Alle werden ihn sehen

Matthäus 24, 29 – 31

29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             In diesen Sätzen entsteht der Eindruck eines Zeitablaufes. Eines Ablaufes, der nicht mehr mit unseren Kategorien zu fassen ist. „Der Horizont der irdischen Geschichte wird hier gesprengt; der ganze Kosmos wird nun in das Geschehen einbezogen.“(U. Luz,  aaO.  S. 433) Die Zeit des Handelns von Menschen ist vorbei. Was jetzt geschieht, läuft ab als ein Handeln Gottes allein.

Es ist dramatisch. Sonne, Mond und Sterne – die Lichter, von denen der Schöpfungsbericht weiß: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.“(1. Mos 1,14 – 16) Diese Lichter verlieren ihr Licht, verlieren ihren Ort. Wird die Schöpfung zurück genommen? Zunichte gemacht?

Die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Erneut legt sich ein Rückgriff auf den Schöpfungsbericht nahe: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.“(1. Mose 1, 6-7) Die Stabilität der Welt löst sich auf. Der feste Boden und der weit gespannte bergende Himmel geraten ins Wanken, nicht mehr durch ein individuelles Unglück, sondern für alle, die ganze Schöpfung.

Das ist nicht die kosmische Katastrophe, die der Hochmut von Menschen heraufführt. Das ist nicht der Zusammenbruch des Klimagleichgewichts. Das ist vielmehr „das Ende der bisherigen Existenz dieser Welt mit all ihren Sicherheiten.“(W. Klaiber, aaO.  S. 176) Es sind Bilder, für die uns jede Anschauung fehlt. Albtraumhafte Bilder. Bilder aus der Tradition apokalyptischer Texte, wie sie im Daniel-Buch begegnen, auch beim Propheten Sacharja. Uns fremd und doch zugleich – jede große Naturkatastrophe ist dafür Zeuge – bedrängend nahe. Bilder, die an tiefe Ängste rühren: Der Boden, auf dem wir leben, könnte endgültig und für alle ins Wanken geraten. Zerbersten.

Es sind archaische Bilder, Menschheitsbilder, die aber zugleich auch biographisch „eingefärbt“ werden. Wie oft haben wir das Gefühl, dass der Himmel einstürzt, dass die Erde ins Wanken geraten ist. Mutter Erde trägt nicht mehr. „Es ist nichts mehr, wie es war.“ höre ich als Reaktion auf Zeitgeschehen und verstehe: Da bricht die Welt, wie sie uns Sicherheit gegeben hat, zusammen. Nicht nur die soziale Ordnung zerbröselt. Auch die Elemente, alles, was unerschütterlich stand – im Wanken. In Auflösung.

  30 Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.

         Es klingt wieder nach Reihenfolge: Erst das Zeichen des Menschensohns. Dann der Menschensohn selbst. Was ist das – das Zeichen des Menschensohnes? τ σημεον το υο το νθρπου. Jesus hatte doch alle Zeichen abgelehnt, die ihn ausweisen könnten als den Sohn, als den Messias. Nur ein Zeichen sollte es geben: „Das Zeichen des Jona“(12,39)  ein Erklärungsversuch: „Die Kirche hat schon früh an die Erscheinung des Kreuzes am Himmel gedacht.“(E. Schweizer,  aaO.  S. 297) Es gibt einige Belege dafür, dass das ein verbreitetes Verständnis für diese Wendung war. Und doch beißt sich diese Erklärung mit der Zeichenverweigerung Jesu.

Mir scheint deshalb eine andere Erklärung näherliegend, die auf eine andere, grammatikalisch durchaus auch mögliche Übersetzung zurückgreift: Das Zeichen ist der Menschensohn selbst. Das leuchtet mir auch deshalb ein, weil das Wort erscheinen auch stetig in den Texten verwendet wird, die vom Erscheinen des Auferstandenen erzählen. Hier wie dort eine Verbform von φαίνω. Das würde heißen: Am Ende der Zeiten wird kein anderer sichtbar, erscheinen, sich zeigen, sich offenbaren als der Auferstandene.

So gelesen führt dann der nachfolgende Satz eben nur weiter die Wirkung dieses Sichtbarwerdens aus: Klage bei allen Geschlechtern. Durch die Generationen hindurch. Das muss noch nichts mit Gericht zu tun haben, mit der Wehklage womöglich gepeinigter und verängstigter Leute. Es kann auch einfach die Klage derer sein, die sehen: der, der da kommt, das ist der, den wir hingerichtet haben. „Sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen.“(Sacharja 12,10)Ein spätes Entdecken der eigenen Blindheit, des eigenen Irrtums, der eigenen Schuld.

