Du wirst leben!

Jesaja 49, 14 – 26

 14 Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.  

Was für ein Kontrast! Die Schöpfung jubelt und Zion klagt. Die Schöpfung tanzt vor Freude, aber Zion sitzt fest in den Tälern des Jammerns und Klagens. Oder sind diese Worte eine Art „Rückblende in die Vergangenheit“? So hat Israel, repräsentiert durch die Tochter Zion sich in der Gefangenschaft gesehen: Gottverlassen. Gottvergessen. „War Zion Ort und Inbegriff der Gegenwart Jahwes in seinem Volk, so zeigt die Klage über die Gottverlassenheit die größte, die eigentliche Not der redenden Gemeinde an.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 119) Dann sind diese Worte ein Hilferuf, dass nicht nur die äußere, sondern auch die innere Not eine Wende erfahren muss. Eine Wende, die ihren Anfang in Gott finden muss.

15 Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. 17 Deine Erbauer eilen herbei, aber die dich zerbrochen und zerstört haben, werden sich davonmachen.  

Die Antwort Gottes: Es wäre doch regelrecht widernatürlich, wenn Gott sein Volk vergessen würde. Wo, wie kann eine Mutter ihr Kind vergessen? Wenn das schon unvorstellbar ist, wie viel weniger ist es vorstellbar, dass Gott sein Volk, seine Stadt vergisst. Es ist das Argumentationsmuster, das auch Jesus, geschult  auch an den Worten der Propheten, verwenden wird: „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?  Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ (Lukas 11, 11-13) Wenn schon Menschen so voller Liebe sind, dass sie Gutes tun, wie viel mehr dann Gott. Auffallend in einem patriarchalisch geprägten Umfeld und schön: In den Worten des Jesaja wird eine Mutter mit ihrer Liebe zum Bild für Gott und seine unverbrüchliche Liebe.

Es folgt ein Wort, das kühn und fremd zugleich ist. Erst recht, wenn man der neuen Welt der Tattoos irritiert gegenüber steht. Damit ihm Jerusalem unvergesslich ist, zeichnet sich Gott die Sky-Line oder den Grundriss der Gottesstadt in die Hände. Gräbt es sich regelrecht ein und prägt es sich damit gegen alles Vergessen ein. „Wen oder was man nicht vergessen will, das zeichnete man im alten Israel mit Tätowierungszeichen in die Hand.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  119) Nehme ich diesen Hinweis auf die Praxis in Israel ernst, dann sagt Gott: Ich wehre meiner eigenen Vergesslichkeit durch diese Tätowierung.

Über das hinaus, was Jesaja und das Alte Testament sagen, sagen wollen und sagen können: eingegraben, eingezeichnet in die Hände Gottes – das verbindet sich für mich mit den Nägelmalen des Gekreuzigten.

„Wer sich erinnert, kümmert sich um das Objekt seiner Erinnerung.“(F.J. Helfmeyer, aaO. S. 120) Weil das so ist, weil Jerusalem unvergesslich in den Händen Gottes markiert ist, darum beginnt, in den Augen Gottes, auch jetzt schon der Prozess des Wiederaufbaus.  So wie die Weggeführten aus allen Völkern zurück nach Jerusalem strömen, so eilen die jetzt schon herbei, die Jerusalem neu aufrichten werden. Die heimkehren, kehren zur Aufbauarbeit nach Hause. Da bleibt für die, die das Werk der Zerstörung angerichtet haben, nur noch: weggehen. Sich davon machen. Sie haben hier nichts mehr zu suchen.

18 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. So wahr ich lebe, spricht der HERR: Du sollst mit diesen allen wie mit einem Schmuck angetan werden und wirst sie als Gürtel um dich legen, wie eine Braut es tut.

             Die Bedränger sind gegangen. Die ihren Mutwillen an Jerusalem ausgetobt haben auch. Jetzt sammeln sich andere. Die an Israel die Treue Gottes sehen. Die an Israel  die Güte Gottes sehen. Die an Israel die Kraft des Vergebens Gottes sehen, die Kraft zum neuen Anfang. Das sind einmal die Israeliten, die aus dem Exil und der Diaspora nach Hause kommen. Das mögen aber auch Menschen aus den Völkern sein, die genau dies sehen, wie Israel neu gesammelt wird und die sich in diese Bewegung mit hinein ziehen lassen.

Diese anderen aus den Völkern werden zum Schmuck Israels. „Die Herrlichkeit besteht nicht zuerst in Bauwerken, sondern in der Vielzahl herbeigeeilter Menschen; sie sind der Schmuck Jerusalems.“(H.J. Kraus, aaO. S. 120) Ich frage, weit über die Worte Jesajas hinaus, und doch in ihrer Spur, in unsere Zeit hinein: Wie könnte sich unser Blick auf die zu uns strömenden Menschen verändern, wenn wir sie so sehen würden: als Schmuck für unser Land, wie einen schönen Gürtel, den sich die erwählte Braut Deutschland anlegt? Lockt dieser Vergleich – oder macht er Angst?

