Anbetung – für wen?

Jesaja 41, 1 – 7

 Die Inseln sollen vor mir schweigen und die Völker neue Kraft gewinnen! Sie sollen herzutreten und dann reden! Lasst uns miteinander rechten!

Eine Aufforderung zur Verhandlung, zum öffentlichen Streit. Zum Gerichtsverfahren zwischen Gott und seinem Volk. Das ist eine feste Form, die sich auch im Jesaja-Buch noch wiederholen wird: 43, 8 – 15; 44,6 – 8; 45,20 – 25. Gott scheut die Debatte nicht, auch den Rechtsstreit nicht. Er hat nichts zu verbergen. Er stellt sich den Anfragen.

  2 Wer lässt den von Osten her kommen, dem Heil auf dem Fuße folgt, vor dem er Völker und Könige dahingibt, dass er ihrer mächtig wird? Sein Schwert macht sie wie Staub und sein Bogen wie verwehte Spreu. 3 Er jagt ihnen nach und zieht unversehrt hindurch und berührt den Weg nicht mit seinen Füßen.

            Das ist das Thema, das zur Debatte steht: Wer setzt  Geschehen in der Geschichte in Gang? Es sind deutliche Anspielungen, auf Kyros, den Perserkönig. Auch wenn sein Name nicht genannt wird. „Die Beschreibung hebt die unglaubliche Schnelligkeit und scheinbar Leichtigkeit der ersten Eroberungen des Kyros hervor.“(C. Westermann, aaO. S. 55) Dass dieser König auftritt, erweckt ist (so kann das Kommen in 2 auch übersetzt werden!) folgt einem Plan Gottes. Einem Plan, der auf Heil zielt. Auf Gerechtigkeit. In dem das Trösten Israels seinen Anfang nimmt.

  4 Wer tut und macht das? Wer ruft die Geschlechter von Anfang her? Ich bin’s, der HERR, der Erste, und bei den Letzten noch derselbe.

             Jetzt gibt der Redende selbst Antwort: Ich bin es. Alles, was geschieht, kommt von Gott her. Er ist Anfang und Ende. Er ist der Grund der Geschichte und ihr Ziel. „Geschichte ist Jahwes Werk“(H.J. Kraus, aaO.  S. 25) In ihm ist keine Veränderung: So wie er den Ersten, dem Anfang gegenüber steht, so zeigt er sich auch den Letzten. Schöpfung und Vollendung – alles Geschehen aus der Hand des einen Gottes. Er bleibt sich in seinem Handeln treu, das auf Heil und Rettung aus ist, auf Gerechtigkeit und Friede,.

Das ist in sich ein starker Widerspruch – gegen den Glauben damals: Es sind die Götter der Sieger, die das Geschick der Welt lenken. Und der HERR, Jahwe, Israels Gott,  ist allenfalls ein machtloser Berggott auf dem Zion. Das ist aber, über die Zeiten hinweg auch Widerspruch gegen die Überzeugungen heutzutage: Es seien die Menschen und die Mächte, ob Märkte oder Interessen oder Ideologien genannt, die den Lauf der Welt lenken. Sie fuhrwerken alle in der Geschichte herum. Aber den Lauf der Geschichte zu einem guten Ende zu lenken – das ist allein Gottes Sache und Werk.

  5 Als die Inseln das sahen, fürchteten sie sich, und die Enden der Erde erschraken; sie nahten sich und kamen herzu.

             Was da geschieht, bringt alle zum Erschrecken. Die Inseln und die Enden der Erde. Bild für die Mächtigen, die Völker und die Götter. Wo Gott sichtbar wird in seinem Handeln, „bleiben die Götter nicht, was sie einst waren.“(D. Schneider, aaO. 46) Ihr Nahen und Kommen wird zum Unterwerfen, zur Anerkennung des einen Gottes, des einen HERRN.  Sie haben keine Wahl: sie müssen sich dem Rechtsstreit mit Gott stellen.

  6 Einer will dem andern helfen und spricht zu seinem Nächsten: Steh fest! 7 Der Meister nimmt den Goldschmied fest an die Hand, und sie machen mit dem Hammer das Blech glatt auf dem Amboss und sprechen: Das wird fein stehen!, und machen’s fest mit Nägeln, dass es nicht wackeln soll.

Umso törichter wirkt dann der Versuch, der hier noch einmal sorgfältig beschrieben wird, sich seine eigenen Götter zu machen. „So werden Götter hergestellt, in diesem menschlich-allzumenschlichen handwerklichen Prozess, unter gegenseitigen Ermutigungen und Zurufen!“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 27) Es mag ja sein, es ist handwerklich große Kunst, es wird vielleicht sogar Weltkulturerbe, wenn es nur alt genug wird und nicht dem Wahn des IS zum Opfer fällt. Aber es bleibt töricht: diese Götter von Menschenhand sind nicht handlungsfähig. Sie haben keine Macht. Sie können nicht retten. Nichts und niemand.

Zum Weiterdenken

             Die Anbetung der eigenen Mach-Werke und Machtwerke ist nicht auf die Antike beschränkt, auf den Vorderen Orient, auf naive Gemüter. Man kann schon den Eindruck haben, dass sie heute genauso geübt wird wie damals. Sie ist nicht mehr religiös eingekleidet, sondern kommt rational daher: Es gilt, den Gesetzen des Marktes zu folgen. Es gilt, den Mechanismen des technischen Fortschrittes zu folgen. Wir müssen nur auf die Entwicklung der „Künstlichen Intelligenz“ setzen, dann werden wir alle Probleme der Welt gelöst bekommen.

Die Auseinandersetzung mit dem „Transhumanismus“ wird uns in den Kirchen nicht erspart bleiben. Transhumanismus meint. Weiterentwicklung des Menschen durch „quantitative und qualitative Verbesserungen der biologischen Natur des Menschen.“(B. P. Göcke, Transhumanismus und der Glaube an Gott, Brennpunkt Gemeinde, Studienbrief R 24, 2/2018, S. 6)  Es geht um die Perfektibilität des Menschen. Ich lese: „Sowohl das Christentum als auch der   Transhumanismus stimmen darin überein, dass die gegenwärtige Situation des Menschen der Verbesserung offen ist und verbessert werden soll. Während allerdings das Christentum davon ausgeht, dass die Vervollkommnung des Menschen wesentlich eine eschatologische frage des ewigen Lebens in der liebenden Gegenwart Gottes ist und mit der zufälligerweise gegeben biologischen Natur des Individuums gnadenhaft zu erreichen ist, nimmt der Transhumanismus an. dass das Leben der Menschen im hier und Jetzt durch die biologische und kybernetische Veränderung der conditio humana wesentlich verbessert werden kann und soll.“(B. P. Göcke, aaO. S. 13) Das führt – so mein  skeptischer Gedanke zur Anbetung der eigenen Mach-Werke und Machtwerke.

 

Heiliger Gott, es ist so ein kleiner Schritt von der Freude  am eigenen Werk, am eigene Können, zur Anbetung der eigenen Werke, zum Vertrauen darauf: Wir können uns selbst erlösen.

Es ist so ein kleiner Schritt zur Gottvergessenheit. Über den Gaben vergessen wir Dich. Über unseren Möglichkeiten vergessen wird, dass wir alles Leben Dir verdanken.

Hilf Du dazu, dass wir uns nicht selbst vergotten, dass wir unsere Werke nicht vergötzen, dass wir nicht dem Wahn anheimfallen, wir allein seien die Herren der Welt.

Gib Du die Klarheit, dass wir Dich allein anbeten und Dir allein unser Leben anvertrauen. Amen