Zeugen gesucht

Jesaja 43, 8 – 13

8 Es soll hervortreten das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben! 9 Alle Heiden sollen zusammenkommen und die Völker sich versammeln. Wer ist unter ihnen, der dies verkündigen kann und uns hören lasse, was früher geweissagt wurde? Sie sollen ihre Zeugen aufstellen und beweisen, so wird man’s hören und sagen: Es ist die Wahrheit.

             Der Ton wechselt. Herausfordernd statt tröstend klingen die Worte. So, als spürte der, der so eindrücklich von seinem Erbarmen gesprochen hast, Widerstand gegen diese Worte. Gegen seine Suchbewegung ganz unten.

             Einmal mehr Rechtsstreit. Urteilsfindung im Kreis der Betroffenen. Wer ist das blinde Volk? Wer sind die Tauben, die doch Ohren haben? Die Heiden, von denen sofort die Rede ist? Sie werden ja hier in den Gerichtskreis gerufen. Sie werden zur Auskunft gefordert, ob es unter ihnen jemand gegeben hat, der Zukunft nicht nur irgendwie vermutet hat, sondern sie angesagt und herauf geführt hat.:

Es ist gut, sich zu erinnern, an Worte  – des HERRN! – bei der Berufung des ersten Jesaja.  „Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(6,9-10) Das legt nahe: hier wird Israel, taub und blind, wie es sich gezeigt hat, von Gott in den Zeugenstand gerufen. Das Volk, über dessen äußeren und inneren Zustand sich Gott keine Illusionen macht.

Vielleicht darf man deshalb zwischen den Zeilen lesen: Gott macht einen neuen Anfang mit seinem Volk, diesen blinden und tauben Leuten. Es beginnt noch nicht gleich die Heilszeit, aber eine Zeit des Heilwerdens: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“(35,5)  Die Re-Vision nimmt ihren Anfang. Dafür braucht es nicht perfekte Leute. Gott kann auch mit Blinden und Tauben etwas anfangen. Nur eines braucht es: sie müssen sich rufen lassen.

Neben Israel werden die Völker, die Heiden in den Zeugenstand gefordert. Geht es doch darum, dass vor aller Welt geklärt werden muss, welcher Anspruch zu Recht besteht, der Anspruch der Götter oder der Anspruch des HERRN? Dazu müsste es kommen; „zu einem Zusammenklang vom ankündigenden Wort und der darauf folgenden Tat der Götter.“(D. Schneider, aaO. S. 89)Es ist die Wirklichkeit, die erweist, was Sache ist. In der Fußballersprache: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“

 10 Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich’s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein. 11 Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland.

             Dem Aufruf in den Zeugenstand folgt das Wort des Herrn an seine Zeugen, an Israel. Er hat keine anderen Zeugen aufzubieten. Nur dieses Volk in der Verbannung. Dieses Würmlein Jakob. Nicht, was sie aus sich machen, ist entscheidend. Dass Gott sie, blind und taub, wie sie sind, zu seinen Zeugen ruft, ist ausschlaggebend. „Israel ist in seinem Dasein und Sosein der lebendige Gottesbeweis – von Jahwe geschaffen, geführt und erlöst.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 54) 

Es sind steile Sätze, die auf eines hinauslaufen: Es ist kein Gott außer dem einen, außer dem HERRN. „Auch über die Geschichtserfahrungen hinausgehend ist in Urzeit und Endzeit keine Gottheit aufweisbar, keine Schicksalsmacht nachweisbar. (H.J. Kraus, ebda.)  Nur der HERR. Er aber ist der Heiland.

Himmelweit sind diese Worte entfernt von dem, was wir „Monotheismus““ nennen. Einem Konstrukt, das aus Denken und Abstraktionen entsteht. Ich gehe so weit zu sagen: An dieser Art Monotheismus ist die Bibel insgesamt nicht interessiert  – ein Zeuge dafür neben Jesaja ausgerechnet Jakobus: „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.“(Jakobus 2,19) Es ändert ja nichts, einen Gott irgendwo zu glauben, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, jenseits der Galaxien. Aber es ändert alles, wenn ich glauben darf und glauben kann: Heiland. Mir zugetan. Uns. Den Armen und Elenden. Retter der tausendfach verwundeten Welt.

Er ist es, den Israel glauben und erkennen soll. „ Dass er es ist, dass er allein es ist, der das kann, das sollen sie erkennen, glauben und einsehen. Es ist ein völlig personales, allein in der Begegnung sich vollziehendes Erkennen, das hier gemeint ist; dieses Erkennen enthält in sich das Glauben, Es ist glaubendes Erkennen oder erkennendes Glauben.“(C. Westermann, aaO.  S. 101)

Noch einmal: Das ist nicht der theoretische Monotheismus, dessen Überlegenheit über den Polytheismus die Christenheit lange behauptet hat. Der heute von manchen verantwortlich gemacht wird für den Zustand unserer Welt. Für Kriege, Ausbeutung und Hegemonialansprüche. Man muss es sich klar machen: hier wird nicht aus der Machtposition einer Welt-Religion dekretiert: so ist zu glauben. Sondern hier spricht einer, dessen Volk deportiert ist, dessen zentrales Heiligtum seit siebzig Jahren zerstört ist, dessen Land verwüstet und verödet ist. Er spricht zu einem Volk, das in der Gefahr ist, sich in die anderen Völker aufzulösen. Und er spricht im Namen eines Gottes, der in den Augen der Sieger abgewirtschaftet hat. Nicht mehr relevant.

