Weiter schauen

Jesaja 51, 1 – 8

1 Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. 2 Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren.

             Hört mir zu. Ich übersetze: Achtung! Aber nicht für alles und jedes, sondern für die Worte, die auf den HERRN hinweisen. Es gibt wohl auch die anderen Stimmen, die Aufmerksamkeit erheischen, aber nicht für den HERRN, sondern für ihre Einsichten, für die Zeichen der Zeit, für ihre Lagebeurteilung. Diese Stimmen gibt es reichlich. Damals und auch heute.

Aber sie führen in die Irre. Die, die wirklich nach Orientierung suchen, sind anders unterwegs. Sie sind Menschen, die dem Heil nachjagen, sich nach der Gerechtigkeit sehnen. Das hebräische Wort êdekā kann beides heißen – Heil und Gerechtigkeit.

Um diese Sehnsucht zu stärken, wird der Blick zurück gelenkt, auf den Anfang in Abraham und Sara. „Die Bilder vom Fels und Brunnenschacht sind Anspielungen auf uralte mythische Vorstellungen von der Geburt des Menschen.“(C. Westermann, aaO. S. 191) Vielleicht steckt auch noch die Erinnerung mit drin, das diese Herkunft ja ganz und gar nicht mehr zu erwarten war, weil aus Felsen nicht selbstverständlich immer Wasser kommt und es auch leere Brunnenschächte gibt – Anspielungen auf das Alter der Eltern Abraham und Sara. Dass es Israel gibt, ist dem Handeln Gottes an Sara und Abraham zu verdanken.   

Und so wie Gott seine Geschichte mit diesem Einzelnen angefangen hat, so braucht er auch jetzt wieder einzelne, jeden Einzelnen und seine kleine Hoffnung, jede einzelne und ihr – und sei es noch so verzagtes und zitterndes  – Hoffen. Der Gott der kleinen, unscheinbaren Anfänge ist auch jetzt, in der Gegenwart Israels weiter am Werk. Und wir als Lesende, Jahrtausende später dürfen glauben: Er setzt seine kleinen, unscheinbaren Anfänge weiter fort, auch in unserem Leben.

„Alles muss klein beginnen                                                                                                         Lass es nur Kraft gewinnen                                                                                                 Lass etwas Zeit verrinnen                                                                                                           Und endlich ist es groß.“                                                                                                                              G. Schöne, CD Du hast es nur noch nicht probiert 1988

             So wird der Rückblick auf den kleinen Anfang zum Hoffnungsblick in die ungewisse Zukunft. Sie ist in Gottes Händen, der mit den Einzelnen, die sich ihm anvertrauen, etwas anzufangen weiß

 3 Ja, der HERR tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des HERRN, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang.

Das ist Gottes Art: Zu trösten in Trümmern, Wüsten in Gartenland, in ein regelrechtes Paradies, Eden, zu verwandeln, aus den Tränen in die Freude zu führen. Aus Klageliedern zum Lobgesang zu führen. Es wird in Israel solche Leute brauchen, die sich diese Wandlung nicht nur ersehnen, sondern wirklich gefallen lassen. Die Schritte zu dieser großen Wende mitgehen.

 4 Merkt auf mich, ihr Völker, und ihr Menschen, hört mir zu! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. 5 Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. 6 Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

             Ein zweiter Aufruf zur Aufmerksamkeit, ein zweites Achtung! Merkt auf mich Diesmal aber nicht an Israel, sondern an die Völker gerichtet. Denn was an Israel geschieht, das geht sie an. „Nie wird Israel isoliert angesprochen; immer befindet sich das Volk inmitten der Völker, die vom Wort und Werk Jahwes stets mitbetroffen sind.“(H.J. Kraus, aaO. S. 132) An dem, was an Israel und seinem Ergehen zu sehen ist, sollen  sie Gottes Weise erkennen. Seine Gerechtigkeit, sein Heil wird offenbar, sichtbar. Es sind Gottes Taten Israel zu gut, an denen die Völker erkennen können, wer Gott ist und wie Gott ist.

Es ist schon eine Zumutung, was hier angesagt wird: ein Sklavenvolk wird bewahrt, aber Himmel und Erde vergehen. Was in den Augen vieler allein zuverlässig ist, dass die Erde sich dreht, dass Sonne, Mond und Sternen ihren Platz behalten – das wird hier unter das Stichwort: vergänglich gestellt. Aber das Volk, das vom Untergang bedroht ist, das soll bleiben. Und das Heil und die Gerechtigkeit eines Gottes, der sein Volk siebzig Jahre zuvor nicht vor der Katastrophe geschützt hat, die bleiben ewiglich.

Es ist die gleiche Zumutung, vor der auch heute der Glaube steht: Gottvertrauen in einer Zeit, in der allein die Fakten zählen sollen. Was man messen, zählen, wiegen kann. Wo es ausschließlich um Bilanzen geht, vorzeigbare Erfolge, um Zuwachs. Wie da einem Gott vertrauen, der auf dem absteigenden Ast zu sein scheint, dem die Leute weglaufen, der für viele nur noch ein Wort wie aus fernen Zeiten ist.

