Umsonst

Jesaja 55, 1 – 5   

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

  Das Bild, das Jesaja zeichnet: unter der heißen Sonne eines orientalischen Marktes steht Gott und ruft: Her zu mir, die ihr kein Geld habt. Her zu mir, die ihr Mangel leidet. Her zu mir, die ihr so hart schuften müsst. Bei mir  gibt es alles, was ihr sucht: Umsonst! „Formal gleicht das erste Stück den Rufen der Markthändler.“(H.J. Kraus, aaO. S. 161)

Das wirft sofort Fragen auf: Was ist das für ein Gott, der sich so ins Gewühl stürzt? Was ist das für ein Gott, der wie der „billige Jakob“ auf dem Jahrmarkt hinter seinen Leuten her schreit! Das sind seine Leute: die nichts haben, die fertig sind, die sich müde geschafft haben, die dastehen und nicht wissen, ob es denn für den nächsten Tag reichen wird. „Die babylonische Gefangenschaft ist nicht plötzlich zum Schlaraffenland geworden.“(H.J. Kraus, ebda.) Aber das sagen diese Worte: Gott ist leidenschaftlich  daran interessiert, dass seine Leute leben können und genug zum Leben haben.

Gott ruft die Habenichtse, die mit leerem Magen und leerem Geldbeutel, mit leeren Händen und ohne Hoffnung, weil er ihnen geben will, schenken will, was sie satt macht. Es wird wohl so sein: in diesen Worten steckt auch ein verborgener Hinweis darauf, dass der Weg zurück nach Juda, Jerusalem, zum Zion der Weg in das Land ist, „wo Milch und Honig fließt.“ (2. Mose 3,8)

Es ist ein Ruf heraus aus der Existenz, in der sie sich eingerichtet haben, aus dem Gefeilsche, aus dem Bedienen von Erwartungen und Ansprüchen der Herren in Babylon, auch aus dem Bedienen der Götter Babylons. Sie sind es ja, die Geld verlangen und dafür keine Gegenleistung bringen: Un-Brot geben sie und was sie geben, stillt keinen Hunger. Weder den des Magens noch den der Seele.

Die Szene und die Worte spielen an auf die Sehnsucht nach dem Glück, dem erfüllten Leben. Und immer heißt die Formel, wie das zu erreichen ist: Wer sich müht und anstrengt, der kann das schaffen. Wer sich ordentlich ins Geschirr legt, der kann sich dann auch einmal zum Ausschnaufen zurücklehnen. Aber das erste ist die Mühe, der Fleiß, die Arbeit und das zweite ist die Muße als Lohn.

Genau an dieser Stelle schreit der Marktschreier Gottes dazwischen: Ihr seid auf dem Holzweg, wenn ihr glaubt, dass ihr euch das Glück erarbeiten, erschuften müsstet. Was ihr da ersehnt, das könnt ihr euch nicht verdienen, das müsst ihr auch nicht verdienen: Gott schenkt! Ich gebe euch Wasser umsonst ‑ Wasser, das man sonst schwer erkaufen muss. Mehr noch: ich gebe euch Milch und Wein umsonst. Wein ist nicht nur hier das Symbol für überfließendes Leben, für Lebensfreude. Das will Gott: er will uns überfließendes Leben schenken.

Diese Worte aus Jesaja werden am Ende der Heiligen Schrift aufgegriffen, den Lesenden neu zugesprochen: „Ich will dem Durstigen geben vom Brunnen des lebendigen Wassers umsonst!“(Offenbarung 21,6) Sie sind also so etwas wie  die Zielbeschreibung unseres Weges durch die Welt. Ich darf immerzu mit leeren Händen zu Gott kommen. Ich darf immerzu mit Schuld und Versagen zu Gott kommen. Ich darf immerzu mit Leid und Kummer zu Gott kommen. Ich darf immerzu mit meiner Sehnsucht und meinen Hoffnungen zu Gott kommen ‑ und er will erquicken ‑ er will nicht nur die Lebensmittel geben ‑ er will in ihnen sich selbst uns als Lebensmitte geben. Im Brot und im Wein.

 Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!

 Hören und Kommen. Es braucht die Bewegung der Angesprochenen, damit die Worte des Rufenden nicht ins Leere gehen. Es braucht ihr sich auf diese Worte Einlassen und sich auf sie Verlassen. Sonst werden sie zwar hören, aber nichts von der Güte des Angebotes erfahren.

Die Häufung der Aufforderungen, die Häufung der Imperative – kommt, kauft, hört, neigt – zeigt die Dringlichkeit. Dahinter wird die Sorge erkennbar: Das Rufen könnte vergeblich sein. Die so Angerufenen könnten stecken bleiben in dem, was seit Jahrzehnten ihre Lebenswirklichkeit ist. Es ist das Wissen: Um solchen Aufbruch muss man wieder und wieder werben. Man kann ihn nicht befehlen. Aber man muss ihn dringlich machen.

 Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.

