Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen

 Jesaja 55, 6 – 13         

6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

             Noch einmal: Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Kein Aufschub. Es ist Zeit, damit man den Aufbruch nicht verpasst. Den HERRN suchen – das war in früheren Zeiten die Aufforderung zum Weg in den Tempel. Aber jetzt, wo der Tempel zerstört ist und Jerusalem weit weg – was ist das für die Hörer der Worte des Jesaja: den HERRN suchen?  Aus dem Kultruf wird die Zusage: „Jahwe lässt sich finden im Wort des Propheten. Und dieses Wort erwartet Antwort.“(H.J. Kraus, aaO. S. 163) Es ist kein zeitloses Wort, auch kein zeitloses Suchen, sondern jetzt, hier und heute gilt es.  „Jetzt lässt er sich finden! Jetzt ist er nahe!“ (C. Westermann, aaO.  S. 231)

             Dabei ist diese Einladung eindeutig: eine Einladung zur Umkehr, die verbunden ist mit dem Versprechen des Erbarmens.  Kein „Weiter so! Alles ist schon in Ordnung! Ihr seid ok.“ sondern: Umkehr, weil die Vergebung Gottes den Raum zur Umkehr öffnet.

  8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

             Das ist es auch, was Gottes Gedanken von unseren Gedanken unterscheidet, Gottes Wege von unseren Wegen: Seine Vergebung. Vergebung ist unter Menschen ein Fremdwort. Vergeltung ist unser Wort. Ein Film-Titel hat es vor Jahren auf den Punkt gebracht: „Gott vergibt – Django nie!“ Wir Menschen sind Weltmeister im Zurückschlagen. Im Nachtragen. Im Aufrechnen. Darin, irgendwann doch die Rechnung zu präsentieren. Gott ist der Meister aller Welt in seinem Vergeben. Denn dieses Vergeben allein öffnet den Weg zu neuem Leben. „Gott hört nicht auf, seinen neuen Anfangzu setzen“ weiterlesen

Umsonst

Jesaja 55, 1 – 5   

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht?

  Das Bild, das Jesaja zeichnet: unter der heißen Sonne eines orientalischen Marktes steht Gott und ruft: Her zu mir, die ihr kein Geld habt. Her zu mir, die ihr Mangel leidet. Her zu mir, die ihr so hart schuften müsst. Bei mir  gibt es alles, was ihr sucht: Umsonst! „Formal gleicht das erste Stück den Rufen der Markthändler.“(H.J. Kraus, aaO. S. 161)

Das wirft sofort Fragen auf: Was ist das für ein Gott, der sich so ins Gewühl stürzt? Was ist das für ein Gott, der wie der „billige Jakob“ auf dem Jahrmarkt hinter seinen Leuten her schreit! Das sind seine Leute: die nichts haben, die fertig sind, die sich müde geschafft haben, die dastehen und nicht wissen, ob es denn für den nächsten Tag reichen wird. „Die babylonische Gefangenschaft ist nicht plötzlich zum Schlaraffenland geworden.“(H.J. Kraus, ebda.) Aber das sagen diese Worte: Gott ist leidenschaftlich  daran interessiert, dass seine Leute leben können und genug zum Leben haben.

Gott ruft die Habenichtse, die mit leerem Magen und leerem Geldbeutel, mit leeren Händen und ohne Hoffnung, weil er ihnen geben will, schenken will, was sie satt macht. Es wird wohl so sein: in diesen Worten steckt auch ein verborgener Hinweis darauf, dass der Weg zurück nach Juda, Jerusalem, zum Zion der Weg in das Land ist, „wo Milch und Honig fließt.“ (2. Mose 3,8) „Umsonst“ weiterlesen

Stellvertretung

Jesaja 53, 6 – 12

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Das ist ein Bekenntnis, genauer, ein Schuldbekenntnis. Die hier das Wort führen, sprechen sich selbst schuldig. Wie Schafe, die sich auf der Suche nach Futter eigensinnig verlaufen, die Stimme des Hirten nicht mehr hören und ihr nicht mehr gehorchen, so sind wir. „Die große Verirrung des Gottesvolkes hat ihren Grund letztlich darin, dass jeder nur auf seinen eigenen Weg, sein eigenes Wohlergehen achtete.“(H.J. Kraus, aaO. S. 159) Es ist die Schuld der vielen Einzelnen, die am Ende das ganze Volk verschuldet.

