Das Licht für die Völker

Jesaja 49, 1 – 6

1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!

             Ein Aufmerksamkeitsruf, weit über das Volk Israel hinaus. Was folgen wird, ist nicht nur von Bedeutung für Israel, sondern für alle Völker, auch für die in der Ferne. Wer ist der Sprechende in diesem Satz? Es scheint so, dass es der Knecht Gottes ist,  der ʻebed jahwe, der in den nachfolgenden Sätzen ja eindeutig das Wort führt. „An die fernsten Gestade soll die Botschaft dringen. Der Gottesknecht stellt sich selbst vor. Seine Sendung wird demnach von größter Bedeutung für alle Menschen sein.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 111) Also: ein Wort über sich selbst, aber gleichzeitig ein Wort, das die ganze Welt betrifft.  Diese „Biographie“ ist nicht nur privat.     

 Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

             Von Anfang an: berufen. Schon vor der Geburt durch Gott bestimmt, durch ihn, der seinen Namen kennt und nennt und behält. Die Parallele drängt sich auf:  „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“(Jeremia 1,5) Der Unterschied: Was bei Jeremia Anrede Gottes ist, wird hier zu einem Wort im Mund des Knechtes, zum  „prophetischen Selbstbericht.“(C. Westermann, aaO. S. 167) Hier wie dort: unausweichliches Schicksal.

Dieses Selbstbewusstsein der Erwählung von Anfang des Lebens an findet sich  viel später wieder, im Selbstzeugnis eines Mannes, den wir nicht so sehr unter die Propheten einordnen: „Als es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, dass er seinen Sohn offenbarte in mir, damit ich ihn durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Heiden, da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut…“(Galater 1, 15-16) Zumindest fragen wird man dürfen, ob in diesen Worten des Paulus nicht auch so etwas wie ein den Propheten ähnliches Erwählungsbewusstsein anklingt.

2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.

             Darf man das eine Zurüstung zur Aufgabe des Knechts nennen? Es hört sich martialisch an, es wirkt auch – scharfes Schwert und spitzer Pfeil – aggressiv. Und doch: die einzige Waffe des Knechts ist das Wort. Und seine Macht und Wirksamkeit liegt allein darin, dass er gerufen ist, dass Gott ihn zu seinem Knecht macht. Er steht unter dem Schatten der Hand Gottes – sie ist sein Schutz, weil er unter seinem Ruf steht. Einen anderen Schutz hat er nicht.  Aber „in diesem Zuspruch `Mein Knecht bist du!´ liegt die stärkste und dauerhafteste Ausrüstung, die es überhaupt geben kann. Darum, ist das Knechtsein auch nicht zuerst ein Aktivsein für Gott, es ist vielmehr ein Dasein für Gott.“(D. Schneider, aaO.  S. 163) Mir liegt noch näher zu sagen: Es geht um das Dasein vor Gott.

   4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist.

             Und doch ist da ein „aber“: Trotz dieses Schutzes und Beistandes ist der Knecht bedroht. Von der Gefahr der Resignation. Weil nichts zu sehen ist von Erfolg, von Frucht, von Wirkungen in der Geschichte. Alles, was er tut – umsonst. Hauch.  Es ist, als hätte ihn seine Ahnung bei seiner Berufung eingeholt: „Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!“(40, 6-7) So groß sein Auftrag auch von Anfang an ist, dennoch scheint er ins Leere zu gehen. Und das, obwohl der Knecht doch weiß, dass der HERR sein Auftraggeber ist und dass es nicht sein kann, dass das Recht sich in Nichts auflöst und der Lohn verweigert wird.

Wichtig: dieser Satz ist als Vergangenheit formuliert. Es ist ein Zurückschauen, nicht Bild der Gegenwart. Selbst wenn die Erfüllung des Auftrages noch auf sich warten lässt, diese Resignation erscheint als überwundene Anfechtung.

Dabei ist es schon so: Was der Knecht aktuell erfährt, stellt ihn neben andere Knechte Gottes.  Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.“ (4. Mose 11,14) klagt Mose. „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“(1. Könige 19,4) stöhnt Elia. Und David werden die folgenden Worte zugeschrieben: Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen.“(Psalm 31,23) Es liegt mir nahe zu sagen: Der Normalfall in den Aufträgen Gottes ist, dass die Beauftragten an ihre Grenzen geraten und mit ihren Kräften am Ende sind, den körperlichen und den seelischen.