             Was hier zugesagt wird, kommt nicht zu den anderen Zusagen dazu, sondern es ist ihre Konkretion: Das Leben wird darin neu eröffnet, dass Gott mit den Angesprochenen, mit denen, die hören und kommen, die sich rufen lassen, einen ewigen Bund schließt, dass er die Verheißungen, die David empfangen hat, auf sie überträgt. Das steht hinter diesen Worten: „Die Gnadenerweisungen, die David empfing, gelten unverbrüchlich, sie sind zuverlässig.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 162)   

             Worum es geht, zeigt ein Blick auf die Nathans-Verheißungen: „Und ich will meinem Volk Israel eine Stätte geben und will es pflanzen, dass es dort wohne und sich nicht mehr ängstigen müsse…  Aber dein Haus und dein Königtum sollen beständig sein in Ewigkeit vor mir, und dein Thron soll ewiglich bestehen.“(2. Samuel 7,10.14) Es sind die drei Säulen, auf die Israel sich gründet: Land, Tempel, Königtum – alles ist eingeschlossen in den Bund mit dem Haus David.  „Der Davidbund wird auf das Volk übertragen, nicht allein auf das Herrscherhaus bezogen.“(I. Fischer, in: Gottes lebendige Bilder, Texte zur Bibel 15, Neukirchen 1999, S. 90)Auf das Volk, das sich aus der Verbannung rufen lässt, dem Ruf Gottes folgt.

 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.       

             Und so wie David in seinem Handeln Zeuge Gottes war, wie an ihm abzulesen war, was heißt, zu Gott zu gehören, so soll das Volk auch an dieser Stelle in die Spur Davids treten, seine Rolle übernehmen. Man darf sich durch die Stichworte Fürst und Gebieter nicht irritieren lassen. Hier geht es nicht um ein Wiedererstehen der politisch-militärischen Macht des Davids-Hauses. Sondern im Blick ist seine Wirkung „als Zeuge durch die Siegesgewalt seiner Worte, die Eroberungsmacht seiner Psalmen.“(D. Schneider, aaO.  S. 239)

Weil das an Israel ablesbar ist, darum werden Heiden hinzulaufen. Darum wird Israel Heiden rufen können. Nicht mit Gewalt, nicht mit Macht, sondern in der Glaubwürdigkeit des eigenen Lebens aus den Gnadengaben Gottes, die er an Israel gewendet hat. Einmal mehr wird sichtbar: Das Heil Gottes wird und will über Israel hinaus reichen in die Völkerwelt. Und es wird dort sein Echo finden. Weil das Heil, dieses neue Leben ja nicht der Exklusiv-Besitz Israels ist, sondern aus Gott kommt. Weil es Gott nicht entspricht, nur ein „regionales Berg-Göttlein auf dem Zion“ zu sein, sondern er ist, wie es Jesaja unermüdlich sagt, der Eine, der Schöpfer, der „den Himmel neu ausbreitet und die Erde neu gründet.“(51,15) 

 Zum Weiterdenken

Es ist die Erwartung hinter diesem Prophetenwort: Es wird sich herum sprechen, dass bei Gott gut sein ist. Dass er die leeren Hände füllt, dass er die gebrochenen Herzen heilt, dass er die mutlos gewordenen Seelen neu stärkt. Es wird sich herum sprechen, weil man es am Volk Gottes sehen kann. Sie kaufen ohne Geld. Sie nahen sich mit leeren Händen und leeren Herzen zu ihrem Gott und erfahren: Er hält Wort.

Das ist dann also die Kernfrage schlechthin an die Leute Gottes – damals, heute: Folgen wir seinem Ruf? Glauben wir ihm, dass er gerne und freizügig gibt, genug für alle, die nichts haben, auch nichts zu bieten haben. Alles Zeugnis für Gott ist nicht zuerst Tat, sondern Empfangen. Wer sich nicht beschenken lassen kann, wer sich nicht die eigene Leere von Gott füllen lassen kann, der ist nicht wirklich Zeuge für die Großzügigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Wir alle leben vom Empfangen, längst bevor wir selbst etwas tun und bewirken können. Das gilt unter uns Menschen und es gilt erst recht vor Gott

 

Gott, Du mischst Dich unter die Marktschreier. Du bist Dir nicht zu schade, Deine Stimme zu erheben da, wo es laut zugeht, wo einer den anderen übertönen, ausstechen, übertrumpfen will.

Aber auf dem Markt, wo  alle ihren Gewinn suchen, ins Geschäft kommen, profitieren wollen, da schenkst Du her. Umsonst. Alles umsonst. Was wir zum Leben brauchen willst Du schenken: Den Durst nach Leben, den Hunger nach Liebe willst Du stillen mit Dir selbst

Halte den Durst nach Dir in uns wach. Lass uns hungrig bleiben nach dem Brot des Lebens, das Du bist und schenkst. Lass uns auf dem Markt des Lebens Deine leise Stimme nicht überhören. Dein Umsonst. Amen

Ein Gedanke zu „Umsonst“

  1. Lieber Bruder Pulenz, vielen, vielen Dank für Ihre täglichen Anmerkungen zum Bibellesetext.
    Efrischend, mutmachend, herausfordernd und zu Christus führend.
    Mögen Sie auch im neuen Jahr die Kraft und Motivation empfangen für diesen wertvollen Dienst.
    Gott segne Sie!
    Rainer Grossmann, Neubulach

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