Dieses Schuldbekenntnis kann auch heute noch hellsichtig machen: Die Verirrungen im eigenen Land, die Ellenbogenmentalität, die wir gerne beklagen, die gefühlte Eiszeit, das vielerorts fehlende Interesse am Gemeinwohl kommen ja nicht schicksalhaft zu Stande. Es nährt sich aus Eigensucht und Rückzug, aus dem „erst komme ich“, aus dem – in meinen Augen – krankhaft übersteigenden Individualismus, der längst vielfach in blanke Egozentrik – und damit gepaart: völlig unterentwickeltes Unrechtsbewusstsein – umgeschlagen ist. Es sind kleine Hoffnungszeichen für einen Mentalitätswandel, wenn sich viele Freiwillige finden, die nicht mehr nur auf das eigene Wohlergehen, sondern auf das Wohl von Landfremden, von Flüchtlingen schauen.

Die Gegenbewegung wird von Gott eingeleitet: Er wirft den ganzen Müll dieser individualistischen Alleingänge auf ihn, den Knecht Gottes. „Die Schuldübernahme des einen gibt dem verirrten und in Einzelgänger zersplitterten Gottesvolk seine Einheit.“(H.J. Kraus, ebda.) An die Stelle der alten Einheit der nicht eingesehenen oder auch geleugneten Schuld tritt Neues: Die Einheit des Gottesvolkes ist eine Einheit der entlasteten Sünder. „Stellvertretung“ weiterlesen

Mein Jesus – für mich

Jesaja 52,13 – 53,5

13 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.

Es ist eine Vorwegnahme, eine Klarstellung: Alles, was folgen wird an Worten über den Knecht steht unter dieser Überschrift: Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen. Es ist wie eine eindringliche Ermahnung, sich nicht blenden zu lassen von dem, was anschließend erzählt  wird. Was wie die Geschichte einer Niederlage aussieht, ist doch in Wahrheit eine Siegesgeschichte. Dieser Auftakt zu dem vierten Gottesknechtlied nimmt das Ergebnis vorweg! Aus einem Grund: damit wir weiter schauen und nicht hängen bleiben an dem, was nur auf den ersten Blick vor Augen ist.

 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht mehr wie die der Menschenkinder -, 15 so wird er viele Völker ins Staunen versetzen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

             Vor Augen ist eine Gestalt zum Fürchten zum Entsetzen. „Warum das Entsetzen der „Vielen“? Sie sahen ein (von Leiden und Krankheit) vollkommen entstelltes Wesen, das die Konturen einer menschlichen Gestalt verloren hat.“(H.J. Kraus, aaO. S. 148) Das ist doch kein Mensch mehr; das ist doch kein Leben mehr sagt, wer ihn sieht. Aber dieser Gottesknecht in seiner zerschlagenen Gestalt vegetiert nicht in einem finstern, unzugänglichen Kerker. Er wird nicht irgendwo in einer Folterzelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit entehrt. Sondern vor den Augen vieler. 

            Die ihn aber so sehen, halten sich entsetzt den Mund vor ihm zu. Und doch: Das Entsetzen wandelt sich in Staunen. Weil der, der so hingerichtet wird, aufgerichtet wird. θαυμσονται. ins Staunen versetzen gibt die Septuaginta das hebräische Wort jazzäh wieder. Und viele Übersetzungen heute folgen ihr (Einheitsübersetzung, Schlachter, Gute Nachricht Bibel usw.). Dieses Staunen löst eine Botschaft aus – an die, die es nicht mitbekommen haben. Bis an die Enden der Erde. „So gewaltig ist dieses Werk der Erhöhung des Knechts, dass sie in den Weiten (Völker) und den Höhen (Könige) wahrgenommen wird.“(C. Westermann, aaO.  S. 209) „Mein Jesus – für mich“ weiterlesen

Das Evangelium Gottes – Jesus

Jesaja 52, 7 – 12

 7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

             Jetzt „sieht“ der Prophet, was kommen wird. Jetzt „hört“ er schon die Schritte, den Atem der eilenden Boten, und ihre Botschaft.  Es ist ihre Botschaft, die die Füße lieblich macht und die Boten schön. „Das Botenwort ist nicht Erläuterung: das Botenwort bringt die erlösende Kraft Gottes, die es ankündigt. Botenwort ist Kettenwort.“(D. Schneider, aaO.  S. 206) Es ist kein Kommentar zu einem Geschehen, sondern es löst das Geschehen aus.

