Von Gottes Gnade

Jesaja 45, 1 – 8

1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben:

Zum ersten Mal wird der Name genannt: Kyrus. Der HERR  spricht den Kyrus direkt an.  Es ist die „Botenspruchformel“, wie sie häufig bei den Propheten begegnet: So spricht der HERR. Das gibt diesen Worten besonderes Gewicht. Verleihen sie dem Kyrus doch göttliche Legitimität. Sie zeigen ihn als den Beauftragten Gottes.  Den Gesalbten. „Allerdings darf man in die Bezeichnung māšīa  nicht die spätere Bedeutung des Messias als eines Heilsbringers hineinlesen. Das Wort wird im Alten Testament immer nur von einem gegenwärtig regierenden König gebraucht.“(C. Westermann, aaO.  S. 129)

Aber auch das ist schon auffallend genug: Was sonst von den Königen Israels gesagt wird, dass sie „Gesalbte des Herrn“(1. Samuel 24,7 u. a.) sind, das wird hier von dem fremden König aus fremdem Volk und mit einem anderen Glauben gesagt. Zugleich aber fällt auch auf: Kyrus wird zwar „Gesalbter“ genannt, aber nicht Knecht, nicht ʻebed jahwe. Diese Bezeichnung ist bei Jesaja einem anderen oder anders reserviert.

Die Worte an Kyrus sind Auftrag und Verheißung. Sie sind – merkwürdig genug – die Schrittfolge eines Eroberungszuges.  Völker werden unterworfen, Könige entmachtet, Stadt-Tore gehen auf. Es sind Versatzstücke „aus der alten und weitverbreiteten Tradition eines Königsorakels.“(C. Westermann, aaO. S. 130) Aber sie beschreiben gleichwohl auffällig präzise den Weg, den Kyrus gehen wird.

2 Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen 3 und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode, damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels.

             Auch hier wieder wird der Zug des Kyrus, der mit der Einnahme Babylons seinen Höhepunkt findet, beschrieben. Es ist viel darüber gerätselt worden, wie es kommt, dass diese Worte so nah dran sind an dem, was wir geschichtlich von diesem Feldzug des Kyrus wissen: „Als Babylon von ihm eingenommen wurde, geschah dies kampflos.“(D. Schneider, aaO.   S. 122) Das sind Hinweise, die wir dem „Kyros-Zylinder“ verdanken, einer „Tonzylinder-Inschrift um das Jahr 538.“(C. Westermann, aaO.  S.  128) Aber Jesajas Worte sind wohl älter als dieser Ton-Zylinder. Deshalb erklärt seine Inschrift nichts. Sondern macht nur auf die erstaunliche Genauigkeit der Worte Jesajas zusätzlich aufmerksam

            Bemerkenswerter ist allerdings über diese geschichtliche Genauigkeit hinaus, wie Jesaja den Zweck dieses Zuges bestimmt: damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels. Darauf zielt also alles ab: Kyrus soll verstehen, erkennen, in wessen Dienst und Auftrag er handelt. Er soll den HERRN erkennen – und das geschieht darin, dass er den Weg geht, den ihm diese Worte weisen. „Erkenntnis Gottes ist im Alten Testament kein intellektueller Vorgang…Das einzigartige unvergleichliche Ich Jahwes wird in seinem angesagten Wirken erkannt.“(H.J. Kraus, aaO.   S. 76)

             Mit meinen Worten: Gotteserkenntnis wächst aus dem Tun seines Willens, aus dem Hören auf sein Wort und ihm folgen. Was für Kyrus als Erkenntnisweg gilt, gilt auch weit über ihn hinaus. Bis zu uns heute. So sagt Jesus: „Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede.“(Johannes 7, 16-17)

  4 Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest.

             Wie muss das klingen, um das Jahr 540 – in den Ohren der Exilierten aus Israel, aber auch in den Ohren derer, die im Kyrus „den kommenden Mann“, die beherrschende Figur der Geschichte der nächsten Jahrzehnte sehen: Alles geschieht um Jakobs willen. Die ganze Machtfülle nur zu dem einen Zweck: „Jahwe beruft fremde Machthaber und setzt sie ein, um sein erwähltes Volk zu befreien.“(H.J. Kraus, ebda.) Wie sehr muss das alle, die das hören, Juden, Perser, Babylonier, Ägypter,  befremden. Wie sehr befremdet das bis zu uns heute: Im Zentrum des Interesses Gottes an der Weltgeschichte steht das Heil seines Volkes.

 5 Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, 6 damit man erfahre in Ost und West, dass außer mir nichts ist.

             Gleich zweimal kurz hintereinander: obgleich du mich nicht kanntest. Es ist nicht die Voraussetzung für das Rufen Gottes, für sein Beauftragen, dass es so etwas wie eine persönliche Gotteserkenntnis oder Gottesbeziehung gibt. Auch nicht einen persönlichen Glauben. Nicht der persönliche Glaube macht zum Werkzeug, sondern der Ruf Gottes.

             Indem Gott diesen Kyrus ruft, wird aber die ganze Welt, Ost und West, Nord und Süd, mit seiner Macht konfrontiert. Es ist nur der eine HERR, nur der eine Gott, der handelt. Da sind keine anderen Götter neben ihm. Er allein wirkt in die Geschichte hinein. Jetzt eben durch Kyrus.

