Contrafaktischer Glaube

Jesaja 46, 1 – 13

1 Bel bricht zusammen, Nebo ist gefallen, ihre Götzenbilder sind den Tieren und dem Vieh aufgeladen, dass sie sich müde tragen an dem, was eure Last war. 2 Ja, sie können die Last nicht wegbringen. Die Götzen sind gefallen und alle zusammengebrochen und müssen in die Gefangenschaft gehen.

 Jesaja sieht, was kommen wird. Er sieht es, als wäre es schon Gegenwart. Bel und Nebo sind „Hauptgötter“ Babylons. Bel – der Gott des Himmels, Nebo der Gott der neubabylonischen chaldäischen Dynastie.

Jesaja sieht sie, die von ihren Bildern repräsentiert werden, auf Fluchtfahrzeuge aufgeladen und stürzen und mit ihnen das Reich, das sie doch halten sollten. Die Flucht misslingt, in ihrem Stürzen werden sie zur nicht mehr tragbaren Last für die, die doch von ihnen geschützt und getragen werden sollten. Sie werden abgeführt in die Gefangenschaft.

Was man dem Text nicht sofort ansieht: Er ist ein Siegeslied. Ein Siegeslied, das „angestimmt ist, während die Statuen noch stehen und die Götter noch in mächtigen Hymnen Tag für Tag gefeiert werden  aus die Hohen und Mächtigen! Das Siegeslied ist also in Wahrheit Ankündigung und nimmt in unbedingter Gewissheit das Ereignis des Sturzes voraus, der kommen muss.“(C. Westermann, aaO.  S. 145)

 Die Frage, die sich dem unbefangenen Leser stellt: wie kommt Jesaja zu dieser Sicht? Ist das das Ergebnis einer scharfsinnigen Analyse der politischen Lagen? Verdankt es sich der Einsicht, dass der kommende König einfach militärisch und politisch stärker ist? Mir liegt das andere näher: Es sind Worte und Einsichten, die ihm zuwachsen, als Botschaft aus einem Hören auf Gott, aus seinem Stillhalten vor Gott. Auch wenn er hier nicht sagt: So spricht der HERR. Letztlich sind seine Worte auf das Sprechen des HERRN  und auf das Hören des Jesaja auf diesen HERRN zurückzuführen. Das kann man – vielleicht – „Inspiration“ nennen. Aber man muss es nicht. Mir genügt: Diese Worte kommen Jesaja zu und er sagt sie weiter.

Dabei: Wörtlich erfüllt hat es sich nicht. Historisch betrachtet läuft es anders. Bei der Einnahme Babylons hat Kyrus die Götterbilder nicht abtransportieren lassen. Er hat sie stehen lassen, „ihnen sogar Reverenz erwiesen“(C. Westermann, aaO. S. 146) was immer das heißen mag. Aber sie standen halt nur noch herum. Stumme Zeugen einer großen Vergangenheit, sprachlos und machtlos.

3 Hört mir zu, ihr vom Hause Jakob und alle, die ihr noch übrig seid vom Hause Israel, die ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an und vom Mutterschoße an mir aufgeladen seid: 4 Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten. 

Aber diese Worte des Siegesliedes sind wichtig, weil sie den Kontrast sichtbar machen, den Unterschied zwischen den Götzen und Gott. An den Götzen und ihren Statuen schleppt man sich ab. Bis zum Umfallen, bis zur Erschöpfung. Der bild-lose Gott Israels muss nicht getragen werden, nirgendwohin. Da gibt es ja keine Statuen, die zu tragen sind. Wie anders also  als die stummen, nutzlosen, belastenden Götterbilder ist der Gott Israels! Er trägt und hält, vom ersten Tag der Existenz an. Pränatal, schon im Mutterleib. Er lädt sich Menschen mit ihren Lasten auf und lädt nicht Menschen Lasten auf. Vom Beginn des Lebens an bis ins Alter: Ich will heben und tragen und erretten.

 Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin                                                                         Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.                                                                  Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug.                                                                               Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.                 J.  Klepper, 1938, EG 380

In einer Zeit, in der die Fahnen des vergötterten Führers noch stolz wehten, hat Jochen Klepper sein Lied geschrieben. Gewiss nicht nur als die Zusage: Gott ist auch bei den Alten. Sondern auch als eine heimliche, verborgene Ansage: wirklich Verlass in schweren Zeiten ist nicht auf den umjubelten und vergötterten Führer, sondern auf den Gott, der gerade verachtet und geschmäht wird. Dessen Wort verworfen wird, dessen Volk verhöhnt wird als „Viehhirten- und Zuhälterbande.“ So geschehen am 13. November 1933. Da fordert ein Studienassessor R. Krause, Gau-Obmann der „Deutschen Christen“ die „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten.“

   Es ist eine große Herausforderung: angesichts der so offen demonstrierten Macht der Mächtigen sein Vertrauen auf den Gott zu setzen, der sich zu den Armen stellt, der nichts hat als sein Wort. Der in dieser Welt keine Divisionen aufbieten mag.

  5 Wem wollt ihr mich gleichstellen, und mit wem vergleicht ihr mich? An wem messt ihr mich, dass ich ihm gleich sein soll? 6 Sie schütten das Gold aus dem Beutel und wiegen das Silber mit der Waage dar und dingen den Goldschmied, dass er einen Gott daraus mache, vor dem sie knien und anbeten. 7 Sie heben ihn auf die Schultern und tragen ihn und setzen ihn nieder an seine Stätte, dass er stehe und nicht von seinem Ort rücke. Schreit einer zu ihm, so antwortet er nicht und hilft ihm nicht aus seiner Not.

             Es ist, als fordere der Redende, Gott, zum Vergleichen heraus. Macht es doch, scheint er zu sagen. Weil er nichts zu fürchten hat. Denn was ist da als Vergleichsmaterial? Götterbilder von Menschenhand. Im Gegensatz zu den Schilderungen 40, 18 – 21 und 41, 6 – 8 sind es diesmal Götterbilder aus Edelmetall, Gold und Silber. In feierliche Prozession platziert. Fixiert an ihrem Ort. Unbeweglich. Aber sie sind genauso nutzlos und stumm wie die Holzstatuen. Sie antworten nicht und helfen nicht.

Zum dritten Mal schildert Jesaja den Hergang der „Fabrikation der Götterbilder.“ (H.J. Kraus, aaO.  S.  91) Eindrucksvolle Handwerker-Arbeit und Sakral-Kunst. Damit ist es dann auch genug. Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, dass sie nutzlos sind, wird es nie verstehen.

8 Gedenkt doch daran, ihr Abtrünnigen, und nehmt’s zu Herzen!

             Warum werden zumindest manche von den Israeliten so genannt: Abtrünnige. Wenig später werden ihnen trotzige Herzen attestiert. Ich denke, es liegt daran, dass sie Gott wie einen der Götzen ansehen. Nur sehen, dass sie ihm dienen müssen und nicht, dass er sie trägt. Den Gottesdienst nur als ihre Last sehen, aber nicht als die große Entlastung. Auch das mag mitschwingen, dass sie lieber an ihrer Sicht festhalten, die sich ihnen nahelegt – Gott ist wie die Götzen – als sich aus dieser so verkehrten Sehweise heraus lösen zu lassen

 9 Gedenkt des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht. 10 Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll, und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Was ich beschlossen habe, geschieht, und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich.

             Den stummen Göttern steht Gott gegenüber. Unvergleichlich, anders. Gott, der seine Leute trägt, sie sich auflädt als Last. Gott, der spricht, verkündigt, ansagt – und was er ansagt, geschieht. Gott, der Beschlüsse fasst und der auch wirklich zustande bringt, was er sich vorgenommen hat. Gott will nicht nur, Gott kann auch und er tut, was er will und kann.

Das ist doch Gott, wie ihn Israel kennen gelernt hat. Wie er sich in früheren Zeiten an ihm als Helfer und Heiland erzeigt hat. Jetzt könnte gut wieder der Blick in die Geschichte folgen, ein Aufzählen der großen Taten Gottes an seinem Volk, angefangen bei Abraham, über Jakob und Josef  und Josua hin zu David, Salomo bis hin zu Hiskia. Aber das alles überspringt Jesaja. Ihm geht es ja nicht um eine Verherrlichung der Vergangenheit, sondern um eine Ermutigung für die Zukunft. Das allerdings will er – und nur dazu braucht er die Erinnerung an das Frühere. Gedenket! „Damit gründet der Prophet das glaubende Ja in der Gegenwart angesichts der Zukunft auf die Erfahrungen des Volkes mit Gott in der Vergangenheit.“(C. Westermann, aaO.  S.  150)

11 Ich rufe einen Adler vom Osten her, aus fernem Lande den Mann, der meinen Ratschluss ausführe. Wie ich’s gesagt habe, so lasse ich’s kommen; was ich geplant habe, das tue ich auch.