In einem Satz wird die Freudenbotschaft zusammengefasst: Dein Gott ist König! Mehr Erlösung geht nicht. Mehr Befreiung geht nicht. Mehr gute Nachricht, Evangelium, geht nicht. Es ist wirklich so: „Das neutestamentliche Wort >Evangelium< hat bei Deuterojesaja seine entscheidende Vorgeschichte, wird hier geprägt.“(H.J. Kraus, aaO. S. 142) Evangelium ist Botschaft von Freudenboten, sagt Heil an, Gutes, Versöhnung, Erbarmen.

Was hier angesagt wird, ist weit mehr als ein regionales Ereignis. Mehr auch als die Ansage einer Heimkehr. Es ist die Proklamation des Herrn aller Herren, des Königs der Welt. Dazu greift Jesaja auf alte Worte zurück.

Der HERR ist König;                                                                                                               des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln,                                          soviel ihrer sind.“                 Psalm 97,1

 „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.                                              Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.                                        Der HERR lässt sein Heil kundwerden;                                                                   vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.“                                                                                             Psalm 98, 1 – 2

             Die ganze Welt soll es erfahren: Israels Gott tritt seine Herrschaft neu an. Er, der schon immer König war, lässt es jetzt neu ausrufen. Zum Wohl der ganzen Welt. „Das Evangelium Gottes – Jesus“ weiterlesen

Gottes Wende – und wir sind frei!

Jesaja 51, 17 – 52,6

 17 Werde wach, werde wach, steh auf, Jerusalem, die du getrunken hast von der Hand des HERRN den Kelch seines Grimmes! Den Taumelkelch hast du ausgetrunken, den Becher geleert.

     Wieder ein Weckruf, allerdings diesmal nicht an Gott gerichtet, sondern an Jerusalem. Sie soll aufwachen, aus dem Albtraum der vergangenen Jahre. Aufwachen, weil die Zeit des Zornes erfüllt ist. Aufwachen auch, weil Gott neu handelt. „Wenn Gott aufbricht, kann sein Volk nicht ruhen.“(D. Schneider, aaO.  S. 201)

      Es mag sein, dass diese Aufforderung eine Antwort auf frühere Klagen des Volkes ist, wie sie vielleicht sogar in Gottesdiensten formuliert worden sein können.

„Du gabst uns, Herr Jahwe, zu trinken den Becher deines Zorns,                                 ließest uns trinken, schlürfen den Kelch des Taumels.“                                                                        C. Westermann, aaO., S. 198

             In den Worten steckt beides, Klage und Schuldeingeständnis. Die Klage über den Untergang und das Eingeständnis: In diesem Untergang lässt uns Gott die Folgen unserer Schuld tragen. Zugleich werden damit einmal mehr, die Relationen zurecht gerückt. Die Exilierten fürchten sich vor denen, die Macht über sie haben, Babyloniern, Chaldäern und allen anderen schadenfrohen Feinden. Aber in Wahrheit müsste ihre Furcht allein Gott gelten. Denn er ist es ja, der sie die Folgen ihrer Schuld tragen lässt.

Eine ähnliche Argumentation begegnet in Worten Jesu. Er sagt zu seinen Jüngern, die er unbewaffnet, gefühlt schutzlos in die Welt schickt: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“(Matthäus 10,24) Auch hier wieder: Gottesfurcht befreit von Menschenfurcht. „Gottes Wende – und wir sind frei!“ weiterlesen

Aufwachen!

Jesaja 51, 9 – 16

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? 10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen?

             Ein Aufruf, ein Aufschrei. Ein Weckruf. So tief ist die Not, dass sich das Volk nur noch mit solch einem Klageruf an Gott wenden kann. Sicher nicht, weil er schläft – so wie Baal: Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“(1. Könige 18,27) – aber er schweigt. Zu lange schon. Schweigt seit fast siebzig Jahren. Ganzen Generationen fehlt das Wort, das ihnen den Rücken stärkt, fehlt ein Sehen der Hilfe Gottes.

