Israel ist „nur“ der Anfang

Jesaja 45, 18 – 25

18 Denn so spricht der HERR, der den Himmel geschaffen hat – er ist Gott; der die Erde bereitet und gemacht hat – er hat sie gegründet; er hat sie nicht geschaffen, dass sie leer sein soll, sondern sie bereitet, dass man auf ihr wohnen solle: Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr.

             Wieder und wieder: Der HERR ist der Schöpfer. Des Himmels und der Erde. Nicht nur des Ortes der Seligen im Himmel, auch des Ortes, an dem das Leiden wohnt – der Erde. Dieses beständige Wiederholen mag auch auf eine Auseinandersetzung mit anderen Schöpfungserzählungen hindeuten. In Babylon hat man sicherlich anders vom Anfang der Welt erzählt als in Israel. Den Anfang anderen Göttern zugeschrieben. „Im babylonischen Schöpfungsmythos heißt das Meer „Erzeuger“ bzw. „Gebärerin der Götter“ und der siegreiche Gott Marduk formt nach dem Kampf mit der Meeresgöttin Tiamat aus ihrer oberen Hälfte den Himmel, aus der unteren die Erde.“(W.H. Schmidt, Alttestamentlicher Glaube in der Geschichte, Berlin 1981, S. 180) Dem tritt Jesaja entgegen. Aber nicht nur, um Schöpfungs-Vorstellungen zu korrigieren, sondern vor allem, um das Vertrauen zu stärken. Das Vertrauen, dass der HERR mächtig genug ist, zu helfen und heute zu retten, ist er doch allein der HERR.

19 Ich habe nicht im Verborgenen geredet an einem finstern Ort der Erde; ich habe nicht zu den Söhnen Jakobs gesagt: »Sucht mich vergeblich!« Denn ich bin der HERR, der von Gerechtigkeit redet und verkündigt, was recht ist.

             Gott hat nicht hinterm Berg gehalten. Er ist nicht im Verborgenen geblieben. Er hat sich nicht so versteckt, dass er nicht zu finden wäre. Er hat auch  keine Geheim-Gesetze gemacht. Sondern er hat gesagt, was Recht ist, er hat seinen Willen kundgetan. Es ist die Spannung, die nie aufgehoben wird, zwischen dem Offenbarwerden Gottes und seiner Verborgenheit. Gott lässt sich suchen und will sich finden lassen. Das gehört zur Erfahrung Israels:

 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir                                                               und errettete mich aus aller meiner Furcht.     Psalm 34,5

Aber zugleich gilt eben auch das andere, dass Gott sich in seinem Offenbarwerden zugleich verhüllt. Weil wir es ja nicht aushalten würden, wenn er unverhüllt, im Glanz seiner Herrlichkeit vor uns stehen würde. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2.Mose 33,20) Erkannt wird Gott, „sichtbar“ wird Gott in seinem Retten, in seinem Erbarmen. In seiner uns Menschen zugewandten Seite. Mehr von ihm sehen zu wollen ist Grenzüberschreitung.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.                                                       Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.                                                                    Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.                                                 Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.                                                                  J. Klepper 1938, EG 16

 20 Versammelt euch und kommt miteinander herzu, ihr Entronnenen der Heiden. Keine Erkenntnis haben, die sich abschleppen mit den Klötzen ihrer Götzen und zu einem Gott flehen, der nicht helfen kann.

 Weil Gott nicht im Verborgenen bleiben will, wird Israel, gerufen. Zur Versammlung vor ihm. Aber nicht nur Israel wird gerufen, auch die Entronnenen der Heiden. Auch die in der Gola, die ihr Vertrauen längst nicht mehr auf den HERRN setzen. Die sich arrangiert haben, die sich den vermeintlich stärkeren Göttern der Babylonier angeschlossen haben. Auch wenn man sich damit abschleppen muss. Das Urteil über sie alle ist hart. Sie haben keine Erkenntnis. Und ihre Götter sind nur noch ein Klotz am Bein. Es ist ein hartes Urteil: „Wer die Götzen tragen muss, anstatt dass man von ihnen getragen wird, kann keine Erkenntnis über Gott haben.“(D. Schneider aaO.   S. 134)

21 Tut es kund, bringt es vor, beratet miteinander: Wer hat dies hören lassen von alters her und vorzeiten verkündigt? Hab ich’s nicht getan, der HERR? Es ist sonst kein Gott außer mir, ein gerechter Gott und Heiland, und es ist keiner außer mir.

             Eine Gerichtsszene – nicht die erste und nicht die letzte in diesem Buch. Gott fordert zum Gespräch untereinander – oder müsste man sagen: Er bietet solche Gespräche an? Jedenfalls: Es braucht die Klärung, keine theoretische, sondern eine persönliche. Es ist Gottes Einladung und Ermutigung zur wechselseitigen Beratung: Wer ist der Gott, dem wir trauen? Welcher Gott kann Zukunft ansagen,  vorher sagen, so, dass sie dann auch eintrifft? Das zu klären und wissen, ist deshalb so nötig, weil es darüber entscheidet: Zu wem stellen sich die Völker? Wem vertraut Israel?

 22 Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und sonst keiner mehr. 23 Ich habe bei mir selbst geschworen, und Gerechtigkeit ist ausgegangen aus meinem Munde, ein Wort, bei dem es bleiben soll: Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwören 24 und sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke.

