Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen

 Jesaja 55, 6 – 13         

6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

             Noch einmal: Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Kein Aufschub. Es ist Zeit, damit man den Aufbruch nicht verpasst. Den HERRN suchen – das war in früheren Zeiten die Aufforderung zum Weg in den Tempel. Aber jetzt, wo der Tempel zerstört ist und Jerusalem weit weg – was ist das für die Hörer der Worte des Jesaja: den HERRN suchen?  Aus dem Kultruf wird die Zusage: „Jahwe lässt sich finden im Wort des Propheten. Und dieses Wort erwartet Antwort.“(H.J. Kraus, aaO. S. 163) Es ist kein zeitloses Wort, auch kein zeitloses Suchen, sondern jetzt, hier und heute gilt es.  „Jetzt lässt er sich finden! Jetzt ist er nahe!“ (C. Westermann, aaO.  S. 231)

             Dabei ist diese Einladung eindeutig: eine Einladung zur Umkehr, die verbunden ist mit dem Versprechen des Erbarmens.  Kein „Weiter so! Alles ist schon in Ordnung! Ihr seid ok.“ sondern: Umkehr, weil die Vergebung Gottes den Raum zur Umkehr öffnet.

  8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

             Das ist es auch, was Gottes Gedanken von unseren Gedanken unterscheidet, Gottes Wege von unseren Wegen: Seine Vergebung. Vergebung ist unter Menschen ein Fremdwort. Vergeltung ist unser Wort. Ein Film-Titel hat es vor Jahren auf den Punkt gebracht: „Gott vergibt – Django nie!“ Wir Menschen sind Weltmeister im Zurückschlagen. Im Nachtragen. Im Aufrechnen. Darin, irgendwann doch die Rechnung zu präsentieren. Gott ist der Meister aller Welt in seinem Vergeben. Denn dieses Vergeben allein öffnet den Weg zu neuem Leben. „Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen“ weiterlesen

Umsonst

Jesaja 55, 1 – 5   

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

  Das Bild, das Jesaja zeichnet: unter der heißen Sonne eines orientalischen Marktes steht Gott und ruft: Her zu mir, die ihr kein Geld habt. Her zu mir, die ihr Mangel leidet. Her zu mir, die ihr so hart schuften müsst. Bei mir  gibt es alles, was ihr sucht: Umsonst! „Formal gleicht das erste Stück den Rufen der Markthändler.“(H.J. Kraus, aaO. S. 161)

Das wirft sofort Fragen auf: Was ist das für ein Gott, der sich so ins Gewühl stürzt? Was ist das für ein Gott, der wie der “billige Jakob” auf dem Jahrmarkt hinter seinen Leuten her schreit! Das sind seine Leute: die nichts haben, die fertig sind, die sich müde geschafft haben, die dastehen und nicht wissen, ob es denn für den nächsten Tag reichen wird. „Die babylonische Gefangenschaft ist nicht plötzlich zum Schlaraffenland geworden.“(H.J. Kraus, ebda.) Aber das sagen diese Worte: Gott ist leidenschaftlich  daran interessiert, dass seine Leute leben können und genug zum Leben haben.

Gott ruft die Habenichtse, die mit leerem Magen und leerem Geldbeutel, mit leeren Händen und ohne Hoffnung, weil er ihnen geben will, schenken will, was sie satt macht. Es wird wohl so sein: in diesen Worten steckt auch ein verborgener Hinweis darauf, dass der Weg zurück nach Juda, Jerusalem, zum Zion der Weg in das Land ist, „wo Milch und Honig fließt.“ (2. Mose 3,8) „Umsonst“ weiterlesen

Stellvertretung

Jesaja 53, 6 – 12

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Das ist ein Bekenntnis, genauer, ein Schuldbekenntnis. Die hier das Wort führen, sprechen sich selbst schuldig. Wie Schafe, die sich auf der Suche nach Futter eigensinnig verlaufen, die Stimme des Hirten nicht mehr hören und ihr nicht mehr gehorchen, so sind wir. „Die große Verirrung des Gottesvolkes hat ihren Grund letztlich darin, dass jeder nur auf seinen eigenen Weg, sein eigenes Wohlergehen achtete.“(H.J. Kraus, aaO. S. 159) Es ist die Schuld der vielen Einzelnen, die am Ende das ganze Volk verschuldet.

Dieses Schuldbekenntnis kann auch heute noch hellsichtig machen: Die Verirrungen im eigenen Land, die Ellenbogenmentalität, die wir gerne beklagen, die gefühlte Eiszeit, das vielerorts fehlende Interesse am Gemeinwohl kommen ja nicht schicksalhaft zu Stande. Es nährt sich aus Eigensucht und Rückzug, aus dem „erst komme ich“, aus dem – in meinen Augen – krankhaft übersteigenden Individualismus, der längst vielfach in blanke Egozentrik – und damit gepaart: völlig unterentwickeltes Unrechtsbewusstsein – umgeschlagen ist. Es sind kleine Hoffnungszeichen für einen Mentalitätswandel, wenn sich viele Freiwillige finden, die nicht mehr nur auf das eigene Wohlergehen, sondern auf das Wohl von Landfremden, von Flüchtlingen schauen.