    „Die moderne Kultur lehnt den Glauben an einen großen kosmischen Plan ab. Wir sind keine Darsteller in einem Drama, das größer ist als das Leben. Das Leben kennt kein Textbuch, keinen Stückeschreiber, keinen Regisseur, keinen Produzenten – und keinen Sinn. Unserem wissenschaftlichen Verständnis zufolge ist das Universum ein blinder und zielloser Prozess voller Lärm und Wildheit, aber ohne Bedeutung. Während unseres unendlichen kurzen Aufenthalts auf unserem winzigen Planetlein ärgern wir uns über dieses und sind stolz auf jenes, und dann verschwinden wir auf Nimmerwiedersehen.“(Y. N. Harari, Homo deus, 2018, S. 313) Das ist auf den Punkt gebracht die Gegenposition gegen das Vertrauen, von dem der Gottesknecht und in seiner Spur der Glaube Zeugnis ablegt.

Dabei ist noch bemerkenswert: Weisung und Recht – beides verlangt danach, dass das Volk in seinem Tun den Gaben Gottes entspricht. Das es der Weisung entsprechend lebt und dem Recht seinen Platz lässt, das Miteinander zu bestimmen. Aufregend: die Weisung, hebräisch:  tora wird hier nicht nur für Israel gesehen, sondern ausgeweitet zu den Völkern hin, genau wie das Recht Gottes. „Tora und Recht sind also nicht nur für Israel Licht auf seinen Wegen, sondern ebenso für die Völker.“(I. Fischer, in: Gottes lebendige Bilder, Texte zur Bibel 15, Neukirchen 1999, S. 71)    

  7 Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist! Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! 8 Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für.

Ein drittes Mal: Hört mir zu. Diesmal wieder an Israel gerichtet. An die Leute, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Die seine Gerechtigkeit kennen – Darum immer wieder die Verweise auf die Geschichte von den Vätern her, Abraham, Jakob, Mose. An seiner Geschichte kann Israel sehen, dass Gottes Gerechtigkeit eines vor allem ist: Erbarmen, neuer Anfang und Aufbruch aus mühseligen Situationen. Wege in der Wüste und durch die Wüste.

Die sind angesprochen, die das Gesetz Gottes im Herzen haben. Was für ein starkes Bild: Das Gesetz – nicht mehr fremdes Wort und fremder Wille, von außen auferlegt. Sondern Wort und Wille, der verinnerlicht ist, zum eigenen Weg geworden. Es liegt nahe, hier an die Worte zu erinnern, die ein anderer Prophet, Jeremia gefunden hat, um den neuen Weg Gottes anzusagen: „Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“(Jeremia 31,33) Die Frage heißt nur: Sieht Jesaja das schon für das ganze Volk, oder sind es Einzelne, bei denen er das sieht und die er deshalb anspricht?

Wie auch immer: Sie werden zum Widerstand gerufen. Sie werden dazu gerufen, sich den spottenden und höhnenden Stimmen zu verweigern, sich ihnen entgegen zu stellen. Ihr  Angesicht – wie der Gottesknecht – hart zu machen wie einen Kieselstein. Standzuhalten. Aus dem einen Grund: ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Weil Gott, der Gott Israels, Jahwe zu ihnen steht.

Das Verfallsdatum steht schon fest – aber nicht für Israel, sondern für die, die es verhöhnen. Verspotten. Die Israel schon längst abgeschrieben haben. Sie werden zu Mottenfraß. Darum geht es in allen diesen Worten, dass die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden: Die Völker, die jetzt Israel verhöhnen, gehen dahin. Israel aber, dem sie alle den Untergang ansagen und wohl auch wünschen, bleibt. Weil sein Gott bleibt. Weil seine Gerechtigkeit unwandelbar ist, krisenfest auch in Zeiten der Angst. Beständig. Kurz; Ewig.

Zum Weiterdenken

„Nicht eine Weltuntergangstimmung soll also das Ergebnis der Betrachtung der Vergänglichkeit der Welt sein, sondern Freiheit von der Menschenfurcht – ein wahrhaft ungewöhnlicher Trost.“(D. Schneider, aaO.  S. 195) Mir scheint, dass Jesus diese Worte kennt und sie gut der Hintergrund seiner eigenen Worte sein könnten: „Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“(Lukas 21, 25-28) Es sind Worte, die helfen wollen., durch den Horizont hindurchzuschauen, über die Katastrophe hinaus auf das kommende Heil, den kommenden Heiland.

 

Mein Herr und Heiland, hilf mir weiter zu schauen, über den Tag hinaus, über die Ängste hinaus, über die Schreckensbilder hinaus, über alle Welt-Untergangs-Szenarien hinaus. Hilf mir, anderes zu hören als die Schreckensmeldungen des Tages, als die Stimmen, die mir den Unsinn des Gottvertrauens ausreden wollen, die mich verspotten, meinen Glauben für Hirngespinste halten, die mich auffordern nur an das zu glauben, was ich sehe, was ich fühle, was sich rechnen lässt.

Hilf mir, dass ich mich nicht betäuben lasse durch das Lärmen der Zeit.

Gib Du mir, dass ich mein Herz fest mache in Dir, in Deiner Gerechtigkeit und Deinem Heil, Deinem Erbarmen. Amen