Gottes Wahl gilt

Jesaja 41, 8 – 13

8 Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten, 9 den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -,

             Es ist ein überaus deutlicher Blickwechsel. Mitten in der Gerichtsverhandlung wendet sich der HERR jetzt Israel, seinem Knecht Jakob zu. Der bis dahin irgendwie unbeachtet scheint. Jetzt aber, schon mit der Anrede, erneuert Gott uralte Zusagen, indem er an sie erinnert. An Jakob: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“(1. Mose 28,15) An Abraham: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3) Wie sollte Gott den Spross Abrahams fallen lassen – würden doch damit seine Worte und Verheißungen auch fallen. So ist dieses Wort auch ein Wort, das von der Treue Gottes zu sich selbst spricht.

Es gibt – so diese Sätze – eine Geschichte der Erwählung. Angefangen hat sie bei Abraham, weiter geführt ist sie an Jakob, durchgehalten an Israel. Erwählt, fest ergriffen, berufen immer geht es um das, was Gott getan hat. Darum bleibt es auch dabei: Was auch immer mit Jakob geschehen sein mag – Israel ist kein verworfenes Volk. Es hat sich nichts geändert: Du sollst mein Knecht sein. Das ist auch ein Widerspruch gegen Worte und Gedanken, wie sie wohl im Volk umlaufen: `Wir sind von Gott verworfen, gottverlassen.´ Aber Gott hat sich nicht für immer abgewendet. Er gibt es nicht preis.  Sondern er hält es fest. Seine Wahl bleibt gültig.

10 fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

Keine Furcht. In einer Welt, die oft genug zum Fürchten ist. Die reale Furcht im Exil: Wir gehen als Volk unter. Wir werden in das Völkergemisch Babylons untergemengt. Wir gehen in unserer Identität verloren.  Sie haben es früher gelernt und werden erneut daran erinnert: Israel ist nur, was es ist, weil sein Gott ist, der er ist. Es ist wie eine Version der Bundesformel: „Und ich will unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“(3. Mose 26,19) Das allein ist die Bestandsgarantie für Israel. Für ein Volk, das sich schwach erlebt, ausgeliefert, preisgegeben.  Gott, der es zugelassen hat, dass sie ins Exil gekommen sind, mehr noch, der das als sein Gericht über sie verhängt hat, wendet sich ihnen in diesen umfassenden, bedingungslosen Beistandszusagen neu zu.

Es ist ja seine Art – Schwache stärken, Hilflosen helfen, Mutlosen neuen Mut machen. Es ist seine Art, zu halten durch seine Gerechtigkeit, die ihre Spitze in seinem Erbarmen hat. Und wieder: es ist seine rechte Hand. So wie am Schilfmeer. Gott ist nicht zu schwach, um zu tun, was er zusagt.

Auch auf dem Hintergrund solcher Worte wird Paulus später sagen: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Es sind nicht die Qualitäten des Volkes,  die seine Fortexistenz sichern. Es ist die Treue Gottes zu seinen Berufungen. Das freilich entpflichtet nicht von dem Versuch, dieser Berufung auch durch das eigene Leben zu entsprechen.

  11 Siehe, zu Spott und zuschanden sollen werden alle, die dich hassen; sie sollen werden wie nichts und die Leute, die mit dir hadern, sollen umkommen. 12 Wenn du nach ihnen fragst, wirst du sie nicht finden. Die mit dir hadern, sollen werden wie nichts, und die wider dich streiten, sollen ein Ende haben.

             Es ist, als würde der Sprechende um sich sehen: Plötzlich ist der Gerichtsraum leer. Sie sind nicht mehr da, die sich gegen Israel gestellt haben. Das ist Blick in die Zukunft: Sie werden sich verkrümeln. Sie haben nichts mehr vorzubringen. Es hat ihnen regelrecht die Sprache verschlagen. Alle Anklagen, die gegen Israel anzumelden wären, aller Spott, der ihm gelten könnte – Schweigen.

 13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir!

