Frei und selbstvergessen

Jesaja 50, 4 – 11

 4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

             Sprecherwechsel. Nicht mehr Gott, sondern ein Mensch. Der Knecht Gottes. ʻebed jahwe. Diese Worte werden den Liedern des Gottesknechtes zugerechnet. Hinter den Worten wird eine innige Beziehung sichtbar. Die Beziehung des Schülers zu seinem Lehrer, des Jüngers zu seinem Meister. „Bezeichnend für den limmud (=Jünger) ist die enge Verbindung mit dem Lehrer und Meister, die ständige Lernbereitschaft, die im prophetischen Charisma des Schülers ihre Voraussetzung hat.“(H.J. Kraus, aaO., S. 126) Eine Vertrauensbeziehung.

Der Kontrast zu den vorangehenden Worten ist umso stärker. Sind da Anklagen und Vorwürfe Israels zu spüren, so hier das Vertrauen. Das genügt dem Knecht: zu hören, wie ein Jünger hört. Zu reden wie einer, der zuvor das Ohr für die Worte des HERRN geöffnet hat. Am Morgen schon Gott zu suchen, auf seine leise Stimme zu lauschen.

Er hört nicht nur für sich. Er hört, damit er weitergeben kann. Er hört, um mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Sie sind seine Adressaten. Ihnen soll er Bote sein und gute Nachricht bringen. Müden, Erschöpften, Resignierten. Die Starken brauchen jemand wie ihn nicht und werden auch kaum bereit sein, auf seine leise Stimme (42,2) zu hören.

Das macht den Jünger aus: geöffnete Ohren, Hören. Gehorchen. Gehorchen auch dann, wenn es schmerzhaft wird, wenn die Wege des HERRN ins Leiden führen, auf Widerstand stoßen. Es unterscheidet den Gottesknecht von anderen, die Gott in seinen Dienst gerufen hat: Er hat diesem Ruf keinen Widerstand entgegen gesetzt. Anders als Mose – ich kann nicht reden, anders als Elia – ich will nicht mehr, anders auch als Jeremia  – ich bin zu jung.

Dieser Knecht Gottes lässt sich rufen und gehorcht, ohne Wenn und Aber. Auch wenn es ihn ins Leiden führt. „Aus der Klage des Mittlers, der wegen seines Auftrages angegriffen und gelästert wird, erwächst hier zum ersten Mal das bejahende Annehmen dieses Leides.“ (C. Westermann, aaO.  S. 186) Das charakterisiert ihn: Er verweigert sich dem Leiden nicht. Er verbirgt sich nicht vor ihm.

Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass die erste Christenheit diese Worte auf Jesus bezogen hat: „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.“(1. Petrus 2,23) Sie sehen in Jesus diese Worte gelebt, sehen ihn als den Gottesknecht. 

  7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

             Weil er so mit Gott verbunden ist, kann er dem Leiden die Stirn zeigen. Kann er den Angriffen und Attacken standhalten. Aus dem Wissen: Ich werde nicht zuschanden. Und doch: es ist nicht das Vertrauen auf die eigene seelische Kraft oder die eigene Widerstandskraft um der gerechten Sache willen. Am Ende ist es das Wissen:  Er ist nahe, der mich gerecht spricht.

             Eine Gerichtsszene wird uns Lesenden vor Augen gestellt: hier der geschlagene, geschundene Knecht, dort seine Peiniger, die über ihn triumphieren wollen. Und er, der Geschlagene fordert sie vor Gericht. Vor das Gericht des höchsten Richters, des HERRN. Und weiß: Er wird mich gerecht sprechen.

Die ihn verdammen, werden verschwinden, sich in Luft auflösen, auseinanderfallen wie veralte Kleider, die vom Mottenfraß ruiniert sind. Es ist nicht weit bis zu dieser Szene: „Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht.“(Johannes 8, 10-11) Die Kläger sind alle weg – nur noch der, der freispricht, ist da.

Wunderbar hat Jochen Klepper diese Worte aufgenommen, in ein Lied verwandelt.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte begrüß‘ das neue Licht.
Schon an der Dämmerung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf!
Das Wort der ewigen Treue, die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs Neue so wie ein Jünger hört.

Er will, daß ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.
Hab‘ nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm‘:
Gott löst mich aus den Banden! Gott macht mich ihm genehm!                                                                           J.Klepper 1938, EG 452

             Wie weit ist das alles entfernt von einer Verherrlichung des Leidens. Wie weit auch davon, Leiden für sinnvoll zu erklären. Nein, diesem Leiden wohnt kein Sinn inne, wenn es nur für sich betrachtet wird. Es ist so sinnlos wie alles Leiden, das menschliche Brutalität über andere bringt. Es kommt mir vor wie ein vorsichtiges sich heran Tasten durch die Abfolge der Gottesknechtslieder. Am Ende wird stehen, dass sein Leiden einen Sinn gewinnt – in der Stellvertretung. Darin, dass er mit seinem Leiden den Weg frei macht für andere. Für uns.

