Sternenglanz und Adlersflügel

Jesaja 40, 26 – 31

 26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

             Schaut den Himmel. Schaut die Sterne. Es ist wohl kein Zufall: So hat der HERR schon einem mutlosen Abraham, der keine Zukunft mehr glauben konnte, Mut gemacht.  „Und er ließ ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ (1. Mose 15,5) Wenn Sterne zu etwas taugen, dann sind sie Mutmacher für mutlose Leute.

Das sind Worte in einem Umfeld, das der Astrologie so große Bedeutung zumisst. „Diese Worte, in Babylon gesprochen, sind ein Angriff auf der ganzen Linie….Die Gestirne, die in Babylon die Herren sind als oberste Götter, sind Geschöpfe, nichts als Geschöpfe.“ (C. Westermann, aaO.  S. 50) Alles, was da am Himmel glänzt und leuchtet und funkelt, folgt dem Rufen Gottes.  Die Sterne haben keine Macht über das Leben. Sie werden gerufen, von dem, der der Herr ist.

Es ist Kinder-Theologie, die gut ist zur Entmythologisierung, zur Befreiung von Erwachsen aus ihrer Abhängigkeit von den Sternen:

Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl.                              W. Hey 1837, EG 511

  27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

             Jetzt geht der Sprechende ein auf Fragen, auf Klagen, auf die Angst des Volkes: wir sind preisgegeben. Wir sind vergessen. Gott hat sich abgewendet. Er sieht unsere Wege nicht mehr.  Jetzt nimmt er fragend ihre Fragen auf. Macht es einen Unterschied, ob sie ihm verborgen sind, weil Gott schlecht sieht oder weil sie ihn nicht mehr interessieren, er nicht mehr bei ihnen ist?

 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?

             Das ist Aufmerksamkeits-Ruf. Aufforderung zum Innehalten. Zum neu Hinhören und sich ins Gedächtnis Rufen. Wenn man einfach nur weiter macht, immer weiter so, dann gerät man unter die Räder. Das Volk, das sich so ausgeliefert fühlt, muss sich besinnen. Besinnen fängt mit einem neuen Hören und Wahrnehmen an – auf das, was immer schon gültig war. Ich lese es so, dass wir jetzt dem Zielpunkt der ganzen „Fragerei“ vom Anfang nahe sind.

Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

             Die Antwort auf all die Fragen: Der HERR ist der ewige Gott. Unfassbar, unbegreiflich. Er ist nicht wie die Götter sind. Vom Baal konnte Elia sagen: „Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, dass er aufwache.“(1. Könige 18,27) Gott aber, der HERR, dessen Namen Israel anruft, braucht keine Erholungspausen, er kennt als der Schöpfer keine Erschöpfung.

Es ist eine Herausforderung; Die Antwort auf alle Bangigkeiten dem Leben gegenüber liegt zuerst und zuletzt nicht in einem anderen Blick auf das Leben. Sondern sie liegt in einer anderen Blickrichtung: auf den ewigen Gott. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“(Lukas 21,28)

             Und, um es täglich einzuüben:

 Der Tag ist seiner Höhe nah. Nun blick zum Höchsten auf,
der schützend auf dich niedersah in jedes Tages Lauf.                                                                             J. Klepper 1938, EG 457

 Es ist die andere Blickrichtung, aus der die Kraft erwächst. Weil es Kraft gibt, auf den zu schauen, der die Quelle aller Kraft ist – für Müde und Erschöpfte, für Alte und Junge, für die, die die Resignation angreift. Nicht auf die eigenen Kräfte trauen, sondern auf die Kraft, die verliehen wird. Von oben.