 5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -,

             Dieser – vergangenen – Tendenz zur Resignation wird das „Aber“ Gottes entgegen gestellt. Es ist die erneute und erneuerte Erinnerung daran, wie eine Wiederholung der Anfangsworte dieses Gottesknechts-Liedes: Von Anfang an gerufen, bereitet, beauftragt. Das steht fest, aller Anfechtung und aller eigenen Schwäche zum Trotz. Das ist in Wahrheit die Stärke des Knechts, nicht, dass er sich für stark hält, sondern dass Gott ihn wert achtet. Aus dem „Zutrauen Gottes“ erwächst dann so etwas wie Selbst-Vertrauen. Bereitschaft für den eigenen Auftrag einzustehen. Daneben steht die Rekapitulation dieses Auftrages: Jakob zurückbringen. Israel sammeln. Hinter diesem Auftrag steht die Wertschätzung Gottes.  Das traut der HERR seinem Knecht auch wirklich zu, dass er das „kann“.

Was aber meint dieser Auftrag? Ist er erfüllt, wenn Israel wieder im Land der Väter ist, in dem Land, das Gott ihnen versprochen hatte? Ist er erfüllt, wenn sie wieder in Jerusalem wohnen? Man kann es leicht überlesen – im Text  steht zweimal: zu ihm.  Ich lese daraus: Es geht im Auftrag des Knechtes nicht nur um eine Heimführung nach Jerusalem und Juda – dafür braucht es doch auch neben dem „Hirten Kyrus“(44,28) nicht noch einen anderen, einen besonderen Knecht Gottes. Den braucht es aber, damit aus der äußeren Heimkehr auch eine innere wird: „Der Knecht vollzieht als Mittler die „innere Heimführung“, die Heimkehr zu Gott, die mit dem Zug durch die Wüste nicht schon geschehen ist.“(D. Schneider, aaO. S. 165)

 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

             Von daher wird auch der „erweiterte Auftrag“ verständlich. Auch er ein Auftrag des HERRN, des Gottes Israels! Auch hier geht es nicht um eine wie auch immer geartete Völkerwanderung zum Zion. Sondern es geht darum, dass der Knecht das Heil Gottes bis an die Enden der Erde bringt, dorthin, wo „Finsternis das Erdreich bedeckt und Dunkel die Völker.“(60,2) Einmal mehr lese ich: alles, was an Israel geschieht, ist darauf hin ausgelegt, dass die Völker in dieses heilsame Geschehen mit hinein gezogen werden. Das angeblich so exklusiv gedachte Heil – σωτηρα – ist in Wahrheit auf dem Weg in alle Welt.

Zum Weiterdenken

Was Israel zugute kommen wird, wird erst dann sein Ziel erreicht haben, wenn alle Völker in dieses Geschehen mit hinein gezogen worden sind, sie das Licht der Völker – φς θνν – sehen und anerkennen. Gott will nicht nur der Gott dieses einen Volkes sein, sein Exklusiv-Besitz. Israel hat so wenig ein Exklusiv-Recht auf Gott wie die Christen. Gott will nicht als Besitz und schon gar nicht als Exklusiv-Besitz behandelt werden. Sondern er will sein Heil für alle Welt. Allerdings: kein „Allerweltsheil“. Nicht „Friede, Freude, Eierkuchen.“ Sondern Heil, das aus Gerechtigkeit und Erbarmen wächst, das Frieden trägt, das die Armen aufrichtet und die Mühseligen aufatmen lässt.

Die Ausweitung des Heils in der Verkündigung des Evangeliums an alle Völker hat hier mehr als ihr Vorspiel. Sie hat hier ihr Grundmuster. Eine Beschränkung des Heils nur auf das auserwählte Volk – das wäre ein Zurückbleiben hinter der Weite, die dem Auftrag Gottes an den Knecht Gottes eignet.

So gesehen, wird Jesus in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau über seine, menschlich so verständliche Grenze hinausgeführt, die er mit seinem Satz markiert: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“(Matthäus 15,24) Nicht aber über den Auftrag des Gottesknechtes. Der war schon lange zuvor weiter. Jesus gewinnt diese Weite auf seinem Weg, bis er sie am Ende auch ausspricht: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“(Matthäus 28, 19) So zeigt er sich als der Knecht Gottes.

 

Heiliger Gott

Du erwählst

Du beauftragst

Du sendest

Du bist der Herr

 

Dein Auftrag an Deinen Knecht ist groß

Bis an die Enden der Erde soll er rufen

weil sie alle auch dort warten

ohne wirklich schon zu wissen

worauf und auf wen sie warten

 

Es ist ein Sehnen in der Welt

nach Dir

nach Deinem Frieden

nach dem Heimkommen in Deine Güte

 

Gib Du doch

dass wir diesem Sehnen demütig die Richtung weisen

durch unser Zeugnis von Dir

von Deinem Knecht

von Jesus Christus. Amen