Gott sitzt im Regiment

Jesaja 44, 21 – 28

21 Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! 22 Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!

             Genug Spott. Die Worte jetzt wenden sich wieder an Israel. Wie zwei Brennpunkte verhalten sich die Sätze zueinander, die Aufforderung an Jakob: Gedenke und die Zusage: Ich vergesse dich nicht. Beides scheint in Frage gestellt, dass Jakob sich erinnert und dass Israel im Sinn behält: wir sind nicht vergessen.

Von daher könnten die Worte gut Gottes Antwort auf Klagen sein: „Hast du uns denn vergessen?“ – „Wie lange noch?“ – Wann endlich wendest du unser Geschick?“  Klagen, wie wir sie aus den Psalmen kennen.  Darin gewinnen die Worte hier ihr Gewicht: Es sind Worte, „die zu solchen gesprochen werden, die im Begriff sind, sich von Gott abzuwenden und Gottes Heilshandeln an ihnen zu vergessen.“(C. Westermann, aaO.  S. 116) Sich abzuwenden nicht aus Überdruss oder Bosheit, sondern aus innerer  Erschöpfung. Das Warten auf die Wende wird ihnen zu lang. Resignation droht die zarte Pflanze Zuversicht aufzufressen.

Wenn ich so lese, dann stellt Jesaja dem erschütterten und schwankenden Grundvertrauen erneut Heilszusagen – im Auftrag Gottes – entgegen. Solche, die auf die Vergangenheit zurückverweisen: Ich habe dich bereitet. Und solche, die in die Gegenwart führen: Ich tilge deine Missetat.

    Im kontinuierlichen Lesen fällt ja auf: die Worte, die Heilszusagen werden zwar variiert, aber gleichzeitig doch vielfach wiederholt. Manchmal fast stereotyp, so dass es keineswegs verwunderlich ist, dass man darin Formeln und formelhafte Sprache entdeckt hat. Sozusagen Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht sogar Formeln, wie sie in Liturgien und Liedern tief eingeprägt sind. Es mag sei, sie werden auch deshalb ständig wiederholt, damit sie sich einprägen, damit sie die Mauern der Resignation durchlöchern, damit sie in den Tälern der Angst und im Dunkel der Furcht irgendwie doch neue Hoffnung wecken. Gegen alle Skepsis, gegen alle Einwände, gegen alles Denken: Das sind ja nur schöne Worte.

Neben die Erinnerung tritt die Zusage: Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Das ist die Grundlage für ein neues Gottesverhältnis. Gott bringt von sich her die Beziehung zum Volk in Ordnung. Durch seine Vergebung. Dadurch, dass er wegräumt, aus dem Weg schafft, was den Zugang zu ihm versperrt. „Nichts liegt mehr zwischen Jahwe und seinem erwählten Volk. Vergebung tilgt alle Barrieren und Entfremdungen.“(H.J. Kraus aaO. S. 72) Wolke und Nebel – das sind Sichtbarrieren. Man kann nicht mehr klar sehen. Man verliert den weiten Horizont aus den Augen.

 Das Elend der Sünde ist ja nicht, dass sie ein Zeichen für Unmoral ist, dass sie das Gesetz bricht, dass sie irgendwie „lasterhaft“ ist und lichtscheu. Das Elend der Sünde ist: Sie macht blind. Sie verhindert die Weitsicht. Sie zerbricht die Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer, weil sie dem Geschöpf einflüstert: „Das ist unverzeihlich. Das ist nie mehr gut zu machen. Damit kannst du dich bei Gott nicht mehr blicken lassen.“ Sie isoliert und lässt den Sündern an seine Isolationshaft als unabwendbares Geschick glauben.

Unvergesslich für mich ein Wort, das mir zur Seelsorge geworden ist: „Die Sünde will mit dem Menschen allein sein. Sie entzieht ihn der Gemeinschaft.“(D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1970, S. 96) Nicht nur der Gemeinschaft mit den Mitmenschen, sondern sie suggeriert auch: Da ist kein Weg mehr zu Gott. Genau dem stellt Jesaja sein Wort entgegen. Übt Seelsorge an seinem Volk: ihr müsst nicht länger Gefangene alter Missetaten und Sünden sein. Sie sind vertrieben, so wie der Wind Wolken und Nebel vertreiben kann.  Umkehr ist möglich. Darum ruft Jesaja zur Umkehr und darum sagt er zu, im Namen Gottes: ich erlöse dich.

