Gott handelt incognito

Jesaja 45, 9 – 17

9 Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: Was machst du?, und sein Werk: Du hast keine Hände! 10 Weh dem, der zum Vater sagt: Warum zeugst du?, und zur Frau: Warum gebierst du? 11 So spricht der HERR, der Heilige Israels und sein Schöpfer: Wollt ihr mich zur Rede stellen wegen meiner Söhne? Und wollt ihr mir Befehl geben wegen des Werkes meiner Hände?

             Auf den ersten Blick überrascht dieser Anschluss. Müsste Israel sich nicht freuen, dass der Herr einen Herrscher gerufen hat, der es erlöst, nach Jahren der Gefangenschaft wieder in die Freiheit schickt? Es scheint Stimmen gegeben zu haben, die der Berufung des Kyrus widersprechen. „Warum machst du einen Nichtisraeliten zu deinem Gesalbten und verschmähst damit offensichtlich die Davidsnachkommen, die noch in unseren Reihen leben?“(D. Schneider 1990 aaO.  S. 125) Wer so fragt, stellt die Souveränität Gottes in Frage, Gottes Freiheit zu handeln, wie er will.

Das aber ist widersinnig. So sehr, dass es nur mit dem unmöglichen Einspruch des Tons gegen den Gestaltungswillen des Töpfers zu vergleichen ist. Mit dem Aufschrei einer Scherbe in dem ganzen Scherbenhaufen de Geschichte. Mit der Frage des Kindes, das den Vater und die Mutter in Frage stellt: Warum habt ihr mich gekriegt? Es kann doch nicht im Ernst sein, dass Israel Gott verantwortlich macht für seine Söhne, für die Werke seiner Hände. Verantwortlich in dem Sinn, dass sie Gottes Wahlrecht, sich zu suchen, wen er will, durch wen er handeln will, bestreiten. Die Fragen Gottes klingen so, als wären sie Antwort auf eine Anklage: Du hast uns doch fallen lassen!

Ist es vorstellbar, dass Israel so die Schritte Gottes zu seiner Befreiung in Frage stellt? Lieber die Gefangenschaft will als die Freiheit aus den Händen des fremden Königs? Es gibt, so weiß ich es aus vielfältiger Erfahrung und Beobachtung, die Verweigerung der Schritte in eine neue, bessere Zukunft, weil man sich im Alten eingerichtet hat. Weil man Angst hat vor der neuen Verantwortung, die mit neuen Schritten auch gegeben sein könnte. Wo das passiert, liefert man sich aber dem Tod aus, oder dem langsamen Untergang. Darum Wehe! Wer sich so gegen den Weg Gottes stellt, der zieht das Unheil selbst auf sich.

 12 Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf ihr geschaffen. Ich bin’s, dessen Hände den Himmel ausgebreitet haben und der seinem ganzen Heer geboten hat. 13 Ich habe ihn erweckt in Gerechtigkeit, und alle seine Wege will ich eben machen. Er soll meine Stadt wieder aufbauen und meine Gefangenen loslassen, nicht um Geld und nicht um Geschenke, spricht der HERR Zebaoth.

             Was hält Gott diesem Fragen, dieser Haltung entgegen? Zuallererst den Hinweis: Ich habe die Erde gemacht. Der Raum, die Zeit, in der ihr lebt, das Volk, zu dem ihr zählt –  alles ist meine Schöpfung. Der Himmel, der sich über euch wölbt, von dem die Babylonier sagen, dass er euer Geschick bestimmt – mein Werk. Der Bestreitung seiner Souveränität stellt Gott die Behauptung eben dieser Souveränität entgegen. In der Erinnerung an seine Schöpfung. Es gäbe euch doch gar nicht – ohne mich.

Genauso gilt: Kyrus ist nur auf dem Weg, weil ich, der HERR, ihn erweckt habe. Es ist eine Tat der Gerechtigkeit Gottes, die auf das Heil aus ist, vom Erbarmen bestimmt. Die Berufung des Kyrus ist nicht Teil eines Machtspieles, in dem Gott mit Mächten wie mit Schachfiguren agiert. Sie ist aus seiner Gerechtigkeit êdekā, das ist: seinem Erbarmen entsprungen. Und er, Kyrus hat einen klaren Auftrag: Die Stadt Jerusalem wieder aufbauen und das Volk aus der Gefangenschaft entlassen. Daran, dass er dies beides tut, wird es sich zeigen: erweckt in Gerechtigkeit.

 14 So spricht der HERR: Der Ägypter Erwerb und der Kuschiter Gewinn und die hoch gewachsenen Leute von Seba werden zu dir kommen und dein Eigen sein. Sie werden dir folgen, in Fesseln werden sie gehen und werden zu dir kommen und niederfallen und zu dir flehen: Nur bei dir ist Gott, und sonst ist kein Gott mehr.

             Jetzt geht der Redende – der HERR – auf den Einwand ein: Du hast uns fallen lassen. Du lässt das Königshaus der Davidsnachkommen fallen. Das wird widerlegt durch eine kaum glaubliche Entwicklung. Die großen Mächte des Südens, Ägypten, Kusch, Seba machen sich auf den Weg zu Israel. Nicht die Siegermacht Persien, sondern dieses Würmlein Jakob wird zum Zielpunkt ihrer Wanderung werden. Der Grund ist nicht ein plötzlicher Machtzuwachs Israels, auch nicht eine völlige Umkehr der Machtverhältnisse. Er liegt tiefer: Sie sehen die Nichtigkeit der eigenen Götter und die Macht des alleinigen, einzigen Gottes.

