Meine Worte bleiben

Matthäus 24, 32 – 44

32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

      Es gibt immer etwas zu sehen und Jesus öffnet denen, die um ihn sind, die Augen. Die ganze Welt ist gleichnisfähig. Früher schon hatte Jesus zu den Pharisäer gesagt: „Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“(16, 2-3) Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu sollen sich als urteilsfähige Leute erweisen. Die die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen. So wie sie auch aus dem Blättern und Zweigen des Feigenbaumes ihre Schlüsse auf die bevorstehende Sommerzeit ziehen können.

             Er, der nahe vor der Tür ist – das ist der Menschensohn. Es ist die durchgängige Erwartung: Das Kommen Jesu ist nahe. So wie das Himmelreich in ihm schon nahe gekommen ist, herbei gekommen ist, so ist auch sein Kommen wieder nahe. Vor der Tür.

Das ist, mit aller Vorsicht gesagt, die Antwort auf die bis dahin nicht beantwortete Frage der Jünger: „Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ (24,3) Jetzt also eine erste Antwort: Seht genau hin. Und: Vor der Tür. Nahe.

  34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

Es ist herausgehobener, feierlicher Redestil. Wahrlich, ich sage euch. Und dann der Satz, an dem sich bis heute alle Ausleger mühen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Im Klartext: „Die jetzt lebende Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Matthäus erwartet die Parusie innerhalb eines Zeitraumes von allerlängstens einem Menschenleben“ (U. Luz, aaO.  S. 443)

             Gilt diese Erwartung nur für Matthäus oder ist das auch die Erwartung Jesu? Und muss  man dann sagen: Jesus hat sich mit dieser Erwartung geirrt? Was daran aber wäre schlimm, frage ich. Wir bekennen: Jesus ist wahrer Mensch. Das schließt doch die Irrtumsfähigkeit ein. Das schließt auch Lernfähigkeit ein und eben nicht aus – so wie sie sich etwa in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau (15,24 – 28) zeigt. Ja – Jesus rechnet mit seinem (Wieder)-Kommen bald, in Kürze.

Darum muss ich diese Sätze auch nicht so retten, dass aus „diesem Geschlecht“ – γενε ατη – dann etwas anderes wird als das, was immer gemeint ist: diese Generation. Die Auswege sind gerne gewählt worden: das jüdische Volk, die Kirche, die Menschheit. Alles nur, um Jesus vor einem Irrtum zu retten. Von dem sich sofort zeigen wird: Es ist nicht Jesu Irrtum, sondern nur unser Missverständnis.

35 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Vielleicht freilich nährt dieser Satz die Diskussion. Hier beansprucht Jesus für seine Worte ja bleibende Geltung. Das kann doch nur für Worte gelten, die keinen Irrtum kennen – so folgert unser Verstand.

Anders ist es allerdings, wenn der Satz Jesu hier nicht auf den unmittelbar zuvor gesagten Satz zu beziehen ist, sondern auf seine Botschaft in ihrem Kern. Auf die Botschaft vom Erbarmen des Vaters im Himmel. Auf die Botschaft, die zum Handeln in der Liebe ruft. Auf die Botschaft, die sein Dienen bis zum Äußersten ausruft. Diese Botschaft hat genauso Bestand wie die Worte der Torah. Sind sie doch die Botschaft von der „besseren Gerechtigkeit“(5,20), von der Gerechtigkeit, die den Weg zum Himmel öffnet – von Gott her. Durch den Sohn.

Es ist schon ein steiler Satz: Selbst wenn Himmel und Erde vergehen. Das, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, das hat Ewigkeits-Qualität. Bestand, den kein Untergang und keine Wechsel der Welt in Frage stellen können. Es sind Worte, die auch in der neuen Welt Gottes gültig bleiben. Ihr Grundgesetz.

36 Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

             Und dann, so nüchtern: Wenn ihr die Frage nach dem Wann jetzt beantwortet glaubt, irrt ihr euch. Diese Frage beantworte ich, Jesus, nicht. So viel zum Thema: Irrtum in Sachen Naherwartung. Es gehört zur Menschlichkeit Jesu, dass er sich so selbst begrenzt. Dass er so die Freiheit des Vaters bewahrt. Er allein, der Vater im Himmel, nicht irgendein Menschenferner Gott, weiß die Stunde, die Zeit des Endes, der neuen Schöpfung. Sein Wissen ist mehr als ein Datum kennen. Es ist das In-Gang-Setzen des Geschehens. Weil das Wissen des Vaters immer auch Handeln ist.

