Gute Botschaft für alle, die im Schatten stehen

Jesaja 42, 1 – 9

1 Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

             Der HERR hat das Wort. Das ist wichtig: Wir lesen hier Gottes-Rede und nicht persönliche Meinung des Jesaja. So will der unbekannte Prophet seine Worte verstanden wissen: Mit diesen Worten legt Gott seine Hand auf seinen Knecht. Er hält ihn. Er ist der Auserwählte. Sein Auserwählter.

Aber: Wer ist der Knecht? Er wird nicht beim Namen genannt. Nicht identifiziert. Das hat den Deutungen immer schon Tür und Tor geöffnet. Eine davon: Es ist der Prophet selbst. Andere im Angebot: Mose, Hiskia, Jeremia, Serubbabel – um nur einige zu nennen. Oder aber, noch einmal anders: Der Knecht Gottes ist gar kein Individuum – Israel als Ganzes ist der Knecht Gottes – ʻebed jahwe. So steht es wenig früher im Jesaja-Buch: „Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten.“(41.8) Und es wird auch zu einer Selbst-Aussage   „Wir sind Knechte des Gottes des Himmels und der Erde und bauen das Haus wieder auf, das einst vor vielen Jahren hier gestanden und das ein großer König Israels gebaut und vollendet hat.“ (Esra 5,11)

             Auf den ersten Blick: Knecht meint Demut. „Das Urnomen Knecht – ʻebed – ist Gegenwort zu ʼādôn „Herr“. Es kann den Sklaven im Haus bezeichnen…Als Knechte können Diener des Königs, bis hinauf in hohe Staatsämter bezeichnet werden… Die Bezeichnung geht in die Sprache er Höflichkeit ein und kann hier einen Akzent der demütigen Selbsterniedrigung bekommen…. Die Demutsbezeichnung erhält dabei den Doppelakzent der vollen Gehörigkeit wie der vollen Geborgenheit.“(W. Zimmerli, in: Gott schafft Neues. Deuterojesaja, Zur 41, Bibelwoche 1978/79, Gladbeck 1978, S.  83f.) 

Christen hören diese Worte noch einmal anders, über die Zeiten hinweg und knüpfen in diesem Hören doch an jüdische Vorstellungen an. Denn auch das ist im Judentum vorgeformt: Ein Verstehen, dass im Knecht Gottes den Kommenden sieht, den MessiaS.  So schlägt sich dann – scheinbar wie von selbst – eine Brücke: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“(Matthäus 3,17) So dürfen wir lesen, ohne damit andere, jüdische Leseweisen für unangemessen zu erklären.

Das ist die Aufgabe, die der Knecht erhält: Das Recht  – mišpāt – hinaustragen. Vom Zusammenhang her verstehe ich: Den Urteilsspruch unter die Völker bringen: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir! Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels. (41,13-14) Und korrespondierend dazu das Urteil über die Götter: „Schau ich mich um, da ist niemand, und seh ich sie an, da ist kein Ratgeber, dass ich sie fragen könnte und sie mir antworteten. Siehe, sie sind alle nichts und nichtig sind ihre Werke; ihre Götzen sind leerer Wind.“(41,28-29) Die zuvor erzählte Gerichtsverhandlung wird vor aller Welt publik gemacht. Dafür rüstet Gott seinen Knecht aus.  Aber das reicht noch nicht aus, um zu beschreiben, was mišpāt, Recht meint.

  2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

             Das ist nicht die übliche Weise, Recht zu proklamieren. Kein großes Geschrei. Keine öffentliche Inszenierung: Seht her! Vielleicht ist dieser Verzicht auf Trommelwirbel und Propaganda-Getöse ja schon ein Hinweis auf die so andere Art des Rechtes, um das es dem Knecht Gottes gehen wird.

  3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. 4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

             Diese andere Art wird sichtbar an seinem Umgang mit denen, die vom Untergang bedroht sind. Fast möchte man sagen: „Die Taten des Gottesknechtes sind gewichtiger als sein Reden. Er wendet sich den Zerbrechenden und Erlöschenden zu und hilft denen, die dem Ende nahe sind. Das Bringen des Gottesrechtes steht im Zeichen barmherziger Zuwendung zu allen Verzweifelten und Sterbenden.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 39)  Was für eine Botschaft für Menschen am untersten Ende der sozialen Rangskala – Verschleppte, Deportierte, Entwurzelte, Heimatlose.  

             Mit dieser Arbeit kommt der Knecht nicht in irgendeinem Winkel des Exils ans Ende. Sie überschreitet Grenzen. Oder anders, genauer: diese Arbeit wird ihn an die Grenzen der Erde führen, über seine Grenzen hinaus. Er wird in ihr kein burn out erfahren. Er wird an dieser Aufgabe nicht scheitern. Und: Er trifft mit seiner Arbeit auf das Warten der Inseln. Man könnte vielleicht auch sagen: auf die Sehnsucht der Völker.