Die Adlers-gleich macht. Wer wie ich, J.R.R. Tolkien, die Geschichten vom Hobbit und dem Herrn der Ringe, liest und liebt, der weiß: Die Adler sind immer Signal für das Rettende. Wenn die Adler kommen, wird die Gefahr gewendet. Tolkien hat sich in seiner Sprache oft und gerne an der Bibel bedient.  Diese Kraft aus Gott macht nicht zu Überfliegern, aber sie macht zu Leuten, die auf den Wegen des Lebens in Richtung Rettung und Heil unterwegs bleiben können und nicht aufgeben. „Die Gotteskraft wirkt da, wo die natürliche Kraft nicht mehr vorhanden ist.“(D. Schneider aaO. S. 40) Es ist von da aus nicht weit bis zu dem Wort, das der Apostel empfängt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“(2. Korinther 12,9)

 Zurück zu Jesaja. Wieder zeigt sich die Größe Gottes in dem, was er gibt und wem er gibt: Den Müden Kraft, den Unvermögenden Stärke. Er ist nicht der, der den Reichtum der Reichen vermehrt, die Macht der Mächtigen stützt. Sein Geben gilt immer zuerst denen, die leere Hände haben, erschöpfte Seelen, mutlose Herzen.

Zum Weiterdenken

Die Worte des Propheten kreisen um ein urmenschliches Problem. Das sich wiederholt bis heute:

Da sitzt ein Mensch irgendwo herum und der ganze Jammer und das ganze Elend seines Lebens liegt in diesem einen Satz: „Gott hat mich vergessen.“ Früher einmal, da mag es Zeiten gegeben haben, in denen er an mich gedacht hat ‑ aber jetzt, jetzt hat er mich vergessen. Und weil er mich vergessen hat, darum bin ich ausgeliefert ‑ an meine Ängste, die mich plagen: dass ich die Schule nicht schaffe;  dass ich allein bleibe ohne Anschluss;, dass ich mit den Aufgaben meines Berufes nicht mehr fertig werde; meinen Haushalt nicht mehr schaffe;  dass meine Kinder nichts mehr mit mir anfangen können, dass ich keinen Zugang mehr zur jungen Generation finde….

Ich habe es gelesen, nicht nur einmal: Wir sind allein in einem unendlichen Universum. Über uns der Himmel – leer. Da ist nur der unendliche Raum. Verlassenheitsgefühle. Und irgendwie müssen wir zusehen, wie wir mit unserem Leben zurechtkommen. So empfinden viele  – heute. innerhalb und außerhalb der Kirchen.

„Gott hat mich vergessen“ ‑ das macht keinem zu schaffen, der Gott ohnehin schon abgeschrieben hat. Das macht keinem zu schaf­fen, der Gott für tot erklärt hat oder für Altweibergeschwätz. Das macht keinem zu schaffen, der sich am Stammtisch über den Quatsch in der Kirche belustigen kann. Aber es trifft die, die spüren: Ohne Gott geht es nicht, mit mir und meinem Leben.

Darum geht es, um Worte, die an dieser Stelle helfen, standzuhalten. Sich festzumachen in dem unsichtbaren Gott. In seinem Wort. In seiner Treue.

 

Öffne mir die Augen, Gott. Rühre mein Herz an. Öffne mir die Augen für die Schönheit des  Himmels, für das Heer der Sterne, für ihren nächtlichen Glanz, für ihr ewiges Zeugnis Deiner großen Schöpfungsordnung.

Keiner von uns geht Dir verloren. Keiner von uns ist ein unbedeutendes Sandkorn am Strand der Ewigkeit. Wie den Großen Bären, wie den Polarstern, wie Castor und Pollux, Aldebaran und Rigel – so rufst Du auch uns. Und so wie sie kommen jeden Abend und jede Nacht, so werden auch wir kommen, wenn Du uns beim Namen rufst.

Berühre mein Herz mit dem leisen Ruf der Sterne, dass ich mich lassen kann, dass ich Deiner Kraft traue. Ich kenne mich und weiß, wie schnell es vorbei ist mit dem Können, mit dem Wollen, mit der eigenen Stärke – und es bleibt Straucheln, Aufgeben, liegen bleiben. Öffne mir das Herz, dass ich mich den Adlerflügeln lasse, die mich tragen wollen. Amen