Darum setzt das Klagelied darauf, Gott an seine großen Taten zu erinnern. Merkwürdigerweise aber zuerst an etwas, was in Israel sonst kaum eine Rolle spielt: an den Drachenkampf in der Urzeit. Als der Chaosdrache, hier Rahab genannt, bei den Babyloniern aber „Tiamat“, zerhauen wurde. Es ist der Sieg über die Chaosmächte vor allem Anfang, der hier dem Gott Israels zugerechnet ist. Und dem er dann in der Geschichte die andere Tat folgen lässt: Den Weg durch das Schilfmeer, auf dem sein Volk, die Erlösten, vor den Ägyptern fliehen konnte. Darauf zielt diese Erinnerung ab, dass auch die jetzige Generation durch Gott zu Erlösten werden wird. In beidem erweist er sich als mächtig. Das soll er jetzt wieder, sich mächtig erweisen für sein Volk in der Gefangenschaft. Es ist die Funktion aller Erinnerungen an die großen Taten Gottes, dass sie Mut machen für das Heute, das Jetzt, das Hier.       „Aufwachen!“ weiterlesen

Weiter schauen

Jesaja 51, 1 – 8

1 Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. 2 Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren.

             Hört mir zu. Ich übersetze: Achtung! Aber nicht für alles und jedes, sondern für die Worte, die auf den HERRN hinweisen. Es gibt wohl auch die anderen Stimmen, die Aufmerksamkeit erheischen, aber nicht für den HERRN, sondern für ihre Einsichten, für die Zeichen der Zeit, für ihre Lagebeurteilung. Diese Stimmen gibt es reichlich. Damals und auch heute.

Aber sie führen in die Irre. Die, die wirklich nach Orientierung suchen, sind anders unterwegs. Sie sind Menschen, die dem Heil nachjagen, sich nach der Gerechtigkeit sehnen. Das hebräische Wort êdekā kann beides heißen – Heil und Gerechtigkeit.

Um diese Sehnsucht zu stärken, wird der Blick zurück gelenkt, auf den Anfang in Abraham und Sara. „Die Bilder vom Fels und Brunnenschacht sind Anspielungen auf uralte mythische Vorstellungen von der Geburt des Menschen.“(C. Westermann, aaO. S. 191) Vielleicht steckt auch noch die Erinnerung mit drin, das diese Herkunft ja ganz und gar nicht mehr zu erwarten war, weil aus Felsen nicht selbstverständlich immer Wasser kommt und es auch leere Brunnenschächte gibt – Anspielungen auf das Alter der Eltern Abraham und Sara. Dass es Israel gibt, ist dem Handeln Gottes an Sara und Abraham zu verdanken.   

Und so wie Gott seine Geschichte mit diesem Einzelnen angefangen hat, so braucht er auch jetzt wieder einzelne, jeden Einzelnen und seine kleine Hoffnung, jede einzelne und ihr – und sei es noch so verzagtes und zitterndes  – Hoffen. Der Gott der kleinen, unscheinbaren Anfänge ist auch jetzt, in der Gegenwart Israels weiter am Werk. Und wir als Lesende, Jahrtausende später dürfen glauben: Er setzt seine kleinen, unscheinbaren Anfänge weiter fort, auch in unserem Leben. „Weiter schauen“ weiterlesen

Frei und selbstvergessen

Jesaja 50, 4 – 11

 4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

             Sprecherwechsel. Nicht mehr Gott, sondern ein Mensch. Der Knecht Gottes. ʻebed jahwe. Diese Worte werden den Liedern des Gottesknechtes zugerechnet. Hinter den Worten wird eine innige Beziehung sichtbar. Die Beziehung des Schülers zu seinem Lehrer, des Jüngers zu seinem Meister. „Bezeichnend für den limmud (=Jünger) ist die enge Verbindung mit dem Lehrer und Meister, die ständige Lernbereitschaft, die im prophetischen Charisma des Schülers ihre Voraussetzung hat.“(H.J. Kraus, aaO., S. 126) Eine Vertrauensbeziehung.