 Das freilich steht außer Frage: der jetzt da vom Himmel kommt, ist nicht mehr der Ohnmächtige, der wie ein Lamm zur  Schlachtbank geführt wird. In seinem Kommen wird die Gegenwart Gottes wirklich. Unverhüllt. Unverstellt.  Darauf deutet alles – sein Kommen in den Wolken des Himmels, die Kraft und die Herrlichkeit.

 „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“(6,13) So beten Christen, immer wieder. Zum Vater in den Himmeln. Hier werden Kraft und Herrlichkeit mit dem Sohn verbunden. Unauflöslich. Er ist der Repräsentant Gottes. Gestern heute und in Ewigkeit.   

 Keiner weiß wann, keiner weiß wie,
doch alle werden dich seh’n.
Einer sagt „jetzt“,ein anderer „nie“,
doch alle werden dich seh’n.

 Du hast gesagt, du kommst zurück, und alle werden dich seh’n.
Du allein weißt den Augenblick, doch alle werden dich seh’n.
Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?
Kommst du in unser Spiel, uns’re Arbeit hinein?


Tänzer bein Tanz, Läufer beim Lauf, sie alle werden dich seh’n.
Schläfer beim Schlaf, und Käufer beim Kauf, sie alle werden dich seh’n.
Und dann zweifelt der Zweifler nicht mehr,
denn dann weiß er: Dein Grab war am dritten Tag leer.
 

Beter beim Knien, Kranke im Leid,sie alle werden dich seh’n.
Freunde beim Fest, und Feinde beim Streit, und alle werden dich seh’n.
Und wir seh’n, wenn der Schleier sich hebt:                                                                     Du hast immer schon bei uns auf Erden gelebt.                                                                            
M. Siebald, CD Überall hat Gott seine Leute 1983

 31 Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.

Aus aller Herren Länder, aus allen Zeiten, von einem Ende des Himmels bis zum anderen sammeln seine Engel die Ernte ein. Seine Auserwählten. Noch einmal κλέκτοι. Die Auserlesenen. Und wieder behaupte ich: Nicht Auserwählte im Sinn von: „Die Guten ins  Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Sondern Auserwählte in dem Sinn: An ihnen, diesen ganz bestimmten Leuten, meinetwegen Christinnen und Christen, Jüngerinnen und Jüngern,  zeigt sich, dass die Liebe Gottes alle will. In den einzelnen Auserwählten sucht und will Gott alle. An ihnen wird sichtbar, wie Gott ist und was er will – für alle.

Zum Weiterdenken

Wenn ich die Worte des Matthäus, die ich mir gut von Jesus gesprochen vorstellen kann, auf mich wirken lasse, finde ich sie nur noch großartig. Sie verleugnen und verschweigen nicht die realen Ängste: Unsere Welt kommt ins Wanken und es gibt kein Halten mehr. Die Ängste, die heutzutage um sich greifen – um das Klima, um den Anstieg der Meeresspiegel, um Hunger, vor Kriegen sind nicht aus der Luft gegriffen, nicht nur Angstmacherei von interessierten Kreisen. Sie haben ihren Anhalt an der Realität unserer Zeit.

Die Worte Jesu aber zeichnen dieses Angst-Szenarium ein in ein anderes Bild. In ein Bild, das vom Kommen des Menschensohnes bestimmt wird. Von ihm, der das Erbarmen Gottes in Person ist. Es verkörpert. So werden Bild-Elemente, die Unheil zeigen, eingezeichnet in das so viel größere Bild – und damit aufgefangen. Sie werden nicht das Letzte sein. Am Ende steht die Sammlung des Erbarmens. Im Auftrag dessen, der das Erbarmen Gottes ist.

Was es schwer macht, so zu sehen: die Schreckensbilder haben wir in der eigenen Biographie und in „Tagesschau“, „Tages-Studio“ und „Tagesthemen“ stetig vor Augen. Das andere Bild, das Bild voller Hoffnung, fordert uns. Über die Realität hinaus zu schauen. Nach vorne. Auf den Kommenden. Es fordert unser Vertrauen.

 

Wenn Du kommen wirst, Jesus, werden alle Dich sehen, wo auch immer wir sind, mit was auch immer wir gerade beschäftigt sind. Wenn Du kommen wirst, wird es keinen mehr brauchen, der sagt: Sieh doch.

Darauf traue ich. Darauf hoffe ich, dass ich Dich sehen werde, dass Du mich sehen wirst, dass Du mir sagen wirst: Ich komme zu Dir, damit Du zusammen mit der ganzen Welt heimkommst zu mir. In das Vaterhaus. Amen