23 Jauchzet, ihr Himmel, denn der HERR hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! Denn der HERR hat Jakob erlöst und ist herrlich in Israel.

             Das hören und glauben löst Jubel aus. Dankbarkeit. Einen Jubel, den die ganze Schöpfung teilt. In den alle einstimmen – Berge, Täler, Tiefen, der Wald und alle Bäume. Immer wieder stoßen wir in den Schriften der Hebräischen Bibel auf diese Sicht: Das Heil, das Menschen widerfährt, löst den Jubel der Schöpfung aus.  Manchmal trägt die Schöpfung sogar den Jubel weiter, den wir Menschen schuldig bleiben.

 Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,                                                                             und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.                                                                 Ein Tag sagt’s dem andern,                                                                                                  und eine Nacht tut’s kund der andern,                                                                                     ohne Sprache und ohne Worte;                                                                                        unhörbar ist ihre Stimme.                                                                                                      Ihr Schall geht aus in alle Lande                                                                                         und ihr Reden bis an die Enden der Welt.          Psalm 19, 2 – 4

Geschult in diesen Gedanken und vertraut mit ihnen, wird Paulus Jahrhunderte später formulieren: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“(Römer 8, 19-21)Auch im Zusammenhang dieser Worte geht es um die Themen, die Jesaja hier verhandelt: Vergebung und Erlösung. Offensichtlich sagt man zu wenig, wenn man sie nur auf das Individuum, die Vergebung für den Einzelnen und die Erlösung der Einzelnen bezieht. Es geht dabei immer auch um die ganze Schöpfung und ihre Zukunft in Gott.

 24 So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleibe bereitet hat: Ich bin der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen.

             Aufregend: in der Form einer Selbstvorstellung wird angesagt, was geschehen wird. Ich bin…., der…. In dem, was geschehen ist und geschehen wird, wird Gott erkennbar als der, der er ist und der er sein wird. Es liegt nahe, in diesem Ich bin der HERR die Gottesoffenbarung aus dem Dornbusch mitzuhören. Und auch da wird ja nicht einer abstrakten Gotteserkenntnis das Wort geredet, sondern es geht um einen Weg, der in seiner Selbstvorstellung eröffnet wird: „Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land…, Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.(2. Mose 3, 7-8a. 13-14)

 Er, der sich so vorstellt, ist geschichtsmächtig, weil er der Schöpfer ist, von Raum und Zeit, dem Ort der Geschichte. Und weil er Israel schon von Mutterleib an bereitet – also schon, bevor es als Volk ins Licht der Geschichte tritt. Ein verborgener Hinweis: Es gibt eine Vor-Geschichte Israels, bevor es ein Volk ist – als Familiengeschichte auf dem Weg der Väter, Abraham, Isaak, Jakob. Wenn man so will: prä-natal, bevor  das Volk durch Auszug und Sinai-Bund aus einem Zwölf-Stämme-Verbund zum Volk wird.

 25 der die Zeichen der Wahrsager zunichte macht und die Weissager zu Narren; der die Weisen zurücktreibt und ihre Kunst zur Torheit macht; 26 der das Wort seiner Knechte wahr macht und den Ratschluss vollführt, den seine Boten verkündigt haben; der zu Jerusalem spricht: Werde bewohnt!, und zu den Städten Judas: Werdet wieder aufgebaut!, und ihre Trümmer richte ich auf; 27 der zu der Tiefe spricht: Versiege!, und deine Fluten trockne ich aus; 28 der zu Kyrus sagt: Mein Hirte! Er soll all meinen Willen vollenden und sagen zu Jerusalem: Werde wieder gebaut!, und zum Tempel: Werde gegründet!

