Der Suchende, der Rufende

Jesaja 43, 1 – 7

1 Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:

             Eine erneute Anrede, diesmal aber eindeutig – an das Volk. Der HERR, dem Israel sein Dasein verdankt spricht zu ihm, einem Volk. Um zu erklären, welcher weite Horizont hier aufgespannt ist, müsste man zurückgehen – zur Berufung Abrahams, zu den Worten an Jakob, zur Rettung am Schilfmeer.

Mir ist wichtig: Im Stammvater wird hier das gegenwärtige Israel angeredet: Jakob. Das schließt mit ein: Gesegnet, erwählt gegen die Tradition, gegen das Herkommen. Das schließt mit ein: Ambivalenz – bis hin zu betrügerischem Verhalten. Das schließt mit ein: Aufbruch in ungewisse Zukunft. Und es schließt mit ein: Rückkehr in die Heimat. Alles an den Jakobsgeschichten ablesbar. Jakob ist so nicht nur ein Signal dafür, dass der HERR Israel wie eine Person ansieht – wir nennen so etwas heute gerne corporate identity – sondern dass er auch die ganze bisherige Geschichte mit hinein nimmt in die neuen Schritte.

 Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

             Worte, die beliebt sind als Taufspruch. Wobei wir überspringen: sie gelten einem Volk. Damals. Einem Volk, zu dem wir Heidenchristen nicht gehören. Und nicht zuerst einem Kind heute.

Vor allem anderen: Fürchte dich nicht! Einspruch gegen alles, was damals Angst machen will, was zum Fürchten ist. Die Gefährdung der Identität als Volk in der Gola. Die Übermacht der Babylonier. Das gewisse Maß an Rechtlosigkeit und Ausgeliefertsein an die Willkür der Herren. Sie haben in der Gola so viel Grund zur Furcht, dass es kein Ende mit dem Aufzählen von Gründen haben würde. Es ist wie heute. Es gibt immer noch einen Grund mehr, sich zu fürchten. Dem tritt das Wort des Propheten, das Wort Gottes entgegen.

Das steht an erster Stelle: Du bist erlöst. Beim Namen gerufen. Es gibt das eine nicht ohne das andere – Erlösung nicht ohne den Namen. Das Rufen des Namens nicht ohne Erlösung. Im Erlösen stellt sich  ein Verwandter zu seinem Verwandten – nachzulesen im Buch Ruth. „Der Erlöser ist der nächste Verwandte eines Menschen, der in die Schuldsklaverei geraten ist; er hat den Sklaven „herauszulösen“. Das ist seine Rechtspflicht. Jahwe ist für Israel dieser nächste Verwandte.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 50)  

 Von daher erklärt sich auch: Du bist mein! Gott übernimmt die Verantwortung für das Volk, das er erlöst hat. Sie waren, sie sind und werden sein Eigentum, ihm zu eigen. So wie es Luther im Kleinen Katechismus auch für das Erlösungswerk Jesu erklärt: „Ich glaube, dass Jesus Christus…sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hast, erworben und gewonnen, von allen Sünden,  vom Tod und der Gewalt des Teufels,….auf dass ich sein eigen sei…“(M. Luther. Der Kleine Katechismus, Erklärung zum 2. Glaubensartikel in: Luther Deutsch, Bd. 6, Kirche und Gemeinde, Göttingen 1983, S. 146) Diese Übertragung Luthers erklärt wohl auch, wie es dazu kommt, dass wir die Worte an Israel individualisiert haben – auf Täuflinge hin, auf uns als Einzelne.

Aber, Achtung! Mit dieser Individualisierung wird dem Wort keine Gewalt angetan. „Das dem Wort zugrunde liegende Heilsorakel ist eigentlich ein an den Einzelnen gerichtetes Gotteswort, das also – wahrscheinlich jahrhundertelang – in eine persönliche Not hinein gesprochen und gehört wurde.“(C. Westermann, aaO. S. 95) So holt also der kirchliche Gebrauch dieser Worte ihren ursprünglichen Gebrauch wieder ein.

Umso mehr gilt, man darf es nie vergessen: Eigentum verpflichtet. Auf beiden Seiten.

  2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. 3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.

             Das ist Gottes Umgang mit seinem Eigentum: er rettet. Er bewahrt.  Nicht unbedingt vor den Gefahren, aber in den Gefahren. So hat er am Schilfmeer gerettet, so hat er aus dem Feuer der Zerstörung Jerusalems heraus geführt. Immer stehen die Geretteten – hier wie dort – für das ganze Volk. Und die Begründung ist immer gleich: sie liegt in Gott, nicht im Volk. In seinem Wesen, seiner Treue, seinem Erbarmen. Weil er der HERR ist, rettet er und bewahrt er.

 Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt, 4 weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.

             So viel ist Gott sein Volk wert. Er gibt andere Völker dran, um Israel zu erlösen, zurück zu gewinnen. Was für ein Tausch: Für das Volk in der Knechtschaft die damalige Großmacht Ägypten. Für Leute, die in den Augen der Mächtigen nichts sind, eine der Hochkulturen aller Zeiten.

