Tröstet, tröstet!

Jesaja 40, 1 – 11

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.                                                                                                       

Wie eine Überschrift lesen sich diese Worte. Über das ganze Werk dieses „Jesaja“? Oder doch nur über die nachfolgenden Worte? Beides ist möglich und beides in meinen Augen sinnvoll.

Auf Trost sind sie alle angewiesen, die nach Babylon Weggeführten. Die dort in der 2. oder 3. Generation leben. In der Fremde. Denen die Hoffnung auf Heimkehr, auf eine gute Zukunft schwindet. Die sich irgendwie einrichten müssen in einem Land, in das sie nie kommen wollten.

„Die Situation, in der das Volk Gottes sich befindet, ist für alle Kapitel in Jesaja 40 – 55 vorauszusetzen: Israel (Juda) lebt in der babylonischen Gefangenschaft. Zwischen dem Zweistromland (Euphrat und Tigris) und dem Land, aus dem das Volk deportiert worden war erstreckt sich die syrisch-arabische Wüste, ein unüberbrückbarer Korridor!“(H.J. Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 12)  Statt Korridor könnte man wohl auch sagen: eine unüberwindliche Grenze.

Auf Trost sind sie angewiesen, und darum werden sie nicht auf Vertröstung warten. Es braucht den Trost, der eine neue Perspektive eröffnet. Den Trost, der eine Wende ansagt und bringt: die Knechtschaft wird ein Ende haben. Das ist Wende in der Lebenswirklichkeit: Nicht mehr abhängig von den Herren in Babylon. Nicht mehr unter fremdem Befehl. Nicht mehr nur Fußvolk, Sklavenvolk, Fremdarbeiter. Nicht mehr rechtlos. „In der Bibel ist Trost das von Gott selbst ausgehende machtvolle Wort der Ermutigung und Aufrichtung, Beginn einer weit- und tiefreichenden Schicksalswende.“ (H.J. Kraus, ebda.)

Es steckt schon in dieser ersten Aufforderung“ „Tröstet, tröstet also mit drin: Gott selbst wird sich seines Volkes annehmen. Und die Wiederholung des Wortes sagt: Ganz gewiss! „Immer, wenn Jesaja Gottes Wort in besonderer Dringlichkeit sagt, verdoppelt er seine Worte.“(D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S. 17)

             Wo Trost ist, braucht es Gründe, festen Boden. Für Jerusalem ist das der Grund, auf dem neue Zukunft erhofft und erbaut werden kann: ihre Schuld ist vergeben. Die Vergangenheit darf nicht mehr verklagen. Die Strafe ist abgegolten, weil sie voll erstattet ist. Das Strafmaß ist erfüllt. Man könnte auch sagen: Gott hat genug von der Strafe, er ist sie leid. Sondern: „Damit, dass Gott sich wieder vergebend seinem Volk zuwendet, ist alles gut.“(C. Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19., Göttingen 1966, S. 33) Er setzt den neuen Anfang.

3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

             Eine Stimme ruft. Wessen Stimme ist das? Verbirgt sich hinter dieser Stimme Gott?  Oder steckt dahinter „nur ein himmlisches Wesen, das aus der himmlischen Ratsversammlung heraus einen Befehl an die Schöpfung weitergibt“. (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S. 19) Diese Stimme erinnert an eine andere, viel ältere Erzählung: „Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?“(1. Könige 19,13) Gott meldet sich manchmal verborgen in einer Stimme zu Wort. Aber es könnte auch der Prophet selbst sein, der so ganz hinter der Botschaft zurück tritt.

Wie auch immer, wer auch immer hinter der Stimme steckt – auf ihre Botschaft kommt es an. Wegbereitung in der weglosen Wüste. „Eine Wunderstraße, die schnurstracks und niveaugleich die gebirgige Wüste durchschneidet.“(H.J. Kraus, aaO.  S.  13)So etwas können die Gefangenen, die in Babylon einsitzen, nicht bauen. Es kann nicht im Ernst ein Befehl an sie sein. Befehlsempfänger, wenn es denn um eine wirkliche Straße durch eine wirkliche Wüste geht, können also nur die sein, die den Weg frei machen können. Heißt doch: die Machthaber in Babylon.  Sie können den Weg zur Heimkehr ebnen.

