Nur dies : Bei Dir sein

Matthäus 25, 1 – 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

             Ein Himmelreichs-Gleichnis führt die Überlegungen weiter: wie kann der Einzelne, Christin, Christ, sich vorbereiten auf das Kommen Christi? Wie gelingt es, bereit zu sein? Es ist ein schönes Bild, das Jesus wählt: das Empfangskomitee der zehn Jungfrauen für den kommenden Bräutigam. Das erste Bild-Signal also: Es geht um ein Fest.

Ein Fest, bei dem die Feiernden sein werden wie die Träumenden: lachen vor Freude, tanzen und singen, dem Gastgeber danken und ihn loben. Im Bild der Hochzeit redet Jesus vom großen Tag Gottes und ruft uns, dass wir an ihm teilhaben sollen. In die Freude seines Reiches ruft er. In die Freude die darin liegt, mit ihm Hochzeit zu halten. Das ist unsere tiefste Bestimmung, die wir als Menschen haben: wir sind eingeladen zum Fest Gottes in seiner Ewigkeit, die er heraufführt. So zu lesen passt zur Praxis Jesu auf dem Weg durch Galiläa und nach Jerusalem, wo er immer wieder einkehrt, Feste feiert, selbst Gast zum Gastgeber wird.

Kein Zweifel: wenn Jesus hier vom Bräutigam spricht, spricht er von sich selbst. „Bräutigam ist im Alten Testament ein stehendes Bild für Gott in seiner Beziehung zu Israel. Verlobung bzw. Hochzeit stehen für den Bund, den er mit Israel schließt….. Aber für die nachösterliche Gemeinde und für Matthäus und seine Adressaten war klar, dass Jesus in diesem Gleichnis von sich selbst und seiner Wiederkunft sprach.“(W. Klaiber, , aaO. S. 191f.)

 Damit ist auch klar: es geht in dem Gleichnis darum, für das Kommen des Bräutigams bereit zu sein. Wann auch immer er kommen wird. Es hängt nicht besonders viel daran, dass die Wartenden Jungfrauen sind. Es geht nicht um einen Status der Unbescholtenheit. Ihre Jungfräulichkeit ist kein Thema, sondern wohl eher der Umwelt und entsprechenden Bräuchen geschuldet. Brautjungfern sind im Normalfall nicht verheiratet.

 

Wichtiger ist dann womöglich schon, dass es zehn sind. Zehn mag nicht die Zahl der Vollkommenheit sein, gleichwohl wird damit Vollständigkeit ausgedrückt. Zehn gleich alle, die nötig sind. Alle, die dieses Empfangskomitee bilden. Vielleicht darf man sagen: diese Zehn steht für die ganze Gemeinde.

2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.

             Die Zehn sind allerdings nicht alle gleich. Das zeigt sich an ihrem Handeln: die einen denken nur für den Augenblick, die anderen sind vorsorgend unterwegs. Sie achten in ihrem Tun darauf, dass sie über den Augenblick hinaus bereit sind. Nachhaltig nennen wir das heute. Sie sind nicht zukunftsvergessen.

 5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

              Die Nacht will nicht enden. Der Bräutigam verzieht. Kein Wunder: Die Jungfrauen werden müde und schlafen. Die Nacht gewinnt die Überhand, weil der Tag so lange auf sich warten lässt, weil der Bräutigam mit seinem Kommen verzieht. „Hinter der Verzögerung des Bräutigams steht die Erfahrung des Ausbleibens der Parusie. Sie ist für Matthäus offensichtlich kein entscheidendes Problem, denn sie ändert an der grundsätzlichen Situation der Gläubigen wenig. Wer Öl bei sich hat, braucht sich darum nicht zu kümmern, die klugen Frauen können ruhig schlafen, denn sie sind zu jedem Zeitpunkt gerüstet.“(U. Luz, aaO.  S. 475)

           Das scheint mir wichtig: das Gleichnis redet nicht einem geradezu „fieberhaften Warten“ das Wort. Es spricht vielmehr von einem Bereitsein, das sich in sachgemäßem Handeln zeigt.

  6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! 7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.

Die Mitte der Nacht ist der Anfang des neuen Tages. Mitten in der Nacht erhebt sich der Lärm des Lebens. Der Bräutigam kommt, so, dass alle, die schlafen, wach werden. Schlafend-wartende Menschen in der Nacht – sie werden geweckt durch das fröhliche Geschrei: Er kommt.