 19 Denn dein wüstes, zerstörtes und verheertes Land wird dir alsdann zu eng werden, um darin zu wohnen, und deine Verderber werden vor dir weichen, 20 sodass deine Söhne, du Kinderlose, noch sagen werden vor deinen Ohren: Der Raum ist mir zu eng; mach mir Platz, dass ich wohnen kann.

             Was geschieht, ist unglaublich. Das Land, von dem sie sagten, es sei menschenleer geworden durch die Deportationen, wird mit neuem Leben gefüllt. Nicht mehr ein wüstes, zerstörtes und verheertes Land, sondern ein Land, in dem das Leben blüht. Die Stadt, die vom Aussterben bedroht war, kann die Menge der neuen Menschen kaum fassen.

Das unabwendbare Schicksal der Kinderlosen wandelt sich. Das, was einzelne Frauen in Israel als großen Schmerz und unerträgliche Schmach erlebt haben, war ja Bild für das Schicksal Zions geworden: Eine Stadt ohne Kinder. Ausgestorben, verödet. Ohne Zukunft.

Und jetzt, so sieht der Prophet schon die Zukunft als Gegenwart: Pulsierendes Leben. Platznot. Suche nach neuem Wohnraum. Die Leerstände werden neu gefüllt.

21 Du aber wirst sagen in deinem Herzen: Wer hat mir diese geboren? Ich war unfruchtbar, einsam, vertrieben und verstoßen. Wer hat mir diese aufgezogen? Siehe, ich war allein gelassen – wo waren denn diese?

            Es ist ein staunendes Fragen der Frau Zion, der Kinderlosen danach, wer all die Kinder geboren und aufgezogen hat – in einer Zeit die doch durch Kinderlosigkeit und Unfruchtbarkeit geprägt war.“(H.J. Kraus, ebda.) Staunen und die Erinnerung an den Schmerz. Wie viele haben sich als Überlebende der großen Katastrophe einsam gefühlt, auch noch in der zweiten und dritten Generation. Einsam auf verlorenem Posten. Und jetzt zeigt es sich: Dieser Blick war zu eng, zu kurz, zu kleingläubig. Das klagende Herz hatte Gottes Treue und Gottes Möglichkeiten aus den Augen verloren. Es hat nur noch das Gericht gesehen. Nur noch die Krise und den drohenden Untergang.

 22 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will meine Hand zu den Heiden hin erheben und für die Völker mein Banner aufrichten. Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbringen und deine Töchter auf der Schulter hertragen. 23 Und Könige sollen deine Pfleger und ihre Fürstinnen deine Ammen sein. Sie werden vor dir niederfallen zur Erde aufs Angesicht und deiner Füße Staub lecken. Da wirst du erfahren, dass ich der HERR bin, an dem nicht zuschanden werden, die auf mich harren.

             Die Antwort auf dieses staunende Fragen: Die Kinder Israel kehren zurück. Nicht auf leisen Sohlen. Nicht irgendwie heimlich. Auch nicht mit leeren Händen. Die Völker selbst werden sie zurückbringen. Es wird eine prachtvolle Rückkehr: Könige als Pfleger, Fürstinnen als Ammen.  Alles zum Wohl Israels. Also: Die, die gewohnt sind, dass sie bedient werden, werden in die Pflicht genommen. Sie werden zu Dienern des Volkes. Das ist, als würde heute ein „Minister“ an der Suppenküche für Asylanten arbeiten und damit wieder zu dem werden, was sein Titel sagt: zu einem Diener. Nichts anderes sagt ja das lateinische Lehnwort „Minister.“

Diese Erwartungen, dass die Rückkehr prachtvoll werden wird, dass die Mächtigen dienen, um sie zu unterstützen, erinnern an Umstände beim Auszug aus Ägypten: „Und die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande; denn sie sprachen: Wir sind alle des Todes. Und das Volk trug den rohen Teig, ehe er durchsäuert war, ihre Backschüsseln in ihre Mäntel gewickelt, auf ihren Schultern. Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen. Dazu hatte der HERR dem Volk Gunst verschafft bei den Ägyptern, dass sie ihnen willfährig waren, und so nahmen sie es von den Ägyptern zur Beute.“(2. Mose 12, 33-36) Dort wie auch jetzt: Die Mächtigen werden zu Dienern der Verachteten.

 24 Kann man auch einem Starken den Raub wegnehmen? Oder kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? 25 So aber spricht der HERR: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen. 26 Und ich will deine Schinder sättigen mit ihrem eigenen Fleisch, und sie sollen von ihrem eigenen Blut wie von süßem Wein trunken werden.

