Gott der Herr – unvergleichlich

Jesaja 40, 12 – 25

 12 Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? 13 Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? 14 Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?

             Fragen über Fragen. Der ganze Abschnitt wird von solchen Fragen geprägt. Manche erscheinen wie „rhetorische Fragen“(C. Westermann, aaO. S. 42), nicht wirklich echt, sondern nur um der erwarteten Antworten willen gestellt. Was will man auch auf dieses „Wer“ antworten? Es liegt auf der Hand: Niemand. Keiner ist Gott gewachsen – und sich als Ratgeber Gottes zu fühlen, wäre die blanke Anmaßung.

Es drängt sich Erinnerung an das Hiob-Buch auf. „Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?“ (Hiob 38, 1 – 5) Da wird Hiob mit diesen Fragen in seine Schranken verwiesen. Aber wer wird hier von dem Propheten im Auftrag Gottes so gefragt? Geht es denn auch hier um das Verweisen „unbotmäßiger Gedanken“ in die ihnen gebührenden Schranken? Ist die Resignation so ein Gott gegenüber ungebührliches Denken? Vielleicht aber dient dieses Stakkato von Fragen ja ganz im Gegenteil der Ermutigung! Alle Infrage-Stellungen des HERRN werden durch sein Fragen ausgekontert. Das wird sich zeigen müssen.

  15 Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. 16 Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer. 17 Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.

Man muss sich vor Augen halten: wie Schachfiguren, Bauern zumal, sind die Leute Gottes verschoben worden. Die Großmächte behandeln die Unterlegenen im Krieg wie Sandkörner, wie Wassertropfen. Dieses Bild der Mächtigen wird hier aufgenommen. Was ist das für eine Macht bei den Siegervölkern, Assyrern Babyloniern, Chaldäern? Es ist ein durch und durch ironisches Bild: diese Weltmächte: Tropfen am Eimer. Sandkörner. Vor ihm – ich ergänze. Vor dem HERRN, vor dem Gott Israels: Nichts. Eitel. Wie von selbst erinnere ich mich: „Alles ist eitel.“-„Windhauch.“(Prediger 1,1) Ein hartes Urteil über alles Machtgebaren.  

In den Bildern steckt jedoch nicht nur Machtkritik, nicht nur Entlarvung. Sondern auch die Aufforderung, die Furcht vor den Mächtigen fahren zu lassen. Sie sind ja an die gerichtet, die sich ducken, die sich klein fühlen, ausgeliefert, selbst wie Tropfen und Sandkörner. Auch, weil sie so behandelt worden sind. Sie sollen eine andere Sicht gewinnen – auf die Mächtigen, auf sich selbst – durch einen neuen Blick auf Gott.

18 Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? 19 Der Meister gießt ein Bild und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran. 20 Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.

             Es wird sich noch mehrfach wiederholen: Die Götter der Völker sind Machwerke der Menschen. Jesaja ist ein früher Vorläufer Feuerbachs und seiner Epigonen. Oder anders herum: Der Religionskritiker hat bei Jesaja gelernt! Ja, das ist so: Menschen denken sich ihren Gott zurecht und machen sich ihre Götterbilder aus Holz, aus Gold, aus edlem Material oder auch dürftig. Wann immer einer auftritt und sagt: Wir Menschen produzieren uns unsere Götter selbst, steht Jesaja da und sagt: Richtig!  Und das Material dieser Produktionen nehmt ihr aus eurem Lebensumfeld.

Wie viel Ironie steckt darin: Man muss darauf achten, dass man das Bild so anfertigt, dass es nicht wackelt. Dass es standfest ist. Belastbar. Wie viele Gespräche über Gott sind angstbesetzt, weil die, die ihren Gott verteidigen, davor Angst haben, dass ihr Bild ins Wanken gerät. Je eifriger sie ihren Gott verteidigen! Jesaja ist überzeugt: ein Gott, den man verteidigen muss, den man vor dem Wackeln bewahren muss, ist ein nichts. Ein Götze.

 21 Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde? 22 Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; 23 er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: 24 Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.

             Statt dem Aufruf zur Verteidigung in einem dritten Frage-Komplex ein Rückruf. Erinnert euch an das, was ihr gelernt habt, was ihr gehört habt. Immer deutlicher wird: angeredet sind Menschen, die dabei sind, ihren Glauben zu verlieren, ihn nicht mehr für tragfähig zu halten. Ihnen halten diese Worte, hält Jesaja das Bild des Schöpfers vor Augen. Den Herrn des Himmels und der Erde. Er sagt Jesaja und alle wissen, wer er ist. „Er breitet den Himmel aus wie ein Zelt zum Wohnen.“(F.J. Helfmeyer, Licht der Völker, Bibelauslegung für die Praxis, Bd. 11, Stuttgart 1978, S. 96) Er macht die Welt zu einem Ort, an dem man leben kann.

