Aufwachen!

Jesaja 51, 9 – 16

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? 10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen?

             Ein Aufruf, ein Aufschrei. Ein Weckruf. So tief ist die Not, dass sich das Volk nur noch mit solch einem Klageruf an Gott wenden kann. Sicher nicht, weil er schläft – so wie Baal: Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“(1. Könige 18,27) – aber er schweigt. Zu lange schon. Schweigt seit fast siebzig Jahren. Ganzen Generationen fehlt das Wort, das ihnen den Rücken stärkt, fehlt ein Sehen der Hilfe Gottes.

Darum setzt das Klagelied darauf, Gott an seine großen Taten zu erinnern. Merkwürdigerweise aber zuerst an etwas, was in Israel sonst kaum eine Rolle spielt: an den Drachenkampf in der Urzeit. Als der Chaosdrache, hier Rahab genannt, bei den Babyloniern aber „Tiamat“, zerhauen wurde. Es ist der Sieg über die Chaosmächte vor allem Anfang, der hier dem Gott Israels zugerechnet ist. Und dem er dann in der Geschichte die andere Tat folgen lässt: Den Weg durch das Schilfmeer, auf dem sein Volk, die Erlösten, vor den Ägyptern fliehen konnte. Darauf zielt diese Erinnerung ab, dass auch die jetzige Generation durch Gott zu Erlösten werden wird. In beidem erweist er sich als mächtig. Das soll er jetzt wieder, sich mächtig erweisen für sein Volk in der Gefangenschaft. Es ist die Funktion aller Erinnerungen an die großen Taten Gottes, dass sie Mut machen für das Heute, das Jetzt, das Hier.      

  11 So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.

             Wenn der Gott Israels sich selbst treu ist, dann werden die jetzt noch Gefangenen frei werden, als Erlöste heimkehren. „Diese aus den „Erinnerungen“ heraufsteigende Vision des Neuen hat die Intention, Jahwe zu einem entsprechenden Eingreifen zu bewegen. Sie nimmt die Zukunft vorweg.“(H.J. Kraus, aaO. S. 137)Weil er sich treu ist, so die Sicht des Propheten, ist die Zukunft schon zugange.

Wieder gilt: Wie nahe an diesen Worten sind die Worte eines Psalms, die diesen kommenden Wandel ins Auge fassen:

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,                                                          so werden wir sein wie die Träumenden.                                                                               Dann wird unser Mund voll Lachens                                                                                  und unsre Zunge voll Rühmens sein.                                                                                  Dann wird man sagen unter den Heiden:                                                                        Der HERR hat Großes an ihnen getan!                                                                              Der HERR hat Großes an uns getan;                                                                                          des sind wir fröhlich.                                    Psalm 126, 1 – 3

 12 Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen, 13 und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben?

             Das ist Gottes-Rede als Antwort auf den Klageruf des Volkes, auf den Weckruf an einen scheinbar schlafenden Gott. Er ist nicht beleidigt, er lässt sich rufen: Ich, ich bin euer Tröster! Durch das doppelte ich ist es besonders betont und wird es überdeutlich: Das Problem liegt nicht auf der Seite Gottes, sondern auf der Seite Israels. Weil sie Gott vergessen haben, ihren Tröster, fürchten sie sich vor Menschen. Weil bei ihnen der in Vergessenheit geraten ist, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, fürchten sie sich – vor vergänglichen Mächtigen.

Merkwürdige Verdrehung: Gottesfurcht macht frei. Menschenfurcht lähmt. Ihre Furcht vor den Menschen verstellt den Israeliten den Blick für die richtigen Größenordnungen. Es ist schon so: dieses „Vergessen ist keine mentale Störung, sondern ein völliges Inanspruch- genommensein von fremder Macht und Furcht, ein permanentes „Zittern“ vor der Übermacht der Unterdrücker und ihrem Zorn.“(H.J. Kraus, ebda) Das Vergessen ist also kein Gedächtnis-Problem, sondern erwächst aus einem Mangel an Vertrauen. Gottvertrauen.

 Wo ist nun der Grimm des Bedrängers? 14 Der Gefangene wird eilends losgegeben, dass er nicht sterbe und begraben werde und dass er keinen Mangel an Brot habe.

             Wie lächerlich wird, wenn man so die wahren Größenordnungen sieht, der Grimm des Bedrängers. Wie merkwürdig auch die Furcht vor ihm. Es ist, als sähe der Prophet schon, wie die Gefängnistüren aufgeschlossen werden, wie sein Leben bewahrt wird. Wahr ist ja: das Leben der Exilierten zählt in Babylon – nichts. Aber jetzt wendet sich das Blatt. Rasch öffnen sich die Türen, rasch erfolgt die Freigabe der Gefangenen, damit sie nicht doch sterben und ihr Tod ihren Bedrängern angelastet werden könnte. Statt Gefangenschaft Freiheit, statt Hunger Brot.

