selbst fliegen lernen

Jesaja 43, 14 – 21

14 So spricht der HERR, euer Erlöser, der Heilige Israels: Um euretwillen habe ich nach Babel geschickt und habe die Riegel eures Gefängnisses zerbrochen, und zur Klage wird der Jubel der Chaldäer.

             Dies ist ein Neueinsatz. Kein Freispruch, eher ein Abbruch der vorhergehenden Gerichtsverhandlungen. Die Gerichtsszene wird überholt, geweitet durch das Wort an Israel. Noch einmal, wie einen Irrtum auszuschließen, stellt sich der Herr vor: euer Erlöser, der Heilige Israels. Und sagt in der Vorstellung zugleich, was ansteht. Erlösung. Die so angeredet werden wissen es noch nicht. Aber es ist schon im Gang, was die Situation Israels von Grund auf ändern wird. „Wie ein Bote ist der noch ungenannte Kyros vom Gott Israels nach Babylon geschickt worden, um dort im Auftrag des für ihn fremden Gottes etwas Entscheidendes auszurichten.“(D. Schneider, aaO. S. 93) Was für eine Sichtweise: Um euretwillen habe ich nach Babel geschickt. Für diesen hoffnungslosen Haufen hat Gott die Weltgeschichte weiter gedreht.

 Ein Wandel ohnegleichen wird eingeleitet. Gefängnistoren werden zerbrochen.  Siegerjubel wird zur Klage. Es ist Umsturz, die radikale Verwandlung der Verhältnisse. So wie ihn später eine junge Frau besingen wird:

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Lukas 1,52

Hier, in diesem Geschehen über fünfhundert Jahre früher hat die Sängerin Maria die Vorlage für ihr Lied. Es ist die Überzeugung Israels, die aus diesen Worten des Propheten erwächst: Gott handelt in die Geschichte hinein. Sie geht nicht einfach nur ihren Gang.  Die Mächte und Mächtigen müssen Gott zu Diensten sein. So zu glauben, könnte von mancher Bangigkeit auch heute frei werden lassen.

 15 Ich bin der HERR, euer Heiliger, der ich Israel geschaffen habe, euer König.

             Wie um jeden Irrtum auszuschalten, wer hier am Werk ist, werden jetzt Gottesprädikate regelrecht aufeinander gehäuft. Sie sind mehr als nur schmückendes Beiwerk, „rühmende Bildworte.“(C. Westermann, aaO.  S. 103) Sie erinnern Israel: Der jetzt, in dieser geschichtlichen Stunde,  am Werk ist, das ist der, der immer schon mit euch auf dem Weg war. Es ist der gleiche Gott, der Israel erschaffen hat, der jetzt alle Schritte für einen neuen Anfang in Gang setzt.

Es gibt ein Reden von Gotteserfahrungen, das nur den Augenblick hier und jetzt zu kennen scheint. Das ist nicht die Weise,  in der Jesaja von Gott spricht, auch nicht von seinem Handeln. Um zu wissen, mit wem man es zu tun hat, braucht es den Blick zurück, in die Geschichte. Weil Gott sich in seinem Handel treu bleibt, der Erlöser, der Israel das Leben geöffnet hat, darum wird er auch jetzt erkennbar als der, der treu ist und den Weg ins Leben öffnet.

 16 So spricht der HERR, der im Meer einen Weg und in starken Wassern Bahn macht, 17 der ausziehen lässt Wagen und Rosse, Heer und Macht, dass sie auf einem Haufen daliegen und nicht aufstehen, dass sie verlöschen, wie ein Docht verlischt:

Das neue Handeln des HERRN wird durchsichtig auf sein früheres Handeln. Oder auch umgekehrt: Sein früheres Handeln ist die Vorlage für sein Handeln jetzt. Wie der Durchzug durch das Schilfmeer wird der Zug durch die Wüste nach Jerusalem sein. Und wie die Ägypter im Meer liegenbleiben mit Ross und Macht, so werden auch jetzt die zurück bleiben müssen, die Israel aufhalten könnten. Die jetzt noch so voll Macht erscheinen, sind doch wie ein verlöschender Docht. Der Exodus wird zur Blaupause für die Heimkehr der Exilierten.

 18 Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! 19 Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.

             Aber, so gewaltig ist das Neue, das Gott heraufführt, dass es die Erinnerung fast überflüssig macht. Israel muss nicht mehr nur aus der Erinnerung leben! „Israel soll nicht mehr rückwärtsgewandt vor Jahwe leben, sondern nun nach vorne schauen.“(H.J. Kraus, aaO. S. 57) Es wäre verweigerter Glauben, wenn es beim bloßen Erinnern an die großen Taten Gottes bliebe und daraus nicht Hoffnung und Handeln in der Gegenwart würde.

20 Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten; 21 das Volk, das ich mir bereitet habe, soll meinen Ruhm verkündigen.  

            So einschneidend ist der  neue Exodus, dass auch die Tiere von ihm berührt werden. Schakale und Strauße stimmen das Lob Gottes an. Die Wüste wird verwandelt. Immer noch schwingt mit, klingt nach, dass Israel blind und taub (43,8) war. Jetzt wird alles anders. Es wird eine regelrechte Prozession werden, dieser Heimweg nach Jerusalem. Kann da mein Volk,  können da meine Auserwählten, schweigen? Das wäre doch widersinnig.

Zum Weiterdenken

Es ist nicht der Hauptstrom prophetischer Verkündigung, aber auch keine Nebensache. Wenn die Welt durch Gottes Retten neu geordnet wird, dann hat auch die Schöpfung etwas davon. Die Wüste erhält Wasser, in der Einöde fließen die Ströme. Wasser genug für alle. In einer Welt, in der Millionen vom Trinkwasser abgeschnitten sind, ist das eine umwerfende Botschaft. Dass das Volk Gottes zurechtkommt, ist auch für die Schöpfung gut. Daran werden wir zu arbeiten haben.

Das will dieses Wort: Augen auf für das, was im Gang ist. Für den, der jetzt handelt. Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Das ist eine Mahnung, die auch die Christenheit immer neu nötig hat. Wunderbar eingelöst durch Sören Kierkegaard:

„Ein Haufen schnatternde Gänse wohnt auf einem  wunderbaren Hof.  Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche  Parade. Das stattliche Federvieh´ wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredtste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank denen die Gänse die Erdkugel überflogen.  

Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles.                                                                                  Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher und ihr Leben bequem.“(S. Kierkegaard, 1855)

            Genau das aber will der Umgang mit solchen Worten der Propheten. Dass wir heute nicht nur gerührt und ein wenig nostalgisch die große Vergangenheit bestaunen, sondern dass wir selbst fliegen lernen, selbst Schritte des Vertrauens wagen.

 

Es singt sich leicht: Gott hat die ganze Welt in seiner Hand. Es glaubt sich ein wenig schwerer, gegen alle die Potentaten, die sich als die Herren der Welt aufspielen. Am Ende werden sie dem dienen müssen, was Gott will.

Mein Gott, das möchte ich gerne glauben, nicht nur für mein  kleines, privates Leben, sondern für die ganze große Welt, dass Du im Regiment sitzt, dass Du diese Welt unendlich sanft in deinen Händen hältst, dass  Du sie nicht den Gewalttätern überlässt.

Darauf traue ich, gegen alle Skepsis meines Herzens. Amen