Nicht billig – Gott hat Mühe

Jesaja 43, 22-28

 22 Nicht, dass du mich gerufen hättest, Jakob, oder dass du dich um mich gemüht hättest, Israel. 23 Mir hast du nicht die Schafe deines Brandopfers gebracht noch mich geehrt mit deinen Schlachtopfern. Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch. 24 Mir hast du nicht für Geld köstliches Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt.

             Dieser Neuanfang hat seinen Grund nicht in Israel. Allen Klagen und Fragen zum Trotz, die es im Exil gegeben haben wird, die Jesaja gekannt hat. Was da laut wurde, war ein resignatives Jammern. Eines, das nicht mehr wirklich damit gerechnet hat, dass Gott sich in die Not seines Volkes hineinrufen lässt. Klagen, wie sie ihren Niederschlag in den folgenden Worten gefunden haben.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,                                                         wenn wir an Zion gedachten.                                                                                                  Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.                                               Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen                                                   und in unserm Heulen fröhlich sein:                                                                               »Singet uns ein Lied von Zion!«                                                                                            Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?                                                               Psalm 137, 1- 4

 Weit über den Kreis der Bibellesenden in Deutschland bekannt geworden durch den Schlager:

 “By the rivers of Babylon, there we sat down
Yea, we wept, when we remembered Zion.”
Boney M. 1978

Manchmal müssen säkulare Medien die Rolle übernehmen, die introvertierte Kirchen nicht mehr wirklich annehmen: Worte der Schrift unter die Leute bringen.

Also: es ist nicht das Volk, das Gott zum Handeln bringt. Es sind auch nicht ihre Gottesdienste. Gott hat sie nicht gefordert. Was da abgelaufen ist, war nicht das, was Gott gesucht hat. Die Worte hier erinnern stark an die Gottesdienstkritik früherer Propheten. „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“(Amos 5, 21 – 23) Was immer es an Gottesdienst im Exil gegeben haben mag „das ist nichts, worauf ihr euch Gott gegenüber stellen könnt, denn diese Gottesdienste haben doch nichts geändert.“(C. Westermann, aaO.  S. 108)Auch im Exil ist Israel nicht wirklich zu dem Volk geworden, das sich Gott „wünscht“.

Aber mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. 25 Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.

             Aber obwohl Israel ist, wie es ist, handelt Gott neu an ihm. Er nimmt dieses Volk auf sich wie eine Last. Du hast mir Arbeit gemacht. Er nimmt seine Taten auf sich, die ihm Mühe machen, die ihn schmerzen. Er nimmt all die Verfehlungen auf sich, die Irrwege und Abwege, die Übertretungen. Was für ein „schreiender Kontrast!“(C. Westermann, aaO.  S. 109) Dieses Wort der Vergebung ist durch nichts begründet. Es hat seinen Grund allein in Gott. Darum auch die Doppelung: Ich, ich.

Wie weit sind diese Worte von der leichtfertigen Einstellung entfernt: Gott kann ja gar nicht anders. Es ist seine zweite Natur, zu vergeben. Nein, hier wird es deutlich, dass es eine inneren Kampf in Gott gibt, dass er sich mit sich selbst abmühen muss, um sich durchzuringen: Ich gedenke deiner Sünden nicht. Gott lässt sich in seinem Verhalten und seinen Verhältnis zu seinem Volk nicht von dem beeinflussen, was das Volk so alles angestellt hat. Er lässt sich nur von sich selbst sein Handeln diktieren.   

             Diese Sätze sind nahe bei den Sätzen eines anderen Propheten: Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Gerade weil Gott er selbst, Gott ist, geht er mit uns nicht so um, wie es auf das Hand läge.

 26 Erinnere mich, lass uns miteinander rechten! Zähle alles auf, damit du Recht bekommst! 27 Schon dein Ahnherr hat gesündigt, und deine Wortführer sind von mir abgefallen. 28 Darum habe ich die Fürsten des Heiligtums entheiligt und Jakob dem Bann übergeben und Israel dem Hohn.

             Wird Gott, gegen seine Worte, rückfällig? Macht er, was er dem Volk untersagt hat: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!“(43,18)Sieht er jetzt auf das, was früher, vorzeiten war und macht eine Rechnung auf, die doch nur der Auftakt zur Abrechnung werden kann? Gott hat sich nichts vorgemacht über dieses Volk seiner Wahl. Er hat gewusst, mit wem er sich einlässt. Von Anfang an war da Unrecht, Schuld. Abfall. Jesaja könnte aufzählen: Abrahams Lügengeschichten, Jakobs Tricksereien, Davids Ehebruch, Salomos Götterdienst. Er lässt es. Nur das Ergebnis wird noch einmal genannt: Das Gericht, das sich an Jerusalem gezeigt hat, am Volk und am Königshaus – im Untergang 586. Erinnerung, damit die Vergebung jetzt, das unverhoffte Geschenk, der „unverdiente Freispruch“(H.J. Kraus, aaO. S. 62) umso heller strahlen kann.

Zum Weiterdenken

             Damit die Gnade nicht billig wird, nicht selbstverständlich, braucht es die Erinnerung an die Schuld, die gegen das Geschenk der Gnade steht. Nicht, um Menschen klein zu machen,  wohl aber, um die Dankbarkeit groß zu machen.

 

Wo ist ein Gott wie Du, unser Gott, der die Sünden vergibt, der uns nicht zerbrechen lässt an unserem eigenen Tun, der zurechtbringt, zurück führt auf den Weg des Lebens.

Ich kann nicht anders als staunen, wie oft Du neu anfängst, wie Du festhältst an uns, die Du doch durchschaust bis in die Tiefen unserer Seele.

Ich lobe und preise Dich, Du Erlöser von alters her, Du Erbarmer, gnädig und barmherzig und von großer Güte. Amen