Treu und klug

Matthäus 24, 45 – 51

45 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr über seine Leute gesetzt hat, damit er ihnen zur rechten Zeit zu essen gebe? 46 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. 47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.  

            Was heißt „wachen“ „bereit sein“? Wie sieht das praktisch aus? Darauf antwortet Jesus mit seinem Bild-Wort. Von klugen und treuen Knechten spricht er. Die sich bewähren. Indem sie für die sorgen, die von ihnen abhängig sind.  Ihnen zu essen geben. Also das, was zum Leben nötig ist.

Knecht- δολος -ist keine abwertende Bezeichnung. Sondern im Gegenteil – ein Würdename. „Knecht Jesu Christi“ nennt Paulus sich (Römer 1,1; Philipper 1,1),  nennen sich auch `Petrus´(2. Petrus 1.1)und der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Seher Johannes (Offenbarung 1.2). Ihnen allen ist gemeinsam: sie haben eine anvertraute Aufgabe. Das ist ihre Würde. Der suchen sie gerecht zu werden.

Ihre Aufgabe: Den Leuten des Herrn essen zu geben. Rechtzeitig. Genug. Im Bild ist das klar und für jeden Zuhörer Jesu einsichtig als Alltagserfahrung: Es gibt Sklaven, denen diese Aufgabe in einem Haushalt übertragen ist. Für die anderen zu sorgen.

Darf man „essen“ irgendwie symbolisch deuten? Die Seele nähren durch das Wort? Das Evangelium nicht als Verschluss-Sache behandeln? Sind das besondere Bevollmächtigte, sozusagen „Erzknecht“, Archie-Diakon. Nichts im Text spricht für diese Leseweise. Es sind mit dem Wort vom Knecht alle in der Gemeinde angesprochen. Sie alle sind ja Knechte Jesu Christi. So wie ja auch diese gesamten „Endzeitreden“ Kapitel 24 – 25 sich nicht an einzelne Gruppen wenden, sondern an alle Jüngerinnen und Jünger.          

 48 Wenn aber jener als ein böser Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, 49 und fängt an, seine Mitknechte zu schlagen, isst und trinkt mit den Betrunkenen: 50 dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und er wird ihn in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

             Eine solche Warnung ist nur verständlich, wenn sie nicht ins Blaue gesprochen wird, sondern Anhalt an der Realität hat. Es hat also wohl in der Gemeinde Stimmen gegeben, die sagen: das mit der Wiederkunft ist noch weit hin. Es hat dann wohl auch das gegeben, dass Leute mit den anderen so umgegangen sind, als könnten sie über sie verfügen. Als hätten sie das Sagen.

Es ist ein Lehrstück biblischer Psychologie: wenn ein Knecht in seinem Herzen sagt. Am Rand meiner Bibel habe ich notiert: „Aus dem Herzen wird die Hand regiert.“ In der Frage: Von woher werden wir bestimmt, ist das Wort Jesu eindeutig: es geht von innen nach außen. Wir sind nicht nur außengeleitet, sondern unser Herz leitet mit. Das sagt er, wohl nicht zuletzt, um alles Ausweichen vor der eigenen Verantwortung zu unterbinden.

Gleich zweimal hat Jesus schon zuvor im Evangelium den gleichen Gedanken – es geht von innen nach außen – zur Sprache gebracht: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“ (12,34-35)Und, wenig später, als es ums Händewaschen, um innere und äußere Reinheit geht: „Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. (15, 17-20a)

Das alles muss nicht gleich zu Handgreiflichkeiten führen. Es reicht, wenn man mit Worten schlägt, Ratschläge gibt, die wie Schläge sind. Es reicht auch, wenn man sich einen Lebensstil angewöhnt, der vom Genuss geleitet wird.

Mir fällt schon auf: Trunksucht ist nicht das Hauptthema biblischer Ermahnungen, aber auch kein völlig nebensächliches Thema. Spätere Schrift im Kanon warnen: „Ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen;“(Titus 1,7)  Und ähnlich, fast als hätte der eine vom anderen abgeschrieben: „Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, maßvoll, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, (1. Timotheus 3, 2-3)

Die Konsequenz des Herrn der Knechte ist erschreckend hart: „Seine Strafe ist grausam, wie dies bei antiken Sklavenbesitzern der Fall zu sein pflegte. Ihnen war es trotz rechtlicher Verbote möglich, ihr unbotmäßiges menschliches Eigentum zu vernichten.“ (U. Luz, aaO.  S. 463) Für uns heutige Leser ist es erschreckend, dass das Verhalten im Gericht – im jüngsten Gericht – in Parallele gesehen werden kann zum brutalen Verhalten eine Sklavenbesitzers in der Antike.

Es wird stimmen: diese Härte ist für damalige Hörer und Leser ein deutliches Signal. „Es geht um Leben und Tod. Wir sprechen nicht über Kavaliersdelikte, sondern über tiefgreifende Lebensverfehlung,“ (W. Klaiber, aaO.  S. 186) wenn es um Wachen geht, um Bereitsein geht, um Schlagen und Schlafen und Trinken. Diese Worte und das Gottesbild hinter ihnen hat etwas Verstörendes an sich. Mir macht es Mühe, das mit den Worten Jesu vom Vater im Himmel zusammen zu bringen.

Zum Weiterdenken  

Unsere Zeit hat sich ein bisschen angewöhnt, Mahnungen für kleinkariert zu halten, für engstirnig und unangebracht, die als ein Eingriff in die Privatsphäre erscheinen. Die Autoren des Neuen Testamentes kennen keine Privat-Sphäre. Sie sehen den ganzen Menschen unter dem Anspruch Gottes, seines Willens, weil ja auch der Zuspruch Gottes dem ganzen Menschen gilt.  Hier also: das Leben als Christ trifft alle Lebensbereiche. Es genügt nicht, einen geistlichen Bereich zu haben und ansonsten der eigenen Willkür und den eigenen Gefühlen und Begierden und Begehrlichkeiten zu folgen.

Darum: es sind Warnungen, die ernst gemeint sind und ernst genommen werden wollen. In der Gemeinde. Das ist die Zuspitzung: diese Worte richten sich an die Gemeinde, an Jüngerinnen und Jünger. Nicht an die, die draußen sind, in sicherem Abstand zum Glauben, die mit Gott nichts im Sinn haben.  Warnungen an Christinnen und Christen. Es genügt nicht. Gottes Willen zu kennen. Es muss auch zum Leben nach dem Willen Gottes kommen – also eben: Wachen und bereit Sein. Gott suchen. Sein Wort, seinen Willen.

Wer das nicht tut, der findet sich bei den Heuchlern wieder. Die nur so tun als ob. Die damit aber ihre Berufung verspielen. Schrecklich, zu sehen, was hätte sein können – und es ist vorbei mit Schritten in die richtige Richtung. Was dann noch bleibt, ist Schmerz. Eine Reue, die nichts mehr bewirkt.

 

Jesus, vor Dir will ich wachen. Für Dich will ich bereit sein. Andere sollen etwas davon haben, dass ich zu Dir gehöre, dass ich Dein Erbarmen glaube, Deine Liebe, Deine Treue, zu Deiner so verwundeten Welt – für die Menschen neben mir und auch für mich selbst.

Hilf Du, dass ich über den Sorgen des Tages, über dem Kummer der schlaflosen Nächte, über den Albträumen voller Ängsten Dich nicht aus den Augen verliere, mein Herz nicht vor Dir verschließe.

Hilf Du, dass es denen, die mit mir auf dem Weg sind, spürbar wird auch durch mein Leben hindurch: Du bist da. Du bist nah. Wir warten Dir entgegen. Amen