             Das alles wird nicht kampflos gehen. Nicht ohne den Einsatz von Macht. Es ist ja so: Wer stark ist, hält fest, was er hat. Es ist das wohlverstandene Eigeninteresse Babylons, die billigen Arbeitskräfte aus Israel nicht gehen zu lassen. Bringen sie doch Profit. Wer die Freiheit der Israeliten durchsetzen will, wer den Weg zur Heimkehr auftun will, wird das nicht nur mit schönen Worten tun können. Es braucht Stärke, Macht. Die Bereitschaft, den Gegnern entgegenzutreten. Die Macht Babylons muss gebrochen werden, damit Israel heimkehren kann.

Das wird nicht von selbst geschehen. Darum „tritt Jahwe selbst als Kriegsmann für sein Volk auf den Plan.“(H.J. Kraus, aaO. S. 121) Geschichtlich betrachtet: Kyrus, der Perserkönig, wird Babylon in die Knie zwingen. Die Sicht des Jesaja:  Darin ist Kyrus Werkzeug. In der Hand des Stärkeren. Des einen und alleinigen Gottes, des Erlösers Israels.

Es scheint so, als würde Jesus auf diese Worte aus dem Propheten zurückgreifen, wenn er Vorwürfe gegen sich zurückweist, die Unterstellung, dass er die bösen Geister durch Beelzebub austreibe: „Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.“ (Lukas 11,21-22) Er beansprucht in der Macht Gottes zu handeln – durch Gottes Finger – und lehnt sich in seiner Antwort an die Worte des Jesaja an.

 Und alles Fleisch soll erfahren, dass ich, der HERR, dein Heiland bin und dein Erlöser, der Mächtige Jakobs.  

             Das bleibt keine Geheim-Aktion. Dieses Geschehen wird sichtbar vor aller Augen. Alles Fleisch wird es sehen. Der Gang der Geschichte, wie ihn Historiker aufschreiben, ist eindeutig: Kyrus hat Babylon überrannt. Dass dieses Geschehen nur um Israels willen in Gang gesetzt ist, dass Kyrus nur der Handlanger Gottes ist, das sieht der Profan-Historiker nicht. Wohl aber der, der sich vom Propheten den Hintergrund der Welt zeigen lässt.

Zum Weiterdenken

Einmal mehr ist das die Frage: Wie können sie damals diese Worte des Jesaja hören – in ihren Siedlungen, fern von Jerusalem? Menschen, die zwischen Euphrat und Tigris ein kümmerliches Leben fristen, die es aus den Erzählungen der Alten wissen: Jerusalem ist nur noch in Trümmerhaufen. Wie von selbst stellen sich beim Lesen der Worte Jesaja die Fernseh-Bilder von heute ein – aus Syrien, aus dem Irak. Zerbombte Städte, Trümmerlandschaften und Menschen in Lagern ohne jede Perspektive. Ich habe noch ferne Erinnerung an die Nachkriegszeit, der zerbombte Frankfurt und kenne die Bilder von Hamburg, Darmstadt, Würzburg, Kassel, Dresden. Wer würde mit diesen Bilder n der eigene Seele den Worten des Jesaja Glauben schenken, aus ihnen Hoffnung schöpfen für eine andere, bessere Zukunft?

Seit dem September 2015 gibt es bis auf diesen Tag eine quälende Debatte in unserem Land – Angst vor Überfremdung. Angst vor Afrikanisierung. Sie wird geschürt von Menschen, die mit der Angst ihr politisches Geschäft machen wollen. Sie sitzt aber auch anderen im Nacken, die einfach nicht damit zurecht kommen können, dass da plötzlich so viele sind, die anders aussehen, anders sprechen, andere Sitten haben.

In meinem Denken sind diese Worte des Jesaja wie ein Kommentar zu dem, was sich in Deutschland im Augenblick abspielt. Die Kinderlose – Geburtenrate in Deutschland: „8,28 Geburten je 1000 Einwohner“ – die Niedrigste der ganzen Welt – aber jetzt setzt ein Zustrom an Menschen ein. Als hätten Leihmütter für Deutschland Kinder ausgetragen! Was wäre das für ein Blickwechsel, für ein neues Sehen, wenn wir beherzigen könnten, was Jesaja sagt:  Du sollst mit diesen allen wie mit einem Schmuck angetan werden und wirst sie als Gürtel um dich legen, wie eine Braut es tut. Die Braut Deutschland, die sich freut an denen, die zu ihr kommen.

 

Du wirst leben. Das sind Deine Worte. Mein Gott, an ein Volk ohne Hoffnung, ohne innere Kraft, ohne Perspektive. Du wirst leben, Das höre ich als Deine Worte an uns, müde gewordene Leute, verängstigt, ohne jede Vorstellung, wie es weiter gehen kann

Du wirst leben, sagst Du zu denen, die keine Heimat mehr haben, sich verloren fühlen in der Welt, herum gestoßen und kleingemacht. Du hältst an ihnen fest, auch an uns und willst, dass wir in Dir die Kraft zu neuen Schritten finden, zu Lebens-Schritten – und seien sie noch so klein. Amen