Das Evangelium Gottes – Jesus

Jesaja 52, 7 – 12

 7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

             Jetzt „sieht“ der Prophet, was kommen wird. Jetzt „hört“ er schon die Schritte, den Atem der eilenden Boten, und ihre Botschaft.  Es ist ihre Botschaft, die die Füße lieblich macht und die Boten schön. „Das Botenwort ist nicht Erläuterung: das Botenwort bringt die erlösende Kraft Gottes, die es ankündigt. Botenwort ist Kettenwort.“(D. Schneider, aaO.  S. 206) Es ist kein Kommentar zu einem Geschehen, sondern es löst das Geschehen aus.

In einem Satz wird die Freudenbotschaft zusammengefasst: Dein Gott ist König! Mehr Erlösung geht nicht. Mehr Befreiung geht nicht. Mehr gute Nachricht, Evangelium, geht nicht. Es ist wirklich so: „Das neutestamentliche Wort >Evangelium< hat bei Deuterojesaja seine entscheidende Vorgeschichte, wird hier geprägt.“(H.J. Kraus, aaO. S. 142) Evangelium ist Botschaft von Freudenboten, sagt Heil an, Gutes, Versöhnung, Erbarmen.

Was hier angesagt wird, ist weit mehr als ein regionales Ereignis. Mehr auch als die Ansage einer Heimkehr. Es ist die Proklamation des Herrn aller Herren, des Königs der Welt. Dazu greift Jesaja auf alte Worte zurück.

Der HERR ist König;                                                                                                               des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln,                                          soviel ihrer sind.“                 Psalm 97,1

 „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.                                              Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.                                        Der HERR lässt sein Heil kundwerden;                                                                   vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.“                                                                                             Psalm 98, 1 – 2

             Die ganze Welt soll es erfahren: Israels Gott tritt seine Herrschaft neu an. Er, der schon immer König war, lässt es jetzt neu ausrufen. Zum Wohl der ganzen Welt.

8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

             Es ist wie ein Duett. Auf die Stimmen der Freudenboten antworten die Wächter mit lauter Stimme. Hin und her gehen die Jubelrufe und verstärken einander. Die solange vergeblich Ausschau gehalten haben, gewacht haben in trostloser Zeit, die sehen jetzt, was sie tröstet. Wer sie tröstet. Erlöst.

            Nicht nur das Volk kehrt nach  Jerusalem zurück, in die verlassene Stadt. Sondern der HERR kehrt zum Zion zurück. Das, so verstehe ich Jesaja, war die eigentliche Verlassenheit des Zion, dieser Trümmerstadt Jerusalem: sie war gottverlassen. Das hatte ein Hesekiel in großer Betrübnis sehen müssen: „Da schwangen die Cherubim ihre Flügel und die Räder gingen mit, und die Herrlichkeit des Gottes Israels war oben über ihnen. Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich aus der Stadt und stellte sich auf den Berg, der im Osten vor der Stadt liegt. Und ein Wind hob mich empor und brachte mich nach Chaldäa zu den Weggeführten in einem Gesicht durch den Geist Gottes. Und das Gesicht, das ich geschaut hatte, verschwand vor mir. Und ich sagte den Weggeführten alle Worte des HERRN, die er mir gezeigt hatte.“(Hesekiel 11, 22 – 25) Das aber ist jetzt vorbei. Gott ist nicht mehr irgendwie weit weg – er ist wieder da, zurückgekehrt in die Trümmerhaufen der Stadt und des Tempels. Deshalb ist „strahlender Jubel“(C. Westermann,  aaO. S. 201) angesagt.

Es ist der „Advent Gottes“ (C. Westermann, aaO.  S.  203), der diesen Jubel auslöst. Es kommt ja, „der Heil und Leben mit sich bringt“(G. Weissel, 1642, EG 1), „der Trost der ganzen Welt“(F. Spee 1622, EG 7) Das ist die Mitte dieses Kommens: Jerusalem wird getröstet, der Shalom Gottes wird aufgerichtet. Die Armen können aufatmen, die Gebeugten sich aufrichten, die Entrechteten erhalten ihr Recht, die Gejagten finden Zuflucht, die Heimatlosen eine Bleibe. Für immer.

             Wie sollten da nicht Jubellieder gesungen werden. Wie könnte da irgendein Mund schweigen, wenn die ganze Welt einstimmt in das Lob Gottes?