Allerdings das tritt vielleicht doch daneben: Die Deportierten sollen gleichfalls bereit werden – zum Aufbruch aus den Tälern der Verzweiflung. Zum Aufbruch aus der inneren Verwüstung, aus der Resignation: Wir sind nicht mehr Gottes Volk.  Zum Überwinden der Berge, von denen sie sagen: Das schaffen wir nie, darüber hinweg zu kommen.

Wo das geschieht, da leuchtet die Herrlichkeit des HERRN auf. Wo das geschieht, dass der Weg in die Freiheit geebnet wird, aus den realen äußerlichen Gefangenschaften und aus den nicht weniger realen inneren Gefängnissen, da wird die Herrlichkeit des HERRN sichtbar, erfahren, spürbar. Offenbar. Für alle. Nicht mehr im Tempel – der ist ja seit sechzig, siebzig Jahren zerstört – sondern mitten in der Welt.  Auf dem Weg durch die Wüste. Dafür steht der HERR ein. Sein Mund hat es gesagt.

 6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?

             Noch einmal eine Stimme – diesmal mit einem einzigen Wort als Auftrag: Predige. „Rufe“ übersetzen andere.(Westermann, Kraus, Schneider) Weil es ja nicht um ein Predigen geht, wie wir es kennen als Kanzelrede. Es ist, vielleicht, die Berufung dieses Propheten – im Zweistromland? – mit einem einzigen Wort. Ganz ohne Vision – wenn nicht die Worte zuvor schon seine „Vision“ sind. Und er antwortet mit einer Frage: Was denn? Was habe ich schon zu sagen?

 Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Ich glaube nicht, dass ich so lesen muss: Die erste Antwort auf seine Frage heißt: „Predige die Vergänglichkeit.“ Sondern ich verstehe diese Worte als eine Frage, als eine Klage: Was soll ich sagen, wo ich es doch vor Augen habe: Vergänglich. Alles vergeht. Nichts bleibt. Das hat der Prophet gelernt in den siebzig Jahren im Exil. Wie sehr haben sie darauf vertraut: Jerusalem steht fest für immer. Wie sehr haben sie darauf gesetzt: Das Volk bleibt, weil die Zusagen Gottes doch fest stehen. Unverbrüchlich.

Das ist Israels Lektion, in dürren Sätzen: Das Volk ist Gras. So wie es in den Psalmen für den einzelnen Menschen steht.

Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom,                                                                      sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,                            das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.                   Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen,                                                                   und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen.                                                    Denn unsre Missetaten stellst du vor dich,                                                                      unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.                                                                                    Psalm 90, 5 – 8

             Aber auch in dieser Botschaft der Vergänglichkeit steckt noch ein Aspekt der Ermutigung für die im Exil, in Babylon. Sind doch auch die Mächtigen, die sie vor Augen haben, Fleisch, vergänglich wie das Gras. Auch Babylon trägt schon das Zeichen des Untergangs, des Vergehens an sich. Denn des HERRN Odem bläst darein. Dieser Gottes Odem ist hier wohl ein Zorneshauch.

Das ist nüchterner Realismus und er wird von dem Propheten bejaht: Ja, Gras ist das Volk!  So ist es, so steht es um uns alle. Wer einzig und allein bleibt, ist Gott. Sein Wort. In aller Vergänglichkeit ist er, der ist und war und sein wird. Und sein Wort ist der Halt. Auch der Hoffnungsfunke. Und Wunder über Wunder: Der ewige Gott richtet sein Wort an dieses vergängliche Volk. Das ewige Wort für Leute, die nicht ewig sind, sondern vergänglich. Nur ein Wimpernschlag der Weltgeschichte. Und nun gilt es auf dieses Wort zu hören, ganz neu:

9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10 siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. 11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

             Die Stadt, die am Boden liegt, in Trümmern, wird angeredet. Die nichts mehr darstellt, an der keine Schönheit mehr zu sehen ist – sie wird gerufen als Freudenbotin. Laut soll sie rufen. Machtvoll. So dass es zu hören ist bis in die kleinen Städte Judas hinein: Siehe, euer Gott.

