Stellvertretung

Jesaja 53, 6 – 12

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Das ist ein Bekenntnis, genauer, ein Schuldbekenntnis. Die hier das Wort führen, sprechen sich selbst schuldig. Wie Schafe, die sich auf der Suche nach Futter eigensinnig verlaufen, die Stimme des Hirten nicht mehr hören und ihr nicht mehr gehorchen, so sind wir. „Die große Verirrung des Gottesvolkes hat ihren Grund letztlich darin, dass jeder nur auf seinen eigenen Weg, sein eigenes Wohlergehen achtete.“(H.J. Kraus, aaO. S. 159) Es ist die Schuld der vielen Einzelnen, die am Ende das ganze Volk verschuldet.

Dieses Schuldbekenntnis kann auch heute noch hellsichtig machen: Die Verirrungen im eigenen Land, die Ellenbogenmentalität, die wir gerne beklagen, die gefühlte Eiszeit, das vielerorts fehlende Interesse am Gemeinwohl kommen ja nicht schicksalhaft zu Stande. Es nährt sich aus Eigensucht und Rückzug, aus dem „erst komme ich“, aus dem – in meinen Augen – krankhaft übersteigenden Individualismus, der längst vielfach in blanke Egozentrik – und damit gepaart: völlig unterentwickeltes Unrechtsbewusstsein – umgeschlagen ist. Es sind kleine Hoffnungszeichen für einen Mentalitätswandel, wenn sich viele Freiwillige finden, die nicht mehr nur auf das eigene Wohlergehen, sondern auf das Wohl von Landfremden, von Flüchtlingen schauen.

Die Gegenbewegung wird von Gott eingeleitet: Er wirft den ganzen Müll dieser individualistischen Alleingänge auf ihn, den Knecht Gottes. „Die Schuldübernahme des einen gibt dem verirrten und in Einzelgänger zersplitterten Gottesvolk seine Einheit.“(H.J. Kraus, ebda.) An die Stelle der alten Einheit der nicht eingesehenen oder auch geleugneten Schuld tritt Neues: Die Einheit des Gottesvolkes ist eine Einheit der entlasteten Sünder.

7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

             Das ist der Weg des Knechts. Er wird zum Gericht geführt. Stumm. Ohne ein Wort zu seiner Verteidigung. Ohne Klage. Und dort, wo ihm Recht werden müsste, vor Gericht, dort wird er abgeurteilt. „Es kommt offensichtlich nicht nur darauf an, dass Stellvertretung geschieht, sondern wie sie geschieht.“(D. Schneider, aaO.  S. 219)

 Gericht und Verurteilung sind aber noch nicht der Tiefpunkt. Selbst der Tod noch nicht. Sondern über den Tod hinaus reicht sein Leid. Er wird bei Gottlosen und Übeltätern begraben. Bei denen, deren Weg wie im Wind vergeht.

„Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.  Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht                                                           noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.“                         Psalm 1, 4-5

             Da bleibt keine Zukunft mehr, weder diesseits noch jenseits des Todes. Das alles geschieht an einem, von dem Jesaja sagt: Kein Unrecht. Kein Betrug. Positiv gewendet: an einem, der ein Gerechter ist. Ob man denken, hoffen darf: Weil sein Grab bei ihnen ist, haben Übeltäter doch eine Zukunft?

In der Weise, wie er diesen Weg geht, zeigt der Knecht, dass er einwilligt, sich nicht nur unter einen fremden Willen beugt, dem er nichts entgegen zu setzen hätte.

Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg‘ auf, ich will dir’s tragen;
Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.
O Wunderlieb‘, o Liebesmacht, Du kannst, was nie kein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abzwingen!
O Liebe, Liebe, du bist stark, Du streckest den ins Grab und Sarg,
Vor dem die Felsen springen!           P. Gerhardt, 1647, EG 83

Ein wenig aus der Mode gekommen, treffen diese Worte doch genau das, was der Prophet sagt: Der Knecht nimmt diesen Leidensweg auf sich. In der Hingabe seines Willens. Und auch das scheint mir zutreffend: Was und wie hier erzählt wird, „macht es vollkommen sicher, dass das Gottesknechtslied unter dem Gottesknecht ein Individuum versteht.“(C. Westermann, aaO.  S. 213) Auch von daher verstehe ich, dass die erste Christenheit zu Recht in diesem Lied den Weg Jesu vorabgebildet gefunden hat.

10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit.

             Hinter diesem Geschehen steht der HERR, steht Gott. Mag sein, menschliche Willkür tobt sich an diesem Leidenden aus. Diese Willkür ist nicht von Gott gerechtfertigt, auch nicht von ihm befohlen und in Gang gesetzt. Aber er nimmt sie für seinen Weg. „Nachträglich erkennt man, dass Gottes Weg über diese Stationen geführt hat, auch wenn sie als Stationen nicht geplant, gewollt oder verursacht waren.“(K. Berger, Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben? Stuttgart 1998, S. 142) Salopp formuliert: Gott leitet das Wasser auf seine Mühlen.

 Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

             Ein Aber folgt, unausgesprochen, durch das Handeln Gottes an diesem Gottesknecht. Dieses zerstörte Leben ist doch größer. Es ist ein Schuldopfer. Und als dieses Schuldopfer hat es Folgen – weit über das bittere Ende hinaus. Das Schuldopfer erfüllt den Plan Gottes, der auf die Vielen ausgerichtet ist. Er, der Knecht, der keine Nachkommen hat, erwirbt so Nachkommen in Fülle. Und erwirbt Gerechtigkeit, Lebensordnung und Lebensraum für Viele. Weil er wegträgt, was den Weg zum Leben verstellt: die Sünde.

Aufgenommen sind diese Worte – indirekt – in der Abendmahls-Liturgie. Genauer in den Einsetzungsworten, wie sie in vielen Gemeinden gebräuchlich sind.

„So nahm er auch den Kelch, dankte,                                                                                  und gab ihn seinen Jüngern und sprach:                                                                           Nehmt hin und trinkt alle daraus.                                                                                    Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,                                                              das für euch und für die vielen vergossen wird                                                                   zur Vergebung der Sünde.                                                                                                         Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Immer geht es nicht um die einzelnen Frommen, sondern um die Vielen! Und in den Vielen um Alle!

Der so in ein dunkles Grab gelegt wird, verscharrt, der wird das Licht schauen. Sein Leben, das ausgelöscht wird, verlischt doch nicht im Dunkel, sondern trägt Frucht: Gerechtigkeit für die Vielen. Freiheit von Sünde und ihren Folgen für die Vielen. Die Frucht dieses Sterbens eines Einzelnen multipliziert sich. Vielfach. Sein Tod ist einmalig. Seine Wirkung ist vielfach. Dieses Opfer aber steht allem späteren Opfer-Fordern im Weg. Das eine Opfer ist genug. φπαξ (Hebräer 7,27.)Ein für alle Mal.

Am Ende, leicht zu überlesen:  Es ist der Beginn seiner Fürbitte. Der, der so in den Tod geht, unter die Übeltäter gerechnet wird, er tritt ein, fürbittend, für die, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Die längst jedes Recht vor Gott und den Menschen verloren haben. Auf diese Fürbitte greift Paulus zurück, um zu beschreiben, was das Werk des Christus ist, jetzt: „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“(Römer 8,34)  

Ich denke, man darf am Ende des Liedes sagen: Er wird über den Tod hinaus rehabilitiert. Sein Weg wird als der Weg Gottes bestätigt. So wird er „eingereiht in die Schar der Großen und Mächtigen, der Könige und Sieger, die Erfolg haben und Beute empfangen. Er wird erhöht.“(H.J. Kraus, aaO. S. 152) Begründet aber ist dies allein in seinem stellvertretenden Leiden, im stellvertretenden Tod und im Tragen der Sünden der Vielen.