Der Kontrast zu den vorangehenden Worten ist umso stärker. Sind da Anklagen und Vorwürfe Israels zu spüren, so hier das Vertrauen. Das genügt dem Knecht: zu hören, wie ein Jünger hört. Zu reden wie einer, der zuvor das Ohr für die Worte des HERRN geöffnet hat. Am Morgen schon Gott zu suchen, auf seine leise Stimme zu lauschen.

Er hört nicht nur für sich. Er hört, damit er weitergeben kann. Er hört, um mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Sie sind seine Adressaten. Ihnen soll er Bote sein und gute Nachricht bringen. Müden, Erschöpften, Resignierten. Die Starken brauchen jemand wie ihn nicht und werden auch kaum bereit sein, auf seine leise Stimme (42,2) zu hören.

Das macht den Jünger aus: geöffnete Ohren, Hören. Gehorchen. Gehorchen auch dann, wenn es schmerzhaft wird, wenn die Wege des HERRN ins Leiden führen, auf Widerstand stoßen. Es unterscheidet den Gottesknecht von anderen, die Gott in seinen Dienst gerufen hat: Er hat diesem Ruf keinen Widerstand entgegen gesetzt. Anders als Mose – ich kann nicht reden, anders als Elia – ich will nicht mehr, anders auch als Jeremia  – ich bin zu jung. „Frei und selbstvergessen“ weiterlesen

Du wirst leben!

Jesaja 49, 14 – 26

 14 Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.  

Was für ein Kontrast! Die Schöpfung jubelt und Zion klagt. Die Schöpfung tanzt vor Freude, aber Zion sitzt fest in den Tälern des Jammerns und Klagens. Oder sind diese Worte eine Art „Rückblende in die Vergangenheit“? So hat Israel, repräsentiert durch die Tochter Zion sich in der Gefangenschaft gesehen: Gottverlassen. Gottvergessen. „War Zion Ort und Inbegriff der Gegenwart Jahwes in seinem Volk, so zeigt die Klage über die Gottverlassenheit die größte, die eigentliche Not der redenden Gemeinde an.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 119) Dann sind diese Worte ein Hilferuf, dass nicht nur die äußere, sondern auch die innere Not eine Wende erfahren muss. Eine Wende, die ihren Anfang in Gott finden muss.

15 Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. 16 Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. 17 Deine Erbauer eilen herbei, aber die dich zerbrochen und zerstört haben, werden sich davonmachen.  

Die Antwort Gottes: Es wäre doch regelrecht widernatürlich, wenn Gott sein Volk vergessen würde. Wo, wie kann eine Mutter ihr Kind vergessen? Wenn das schon unvorstellbar ist, wie viel weniger ist es vorstellbar, dass Gott sein Volk, seine Stadt vergisst. Es ist das Argumentationsmuster, das auch Jesus, geschult  auch an den Worten der Propheten, verwenden wird: „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?  Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ (Lukas 11, 11-13) Wenn schon Menschen so voller Liebe sind, dass sie Gutes tun, wie viel mehr dann Gott. Auffallend in einem patriarchalisch geprägten Umfeld und schön: In den Worten des Jesaja wird eine Mutter mit ihrer Liebe zum Bild für Gott und seine unverbrüchliche Liebe.

Es folgt ein Wort, das kühn und fremd zugleich ist. Erst recht, wenn man der neuen Welt der Tattoos irritiert gegenüber steht. Damit ihm Jerusalem unvergesslich ist, zeichnet sich Gott die Sky-Line oder den Grundriss der Gottesstadt in die Hände. Gräbt es sich regelrecht ein und prägt es sich damit gegen alles Vergessen ein. „Wen oder was man nicht vergessen will, das zeichnete man im alten Israel mit Tätowierungszeichen in die Hand.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  119) Nehme ich diesen Hinweis auf die Praxis in Israel ernst, dann sagt Gott: Ich wehre meiner eigenen Vergesslichkeit durch diese Tätowierung.

Über das hinaus, was Jesaja und das Alte Testament sagen, sagen wollen und sagen können: eingegraben, eingezeichnet in die Hände Gottes – das verbindet sich für mich mit den Nägelmalen des Gekreuzigten. „Du wirst leben!“ weiterlesen