Auch das geht mir nach: dieser Leidensweg wird nicht verbindliches Vorbild für alle, die nach dem Gottesknecht kommen. Es ist keine Lebens-Schablone. So gewiss Menschen in seiner Spur damit zu rechnen haben, dass sie ins Leiden geraten – keiner darf sich zum Leiden drängen. Es ist eine der weisesten Entscheidungen der alten Kirche, dass sie es untersagt hat, sich durch ungefragten Bekennen zum Martyrium zu drängen, sich selbst zum Märtyrer zu machen. Wenn es sein muss – ja. Aber nicht, um den Weg zum Himmel abzukürzen.

10 Wer ist unter euch, der den HERRN fürchtet, der der Stimme seines Knechts gehorcht, der im Finstern wandelt und dem kein Licht scheint? Der hoffe auf den Namen des HERRN und verlasse sich auf seinen Gott!

             Nun wendet sich der Knecht an die, die um ihn sind, die seine Stimme hören. Er spricht sie an als Leute, die den HERRN fürchten. Aber auch als Leute, die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint. Das ist mehr als nur subjektives Lebensgefühl. Das ist ja auch ihre Wirklichkeit in der Fremde, in der Gola, unter der Knechtschaft und Rechtlosigkeit. Sie sind tatsächlich immer noch rechtlos, schutzlos. Leute ohne Perspektive.

Genau diese Leute aber fordert der Knecht Gottes auf – zu hoffen, sich auf Gott zu verlassen. Das ist ja sein Auftrag: Zu den Müden zu reden zur rechten  Zeit (50,4). Das tut er, indem er die im Finstern und ohne Licht in die Hoffnung auf Gott ruft. Die Zeit der Hoffnungslosigkeit ist die Zeit, die das Reden des Knechtes Gottes herausfordert. In guten Zeiten haben alle gut reden. Er wagt es, in schlechten Zeiten gut zu reden – gut von Gott und gut zu den Menschen. Wie schön, wenn sich einer traut, anderen gut zuzureden!.

11 Siehe, ihr alle, die ihr ein Feuer anzündet und Brandpfeile zurüstet, geht hin in die Glut eures Feuers und in die Brandpfeile, die ihr angezündet habt! Das widerfährt euch von meiner Hand; in Schmerzen sollt ihr liegen.

Das Kontrastbild: die auf Gewalt setzen, gehen an ihrer eigenen Gewalt zugrunde. „Die Instrumente der eigenen Bosheit werden zu Todesfallen.“(D. Schneider, aaO.   S. 190) Was man auf den ersten Blick für eine Art Lebensgesetz halten könnte: „Wer Gewalt sät, erntet Gewalt“ oder im Sprichwort der Weisheit wiederfinden könnte: Wer eine Grube gräbt, der kann selbst hineinfallen, und wer eine Mauer einreißt, den kann eine Schlange beißen.“(Prediger 10,8)ist in Wahrheit doch das Handeln Gottes.  In diesen Sätzen hat nicht mehr der Knecht das Wort, sondern Gott.

 Zum Weiterdenken – ein Predigtauszug aus dem Jahr 2018

Und wir? Wie kommen wir in diesem Predigtwort vor? Ich lade Sie jetzt ein, dass wir alle zusammen dieses Wort einmal laut miteinander lesen.

Wie ist es Ihnen beim Lesen ergangen? Vielleicht haben Sie gedacht: Das bin ich nicht. Das will ich nicht sein. Das ist zu groß für mich. So frei, so stark, so tapfer, dass ich mich in den Gegenwind stelle, dass ich mich so hinauswage in den Sturm, das bin ich nicht. So geht es mir auch. Ich spüre den weiten Abstand zwischen diesen Worten des Gottesknechtes und meinem Leben.

Jochen Klepper hat diese Worte aus dem Propheten Jesaja aufgegriffen – und sie umgemünzt auf uns. Wir werden das nach der Predigt singen: „Er weckt mich alle morgen, er weckt mit selbst das Ohr.“ Wer das singt, der sagt: Ja, ich bin bereit, Gott, Dein Knecht zu sein. Dir zu folgen. Ich bin bereit, für Dich einzustehen. Für die Wahrheit, für das Recht, das dir entspricht, für die Gerechtigkeit, wie du sie willst – Gerechtigkeit, die aus dem Erbarmen schöpft. Ich bin bereit, mich zu den Müden zu stellen. Ich bin bereit zu denen zu gehen, die meine Hilfe brauchen, mein gutes Wort, meine helfende Hand.