Ich frage, einmal mehr über den alten Text hinaus: Ist es ein Wunder, dass die Christen diese Worte auf Jesus hin gelesen haben? Auf ihn, an dem sie gesehen haben, wie er sich den Zerschlagenen zuwendet, Trostlose aufrichtet, aus dem Tod heraus löst. Dass sie ihn als den gesehen haben, der dieses barmherzige Gericht Gottes aufrichtet – Recht, das zurecht bringt, aufrichtet, neues Leben eröffnet und eben nicht aburteilt, verurteilt, vernichtet.

 5 So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen:

             Es ist ein Neueinsatz nach diesen ersten Worten. Ein Neueinsatz, der mit einer Selbstvorstellung Gottes beginnt. Warum ist sie nötig? Meine Antwort: um zu verstehen, wer hinter dem ʻebed Jahwe steht, hinter dem, der so auf alle Propaganda und Lautstärke verzichtet: Der Schöpfer und Erhalter der Welt. Der, aus dem alles sein Leben bekommt, auch in seiner Hinfälligkeit: Der Geist – a „Das hebräische Wort für Geist kann auch „Wind, Hauch“ bedeuten.“ (H.J. Kraus, aaO.  S.  41) Ein kam spürbares laues Lüftchen. Genau deshalb ist es so wesentlich: Der die ganze Welt in Händen hält, ist Auftraggeber des Knechtes.   

  6 Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, 7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

             Dem Auftrag folgt die Beistandszusage. Die Worte hier erinnern an die Zusagen bei Propheten-Berufungen: Ich halte dich. Im Zentrum geht es darum: Was der Knecht Gottes tut, ist Werk Gottes. Gott „macht“ durch ihn. Und wieder wichtig und zentral die inhaltliche Füllung: dieser Auftrag führt nach unten. Zu Blinden, zu Gefangenen, zu Leuten ohne Licht. Wir würden heute wohl sagen: Zu denen ohne jede Perspektive, den Abgehängten und Aufgegebenen. Den hoffnungslosen Fällen. Das ist keine Zufalls-Entscheidung, sondern verbindlich. Darum: Bund. berīt. Gott legt sich mit seinem Bund auf sein Volk, seinen Knecht fest. Und zugleich ist es Erinnerung an den Bund, den Gott vor langer Zeit mit Israel am Sinai geschlossen hat, durch seinen Knecht Mose. Er ist sich in seinen Bundeszusagen treu.   

             Ist das realistisch gemeint oder ist es nur schöne, poetische Rede? Symbolsprache. Aber als Symbolsprache taugt sie doch nur, wenn sie zugleich Realität atmet. Symbole, die in der Realität keine Verankerung haben, keine Bodenhaftung, sind leer.

Von daher: es geht um eine Sendung in die geschichtliche Wirklichkeit. Zu denen, die in der Gola, der Vertreibung, ohne Hoffnung festsitzen. Denen die Lichter längst ausgegangen sind. Die blind geworden sind für die Wege Gottes. „Hier wird ein ganzer Aufbruch angekündigt, ein innerer und ein äußerer.“(D. Schneider, aaO.   S. 72)

 8 Ich, der HERR, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. 9 Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich’s euch hören.

Ich übertrage frei: Darauf Brief und Siegel. Für das, was jetzt angekündigt wird als Tat, als Aufgabe des Knechtes, steht Gott, steht der HERR mit seinem guten Namen. Es ist noch einmal Erinnerung an den Rechtsstreit mit den Göttern: Er, der Gott Israels, wird sich als der erweisen, der Neues verkündigt – und es kommt wirklich. Die Zukunft liegt in seiner Hand und kommt aus seiner Hand – früher schon und auch jetzt.

Zum Weiterdenken

             Es ist wichtig, sich die ersten Hörer dieser Botschaft vor Augen zu halten. Menschen im Exil. Menschen, die es schwer haben, einen weiten Horizont für ihr Leben zu glauben – als einzelne und als Volk. Es sind immer wieder Worte an angefochtene Leute, an fragende Menschen. Ihnen gilt diese Botschaft, die Grenzen sprengt, die so groß ist, dass man sie nur staunend hören und lesen kann. Erst wenn man diese Adressaten in Blick nimmt, kommt man der Herausforderung dieser Worte auf die Spur. Und fängt an zu ahnen, dass sie auch in den eigenen Ratlosigkeiten Wege offen halten und öffnen können.

 

Du heiliger Gott, aus Deinem Recht ist gut leben. Dein Recht stellt auf die Beine, stärkt den Rücken, öffnet dem Blick einen weiten Horizont, pflanzt Hoffnung in verzagte Herzen.

Gib Du mir, dass ich mich in Dein Recht berge. Und gib es uns, dass wir diese Art Recht hinaustragen bis an die Enden der Erde. Und in solchem Tun -vielleicht – Deine Knechte werden. Amen