den Weg zur Umkehr und neuem Leben öffnet.“ (W. Klaiber, aaO. S. 22)

Die Wirkung des Täufers ist groß. Das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem hören seine Predigt und suchen ihn. Sie alle lassen sich taufen. Er löst eine Massenbewegung aus. Eine Bußbewegung. Er trifft offensichtlich einen Nerv seiner Zeit: Im Volk gibt es ein Bewusstsein für die Sünden μαρται. Es könnte sein, dass dieses Bewusstsein daher kommt, dass Israel unfrei ist, unter fremder Herrschaft. Das gehört zur Botschaft der Propheten, dass sie  die Zeit, auch die politische Zeit deuten als eine Zeit, in der Gott handelt.  Und Gott bedient sich eben der fremden Herren und der fremden Herrschaft, um seinem Volk Israel zu zeigen: Dass ihr geknechtet seid, ist Zeichen eurer Sünde.

6 Und Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig. 7 Und er predigte und sprach:

             So wie Johannes auftritt, wird in ihm ein Asket sichtbar. Einer, der aus dem üblichen Rahmen fällt. Einer, dem nichts am Äußeren liegt, schon gar nichts an Bequemlichkeit. Kein bürgerlicher Typ, eher ein Exot. Der lederne Gürtel (2. Könige 1,8) und das Gewand aus Kamelhaaren (Sacharja 13,14) sind äußere Zeichen eines Propheten. „Freier als jeder König stand er da und rief über die Welt hin, dass sie Buße tue, denn der Tag des Gerichts sei nahe.“ (P. Schütz, aaO. S. 169)                                                                

Nach mir kommt der, der ist stärker als ich; ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. 8 Ich habe euch mit Wasser getauft; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Und er, dieser Freie, dieser Starke kündigt den an, der nach ihm kommen wird. Der größer ist als er, stärker auch. σχυρτερς. Der Stärkere. Dem er in keiner Weise entspricht. Was auffällig in der Beschreibung des Stärkeren bei Markus fehlt, sind die Gerichts-Signale, wie sie Matthäus liefert: „Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.“(Matthäus 3,12) Markus reicht es – der kommenden ist der Stärkere. Mehr als der Täufer.

Daran allerdings liegt  viel: „Die Taufe mit dem heiligen Geist, die der Stärkere spenden wird, überbietet die Wassertaufe des Täufers.“(J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 1 – 8,26, EKK II/1, Neukirchen 1978,S. 48) Es ist ein erster, verhaltener Hinweis darauf, dass mit dem Stärkeren eine andere, eine neue Zeit anbricht. Dass er der Anfang  des Evangeliums ist, dessen Ende und Vollendung auch heute noch nicht erreicht ist. Wir sind noch unterwegs zu diesem Ziel.

 Zum Weiterdenken

Es wird in diesem Evangelium um das Angebot der Gnade Gottes im ruf zur Umkehr und in der Vergebung der Sünde gehen. Dieses Angebot gilt allen, so wie sie sind. Wenn sich allerdings einer/eine darauf einlässt, wird ein Wandlungsprozess eingeleitet. Man kann nicht mehr so bleiben, wie man war. Es bleibt unter dem Evangelium nicht alles beim Alten. Diese Transformation, Wandlung ist das Werk des Heiligen Geistes. Er prägt uns den Willen Gottes regelrecht ein, in die Tiefen des Herzens und der Seele. In unsere Handlungsantriebe.

Das Evangelium ist Geschichte. Es macht Geschichte. Es ist kein religiöses Gedankenspiel. Keine religiöse Lehr-Erzählung. Es will erzählen, was geschehen ist.  Es ist das Ärgernis dieser Tatsache – zufälliges Geschehen, ein Mensch mit Namen Jesus, soll die Wahrheit sein, auf die sich das Leben für Zeit und Ewigkeit gründet. Er als Person ist das Evangelium.

 

Mein Gott, ich höre Dein Rufen in den Menschenworten, Dein Suchen nach neuen Lebensschritten.

Es gibt so viel festgefahrenes Leben, verhakt ineinander, ein Missverständnis bringt das andere hervor. Und alle Wege ins Freie scheinen verstellt, die Wege zu den Menschen und die Wege zu Dir.

Mein Gott, gib mir, dass ich nicht überhöre, wenn Du mich zur Umkehr rufst.  Mache Du mein Leben fest in dem Starken, der sich ganz tief zu uns beugt. Mache es fest in Jesus. Amen