Die Gegenbewegung wird von Gott eingeleitet: Er wirft den ganzen Müll dieser individualistischen Alleingänge auf ihn, den Knecht Gottes. „Die Schuldübernahme des einen gibt dem verirrten und in Einzelgänger zersplitterten Gottesvolk seine Einheit.“(H.J. Kraus, ebda.) An die Stelle der alten Einheit der nicht eingesehenen oder auch geleugneten Schuld tritt Neues: Die Einheit des Gottesvolkes ist eine Einheit der entlasteten Sünder. „Stellvertretung“ weiterlesen

Mein Jesus – für mich

Jesaja 52,13 – 53,5

13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.

Es ist eine Vorwegnahme, eine Klarstellung: Alles, was folgen wird an Worten über den Knecht steht unter dieser Überschrift: Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen. Es ist wie eine eindringliche Ermahnung, sich nicht blenden zu lassen von dem, was anschließend erzählt  wird. Was wie die Geschichte einer Niederlage aussieht, ist doch in Wahrheit eine Siegesgeschichte. Dieser Auftakt zu dem vierten Gottesknechtlied nimmt das Ergebnis vorweg! Aus einem Grund: damit wir weiter schauen und nicht hängen bleiben an dem, was nur auf den ersten Blick vor Augen ist.

 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht mehr wie die der Menschenkinder -, 15 so wird er viele Völker ins Staunen versetzen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

             Vor Augen ist eine Gestalt zum Fürchten zum Entsetzen. „Warum das Entsetzen der „Vielen“? Sie sahen ein (von Leiden und Krankheit) vollkommen entstelltes Wesen, das die Konturen einer menschlichen Gestalt verloren hat.“(H.J. Kraus, aaO. S. 148) Das ist doch kein Mensch mehr; das ist doch kein Leben mehr sagt, wer ihn sieht. Aber dieser Gottesknecht in seiner zerschlagenen Gestalt vegetiert nicht in einem finstern, unzugänglichen Kerker. Er wird nicht irgendwo in einer Folterzelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit entehrt. Sondern vor den Augen vieler. 

            Die ihn aber so sehen, halten sich entsetzt den Mund vor ihm zu. Und doch: Das Entsetzen wandelt sich in Staunen. Weil der, der so hingerichtet wird, aufgerichtet wird. θαυμσονται. ins Staunen versetzen gibt die Septuaginta das hebräische Wort jazzäh wieder. Und viele Übersetzungen heute folgen ihr (Einheitsübersetzung, Schlachter, Gute Nachricht Bibel usw.). Dieses Staunen löst eine Botschaft aus – an die, die es nicht mitbekommen haben. Bis an die Enden der Erde. „So gewaltig ist dieses Werk der Erhöhung des Knechts, dass sie in den Weiten (Völker) und den Höhen (Könige) wahrgenommen wird.“(C. Westermann, aaO.  S. 209) „Mein Jesus – für mich“ weiterlesen

Das Evangelium Gottes – Jesus

Jesaja 52, 7 – 12

 7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

             Jetzt „sieht“ der Prophet, was kommen wird. Jetzt „hört“ er schon die Schritte, den Atem der eilenden Boten, und ihre Botschaft.  Es ist ihre Botschaft, die die Füße lieblich macht und die Boten schön. „Das Botenwort ist nicht Erläuterung: das Botenwort bringt die erlösende Kraft Gottes, die es ankündigt. Botenwort ist Kettenwort.“(D. Schneider, aaO.  S. 206) Es ist kein Kommentar zu einem Geschehen, sondern es löst das Geschehen aus.

In einem Satz wird die Freudenbotschaft zusammengefasst: Dein Gott ist König! Mehr Erlösung geht nicht. Mehr Befreiung geht nicht. Mehr gute Nachricht, Evangelium, geht nicht. Es ist wirklich so: „Das neutestamentliche Wort >Evangelium< hat bei Deuterojesaja seine entscheidende Vorgeschichte, wird hier geprägt.“(H.J. Kraus, aaO. S. 142) Evangelium ist Botschaft von Freudenboten, sagt Heil an, Gutes, Versöhnung, Erbarmen.

Was hier angesagt wird, ist weit mehr als ein regionales Ereignis. Mehr auch als die Ansage einer Heimkehr. Es ist die Proklamation des Herrn aller Herren, des Königs der Welt. Dazu greift Jesaja auf alte Worte zurück.

Der HERR ist König;                                                                                                               des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln,                                          soviel ihrer sind.“                 Psalm 97,1

 „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.                                              Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.                                        Der HERR lässt sein Heil kundwerden;                                                                   vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.“                                                                                             Psalm 98, 1 – 2

             Die ganze Welt soll es erfahren: Israels Gott tritt seine Herrschaft neu an. Er, der schon immer König war, lässt es jetzt neu ausrufen. Zum Wohl der ganzen Welt. „Das Evangelium Gottes – Jesus“ weiterlesen