Ganz nah ist das alles am Denken, wie ich es auch in den Psalmen finde.

Lobe den HERRN, meine Seele!                                                                                              HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich;                                                                               du bist schön und prächtig geschmückt.                                                                                 Licht ist dein Kleid, das du anhast.                                                                                         Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich;                                                               du baust deine Gemächer über den Wassern.                                                                   Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen                                                               und kommst daher auf den Fittichen des Windes,                                                                der du machst Winde zu deinen Boten                                                                                 und Feuerflammen zu deinen Dienern;                                                                             der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden,                                               dass es bleibt immer und ewiglich.                           Psalm 104, 1 – 5

            Und mit dem Blick auf die Größe Gottes verbunden ist die Erinnerung an die Vergänglichkeit. Was ist der Mensch angesichts dieser Größe? Auch Fürsten müssen doch dahin, Richter in gleicher Weise, von einem Augenblick zum anderen. Autorität und  gesellschaftlicher Status schützen nicht vor dem Vergehen. Es ist eine, wenn man so will, gnadenlose Erinnerung: Auch die Großen dieser Welt werden nicht ewig leben. Mit dem Machtantritt ist das Verfallsdatum schon gegeben. Angesichts der Aufgeregtheiten der Zeit – damals wie heute – ein Ruf, die wirklichen Größenordnungen zu Gesicht zu bekommen.   

 25 Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei?, spricht der Heilige.

             Es ist, als wollte der Heilige alle Fragen mit der Wiederholung seiner Frage endgültig zum Schweigen bringen. Merkt ihr nicht, dass es nicht passt – mich in die Reihe der Götter einzureihen? Aus meinem Namen Gott eine Gattungsbezeichnung zu machen.

 Zum Weiterdenken

             Manchmal müssen Größenordnungen zurecht gerückt werden, damit es wieder eine realistische Sehweise gibt. Darum müht sich der Prophet. Davon erzählt diese kleine Geschichte:

 „Ein Kriegsschiff schiebt sich durch die offene, unruhige See. Nebelschwaden erschweren die Sicht. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit meldet der Ausguck: „Licht Steuerbord voraus!“                                                                                                    Der Kapitän schickt ein Signal: „Wir sind auf Kollisionskurs, empfehlen 20 Grad Kursänderung.“ Zurück kommt die Meldung:“ Empfehlen Ihnen, den Kurs um 20 Grad zu ändern.“ Der Kapitän antwortet. „Dies ist ein Kriegsschiff. Kurs um 20 Grad ändern!“ Zurück kommt das Signal: „Besser, Sie ändern den Kurs.“

Der Kapitän antwortet wütend: „Wir sind das zweitgrößte Schiff der Flotte. Werden von drei Zerstörern und mehreren Hilfsschiffen begleitet. Ändern Sie Ihren Kurs, oder es werden Gegenmaßnahmen ergriffen!“

Prompt wird zurückgeblinkt: „Dies ist ein Leuchtturm. Sie sind dran.“

             Eine Etage tiefer noch: Wie steht es überhaupt um unsere Möglichkeit, angemessen von Gott, dem Heiligen, dem HERRN – Jahwe zu reden? Sind wir – Pfarrerinnen und Pfarrer – an dieser Stelle nicht besonders gefährdet? Es ist der Vorbehalt, der über aller Theologie stehen muss – dass sie weiß und sich selbst eingesteht, dass alle ihre Worte unangemessen sind, nur Gestammel. Worte, die nie hinreichen, um Gott zu fassen. „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser- Nichtkönnen, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Alles andere ist daneben Kinderspiel.“(K. Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie,  Elgersburg 1922, zit. nach J. Moltmann, Anfänge der dialektischen Theologie, Teil I, München 1985. Zit. 199) Eine Einweisung in Demut, wie sie in diesen Worten des Propheten offenkundig ist.    

 

Du Heiliger, manchmal denke ich, dass es Zeit ist zu schweigen. Nur noch still zu werden vor Dir. Nicht mehr so zu tun, als wüsste ich, wie Du bist, was Du tun wirst, wie ich Einfluss auf Dich gewonnen kann.

Manchmal denke ich: Genug gesprochen. Es wird Zeit zur Stille. Du aber hast uns Deinen Namen gegeben, HERR, um Dich anzurufen, Dich zu loben und zu preisen. Jesus – um zu Dir zu beten, um Dich zu ehren.

Jeder Atemzug – ein Lob des Lebens, das Du schenkst. Jeder Schritt –  ein Dank an Dich für Deine Wege. Jeder Augenblick – ein Staunen über Deine Güte. Lass es Dir so gefallen. Aus der Stille rufe ich, Herr, zu Dir. Amen