Deutet sich hier an, was als „Völkerwallfahrt zum Zion“ auch andernorts zur Sprache gebracht wird? „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!“(2, 2-3) Oder ähnlich, aber wohl viel später als Jesaja: „So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden „einen“ jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“(Sacharja 8,23)

Das könnte man dann so verstehen: Gerade das, was die Kritiker Jesaja und Jahwe vorhalten als ein Fallenlassen Israels, dass er den Kyrus ruft und erwählt als sein Werkzeug – gerade das wird zum Zeichen für die Völker: hier ist Gott am Werk. Gerade das wird sie erkennen lassen, dass Gott auf der Seite Israels ist, dass er der Lebensgrund ist, in allen Nöten. So wird das Heil, das Israel widerfährt, zu einer Einladung zum Vertrauen auch an die Völker.

15 Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.

Es ist wohl ein Gebetsruf des Propheten. Staunend. Aber zugleich wirkt er wie ein Zugeständnis an die Kritiker: So über Gott zu denken ist schwer, eine Herausforderung. Ungewohnt. Ja, so verbirgt sich Gott in seinem Tun, weil er nicht so handelt, wie sie es gewohnt sind. Weil er nicht mehr auf die Macht Israels setzt, sondern „fremde Mächte“ für Israel in Anspruch nimmt. Weil er nicht mehr in äußerer Macht erkennbar wird, sondern nur noch in dem einen, dass er der Heiland ist, der Retter. Überaus sachgemäß übersetzt die Septuaginta aus dem Hebräischen ins Griechische: σωτρ. Nirgends sonst wird Gott als Gott erkannt als in seinem  Handeln als Retter.

Das Neue Testament  wird dazu viel zu sagen und zu bezeugen haben. Dass Gott den innersten Grund seines Handelns, seine Liebe, sein Erbarmen verbirgt – und doch gleichzeitig enthüllt – am Tiefpunkt des Weges Jesu. Am Kreuz.

16 Aber die Götzenmacher sollen alle in Schmach und Schande geraten und miteinander schamrot einhergehen. 17 Israel aber wird erlöst durch den HERRN mit einer ewigen Erlösung und wird nicht zuschanden noch zu Spott immer und ewiglich.

Während Gott so verborgen ist, erweist sich das Tun der Götzenmacher als Leerlauf. Sie machen etwas, wovon sie nichts verstehen. Götterbilder sind immer Luftnummer und die sie machen, stehen mit leeren Händen da. In Schmach und Schande. Wenn ihre innere Armut aufgedeckt wird, bleibt nur noch Schamröte.

Wie anders dagegen Israel. Das Volk, das jetzt am Boden ist. Das Volk, das keine Zukunft für sich sieht, das sich fallen gelassen glaubt. Israel geht einer neuen Zukunft entgegen, weil der Herr die Fesseln der Gefangenschaft auflöst, weil er den Weg frei macht. σωτηραν αἰώνιον, eine Erlösung durch die Ewigkeiten hindurch. Wir würden wohl sagen: Für immer und ewig. Damit wird der Horizont der Geschichte geweitet, weit über die Zeit um die Jahre 540 – 530 hinaus.

Zum Weiterdenken

             Es hilft vielleicht zum Verstehen: Der Weg zurück ist kein Spaziergang. Er wird ein Weg durch die Wüste werden, mit allen Unsicherheiten. Ein Weg auch, der nostalgische Gefühle wecken wird – so wie früher schon der Weg durch die Wüste. Damals im Aufbruch aus Ägypten: „Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“(2. Mose 16,3)Alles ist besser als dieser mühselige Weg jetzt. Diese Furcht lässt sie die Worte des Propheten doch sehr zögerlich als Heilsworte hören

Der Weg zurück in die alte Heimat, in die Freiheit verlangt auch Aufbruch aus dem, wo man seit geraumer Zeit gewohnt und gelebt hat. Wo man sich als Israelit eine Existenz geschaffen hat. Wer dort in der Fremde ein Auskommen gefunden hat, sich eingewöhnt und eingewohnt hat, warum soll der freudig in eine zerstörte Stadt und die Mühen des Wiederaufbaus zurückkehren wollen? Das ist genau die Frage so mancher Flüchtlinge heute. Hier bleiben, wo man sich – mühsam genug und nicht immer willkommen geheißen – doch eingewohnt hat, sein sicheres Auskommen gefunden hat oder doch zurück nach Syrien, Afghanistan, in den Irak, wo die Lebensumstände alles andere als gut sind?

Es macht nachdenklich: Die Heilsansagen des Propheten lösen nicht wie von selbst Jubel aus. Sie werden voll Skepsis gehört und die Wege Gottes, die er ansagt werden nicht gleich akzeptiert. Weil Gott in seinem Heilshandeln Wege geht, die  das gewohnte Denken über Gott und sein Handeln in Frage stellen, über den Haufen werfen. Nicht mehr das Königshaus aus der Davids-Dynastie, sondern ein König aus fernem, fremdem Volk soll Gottes Werkzeug sein? Was für eine Zumutung. Aber auch nicht größer als die, dass wir heute einen jüdischen Mann aus der Provinz, gestorben am Kreuz, irgendwann um das Jahr 30 herum,  als den Heiland der Welt und unseres Lebens glauben sollen. Gott mutet uns mit seinen Wegen immer neu Umdenken zu.

 

Du bist ein Gott, der seine Liebe verbirgt im Schrecken des Kreuzes. Du bist ein Gott, der nicht offenkundig handelt, sondern sich oft verhüllt, der sich der Menschen bedient, der in den so irren und wirren Wegen der Welt doch am Werk ist.

Du bist ein Gott, der seine Schöpfung nie fallen lässt, mit ihr nicht am Ende ist, sondern sie trägt und erhält, bis Du mit uns am Ziel bist, in der ewigen Erlösung von Schmerz und Schuld, in Deinem Frieden, Deiner Ewigkeit. Amen