Weiter geht es mit der Selbstvorstellung als Ankündigung des Handelns. Sein Handeln scheidet. Es ist den Einen, den Mächtigen, den Meinungsführern und Meinungsmachern Gericht über ihre vermeintliche Macht. Es ist Wahrsagern und Weissagern die große Krise. Ihr Reden wird als Geplapper entlarvt, als leeres Stroh. Die Anderen aber, Knechte des HERRN,  erfahren, wie ihre Worte wahr werden, ihre Botschaften sich erfüllen.

Der Blick geht weit nach vorne. Über die Wüste hinweg zum Ort der Sehnsucht der Weggeführten. Ein Heilswort über die zerstörte Stadt und die verwüsteten Städte. Zu Jerusalem: Werde bewohnt! Zu den Städten Judas: Werdet wieder aufgebaut! Dieses Wort in die Geschichte sagt der, der den Tiefen gebietet – dem Meer seine Grenzen gesetzt hat: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. (1. Mose 1,6 – 8)

Einmal mehr haben wir diesen Zusammenhang vor Augen, der für die Botschaft des Jesaja so wichtig und charakteristisch ist: Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist der, der in der Geschichte handelt. Die Schöpfung hat nicht irgendwann, nach dem siebten Tag aufgehört. Denn der Schöpfer ist auch jetzt noch am Werk. In seinem Handeln für Israel.

Und das ist der letzte Schritt: Er ist es, der den Kyrus ruft. Ihn in Dienst nimmt. „Der Titel „Hirt“ ist gemeinsame orientalische Bezeichnung für den König.“(D. Schneider, aaO. S. 121)Und doch muss es für die Ohren der Exilierten ungewöhnlich klingen, weil es heißt „Mein Hirte“. Und weil er, dieser Fremde, dieser König aus fremdem Land und mit fremden Glauben zum Werkzeug Gottes werden wird, zu dem der seinen Willen tut. „Der Perserkönig ist in seiner Politik im Einzelnen frei. Aber Jahwe hat ihm Ziele gesteckt, die erreichen soll und wird.“(D. Schneider aaO.  S. 121)

Zum Weiterdenken

Allen Einwänden, die ihm wohl entgegengehalten worden sind, bleibt Jesaja bei seinen Worten. Hartnäckig, vielleicht sogar selbst staunend und fragend: Was  sage ich da? Soll ich das wirklich sagen? Und Gott sagt: ja. Genau so. Weil du nur ansagst, was ich, der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest mach, tun werde. Du bist mein Ansager. Mehr nicht weniger nicht. Dein Ansagen setzt in Gang, was ich tun werde. Dein Ansagen schafft Fakten in die Realität hinein.

Jesaja ist nicht allein mit dieser Sicht auf die Geschichte. Wenn man der Erzählung der Bücher Nehemia und Esra folgt, dann zeigen beide die gleiche Überzeugung: Der Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels geht auf den Befehl des persischen Großkönigs zurück. Der aber ist in seinem Befehlen „nur“ das Sprachrohr Gottes. Nur ausführendes Organ. Für das biblische Denken gibt es keine Eigengesetzlichkeit der Geschichte, kein Muster nach dem sie abläuft. Kein Kommen und Gehen der Reiche, Weltreiche, Hochkulturen, das irgendeinem inneren Gesetz von Werden und Vergehen folgt. Es gibt nur Gott, der handelt, ins Leben ruft, beauftragt.  Wen er will und wo er will. Aber immer: Uns, seinem Volk zu gute.

 

Mein Gott, was für ein Trost: Du sitzt im Regiment. Du gibst dem Handeln der Mächtigen seine Grenzen. Du nimmst ihre Entscheide, damit Dein Plan voran kommt.

Mein Gott, wie weit bin ich oft entfernt von solchem Glauben. Wie hilflos sehe ich auf das Spiel der Großkonzerne, das Handeln der Märkte, die Mechanismen der Machtpolitik, die nur die eigenen Interessen zu kennen scheint.

Stärke Du in mir den schwachen Glauben, dass dennoch alles, was Menschen so entscheiden, tagaus tagein, gutwillig und manchmal auch bösartig, am Ende doch Deinem Willen unterworfen ist.

Dein Werk kann niemand hindern. Lass mich daran festhalten. Amen