Und der einzige Grund für diesen Tausch: weil ich dich lieb habe. Es ist eine innige Beziehung von Gott her zu seinem Volk. Nicht kühle Distanz. „Gott liebt sein Volk nicht, weil es das verdient hatte, sondern weil er es liebt. Und darum wird Israel liebenswert!“(D. Schneider, aaO.  S. 86) Was für eine klare Widerlegung des unsinnigen Geredes vom Gott des Alten Testamentes, der angeblich nur zornig, rachsüchtig und blutrünstig ist. Es ist, wenn ich das so sagen darf, ein Blick in das Herz Gottes, den uns diese Worte erlauben. Und wir sehen darin: Liebe, die nicht mit sich selbst zufrieden, unberührt vom Leid im Himmel und der Herrlichkeit bleibt, sondern die sich nach unten beugt, sich erbarmt.

 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

             Noch einmal, weil es gar nicht oft genug gesagt werden kann: So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Wohl auch, weil dieses Wort bei denen im Exil wie ungesagt und ungehört verhallen könnte, wenn die Tagesordnung und die eigenen bescheidenen Lebensverhältnisse wieder die Oberhand gewinnen, wenn die Realität beansprucht, das letzte Wort zu haben. Es ist ja der Widerspruch gegen eine Situation, in der sie in Babylon oft genug aus dem Mund der Herrschenden gehört haben werden: Ihr gehört uns. Wir sind eure Herren, Ihr habt uns zu gehorchen. Wir verfügen über euch.  Auch das mag zur Wiederholung führen: solche Worte müssen wieder und wieder gesagt werden, damit sie in der Seele haften. Verinnerlicht werden. Und von innen her prägen können.

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, 6 ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, 7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

             Auf die Zusage folgt die Ankündigung. Das wird der Herr tun. Die Heimkehr der Zerstreuten aus dem Exil wird angesagt. Von den Enden der Erde her will er sie sammeln und heimbringen. Niemand darf diese Sammlung hindern. Alle müssen die Gefangenen freigeben, die mit meinem Namen genannt sind.

Von den Rändern dieser Erde, unter Arm – und Kleingemachten                       sammle ich, die Heimat suchen zu meinem Volk, spricht Gott.                                                    E. Eckert, LP Und die Nacht bleibt voll Gesang, 1985

             Es ist, man kann es nicht oft genug sagen, die Art Gottes, die in diesem Tun sichtbar werden wird. Der Gott in der Höhe und Herrlichkeit des Himmels ist uns unbegreiflich, unfassbar, wohl auch schlussendlich unzugänglich. Nur der Gott, der sich zu den Armen neigt, der sich seines Volkes annimmt und es in diesem Annehmen und Zurechtbringen zum Modellfall für alle Völker und alle Zeiten macht, ist uns zugänglich. Weil er sich darin zugänglich macht.

Zum Weiterdenken

Man sagt manchmal, dass dieser zweite Jesaja der „Theologe“ sei, der die Universalität Gottes und auch die Einzigartigkeit Gottes erst wirklich zur Sprache gebracht und in die Mitte des Glaubens gerückt habe. Mag sein, aber wichtig noch ist: er tut das, indem er seine Zuneigung, sein Erbarmen, sein Rettungshandeln an den Arm- und Kleingemachten in den Fokus allen Redens von Gott stellt. Indem er den Herren der Welt ihr Herrnrecht bestreitet, weil er selbst der HERR ist – und das zeigt in seiner Zuneigung nach unten. Das ist Gottes Alleinstellungsmerkmal – sein unbegründetes und grundloses Erbarmen, das bis in die tiefsten Tiefen reicht.

 

Ich sehe Dich vor mir, Gott, wie Du die Hände ausstreckst und rufst: Komm. Ich sehe Dich vor mir, wie Du die ersten Schritte Deines Kindes schützt. Ich sehe Dich vor mir, wie Du sorgst und Dich freust an Deinem Sohn Israel, gerufen, getragen, geliebt, wie je ein Vater und je eine Mutter geliebt hat

Ich sehe Dich vor mir, Gott, wie Du hinter deinem Sohn herschaust, seine eigenwilligen Wege siehst, spürst, wie Deine Worte verhallen, ihn nicht erreichen, wie Du leidest, weil Du ihn verloren hast.

Ich sehe Dich vor mir, Gott, wie Dein Zorn auflodert, wie Du ihn spüren lassen willst, was seine Wege Dir zumuten und ihm einbringen werden, wie Du ihn Dir vom Herzen reißen willst.

Gott, ich danke Dir, dass Du Israel nicht lässt, das Kind Deiner Liebe nicht preisgibst, neu sagst und für immer: Du bist mein. Ich danke Dir für Deine Barmherzigkeit, die sich selbst vergisst, weil sie die Liebe nicht vergessen und nicht lassen kann.

Ich danke Dir, dass Du mich so in Dein Herz schauen lässt, Du Vater Jesu Christi. Amen