Der lange Atem des Tröstens

Jesaja 49, 7 – 13

 7 So spricht der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem, der verachtet ist von den Menschen und verabscheut von den Heiden, zu dem Knecht, der unter Tyrannen ist: Könige sollen sehen und aufstehen, und Fürsten sollen niederfallen um des HERRN willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.

             Der Blick wechselt – von dem großen Auftrag hin zu dem, der beauftragt ist.  Aber zuerst wird er auf den Auftraggeber gerichtet: der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger hat das Wort. Und er richtet sein Wort an den, der bei den Menschen nicht zählt, von dem sie sich in Abscheu abwenden. Größer kann der Kontrast kaum sein – hier der Heilige, da der Verachtete. Hier der Erlöser, der Freie, da der Geknechtete, der unter Tyrannen zu leiden hat.

             Seit Jahren liegt auf meinen Schreibtisch ein Liedvers, damit ich ihn nicht aus den Augen verliere:

  Das war ja so dein Wesen von alten Zeiten her                                                           Dass du dir hast erlesen, was schwach, gebeugt und leer,                                           dass mit zerbrochenen Stäben du deine Wunder tatst                                                  und mit zerknickten Reben die Feinde niedertratst.                                                                 W. Krummacher (1796 – 1868) aus: Du Stern in allen Nächten

Es scheint so etwas zu geben wie eine Vorliebe Gottes, sich denen zuzuwenden, die unten sind. Die in seinen Dienst zu nehmen, von denen „die Welt“ nichts erwartet und nicht Notiz nimmt. Mit denen sein Werk zu tun, die leere Hände haben – und womöglich kein Konzept und keinen Plan. Oder, wie es Luther schreibt: „Gottes Natur ist, dass er aus nichts etwas macht…Darum nimmt Gott niemand auf als die Verlassenen, macht niemand gesund als die Kranken, macht niemand sehend als die Blinden, macht niemand lebendig als die Toten, macht niemand fromm als die Sünder, macht niemand weise als die Unweisen.“(M. Luther, Schriften, 1. Bd., S.  183, zit. nach; Luther Brevier, Weimar 2007, S. 140)

Die Frage,  die sich allerdings einmal mehr stellt und die wohl wieder ohne eine endgültige Antwort bleiben muss: Ist hier ein Einzelner angeredet – der Knecht Gottes als Einzel-Person oder ist es das Volk Israel, das in der Verbannung ist, nicht zählt, verachtet ist, ausgeliefert. Aber eben: Knecht Gottes.

Beide Lösungen sind denkbar, weil beide dem Rechnung tragen: diese Worte sind Antwort auf die Klage des Knechtes, der in seiner Situation von Verzweiflung und Resignation bedroht war – und es vermutlich auch immer wieder ist. Nur zur Erinnerung: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“ (46,4)

Verhalten, aber deutlich, wird die Wende angesagt: Was an diesen Verachteten geschieht, das werden die Könige doch sehen. Sie, die in ihrer Majestät und enthobenen Würde immerzu sitzen, werden aufstehen – erschrocken? staunend? – weil da etwas in Gang ist, das ungeheuerlich ist. Weil sie sehen müssen, dass Gott treu ist, denen gegenüber, die für sie wie Ungeziefer sind. Fußvolk, das keinen interessiert.

 8 So spricht der HERR: Ich habe dich erhört zur Zeit der Gnade und habe dir am Tage des Heils geholfen und habe dich behütet und zum Bund für das Volk bestellt, dass du das Land aufrichtest und das verwüstete Erbe zuteilst, 9 zu sagen den Gefangenen: Geht heraus!, und zu denen in der Finsternis: Kommt hervor!  

Erhört –  geholfen  –  behütet – bestellt. In dieser Reihenfolge begegnet Gott seinem Knecht. Die Zuwendung zu ihm kommt vor der Beauftragung an ihn. Er, der den Mächtigen nur ein Fußabtreter ist, der nichts zählt und nichts gilt, er erfährt die Zuwendung Gottes, liebevoll. Sorgsam. Vor aller eigenen Leistung.

So zeigt sich eine Grundbewegung Gottes: Bevor er etwas von uns will, zeigt er erst, dass er uns will. Bevor er uns Aufträge erteilt, schenkt er Zutrauen und Gemeinschaft. Seine Wertschätzung geht allem anderen voran.  So sehe ich es auch an Jesus und seinem Umgang mit den Jüngern. Erst sammelt er sie um sich, erst geht er mit ihnen, erst lässt er sie Gemeinschaft erfahren – und dann erst sendet er sie aus.

Also: Gott hat die Klage seines Volkes gehört und erhört. Jetzt ist Zeitenwende. Sie wird nicht nur angesagt, sie ist im Vollzug: „Der Frondienst ist beendet; die durch Gottes Hilfe und Einschreiten geprägte Zeit ist angebrochen.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 115) Nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Jetzt. Die Zeit der Gnade ist jetzt. Der Tag des Heils ist heute.

Diese Worte nimmt Paulus auf:  „Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2. Korinther 6,1-2) Und dringt so darauf, dass das Leben seiner Leser dieser Zeit, diesem Jetzt entspricht. Damit nimmt Paulus, so denke ich, die Intention des Jesaja genau und sorgfältig auf. Auch er sagt diese Zeit an, um das Volk zu neuem Verhalten zu führen, zum Aufbruch aus den Tälern der Angst, der Klage, zum Aufbruch in die Weite Gottes.

             Darum auch: Herausführen aus der Gefangenschaft. Herausführen aus der Finsternis  ins Licht. Ein Ruf zum Aufbruch, der, Jesaja wiederholt gerne um etwas einzuprägen, keine Augenblicksangelegenheit ist, sondern ein Schritt in den Bund. In die Lebensordnung, die Israel schon seit dem Sinai zugedacht und zugesprochen ist, in den Bundesworten, dem Dekalog. Vielleicht liegt in diesem Wort Bund auch die Erinnerung: auch die neue Freiheit wird Regeln brauchen.

 Am Wege werden sie weiden und auf allen kahlen Höhen ihre Weide haben. 10 Sie werden weder hungern noch dürsten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen; denn ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. 11 Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein. 12 Siehe, diese werden von ferne kommen, und siehe, jene vom Norden und diese vom Meer und jene vom Lande Sinim.

             Das ist ein Blick auf den Weg. Nach der Erlösung? Oder nicht doch eher auf den Weg, den die Erlösten gehen werden? Es wird ein Zug durch die Wüste werden. Keine Idylle – aber ein Weg, auf dem sie geführt werden. „Wie ein Hirte“ – so war es in früheren Worten angesagt (40, 11) wird Gott führen. Hier: Als Erbarmer.

Es ist gewiss nicht abwegig, hier Psalmenworte mitschwingen zu hören:

 Der HERR ist mein Hirte,  mir wird nichts mangeln.                                                         Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.                     Psalm 23, 1 – 2

 Der HERR behütet dich;                                                                                                             der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,                                                      dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.                           Psalm 121, 5-6

                    Es sind Worte, die geeignet sind, Widerstände bei den ersten Hörern ahnen zu lassen. Dieser Ruf zur Rückkehr ist auf Skepsis gestoßen, er wird Irritationen ausgelöst haben. Und die Erinnerung an die Mühsal der vierzigjährigen Wüstenzeit im Anfang. Es ist eines, im fremden Land die Sehnsucht nach der alten Heimat zu spüren und zu pflegen. Es ist aber ein völlig anderes, die inzwischen erreichten Lebensumstände um einer riskanten Rückkehr in ungewisse Lebensverhältnisse willen aufzugeben.

Nie geht es darum, dass Wege mühelos sind, ungefährdet. Aber immer geht es darum: Es sind Wege in der Gegenwart Gottes. Darum gibt Gott durch seinen Propheten gewissermaßen „Garantie-Erklärungen“ für den Weg ab: Kein Hunger, kein Durst, keine Irrwege, keine Sonne, die alles verbrennt. Darum auch ebnet er den Weg, räumt Hindernisse weg, bahnt den Weg.

Was hier gesagt wird, gilt nicht nur für die, die in Babylon sind. Das  Land Sinim wird wohl „die jüdische Kolonie bei Syene im südlichen Ägypten, nahe Assuan“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 116) meinen. Aus aller Herren Länder kommen die Zerstreuten zurück, machen sie sich auf den Heimweg. Die ganze jüdische Diaspora ist im Aufbruch nach Hause. Ein Bild, das auch heute noch große Anziehungskraft auf Juden in aller Welt hat.

13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Ein Aufruf an Himmel und Erde, der im Grunde überflüssig ist. Weil dieses Handeln Gottes fast wie von selbst sein Echo finden wird im Lob des Kosmos. Die ganze Welt freut sich, dass Israel erfährt, wie Gott sich seines Volkes erbarmt und es neu annimmt und es tröstet. Wie kleinkariert wäre das auch, Befreiung, Erlösung, Neuanfang, Schritte aus der Not zu sehen und zu mäkeln. Sich nicht mitzufreuen. Mag sein, es gibt absurderweise Menschen, die sich dieser Freude verweigern – die Schöpfung kann nicht anders als in den Jubel eizustimmen.

Zum Weiterdenken

             Es ist eine große Herausforderung. Dieses Volk Israel, das sich nur zu gut auskennt mit Hass und Häme, mit Schadenfreude der Nachbarn, in dessen Erinnerung der Jubel rr Nachbarn, als Jerusalem zerstört wird, tief eingeprägt ist – dieses Volk soll glauben lernen, das die ganze Welt sich über seinen Trost freut. Dass die ganze Welt ihre Freudedaran hat, das Erbarmen Gott an ihnen zu sehen. Einmal mehr liegt die Frage nahe, wie es sein kann, dass über Jahrhunderte hin christliche Theologen geglaubt haben, dass die normale Antwort von Christ*innen auf Begegnungen mit Juden Abscheu sein müsste. Wir haben uns selbst beraubt, als wir die Freude über die Erlösung Israels ins Unwirkliche geschoben haben, sie überlesen und damit übergangen haben.

 

Mein Gott und Heiland, ich danke Dir, dass ich an Israel sehen darf, dass Dein Trösten nicht ausbleibt, wenn wir uns trostlos vorkommen, dass Dein Erbarmen kein Ende findet, wenn wir glauben, dass nur noch Untergang um uns herum zu sehen sei.

Ich danke Dir, dass Du festhältst an Deiner Barmherzigkeit, gegen alle Widerstände, gegen allen Kleinglauben und alle Resignation, gegen alle Vernunft. Dein Erbarmen mit Deinem Volk ist nicht zu Ende, es ist auch heute nicht zu Ende. Wie könnten wir auch sonst auf Dein Erbarmen hoffen, uns nach Deinem Trost sehnen?

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt“ singen wir und werden daran erinnert: Du bist mit Deinem Trost und Deinem Erbarmen schon auf dem Weg zu Deinem Volk und zu uns, Christ*innen aus den Völkern. Amen