Sehen Sie: wir alle können die Welt nicht retten. Das ist eine zu große Aufgabe für uns. Es macht mich manchmal ohnmächtig wütend, wenn ich die Tagesschau sehe – Probleme über Probleme und alle so, dass ich kaum einen Lösungseitrag von mir aus sehe. Kein Holz verheizen, das vorher bemalt war? Weniger Autofahren? Meinen Diesel stillegen? Fairen Kaffee kaufen und Eier von glücklichen Hühner? Und das rettet die Welt? Ich fühle mich ohnmächtig, wenn es um die große Weltenwende geht. Die Rettung der Welt.

Vielleicht aber muss ich und müssen Sie auch gar nicht die Welt retten! Salopp gesagt: Das zu tun ist das Alleinstellungsmerkmal Gottes. Aber wir können zu  denen gehen, die in unsere Nähe sind, deren Not wir kennen, für die wir da sein können. Der Platz, an dem Sie gebraucht werden als kleine Knechte oder Mägde Gottes, ist vermutlich nicht Timbuktu, Ost-Ghuta oder Florida – er ist wahrscheinlich Schlitz. Dort, im Heidgraben, am Stadtberg, Auf der Hall, Im Grund – Sie kenne die Straßen Ihrer Stadt –   braucht es Leute, die unabhängig und frei tun und sagen, was dran ist.

Es gibt Sätze in der Abendmahlsliturgie, die mir sehr wichtig sind. „Gib uns, Herr, dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben, die Wahrheit bezeugen; dass die Ohren, die deinen Lobpreis gehört haben, verschlossen seien für die Stimme des Streites und Unfriedens; dass die Füße, die in deinem Haus gestanden haben, gehen auf den Wegen des Lichtes, dass wir, die wir an deinem Leib Anteil genommen haben, in einem neuen Leben wandeln.“

So gesehen oder genauer, so gebetet, ist demnach die Parole nicht: Für alles und jedes offen sein. Es gilt nicht um jeden Preis: Ich habe ein Ohr für alles, was mir zu Ohren kommen will und soll. Sondern: Keine Ohren für die Stimmen des Streites. Keine Ohren für die Stimmen des Unfriedens. Keine Zunge für Herabsetzung. Keine Worte, die klein machen, nieder reden, nachreden. Keine Worte voller Niedertracht und Feindseligkeit und das ganze schlechte Geschwätz. Keine Worte für Lügen und Hetze. Keine Worte für Gemeinheiten und Lacher auf Kosten anderer. Wie gut wäre das für die Atmosphäre in unserer Umgebung und unserer Gesellschaft: Schluss mit der Hetze, die ausgrenzt, diffamiert, an die Instinkte und die Ängste appelliert. An das Gefühl: als die noch nicht da waren, da war alles gut. Und die – das sind immer die anderen!  Von mir selbst weiß ich: Wenn ich das beherzigen will, habe ich alle Händen voll zu tun – zu filtern, weg zuhören, die Ohren meines Herzens zu verschließen und meiner Zunge Zügel anzulegen.

So frei, unabhängig, selbstvergessen kann man wohl nur sein, wenn man es wirklich glaubt: ich bin mit meinem Leben zutiefst geborgen in Gott. Was auch immer kommen mag – nichts und niemand kann mich aus der Hand Gottes reißen. Er ist mir nahe, täglich, der mich kennt und dem ich recht bin. Das also hätten wir zu hören aus diesem Predigtwort und zu lernen: Dass wir geborgen sind in Gott und dass wir uns deshalb hinauswagen können ins Leben, hin zu denen, die uns brauchen – unser Ermutigen, Trösten, Helfen, auch unser Gottvertrauen.

 

Mein Gott, Öffne Du mir das Ohr für Deine leise Stimme. . öse Du mir die Zunge, dass ich Dich bekenne. Lenke Du meinen Füße. dass ich Schritte auf dem Weg des Friedens tue. Leite Du meine Hand zu einem Handeln, das Deinem Erbarmen antwortet. Lege Du mir Deine Güte ins Herz, damit ich anderen gütig begegne.

Mache Du mich zu einem Menschen, der nichts sein will als Dein Jünger, der sich Dir anvertraut, einfältig und mit ungeteiltem Herzen, Du Licht der Welt, auf den Dein Licht fällt. Amen