            „Was Gott einmal durch den König Israels gewirkt hat, das kann er jetzt durch einen fremden König, den König einer fremden Macht und eines Fremden Glaubens bewirken. Damit ist grundsätzlich die politische Macht vom Gottesvolk abgelöst. Mit dem Kyros-Orakel hat Israel aufgehört, als Gottesvolk ein Volk mit politischer Macht zu sein.“(C. Westermann, aaO.  S. 131)

Nehme ich diese Worte ernst, heißt das im Umkehrschluss: Das heutige Israel ist nicht mehr und nicht weniger als ein politisches Machtgebilde. Das hinsichtlich seines politischen Gebarens der Kritik unterliegt wie alle Völker. Der Staat Israel in unseren Zeiten, unseren  Jahren, betreibt keine heilige Politik im Namen des Herrn. Sondern es folgt menschlich verständlichen weltlichen Interessen.

 Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, 7 der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.

             Noch einmal, zum wiederholten Mal,diesmal als die Eröffnung von Worten, die wieder auf die Schöpfermacht hinweisen. Alles Geschaffene ist auf ihn zurückzuführen. Darum auch alles Geschehen in der Geschichte. Es geht uns ja noch ein: Gott ist der, der das Licht schafft, durch sein Wort: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“(1. Mose 1,1,-5) Davon, dass er die Finsternis schafft, spricht der Schöpfungsbericht nicht! Wohl aber Jesaja! Und in Parallele dazu: Es ist Gott, der hinter dem Frieden und hinter dem Unheil steht. „Hier ist jeder Dualismus radikal ausgeschlossen; ein Teufel hat keinen Platz mehr, wenn Gott das Böse und das Unheil schafft. Aber was ist das für ein Gott, der auch das Unheil, auch das Böse schafft?“(C. Westermann, aaO.  S. 132)

             Mir geht durch den Kopf: Konnte Jesaja überhaupt anders denken, wenn er festhalten wollte an der Macht Gottes? Wenn er die Katastrophe von 586 „verarbeiten“ wollte? Dann blieb ja nur, dass sich in diesem Bösen das Gericht Gottes zeigte, damit aber Er als der, der allein die Geschichte in Händen hat.

Gleich viermal kurz hintereinander: Ich bin der HERR. In allem, was hier geschieht, ist Gott am Werk. Aller Erfolg des Kyrus hängt an seinem, des HERRN Willen und Wirken. Da ist kein anderer Gott, der dem Perserkönig seine Macht verleiht. Und alle, die etwas ausrichten, sich Kyrus in den Weg stellen oder ihm dienen, haben es mit Gott zu tun, sind entweder sein Werkzeug oder seine Widersacher. Oder, noch einmal anders herum: Es geht darum, Geschichte so anzusehen, dass wir darin die Spuren Gottes entdecken. Was für eine eigentümliche und uns so fremde Weise, das Zeitgeschehen anzuschauen.

8 Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen.

Ein Schlusswort, das einen neuen Ton einspielt. Eine neue Sicht. Bittgebet und Segenswunsch in einem. Die Erde ist darauf angewiesen, dass der Himmel regnen lässt. Darf ich ergänzen: über Gute und Böse, „über Gerechte und Ungerechte.“(Matthäus 5,45) Die Erde ist darauf angewiesen, dass der Himmel über ihr aufgeht. Unter dem verschlossenen Himmel kann nichts aufblühen – nicht Leben, nicht Frieden, nicht Gerechtigkeit.

Wenn aber der Himmel seine Gabe gibt, dann kann aus der Erde wachsen, was Not tut: Heil und Gerechtigkeit. Weit entfernt davon, das alles als automatische Früchte der Mutter Erde zu sehen, wird das Zusammenspiel unterstrichen: Der Himmelsegen macht die gute Frucht der Erde möglich. Den Segen aus der Erde und auf der Erde: Hinter allem aber steht, einmal mehr: Ich, der HERR, habe es geschaffen.

Zum Weiterdenken

Es ist eine eigentümliche, eigenwillige Sicht, überaus machtkritisch: Macht wird nicht durch Macht legitimiert. Auch nicht durch die Dauer der Machtausübung. Sie hat ihre einzige Legitimation darin, dass sie dem Wohl des Volkes Gottes dient. Sie ist verliehen von „Gottes Gnaden“, um dem Volk zu dienen, um das Erbarmen Gottes in politische Lebensprozesse zu übersetzen. Eine Macht, die nur sich selbst erhalten will, verliert diese innere Sicht und damit alle Legitimation und mag sie noch so sehr dem Gesetz entsprechen, legal und gesetzeskonform an der Macht sein. Die Konsequenz daraus, gültig bis zu uns heute: Wer über dem Machterhalt die Menschlichkeit, das Erbarmen vergisst, der verliert, von Gott her gesehen, seine Legitimation.

So gesehen, wimmelt es in unserer Zeit an Mächtigen, die längst jede Legitimation verspielt haben. Jedenfalls vor Gott. Unabhängig davon, welcher Konfession oder Religion sie anhängen.  Ob Jude, Christ, Moslem, Hindu oder was auch immer – legitimiert ist Macht vor Gott allein dadurch, dass er sie verleiht und dass sie dem Volk dient, demütig und barmherzig.

 

Mein Gott, wenn ich das doch glauben könnte: Im großen Gang der Geschichte achtest Du auf die Kleinen, die Geringen, den Einzelnen und die Einzelne. Dir müssen die Mächtigen dienen, auch mit ihren eigensinnigen und eigennützigen Plänen. Du nimmst, was Menschen und Mächte sich aussinnen, und machst daraus Wege, die Deinen Plänen unterworfen sind.

Gib mir dieses Vertrauen auch für unsere Zeit heute, damit meinen Ängste weichen und meine Furcht begrenzt wird. Amen