Sein Sprechen, das Sprechen des Jesaja ist ein leidenschaftliches Werben um Vertrauen – bei einem verstörten Volk, bei Leuten, die sich und ihre Identität nicht mehr behaupten können, sondern dabei sind, sie aufzugeben und damit sich selbst aufzugeben. Ihnen sagt er im Namen Gottes: Ich, der im Anfang war, der euer armes Leben sieht, ich bin für euch. Der eine, bei dem Zuflucht ist.

12 Ich hab’s verkündigt und habe auch geholfen und hab’s euch sagen lassen; und es war kein fremder Gott unter euch. Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und ich bin Gott. 13 Ich bin, ehe denn ein Tag war, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann.

Noch einmal: Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR. Andere Zeugen als dieses Volk am Boden hat er nicht. Darauf beruft sich nun Gott vor seinem Zeugen Israel: Auf seine Wahl. Auf sein Heiland-Sein. Das hat er angesagt, hat es durch seine Propheten wieder und wieder sagen lassen und hat es auch wirklich getan. Er hat geholfen. Damals am Schilfmeer. Damals in der Wüste. Damals in der Landgabe. Damals im Geschenk des Königshauses.  Damals.  Immer wieder.

Es ist wie ein Reflex, wie eine Antwort auf diese Worte des HERRN, wenn es in einem der  Psalmen Israels, so klingt:

 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,  und seine Güte währet ewiglich.     So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat                                                             von Osten und Westen, von Norden und Süden.                                                             Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege,                                                und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,                                                        die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,                                  „die dann zum Herrn riefen in ihrer Not“                                                                          und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg,            dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:                                                  „Die sollen dem Herrn danken für seine Güte                                                                     und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.“                                                                             Psalm 107, 1 – 8

             So geht es einen ganzen Psalm lang weiter, durch Erfahrungen Israels mit seinem Gott, seinem Heiland.  Er ist der Retter – aber: aus seiner Hand kann niemand retten. Wehe dem Volk, gegen das er sich feindlich stellt. Und umgekehrt: Wohl Israel, dass er sich zu seinem Volk kehrt.

Ich wirke; wer will’s wenden?

Vor diesem Gott gibt es kein Unmöglich. Vor ihm gibt es kein Ausweichen. Neben ihm ist kein Raum für andere Götter. Auch kein Raum für einen Satan mit eigenem Machtbereich. Die logische Konsequenz haben wir Christen oft genug gescheut. Die Propheten Israels nicht. „Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“ (45,7) Und lange vor Jesaja schon Amos: „Bläst man etwa die Posaune in einer Stadt und das Volk entsetzt sich nicht? Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das nicht der HERR tut? (Amos 3,6) Das ist der Preis, der für das Bekenntnis zu dem einen Gott und Herrn, zu diesem Wort:  Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland zu zahlen ist. Alles kommt aus seinen Händen.

Zum Weiterdenken

Gott hat abgewirtschaftet. Das mit dem Glauben ist ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. „Prognose 2060“ – nur noch die Hälfte der Kirchenmitglieder und der Finanzkraft. Ist es ein Wunder, dass die Sorge vor den Verlusten wie Mehltau über dem Denken und Handeln liegt? Es ist, als würde die bange Frage gestellt: Und wer macht am Ende das Licht aus?

Es ist die Herausforderung der prophetischen Botschaft. Ja, es steht nicht allzu gut um uns. Ja, die Hoffnungslosigkeit greift nach uns und schnürt uns die Kehle zu. Aber – da ist Gott. Und er ist für uns. Er ist bei uns. Er wird uns nicht fallen lassen. Der Angst seiner Zeit stellt der Prophet die Zusagen des gegenwärtigen Gottes entgegen. Der Angst und Furcht unserer Kirchen wird nichts anderes helfen, als dass wir uns bergen in diese Zusagen. Sie sind noch lange nicht abgegolten.  Sie gelten noch – alle Tage neu.

 

Du, immer Du, Gott. Der Erste und der Letzte. Der Einzige. In Dir ist Hoffnung und Halt. Du bist der Grund, aus dem alles Leben seinen Anfang hat, das Ziel, zu dem alles Leben unterwegs ist

Ich sehe Deine Werke, Fußspuren Deiner Gegenwart, aber Dich sehe ich noch nicht. Ich lese Deine Worte, aber überhöre so oft Deine Stimme. Und doch willst Du mich zum Zeugen, blind und taub wie ich bin.

Öffne mir die Augen. Öffne mir die Ohren. Sprich mir zu Herzen, Du, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen