Mein Jesus – für mich

Jesaja 52,13 – 53,5

13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.

Es ist eine Vorwegnahme, eine Klarstellung: Alles, was folgen wird an Worten über den Knecht steht unter dieser Überschrift: Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen. Es ist wie eine eindringliche Ermahnung, sich nicht blenden zu lassen von dem, was anschließend erzählt  wird. Was wie die Geschichte einer Niederlage aussieht, ist doch in Wahrheit eine Siegesgeschichte. Dieser Auftakt zu dem vierten Gottesknechtlied nimmt das Ergebnis vorweg! Aus einem Grund: damit wir weiter schauen und nicht hängen bleiben an dem, was nur auf den ersten Blick vor Augen ist.

 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht mehr wie die der Menschenkinder -, 15 so wird er viele Völker ins Staunen versetzen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

             Vor Augen ist eine Gestalt zum Fürchten zum Entsetzen. „Warum das Entsetzen der „Vielen“? Sie sahen ein (von Leiden und Krankheit) vollkommen entstelltes Wesen, das die Konturen einer menschlichen Gestalt verloren hat.“(H.J. Kraus, aaO. S. 148) Das ist doch kein Mensch mehr; das ist doch kein Leben mehr sagt, wer ihn sieht. Aber dieser Gottesknecht in seiner zerschlagenen Gestalt vegetiert nicht in einem finstern, unzugänglichen Kerker. Er wird nicht irgendwo in einer Folterzelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit entehrt. Sondern vor den Augen vieler. 

            Die ihn aber so sehen, halten sich entsetzt den Mund vor ihm zu. Und doch: Das Entsetzen wandelt sich in Staunen. Weil der, der so hingerichtet wird, aufgerichtet wird. θαυμσονται. ins Staunen versetzen gibt die Septuaginta das hebräische Wort jazzäh wieder. Und viele Übersetzungen heute folgen ihr (Einheitsübersetzung, Schlachter, Gute Nachricht Bibel usw.). Dieses Staunen löst eine Botschaft aus – an die, die es nicht mitbekommen haben. Bis an die Enden der Erde. „So gewaltig ist dieses Werk der Erhöhung des Knechts, dass sie in den Weiten (Völker) und den Höhen (Könige) wahrgenommen wird.“(C. Westermann, aaO.  S. 209) 

53,1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

             Unglaublich ist die erste Reaktion. Und die es weiter erzählen, was sie da wahrgenommen haben, die stoßen auf Skepsis, Zweifel, auf Widerspruch. `Gibt es doch gar nicht.´ hören sie. `Alles nur fromme Wünsche´ wird ihnen entgegen gehalten. Wenn sie Glauben finden würden, dann würden die, die ihren Worten Vertrauen schenken, hier den Arm des HERRN am Werk sehen. Es ist hart: „Israel bleibt das blinde und taube Volk.“(D. Schneider,  aaO.  S. 215) Durch die Worte des Propheten hindurch ist seinen Schmerz zu spüren, dass das so ist. Ist auch das Kämpfen zu spüren, dass es doch anders werden möge, dass „der Blinden Augen aufgetan werden, verschlossene Ohren hören, (35,5) und verhärtete Herzen verwandelt werden. Hätte er diese Hoffnung nicht – er könnte sich seine nachfolgenden Worte sparen.

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

             Das, was vorher ein dürrer Satz angedeutet hat, wird nun noch einmal entfaltet. Aber es wird in der Schilderung der Leidensgestalt doch auch auf das Andere hingewiesen: In dieser armseligen Gestalt ist das Reis da, von dem der erste Jesaja gezeugt hat: „Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln. Ihn wird der Herr mit seinem Geist erfüllen, dem Geist, der Weisheit und Einsicht gibt, der sich zeigt in kluger Planung und in Stärke, in Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn.“ (Jesaja 11, 1 – 2) Wer den Worten der Zeugen zu glauben vermöchte, würde das sehen: Unter der Schreckensgestalt verborgen ist der da, der der Messias ist. „So geht der messianische Aufbruch ein in Verhüllung und Unscheinbarkeit.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  149)

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Dieser eine aber, der ʻebed jahwe, Gottesknecht, geht seinen Weg stellvertretend. So das Zeugnis derer, die hier das Wort haben. Für uns. An unserer Stelle. Er hat sich aufgeladen, was uns zugestanden hätte. Was unser Schicksal gewesen ist. Wo wir nur Krankheit und Schmerzen gesehen haben, ging es doch noch um viel mehr, um noch Tieferes: Um Missetat und Sünde.