Weil Gott geschichtsmächtig ist, deshalb kann er auch in die Geschichte hinein rufen. Den Adler vom Osten. Ein starkes Bild für Kyrus. Für die frappierende Schnelligkeit, mit der er Babylon machtvoll angreift und einnimmt. Aber auch dafür dass er Heil bringen wird – Adler sind – biblisch betrachtet – keine Unheilsvögel. Sie bringen Rettung. Das ist Gottes Wille und Gottes Plan. Kyrus ist nur „Werkzeug,… Mann seines Planes; er führt aus, was der Gott Israels sich vorgenommen hat.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  94)  

            12 Hört mir zu, ihr trotzigen Herzen, die ihr ferne seid von der Gerechtigkeit! 13 Ich habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht; sie ist nicht ferne und mein Heil säumt nicht. Ich will zu Zion das Heil geben und in Israel meine Herrlichkeit.  

Das alles, die Vergangenheit und der Plan Gottes jetzt sind Gründe genug, Israel zu ermutigen. Sie herauszulocken aus einer Haltung der trotzig-trostlosen Verzweiflung.  Die redet Gott an, die sich abkapseln, ferne von der Gerechtigkeit. Vom Vertrauen auf das tragfähige Erbarmen Gottes, das seine Gerechtigkeit ist. Die kein Zutrauen mehr haben zu ihm. Es ist aufregend, erschütternd und doch auch tröstlich: Gott wird nicht müde, gegen die Wand des fehlenden Vertrauens anzurennen. Er wird nicht müde, um dieses verzagte Volk zu werben.  Er sagt es ihnen vor – „gebetsmühlenartig“: Mein Heil säumt nicht.

Dieser Haltung, die an nichts Gutes mehr glauben kann, die den Satz: „Alles wird gut“ nicht mehr hören kann und als dummes Geschwätz und oberflächlich abtut, der begegnet er mit der steten Wiederholung: Ich will zu Zion das Heil geben und in Israel meine Herrlichkeit. Keine neue Botschaft, sondern die immer gleiche. Jetzt. Neu und erneut gesagt. Irgendwann werden sie vielleicht nicht glauben, aber sehen: Es ist so. Er macht sein Wort wahr.

Zum Weiterdenken

             Ich denke: Was für eine Herausforderung an den Propheten: Wieder und wieder wie gegen eine Wand reden. Aber dran bleiben und treu bleiben an diesen Wort und in seinem Ausrichten. Mir fällt zu dieser Hartnäckigkeit, immer das Gleiche, wenn auch neu, zu sagen, ein Satz des Paulus ein, der vielleicht im Lesen des Jesaja eine tiefe Begründung finden könnte:   Weiter, liebe Brüder: „Freut euch in dem Herrn! Dass ich euch immer dasselbe schreibe, verdrießt mich nicht und macht euch umso gewisser.“(Philipper 3,1) Es lohnt sich, nicht nachzulassen im Ansagen der Wende, die Gott herauf führen will.

Was für eine Herausforderung aber auch in die Gegenwart heute hinein – an unsere Kirchen. Sich nicht aufzuhalten mit Analysen der eigenen Zukunft. Sich nicht Angst machen zu lassen von den Prognosen: wir werden weniger, wir sind auf der Verlierer-Seite. Sondern hartnäckig daran festzuhalten, gegen alle Depression: Wir glauben an einen Gott, der das Heil der Welt will, der will, dass allen Menschen geholfen werde, der will, dass alle ihn erkennen und sehen. Und was er will, das wird auch werden. „ubi et quando visum est Deo“ -„wo und wann es Gott will(Augsburgische Bekenntnis – CA V, EG 808). Darauf vertraue ich.

 

Mein Gott,  Du wirst die Wege der Welt ende , all dem Zerstören und Vernichten, Verlieren und Siegen, Aufsteigen und Untergehen ein Ende machen wirst. Ob es dafür den Adler aus dem Osten, den Panther des Nordens, das fahle Pferd aus dem Westen oder den Starken des Südens brauchen wird, weiß ich nicht.

Ich vertraue darauf, dass das Lamm, das erwürgt ist, endlich doch das Zepter übernehmen wird, die Welt zurecht bringen im Gericht und Dein Heil aufrichten wird.

In mir fragt es manchmal: Wie lange noch? Ich weiß es nicht. Aber ich warte diesem Tag entgegen, an dem Du alles in allem sein wirst. Du heiliger und barmherziger Herr. Amen