10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

            Alle sehen es.  Es ist vor aller Augen. Die Zeit der Klagelieder ist vorbei. Die Zweifel sind überholt. Was jetzt ist, das ist Erfahrung in der Gegenwart. Aus der erhofften Zukunft wird Gegenwart. Aus dem „vielleicht“ wird ein „jetzt“. Aus dem „Wir warten auf das Ereignis, das alles verwandeln soll“ wird gegenwärtige Erfahrung.

 11 Weicht, weicht, zieht aus von dort und rührt nichts Unreines an! Geht weg aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr des HERRN Geräte tragt! 12 Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der HERR wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen.

             Die Konsequenz daraus: Brecht auf! Lasst alles stehen und liegen und brecht auf. Macht euch auf den Weg. Ein Befehl jagt den anderen: Weicht, zieht aus, geht weg! Was auch immer in der Verbannung gewonnen worden ist, an Besitz, an Beziehung – es darf den Auszug, die Heimkehr nicht mehr hindern. Keine Fremdkörper, weder innerlich noch äußerlich. Das verträgt sich nicht mit den heiligen Weg, der vor den Exilanten liegt.

„Leben im Schatten, Sterben auf Raten. Haben wir was davon?                               Hass und Empörung, Leid und Entbehrung ist das die Endstation?              Während die Fragen noch an uns nagen, kommt einer her und ruft:                         Lasst do h das Klagen. Lasst es euch sagen: Freude liegt in der Luft.

             Gott lädt uns ein zu seinem Fest, lasst uns gehen                                                     und es allen sagen, die wir auf dem Wege sehn.                                                Gott lädt uns ein, das halten fest wenn wir gehen                                                 Worauf noch warten? Warum nicht starten? Lasst alles andre stehn.“                                                     M.Siebald, Songs junger Christen

             Das Besonderen an den Worten des Jesaja im Unterschied zum Lied des Liedermachers: Es ist Gott selbst, der zum Aufbruch ruft, der zum Fest, in die Freude ruft.

Die Aufforderung zum Aufbruch ist kein Aufruf zur Flucht. Der Heimweg wird nicht in Eile und in Hast angetreten, sondern in der ruhigen Ordnung einer Prozession. In der man mitführt, was zum Gottesdienst nötig ist – des HERRN Geräte. Schließlich der deutliche Hinweis: dieser Weg wird ein zweiter Exodus. Wie Gott beim Auszug aus Ägypten den Zug angeführt und beschützt hat, in der Feuer- und der Wolkensäule (2. Mose 13,21), so wird es wieder sein. Der HERR wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen. Weil das so ist, darum ist nicht Eile geboten, nicht „Rette sich, wer kann“, sondern die gelassene Ruhe, die aus der Gottesgegenwart genährt wird. Darin überbietet die Heimkehr nach Jerusalem sogar den Auszug aus Ägypten.

Zum Weiterdenken

Ist es Zufall oder doch ausnahmsweise die Weisheit der Kommission, die die Bibel-Lese Jahr für Jahr festlegt, dass dieser Abschnitt auf den Heiligen Abend zu lesen gelegt ist? Jedenfalls passt es – die Einladung zur Freude, weil Gott König ist zu diesem Tag, an dem Gott Mensch wird, König in der Gestalt des Jesus von Nazareth, sanftmütig, demütig, ein Diener aller zur Erlösung.

„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!“                      P. Gerhardt, 1653, EG 37

Kein Wunder, dass wir nicht aufhören können zu singen.

 

Mein Gott und Herr. Wenn das Rote Meer grüne Welle hat, dann ziehen wir frei heim. Gib Du, dass ich über den nostalgischen Erinnerungen den Weg heute nicht versäume, die Freiheit, die Du schenkst, nicht liegen lasse.

Du hast vor aller Augen offenbart Deine Liebe, Deine Treue, Dein Erbarmen. Die Wächter rufen aus. Die Freudenboten können nicht schweigen. Hirten auf dem Feld werden zu Botschaftern Gottes.

Gott ist König, Christus ist der Herr. Das Licht der Welt leuchtet auf. Öffne mir die Augen für Deine Wunder, für das Wunder aller Wunder, dass ich es nie aus den Augen verliere: Dein Erbarmen hat Gestalt gewonnen in Christus. Ich will mich auf den Weg machen – zu ihm. Amen