 Zum Weiterdenken

             Die junge Christenheit hat in diesem Gottesknechtslied den Weg Jesu beschrieben gefunden. Vorabgebildet. Es ist hilfreich, sich vor Augen zu halten: „Mit den Juden und nicht gegen sie nehmen Christen Zuflucht zur Heiligen Schrift der Juden, und Christen, zum Alten Testament, suchen Unerklärliches zu verstehen. Hier handelt es sich nicht um eine Annektierung des Alten Testamentes und der Prophetie vom leidenden Gottesknecht, sondern um das Erkennen eines Lichtes in der Dunkelheit und Bedrängnis des Kreuzes.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 154) Das alles unter dem Vorzeichen der Rehabilitation des Gekreuzigten im Ostergeschehen.

            Es ist die Liebe Christi, die hier – vorzeitig – in der Hingabe des Gottesknechts sichtbar wird. In ihr wird zugleich sichtbar, was es wohl immer mit der Liebe auf sich hat. Eine „Eigenschaft“ der Liebe ist, dass sie sich dem Schmerz stellt, dass sie den Schmerz auf sich nimmt. Dass sie ihm nicht ausweicht. Die Liebe muss den Schmerz nicht suchen, wohl aber muss sie ihm standhalten. Ich lerne es, mühsam wie ein Grundschüler im 1. Schuljahr: Liebe geht nicht ohne den Schmerz. Er ist ihre Kehrseite. Sie stellt sich dem Schmerz und trägt ihn und gewinnt in diesem Tragen immer neue Tiefe – und neue Kraft.

 

Mein Gott, Du hast es Deinem Knecht nicht erspart, den Weg der Leiden zu gehen. Du hast durch ihn den Weg frei gemacht, der verschlossen war durch Schuld und Unrecht, durch Hass und Eigennutz, durch Lüge und Selbstsucht.

Dein Knecht hat auf sich genommen, auf sich geladen, was wir hätten tragen müssen, aber nie hätten tragen können. Er aber hat es getragen bis an sein bitteres Ende.

Du aber hast sein Tragen verwandelt in einen Sieg, sein Leiden in Frucht, seinen Schmerz in das Heil.

Herr Jesus, in diesen alten Worten sehe ich Deinen Weg. Ich danke Dir für Deine Hingabe, die den Weg zum Ziel für uns neu freimacht, den Weg ins Vaterhaus Gottes.  Amen

 

Eine Anmerkung, die der fortlaufenden Bibellese 2019 geschuldet ist:  

Es ist eine seltsame Erfahrung, diese Texte über den leidenden Gottesknecht im Anschluss an die Weihnachtstage zu lesen. Eben noch die Krippe und der holde Knabe im lockigen Haar. Und jetzt der Leidende, der zur Schlachtbank geführt wird, ausgeliefert. Allerdings – ausgeliefert an die Entscheidungen von irgendwoher ist er ja von Geburt an. Es ist eine Hilfe, Weihnachten nicht zur Idylle zu verklären, in die man sich selbst zurücksehnt. Weihnachten ist der Anfang des Kreuzweges. Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt und auf der Krippe liegt immer schon der Schatten des Kreuzes.

Es sind Gedanken, die mir einleuchten. Theologisch, weil sie ernst damit machen, dass der Weg Jesu von Anfang an ein Weg in die Niedrigkeit ist, ins Leiden hinein. Oder, wie es beim vierten Evangelisten heißt: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“(Johannes 1,11)Nur, was theologisch stimmig ist, muss dem Gefühl noch nicht einleuchten, Solche Gedanken denken sich leichter als es das Gefühl wahrhaben will. mein Gefühl will noch ein bisschen Heimat im Weihnachtszimmer, heile Welt, Weihnachten.