             Gleich zweimal in kürzester Zeit: Fürchte dich nicht. Es ist ja viel Grund zur Furcht da für Israel. „Für die in Babylonien Gefangen ist die Situation der Furcht täglich gegeben.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 30) Sie können nicht wissen, wie ihre Zukunft aussehen wird, ob sie überhaupt eine haben werden. Dieser so berechtigten Furcht tritt der HERR mit seiner Beistandszusage entgegen.

Die Spitze dieser Worte zeigt sich in dem geschichtlichen Zusammenhang: Wie eine gewaltige Sturmflut überrollt Kyrus die alten Mächte, Babylon zuerst. Die hundert Jahre alte politische Ordnung wird destabilisiert. Es sind Zeiten voll Unruhe und Umwälzung, Zeiten voll Ungewissheit. Und immer wieder die Fragen: Wie standhalten? Was trägt, wenn alles im Fluss ist, in solchen unsicheren Zeiten?

Es ist Gott, der die Hand des Untergehenden ergreift, der ihn herauszeiht aus dem Strom, der ihn festhält, wenn die Wellen ihn wegreißen wollen. Zusage an das Volk im Exil. Und im Evangelium, Jahrhunderte später, verdichtet in einer Szene: „Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“(Matthäus 14, 27-31

Zum Weiterdenken

Exegeten fragen so nicht, Bibelleser*innen aber können und dürfen so fragen: Wie mögen diese Worte des Jesaja bei den ersten Hörer*innen angekommen sein, damals in der Gola, in den Dörfern, Lagern, Siedlungen im Zweistromland? Im Land, so weit weg von Jerusalem, von Juda. Haben sie überhaupt Gehör finden können oder nur Achselzucken ausgelöst? Es klingt gut, zu schön, um wahr zu sein. Aber unsere Wirklichkeit ist anders. Wir sind hier auf dem Hinterhof der Geschichte, ausgeliefert, abgestellt, preisgegeben, vergessen. Ob sie so gedacht haben: Träume weiter, Jesaja!

Es könnte auch so sein: Bei dem einen oder der anderen sind diese Worte zu Samenkörnern der Hoffnung geworden. Sie haben Wurzeln geschlagen, hier und da in verzagten Herzen. Sie haben eine verwegene Hoffnung genährt. Gott hat uns doch nicht vergessen, hier am Ende der Welt. Er ist für uns da.

„Sagt es den verzagten Herzen Gott ist euren Ängsten nah.                                         Er wird eure Hände stärken. Fürchtet euch nicht mehr.                                                     Er wird euch auf Händen tragen. Fürchtet euch nicht mehr.“                                                   M.Buchholz, CD Das wünsch ich dir, Felsenfest Verlang 2001

Manchmal kommt es mir so vor, als würde sich unsere Zeit des Wandels in diesen so alten Geschichten spiegeln. Denn die alten Fragen holen uns heute ein: Was trägt? Wie können wir standhalten? Wie der Furcht Einhalt gebieten, die um sich frisst wie ein Geschwür. Es gibt so viel Angst in der Welt, so viel Gefühl ohnmächtiger Überforderung, so oft den Gedanken: Mutterseelengottesallein.

Dem stellt dieses Wort die Zusagen Gottes entgegen. Keine wundersame Wende von einem Augenblick zum anderen. Keinen Klimawechsel aus dem Himmel. Keinen Machtwechsel in Babylon. Der lässt noch auf sich warten. Nur sein Wort. Nur seine Treue. Es ist die Herausforderung an eine Kirche, die das Wort hoch achtet: Trauen wir diesen Zusagen – mehr als allem, was wir selbst tun können?

           

Wo finde ich Zuflucht? Wo ist ein Bergungsort? Unter Deinem Schirmen, so höre ich als Antwort, als Hinweis auf Dich, mein Gott.

So geht es mir oft, dass mich tausend Ängste jagen, dass mir tausend Gründe einfallen, die mich sorgen lassen. Was schief gehen kann geht irgendwann schief.

Du aber willst mich ins Freie führen. Du willst der Furcht die Macht nehmen. Du willst mich aufatmen lassen, Hoffnung schöpfen in schwierigen Zeiten. Darum sagst Du es, wieder und wieder: Fürchte dich nicht!

Vielleicht werde ich es irgendwann nicht nur hören, sondern mich davon leiten lassen, weil ich mich Dir anvertraue. Amen