Aus seinem Glanz und Lichte tritt Er in deine Nacht                                                    und alles wird zunichte, was dir so bange macht.      J. Klepper 1938, EG 379

             Auf diesen Tag hin, auf sein Kommen hin ‑ von dem wir weder Tag noch Stunde wissen – will Matthäus seine Gemeinde vorbereiten. Dazu gibt er ihr das Beispiel der fünf klugen Jungfrauen. Nicht die Törichten sind es, auf die sie schauen sollen: in den klugen Jungfrauen will er den Weg zeigen.

8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. 9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. 10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.

             Die Situation ist schwierig: die Lampen, vermutlich mit Öl getränkte Fackeln, brennen ab. Wer nicht nachfüllen kann, wird „dumm dastehen“.(U. Luz, aaO. S. 476) Weil sie das kommen sehen, bitten die Törichten, die so wenig vorgesorgt hatten, die anderen um Aushilfe. Die aber wird ihnen verweigert. „Nicht, weil der Fackeltanz so lange dauert, und auch nicht, weil sie böswillig, schadenfroh odergeizig sind, sondern weil es die Geschichte so will.“(U. Luz, ebda.)

             Manchmal muss man sich davor hüten, jeden Zug eines Gleichnisses mit Bedeutung anzuhäufen. So auch hier. Sonst landet man bei der Anklage gegen die klugen Jungfrauen, sie seien egoistisch und macht ihnen den Vorwurf, unterlassener Hilfeleistung. Beides verträgt sich doch nicht mit dem Christsein und wäre Zeichen eines geradezu brutalen Heilsegoismus: „Hauptsache, ich bin dabei.“

Die so zurückgewiesen werden machen sich auf den Weg zum Kaufmann. Sie wollen nicht mit leeren Händen und abgebrannten Fackeln im Dunkeln dumm dastehen.  Ich zitiere aus einer eigenen Predigt:

„Daran hängt alles, ob wir bereit sind, wenn der Bräutigam kommt, wenn er in unser Leben kommt. Der ist bereit für sein Kommen am Tag der Ewigkeit, der in dieser Zeit mit ihm gelebt hat. Der ist bereit für sein Kommen, der in dieser Zeit gelernt hat, mit leeren Händen, aber voll Vertrauen auf ihn zuzugehen und zu sagen: Hilf mir, denn ich habe ja keine andere Hilfe außer dir. Wer das nicht gelernt hat in dieser Lebenszeit, wie sollte der nicht auch an dem kommenden Tag dann zu den Krämern laufen, zu den Helfern, die doch dann nicht mehr helfen können? Wie sollte der an jenem Tag ihm sein Herz voll Vertrauen entgegenwerfen? Jesus ruft uns heute zum Glauben, damit wir auch dann zu ihm gehen und nicht uns zu anderen flüchten wollen.“ (P.U. Lenz, Schlitzer Predigten, Schlitz 1986, S. 41)

Das Bild der Erzählung wird gesprengt: Keine Hochzeit in Israel ist eine geschlossene Gesellschaft. Die fünf mit den brennenden Lampen sind jetzt bei den Hochzeitsfeierlichkeiten dabei. Die verschlossene Tür sagt: es gibt eine Zeit, da ist der Zugang nicht mehr offen. Gemeint ist auf der Sachebene der Erzählung doch wohl: der Zugang zum Reich Gottes.

  11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

 „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“(Gorbatschow) Aus einer fröhlich zu empfangenden Einladung wird eine verpasste Gelegenheit. Das „Herr, Herr“ erreicht zwar das Ohr des Bräutigams. Aber es ändert nichts mehr. Es gibt ein zu spät.

 Das Gleichnis im Evangelium endet nicht so freundlich. Es wird wohl für viele so sein, dass sie sich gegen eine solche Botschaft innerlich sträuben. Es ist eine erschreckende Einsicht: „Die Parabel von der fröhlichen Hochzeit, als die die Geschichte begann, hat sich in eine erschreckende Schilderung des Gerichts des Menschensohns verwandelt.“(U. Luz, aaO. S. 477) Wobei das Gericht aus einem einzigen Satz besteht: Ich kenne euch nicht.  Das ist das wirkliche Gericht – nicht das Höllenfeuer. Kein Zugang.  Kein: Gut, dass ihr endlich da seid. Sondern: Ich kenne euch nicht.  