Diesen Satz zu hören, sich gesagt sein zu lassen, hätte viel falsche Spekulation überflüssig gemacht. Ihn heute zu hören, könnte auch bescheiden machen: „Die traditionelle Erwartung, dass die vom Jenseits her geschehende Parusie ein in der linearen Zeit „nahes“ Ereignis sei, macht heute gerade den Glauben an sie schwierig. Der Glaube an die Wiederkunft Jesu scheint ein neues Zeitverständnis zu fordern.“(U. Luz, aaO. S. 445) Vielleicht aber wäre uns ja schon geholfen, wenn wir uns eingestehen: Wir sind hier mit unserem Denken und Begreifen an einer Grenze.

 37 Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird auch sein das Kommen des Menschensohns. 38 Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen sich heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging; 39 und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin -, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns. 40 Dann werden zwei auf dem Felde sein; der eine wird angenommen, der andere wird preisgegeben. 41 Zwei Frauen werden mahlen mit der Mühle; die eine wird angenommen, die andere wird preisgegeben.

     Das freilich verstehen wir: Die Tagesordnung der Welt. Alltagsgeschäfte. Wir sind tief verstrickt in das Hier und Heute. Individuell und als Gesellschaft. Befasst mit dem kleinen Glück und den großen Menschheitsfrage. Es ist kein böser Wille, der sich da zeigt, auch kein Unglaube. Es ist einfach so, dass die Welt die Aufmerksamkeit fordert. Dass das Leben unser Engagement verlangt.

Worauf die Worte aber hinaus wollen, ist, dass sie aufmerken lassen, dass es plötzlich anders werden wird. Das Kommen des Menschensohnes steht in Parallele zum Kommen der Sintflut. Unerwartet, obwohl angekündigt das eine wie das andere Geschehen.

Es klingt ausgesprochen bedrohlich – und es ist bedrohlich. Es bedroht den menschlichen Zusammenhalt. Wer wollte gleichgültig konstatieren: Hauptsache, ich bin angenommen. Hauptsache, mich trifft es nicht. Erst recht, wenn der oder die neben mir mir nahesteht: Frau, Mann, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter. Preisgegeben, zurück gelassen – so eine andere Übersetzung. Das sind ja die, die mit auf dem Feld sind, mit in der Mühle, mit auf dem eigenen Bett. (Es gibt Handschriften, die noch diese Zufügung haben: „Zwei werden auf einem Bett sein; einer wird angenommen und einer zurückgelassen“ vgl. Lukas 17,34)  Sie sind Nahe. Nächste.

Ich denke: für das „Zurücklassen“ steht die Erinnerung an die Sintflut Pate. Da nimmt Noah seine Sippe und je ein Tierpaar mit – alle anderen werden zurück gelassen.

Wichtiger als diese Erklärung von „angenommen und zurückgelassen“ ist: In dieser Situation wird es sich zeigen müssen: Lasse ich mich auf mich selbst zurück werfen? Nur auf mein Heil? Oder bleibe ich ausgerichtet auf den anderen, auf die Andere? Auf den und die Nächsten? Die Liebe wird in vielen erkalten (24,12) – das ist die große Bedrohung. Die Bedrohung des Glaubens, wie er in der Spur Jesu gelebt wird.   

 42 Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 43 Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen.

             Darauf laufen alle diese Worte hinaus: Darum wachet. Wachen. Bereit sein. So leben, dass man sich nicht gefangen nehmen lässt. So leben, dass man auf dem Sprung ist. Auf Draht. So wie ein Hausvater sich doch auch nicht schlafen legt, wenn er weiß, dass ein Dieb unterwegs ist. So widersinnig kann doch kein vernünftiger Mensch handeln.

Es ist einigermaßen irritierend: widersinnig scheint heute, mit dem Kommen Christi zu rechnen. Widersinnig scheint heute, über den Tag und die Zeit hinaus zu denken. Widersinnig scheint heute, nicht im Hier und Jetzt aufzugehen, sich nicht einzurichten für die paar Jahre, sondern aus Gottvertrauen heraus auf mehr Zukunft zu hoffen, als „Zeit“ und „Welt“ – was für eine Ironie: Beides sind Zeitungsnamen! – sie zu bieten haben.

44 Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.

             Noch einmal: Darum. Die Wiederholung unterstreicht die Dringlichkeit der Mahnung. Bereit. τοιμοι. Das ist mehr als nur wach. „Bereit, gerüstet, entschlossen.“(Gemoll, aaO.  S. 334) Es ist kein Wachen ins Blaue hinein, das hier gefordert wird. Sondern gespannte Aufmerksamkeit. Ein Bereit-Sein zum Aufbruch.

Ich übertrage die Aufforderung „Wachet“ : Lass dir nicht den weiten Horizont der Ewigkeit durch das Hier und Jetzt verstellen. Bewahre dir den Blick durch den Horizont. nicht nur, um zu wissen, was kommt, wer kommt. Sondern auch, um die Größenordnungen nicht zu verlieren. So wie es mich ein Liedvers lehrt, den ich kaum noch richtig zusammen bekomme.

 Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell herein                                                                            dass uns werde klein das Kleine                                                                                         und das Große groß erscheine.                           M. Schmalenbach 1848

Zum Weiterdenken

Die Ewigkeit, von der die Schrift redet, reicht von Aion zu Aion. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. sie umfasst Raum und Zeit und geht nicht in ihnen auf. Das ist ein anderer Blick auf die Ewigkeit als er heute üblich ist. Heute werden Tore für die Ewigkeit geschossen. Helden für die Ewigkeit gekürt. Siege machen unsterblich. Filmrollen auch. Unter „Legende“ tun wir es nicht mehr.  Die Ewigkeit unserer Zeit währt eher kurz. Weil das Gedächtnis unserer Zeit ein Kurz-Zeit-Gedächtnis zu sein scheint. Geprägt von Alzheimer und Demenz.

Unsere Zeit ist Gegenwartsbesoffen. Wir verfeiern und verfeuern die Zukunft der nachfolgenden Generationen.  Mit CO2-Ausstoß, mit Flugreisen und Kreuzfahrtschiffen, mit Plastik-Müll und der unserer Zeit eigentümliche Wachstumseuphorie. Wenn es nur weiter wächst… Es ist darum kein Wunder, dass diese Worte Jesu, je mehr die Erwartung des Wiederkommens Jesu in den Hintergrund gerückt ist, umgedeutet worden sind. Wenn sie überhaupt noch ernst genommen werden. Umgedeutet auf eine Bereitwerden für den eigenen Tod. Das ist dann die Stunde, da der Menschensohn kommt. „Am eigenen Tod kann jeder Mensch erfahren, dass seine Zeit ein Ende nimmt, auch wenn die allgemeine Zeit weitergeht.“  (U. Luz, aaO., S. 458)

Aber doch bleibt diese Deutung hinter dem Text zurück. So gewiss Jesus Christus am Ende  jeden Lebens das Gegenüber ist, vor dem wir stehen – hier wird mehr gesagt. „Das Ende eines einzelnen Lebens ist etwas anderes als das Ende der Welt, und vor allem ist der Tod etwas ganz anderes als der wiederkommende Christus.“(U. Luz, ebda)  Der aber ist es, für den wir bereit sein sollen.

 

Mitten in der Nacht. Stille. Warten. Dunkel.

Kommst Du? Mein Gott und Herr. Lohnt sich das Wachbleiben, der Kampf mit dem Schlaf? Die Müdigkeit kriecht in alle Glieder. Das Gespräch verstummt. Ich habe mir selbst nichts mehr zu sagen. Warum kommst Du immer noch nicht? Zählt unser Warten so wenig? Wir können Dich doch nicht herbei warten!

Wenn Du kommst, lass es mich nicht verpassen. Lass mich nicht mit anderen befasst sein. Sieh mir mein Schlafen nach. Lass mich nicht vergeblich gewacht haben. Amen