In diesem Geschehen erweist es sich als wahr: Ich, ich bin euer Tröster! Angesichts dessen wäre ein Verbleiben in der Furcht verweigerter Glauben.

  15 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, dass seine Wellen wüten – sein Name heißt HERR Zebaoth -; 16 ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen, auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.

             Mit diesen Worten schließt sich der Kreis. Wieder wird hier zusammen gesehen, was wir so leichthin trennen, nicht wirklich zusammen denken: Der Schöpfer ist am Werk auch in der Erlösung. Der Himmel und Erde gemacht hat, er nimmt sein vergessenes Volk in seine Obhut. Es ist wie eine Neuschöpfung – und es ist ja auch in Wahrheit ein Neuanfang. Zusammengefasst in dem einen Satz, der an Zion gerichtet wird: Du bist mein Volk.

Man darf es ja nie übersehen: Das gilt dem Volk, das alles verloren hat – das Land, die Stadt, den Tempel, das Königtum. Nichts von den großen Verheißungen an die Väter, so scheint es, ist geblieben. Darum markieren diese Worte in der Tat so etwas wie eine neue Schöpfung: Der Himmel wird neu ausgebreitet und die Erde wird neu zum Wohnort Israels.

In diesen Zusammenhang der Neu-Erschaffung des Volkes lese ich auch den Satz: ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen. Das ist eine Neubeauftragung zum Zeugnis. Es erinnert ja an das Wort des Gottesknechtes: Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“(50,4) Lese ich dieses Wort mit, so sehe ich: Es steckt „in diesem Wort auch eine Berufung an Israels als Ganzes. Es könnte als ein getröstetes Volk sofort als Bote Gottes arbeiten.“(D. Schneider, aaO.  S. 200) Und: es steht als Bote und Knecht Gottes unter seinem Schutz, geborgen im Schatten seiner Hände.  

 Zum Weiterdenken

Die Botschaft des Jesaja ist Botschaft an das Volk. Nicht zuerst an die Einzelnen im Volk. Wir erleben gerade, wie die Empfindungen auseinanderfallen. Im Blick auf die kleine, private Existenz sind viele eher zufrieden. Die gleichen Leute aber sind voll Sorge im Blick auf den Weg des Landes. Private Zufriedenheit. – Öffentliche Sorge. Könnte es so auch bei den Hörern des Jesaja sein? Man hat sich privat eingerichtet in der Gola. Aber zugleich geht die Angst vor dem Untergang des Volkes um. Vor seiner Auflösung. In diese Angst hinein ergehen die Zusagen Jesajas im Namen Gottes. Der Herr Zebaoth lässt sein Volk nicht fallen, er lässt es nicht in den Händen der Mächtigen.

Das bringt mich auf die Frage: Kann es sein, dass uns heute für unser Denken und empfinden diese Zusage fehlt? Das wir die große Erzählung verloren haben als den Haft- und Haltepunkt, der uns als Volk hoffen lässt. „Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.“(J. Klepper, 1938, EG 16) Statt den Sünder – die Sünder. Was für eine Zuversicht über die Jahrhunderte hinweg. Alle.

Wie klein ist dagegen eine Hoffnung, die Gott nur noch für die Privatsphäre in Anspruch nehmen zu können glaubt. Wir haben Gott verkleinert als emotionalen Stabilisator für die privaten Unglückserfahrungen. Wir müssen und dürfen von Jesaja und aus dem Neuen Testament neu lernen: Gott ist für die Welt da. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Johannes 3,16) Die Welt ist das Ziel des Handelns Gottes, seines Rettens. Und wir werden nicht anders gerettet als mit der Welt, die ihm am Herzen liegt.

             Seit vielen Jahren kenne und liebe ich die Liedstrophe, die zusammenfasst, was hier bezeugt wird.

Die Hände, die das Weltall tragen, die tragen dich, o Menschenkind.                   Wie solltest du im Staub verzagen, wo Staub und All durch ihn nur sind?            Wie groß auch deine Angst und Pein Gott lässt dich nimmermehr allein.                                             H.Hümmer, Mein Herz dichtet ein feines Lied, Selbitz 1980

 Es ist die Lernaufgabe, vor der wir als Christ*innen heute stehen – Schöpfung und Erlösung nicht länger auseinander zu reißen, sondern sie zusammen zu sehen, so wie es uns unser Glaubensbekenntnis schon seit über tausend Jahren lehrt.

 

Mein Gott, manchmal kommt es mir vor wie ein Traum. Ich muss mich nicht fürchten. Es gibt keine Gefahren mehr. Wir verstehen uns – alle. Da ist keiner mehr, der auf Kosten anderer groß sein muss, der seine Stärke so zeigen muss, dass er andere klein macht.

Ich fürchte mich vor dem Erwachen, weil es nur ein schöner Traum sein könnte.

Aber wenn ich erwache werde ich sehen: So bist Du. So ist Dein Reich. Und alle Träume sind wahr. Amen