 13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

So fasst Matthäus zusammen: Wacht. Seid bereit. Weil der Bräutigam jederzeit kommen kann. Weil es keine Vorbereitungszeit am Tag X gibt, sondern nur die Gegenwart. Jetzt ist Bereitschafts-Zeit.

Nur eine Warnung? Doch auch eine Einladung – sich die Freude nicht entgehen zu lassen,  sich bereit zu machen für das Fest, das kommt:

„Wachet auf,“ ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne,                  „Wach auf du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde!“ Sie rufen uns mit hellem Munde:
„Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohlauf, der Bräut’gam kommt, Steht auf, die Lampen nehmt!  Halleluja!
Macht euch bereit zu der Hochzeit; Ihr müsset ihm entgegengehn!“

Zion hört die Wächter singen,                                                                                                   Das Herz tut ihr vor Freude springen,
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,                                                                       
von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.            P. Nicolai 1599, EG 147

Zum Weiterdenken

Eine bedenkenswerte Variante zu dem Schluss des Gleichnisses liefert Nikos Kazantzakis,  unter anderem Autor von „Alexis Sorbas“, „Der griechischen Passion“, von der orthodoxen Kirche Griechenlands und der römischen Kirche als Ketzer betrachtet: „Was würdest du tun, wenn du der Bräutigam wärest, Nathanael?“ fragte Jesus und richtete seine großen dunklen Augen auf ihn. Nathanael schwieg. Er sah noch nicht ganz klar, was er tun sollte. Teils wollte er sie fortjagen, das Tor war ja verschlossen, so gebot es das Gesetz, teils taten sie ihm leid, und er wollte ihnen öffnen…. „ich würde öffnen…“ sagte er leise, damit der Dorfälteste ihn nicht hören sollte. Er konnte seinem Blick nicht wiederstehen. „Recht getan, Nathanael“, sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er ihn segnete. „In dieser Stunde bist du lebendigen Leibes in das Paradies eingegangen.“  Das gleiche tat auch der Bräutigam. Er rief den Dienern zu „Öffnet das Tor, das ist eine Hochzeit, alle sollen essen und trinken und fröhlich sein. Lasst die gedankenlosen Jungfrauen hereinkommen und sich die Füße waschen, denn sie sind weit gelaufen.“(N. Kazantzakis, Die letzte Versuchung, München 1988, S. 215f)

Die Geschichte nimmt uns, so wie sie erzählt wird, die Möglichkeit einer einfachen Lösung: es geht um die drinnen und die draußen. In der Gemeinde und außerhalb, Christen, Christinnen und Heiden. Nein. Es geht nur um die in der Gemeinde. Durch die Christenheit, „durch die Schar der Gläubigen geht ein Riss“(U. Luz, aaO. S. 485), eine unsichtbare Trennungslinie, die eines Tages, im Kommen des Herrn aufgedeckt wird. Nicht wir werden es aufdecken und wir haben nicht die Aufgabe darüber zu befinden, wer denn nun bereit ist und wer nicht.

Dieses Himmelreich-Gleichnis will keine Spekulationen hervorrufen: wer gehört dazu? Wer nicht? Sondern es will warnen, sich zufrieden zu geben damit, dass ich ja dabei bin, mitmache. Es braucht ein Bereitsein, das das ganze Leben umfasst, Essen; Trinken, Arbeiten, Lieben, Wachen und Schlafen. „Bereit sein für die entscheidende Begegnung mit Gott. Es gibt im geistlichen und existentiellen Bereich Dinge, die man nicht teilen kann, wo sich jeder und jede allein vor Gott verantworten muss.“(W. Klaiber, aaO.  S. 194)

 

Wie lange, Christus, müssen wir noch warten? Die Nacht der Welt ist hereingebrochen. Wir sehen so viel Schrecken, so viel, was uns  ängstigt und das Leben eng macht. Und Du verziehst, kommst nicht, lässt uns warten.

Wir werden müde, irre an Dir, unsere Kraft zum Wachen und Warten braucht sich auf. Du weißt doch, wie wir sind. Bewahre Du uns für Dein Kommen.

Halte Du uns fest, damit wir nicht zu den Händlern, Kaufleuten und Krämern dieser Welt gehen und dort für uns Licht und Erleuchtung suchen.Gib uns den Glauben, der Dir auch mit verloschenen Lichtern und leeren Öllampen entgegen geht, weil wir nur dies eine wollen: bei Dir sein. Amen