Aber was für ein Missverständnis: „Wir hielten ihn für einen von Gott Geschlagenen!“ (C. Westermann, aaO.  S.  212) Für einen, der für seine eigene Schuld und Sünde einzustehen hat mit Krankheit und Schmerzen. Möglicherweise für einen anderen, zweiten Hiob, auch darin, dass seine Schuld nicht offen zu Tage liegen mag. Das ist Deutung, die in den Spuren des alten Denkens über Gott auf der Hand liegt: Er bezahlt mit seinem Leiden für die eigene Schuld.

Es kommt das große aber.  Der, von dem hier die Rede ist, auf den die schauen, die hier das Wort führen, der stirbt nicht für sich und an seiner Schuld. Er trägt alles für unS.  Er geht diesen Weg, damit wir in den Frieden Gottes, šālom gelangen.

Stellvertretung – sagen wir – und wissen doch nicht wirklich, was wir damit sagen. Einer tritt an die Stelle aller Anderen, nimmt auf sich, was sie anklagt. Trägt ihre Schuld. Das ist so außergewöhnlich wie nur etwas. Israel kennt ein, nur ein Angebot der Stellvertretung von Mose, der für das Volk bittet:  „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.“ (2. Mose 32,32) Aber Israel kennt auch die Antwort Gottes an Mose: „Der HERR sprach zu Mose: Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt.“( 2. Mose 32,33 Hier also ist mehr als Mose. Eine gänzlich neue Sicht auf Gott. Er nimmt diese Stellvertretung, diese Hingabe für die Vielen an.

Zum Weiterdenken

 Es gehört zu dem, was am Schwersten zu lernen ist: Die Wege Gottes gehen oft, Gott sei Dank nicht immer, nach unten. Sie sind oft verhüllt in Leidensgeschichten. Und sie lassen uns davor zurückschrecken, solche Wege als unsere Führungen anzunehmen. Das zu sagen, heißt nicht, die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Weges des Gottesknechtes zu relativieren, von dem Jesaja spricht, den diese Gruppe, die hier das Wort hat, bezeugt. Aber es liegt – für mich – auf der Hand: dieser einzigartige und einmalige Weg ist doch zugleich auch ein Muster für die Wege, die Gott uns  – manchmal – zumutet.

Es sind Sätze, wie wir sie sagen, wir Christen, im Blick auf den, den wir als den Knecht Gottes erkannt haben: „Die Sünde wird dadurch entmächtigt, dass Einer ihre Folgen bis in den Tod hinein tragen muss. Indem dieser Eine stirbt, „stirbt“ die zerstörerische Macht der Sünde auch – sie hat ihn zerschlagen, darum sind wir frei.“(D. Schneider, aaO.  S. 217)

Als Christ lese ich diese Sätze auf Christus hin. Sehe ihn als den, der an meiner Stelle trägt, was ich nie und nimmer tragen könnte. Das Gericht Gottes über aller Menschenschuld. Über allen meinen Lebensdefiziten, Versäumnissen, allen Verfehlungen. Allem, was ich anderen angetan habe und was ich ihnen schuldig geblieben bin.  Und weil er an meine Stelle tritt, bin ich frei.

Für mich ist die Frage: wer ist der Gottesknecht? beantwortet: Jesus von Nazareth. Mein Heiland und Herr. Darum leuchtet es mir auch ein: diese Worte nehmen die Formen eines Dankpsalms auf. Wie anders sollte ich denn auch auf dieses Geschehen blicken können als entsetzt, beschämt und zugleich zutiefst dankbar.

 

Mein Herr Jesus, Du hast auf Dich genommen, was mir zu schwer zu tragen wäre. Das Gericht über mein Leben, das Urteil über den verweigerten Glauben, die unterlassene Liebe, die versäumten Wege zu den Leidenden, die lieblosen Worte, die selbstgerechte Eitelkeit, den selbstverliebten Stolz, das Beharren darauf, mich selbst für Gottgleich zu halten

Du hast alles getragen und Dich davon zu Tode verwunden lassen. Du bist in Deiner Liebe bis zum Äußersten gegangen. Du bist an meine Stelle getreten und ich stehe da und bin frei. Freigesprochen von aller Anklage, geschützt vor allem Zorn. Ich muss kein Urteil mehr fürchten, weil Du das letzte Wort hast und sagst: Du bist mein.

Darüber lobe und preise ich Dich, Du gekreuzigter Knecht Gottes. Mein Heiland und Herr. Amen