             Darin wird Gott in seiner Gewalt sichtbar, dass sein Volk heimkommt. Gottes Gewalt ist nicht destruktiv, sie ist konstruktiv. Sie öffnet Wege in der Weglosigkeit, aus der Ausweglosigkeit. Es ist einmal mehr Erinnerung an die Grunderfahrung Israels: „So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte.“(2. Mose 14,31) Es ist die Hand des Herrn, die Israel rettet. Es ist der Arm des HERRN, auf den der Prophet hofft, den er zum Handeln rufen wird: „Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN!“(51,9)

Darin wird Gott erkennbar, dass er sein Volk nach Hause führt, so wie ein Hirte seine Herde führt. Es ist kein ohnmächtiger Gott, keiner, der sich vor den Göttern Babylons verstecken muss. Er ist gewaltig, voller Kraft. „Mit allen Attributen der unvergleichlichen Herrschaft“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 14) Fürsorglich trägt er, die es nicht aus eigener Kraft schaffen können. Er hat ein Auge auf jede*n auf dem Weg. Darauf liegt der Ton, „dass die vom Hirten geführten nicht Masse, sondern Einzelne sind: ein jeder findet die für ihn nötige Fürsorge des Hirten. Alle sollen an der Freude des Heimzuges Teil haben.“(C. Westermann, aaO.  S. 40) Darin vor allem zeigt sich seine Herrlichkeit, seine Herrschaft.

Zum Weiterdenken

„Tröstet, tröstet mein Volk.“ Wie oft haben wir diese Worte schon gehört. Sie sind uns vorgelesen worden in Losungen, in Andachten, in Predigten. Uns zugesungen in großen Werken der Kirchenmusik. Sie tun gut. Ich kann mich diesen Worten nicht entziehen. Sie rühren mich an, in einer Tiefe, die mir manchmal selbst rätselhaft ist.

Wahrscheinlich hat diese Anrührung damit zu tun, dass wir trostbedürftiger sind als es die Meisten und wir meistens zugeben möchten. Heutzutage muss man ja das Leben meistern. Man muss souverän oder cool wirken – je nach Altersgruppe. Man sollte keine Schwächen zeigen, am besten auch keine haben. Aber die Erfahrung ist eine andere: Ich bin manchmal trostbedürftig. Ich bin manchmal, wenn etwas daneben gegangen ist – ob in der Familie, in der Schule, in der Berufsarbeit – so darauf angewiesen, dass einer sagt: Kopf hoch! Kommt vor. Das war ein Fehler, aber es ist noch kein Weltuntergang.

Wenn es Ihnen auch manchmal so geht, dass Sie nicht weiter wissen, es mit dem Leben schwer haben, sich auskennen mit bohrenden Fragen  und anhaltenden Klagen, im eigenen Leben um  Leid und Schuld wissen, bedroht sind von der Angst: ist unser Leben nicht nur eine große Sackgasse? Dann gehören Sie zu den Leuten, für die dieses Wort gesagt wird.

 

Es ist genug – genug gefragt, genug geklagt, genug gelitten, genug gestritten.  Wenn es genug ist -wer kann einen neuen Anfang machen? Ich? Du? Wir? Aber unsere neuen Anfänge haben sich allzu oft als Sackgassen erwiesen. Darum lassen wir es ja auch oft lieber bei dem Klagen und Fragen, dem Leiden und Streiten.

Du, Gott, sagst: Es ist genug. Nicht mehr Zeit zu leiden und zu strafen – Zeit zu trösten, Zeit aufzurichten. Lass uns diese Worte nicht nur hören. Lass uns erfahren, wie es geschieht an uns und an allen – dass Du Tröster kommst und alles Leiden sein Ende findet. Amen