             Darum nun: Rückruf. Ruf zur Umkehr. Ein Ruf zu dem, der allein retten kann. Zu dem auch, der sich selbst verpflichtet, sich selbst in die Pflicht nimmt. Erstaunlich: dieser Ruf gilt allen in dieser Versammlung, auch den Entronnen aus den Heiden. Auch denen aus Israel, die innerlich schon längst aufgegeben haben. Es ist „Einladung zum Heil an die aus der Katastrophe Entkommenen aus den Völkern.“(C. Westermann, aaO.  S. 143)

             Vielleicht sogar darf ich so weit gehen, zu sagen: Das Heil Gottes kennt keine Schranken. Es ist grenzenlos, schrankenlos, kennt keine Obergrenzen und kennt keinen Grund, irgendjemand auszuschließen. Wer sich rufen lässt, der ist willkommen. Wer sich auf den Weg macht, der wird aufgenommen. „Die Einzigartigkeit und Einzigkeit des Gottes Israels erweist sich in seiner helfenden, rettenden Liebe. Was Israel erfuhr und erfährt, soll allen Menschen  widerfahren.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  87)

 So gesehen, ist Israel nur der Anfang. Aber nie das Ende und Ziel aller Wege Gottes.  Das Ziel ist die Anerkennung Gottes, wie sie sich in der Anbetung zeigt:  Mir sollen sich alle Knie beugen. Da wird seine Allmacht und Schöpfermacht anerkannt und angebetet, wo er als der rettende Gott erfahren wird.

Man kann sich leicht durch das doppelte alle in die Irre führen lassen. Hier ist nicht von einer Massenveranstaltung die Rede, wo alle, angesteckt durch die Menge, das Gleiche rufen, skandieren, brüllen. Alle signalisiert keine Gleichförmigkeit, keine Uni-Form. „Der Ton liegt gar nicht auf der Summe aller Menschen, sondern auf dem „jeder“ im Sinn von jeder Einzelne.“(C. Westermann, aaO. S. 143)Folgerichtig übersetzen statt alle Knie und alle Zunge manche sachgerecht „jedes Knie und jede Zunge“(u a. Westermann, Kraus, Einheitsübersetzung, Elberfelder).

Es sind Worte, die Paulus Jahrhunderte später aufnehmen wird, die auf ihn gekommen sind aus einem urchristlichen Hymnus.  Und er wird sie umdeuten auf Christus.  „Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 9-11)Auch hier wieder: Es ist das zum Heil erfahrene Handeln, das zur Anerkennung des Retters, des Heilandes führt.

 Aber alle, die ihm widerstehen, werden zu ihm kommen und beschämt werden. 25 Im HERRN wird gerecht werden Israels ganzes Geschlecht und wird sich seiner rühmen.

         Wo wir leicht Entweder-Oder hören, ist doch keine Alternative gemeint: entweder beschämt dastehen oder gerettet werden. Sondern: Auch die, die gegen Jahwe geeifert haben, werden zu ihm kommen, wenn auch beschämt. Auch die, die fern waren, können sich nun nahen. Auch die, die innerlich schon längst auf Abstand gegangen sind, werden zu ihm kommen. Israels ganzes Geschlecht.

 Zum Weiterdenken

Es ist, so will es scheinen, ein Grundzug biblischen Denkens. Rettung ist nicht an die Bedingung geknüpft, dass einer fraglos und zweifelsfrei glaubt. Rettung hat nur eine Bedingung – dass Gott sie will und dass wir sie uns gefallen lassen. Allen Einwänden und Fragen unseres Herzens zum Trotz. Es ist Gottes Sache zu retten – und er will wirklich alle. Heiden; Christ*innen, Gläubige, Ungläubige. Für manche wird solche Rettung die Erfüllung lang gehegter Sehnsucht, für andere eine schier unglaubliche Überraschung.

„Mancher, der sich vor dem Gerichte Gottes zu sehr gefürchtet hat, wird sich in der Ewigkeit ein klein wenig schämen müssen, dass er dem Herrn nicht noch mehr Gnade zugetraut hat.“(Fundstelle EG Bayern) Schreibt der große Pietist und Ausleger der Schrift Johann Albrecht Bengel.

Wieder scheint es mir, dass Paulus nahe dran ist an dem Propheten. In einem seiner Texte, der so etwas wie ein Grundtext, Schlüsseltext  ist, schreibt er: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. (1. Korinther 3, 11- 15) Mir jedenfalls wirken diese Worte wie vom Propheten Jesaja gelernt – beschämt und doch gerecht.

 

Du Heiliger, einmal werden wir Dich loben, zusammen mit allen anderen, Männern und Frauen, Jungen und Altenaus allen Völkern. Wir werden Dich loben, weil wir Dich sehen, wie Du bist – Dein Erbarmen und Deine Herrlichkeit, Deine Strenge und Deine Milde, Deine unendliche Geduld, die Dich nicht ruhen lässt, bis Du uns an Dein Ziel gebracht hast in das ewige Vaterhaus.

Bis dahin will ich, zusammen mit anderen, Dein Lob schon einmal einüben, Atemzug um Atemzug, von einem Augen-Blick zum anderen Augen-Blick. Dazu gib Du uns aus Deiner Güte einen langen Atem und den Rückenwind Deines Geistes.  Amen