Ihr seid urteilsfähig

Matthäus 24, 15 – 28

15 Wenn ihr nun sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! -, 16 alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; 17 und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen. 19 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit! 20 Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.

             Das ist nicht Rede vom Ende, von der Wiederkunft. Das führt mitten hinein in die Geschichte. Das Gräuelbild der Verwüstung – das umschreibt „den von den Syrern auf dem Brandopferaltar aufgerichteten Zeusaltar.“(U. Luz, aaO.  S. 425) Verantwortlich: Antiochus IV. Epiphanes um 168. V. Chr.. Diese „Kunstaktion“ wurde zum Auslöser des Aufstandes der Makkabäer. Aber jetzt, wenn sich so etwas wiederholen wird, so die Worte, ist nicht Zeit für Aufstände, sondern Zeit zur Flucht.

Es liegt nahe, diese Worte mit dem Geschehen der Eroberung und Zerstörung Jerusalems zu verbinden. Mit der Verwüstung des Tempels. Als der römische Adler im Tempel aufgepflanzt wurde. Damals ist die junge Christengemeinde aus Jerusalem geflohen. Ausgewandert, weil sie sich dem Aufstand gegen Rom nicht anschließen wollte.

Nur: diese so konkreten Anweisungen machen keinen Sinn, wenn sie nur wie eine nachträgliche Ansage gemeint sein sollten. Sondern gerade die Konkretionen: kein Aufhalten, um irgendetwas im Haus zu holen, der Wehrufe über Schwangeren und Stillenden, die Bitte, nicht im Winter und nicht  am Sabbat deuten auf Geschehen in der Zukunft. Auf ein Geschehen, das wie eine furchtbare Sturmflut auf die Angesprochenen zukommt.

So sind die Worte Jesu zwar sicherlich mit der Zerstörung Jerusalems zu verbinden, aber sie müssen nicht zwangsläufig erst nach den Ereignissen im Jahr 70 erstmals gesprochen sein. Mir scheint auch möglich, dass dieses Geschehen Matthäus im Stil seiner Formulierungen leitet, nicht aber die Aussagen der Sache nach erst hervor bringt.

Während man die Bitte nicht im Winter sofort versteht, gibt die Wendung nicht am Sabbat Rätsel auf. Vielleicht gibt es in der Gemeinde, die das Evangelium liest, doch noch Menschen, die sich streng an die alten Sabbat-Regeln gebunden fühlen, trotz der Freiheit, die Jesus im Umgang mit dem Sabbat gelebt hat. Es ist nicht so leicht, Freiheit in das eigene Leben hinein, das lange anders geprägt war, zu übertragen. Dem tragen diese Worte Rechnung.

Menschen auf der Flucht, Menschen mit Fluchterfahrungen lesen diese Worte anders als wir in einem sicheren Land. Als wir, die allenfalls über die Aufnahme von Flüchtlingen nachdenken, darüber, ob es für eine Aufnahme Grenzen geben muss. Wer vor der Gewalt fliehen muss, die sein Leben bedroht, findet sich in solchen Worten mit seiner bedrohten Existenz  wieder.

 21 Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. 22 Und wenn diese Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch selig werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Eine große Bedrängnis, θλψις μεγλη sieht Jesus kommen. „Mit dem Stichwort Bedrängnis oder Drangsal wird im Neuen Testament besonders das Leiden der Christen aufgrund von Verfolgung und Unterdrückung beschrieben.“(W. Klaiber, aaO. S. 174) Das sind Erfahrungen von Christ*innen, die die ersten Jahrzehnte, Jahrhunderte der jungen Christenheit umfassen. Es gehört, so unglaublich uns das scheinen mag, zur „Normalität“ in diesen Anfangszeiten, dass Christen ausgegrenzt sind, marginalisiert, verfolgt, gejagt. Diesem Druck auf Dauer standzuhalten ist kaum denkbar.

Hinter diesen Worten taucht eine Frage auf, ungestellt, aber doch unausweichlich: wie kann es sein, dass Gott, der Allmächtige, der himmlische Vater, der voller Erbarmen ist, das zulässt, seinen Leuten zumutet? Es gibt keine Antwort auf die Frage. Nur diesen kargen Satz: Um der Auserwählten willen wird diese Zeit verkürzt. Gott hat seine Leute nicht aus den Augen verloren. Er begrenzt diese Zeit der Drangsal und rettet, bewahrt durch sie hindurch.

Man darf sich durch das Wort „Auserwählte“ nicht irritieren lassen. Es steht hier nach meinem Denken synonym für „Heilige“, für Berufene. Für die, die dem Ruf Jesu gefolgt sind. Es hat nichts von einer Vorauswahl zum Heil.

23 Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus!, oder: Da!, so sollt ihr’s nicht glauben. 24 Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, sodass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. 25 Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. 26 Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht.

Wie schon zuvor werden falsche Christusse und falsche Propheten erwähnt. Notzeiten sind oft die Zeiten, in denen sie Morgenluft wittern. Mit einfachen Parolen, die rasche Lösungen versprechen. Unterstützt wird ihre Botschaft durch große Zeichen und Wunder. Wunder und der Glaube an sie sind nicht das Privileg der Christen. Es ist nicht wahr, dass „das Wunder des Glaubens liebstes Kind“ ist.(J.W.v.Goethe, Faust 1) Wenn etwas wundersam ist, außergewöhnlich, sensationell, heißt es noch nicht, dass es von Christus kommt. Immer gilt es zu prüfen, zu beurteilen, welche Macht dahinter steht, welche Wahrheit sich in solchen Zeichen und Wundern enthüllt.

Siehe, ich habe es euch vorausgesagt – das liest sich wie die Aufforderung zu einer gesunden Skepsis, die sich am Wort Christi orientiert, und eben nicht wie eine Aufforderung zu kritiklosem, blindem Vertrauen. Nicht jeder, der sich zu Wort meldet in den Tagen der Angst, steht für die Botschaft Christi. Darum braucht es ein unterscheidendes, kritisches Hören. Eines, das im Auge behält: Der Kern der Botschaft Christi ist das Erbarmen Gottes mit seiner armen Welt.

Aber auch das schwingt mit: Was kommen wird, kommt für Christus nicht als Überraschung. Er weiß darum. Heute schon. Solche Chaos-Tage sind nicht Gottes Werk und sie entsprechen nicht seinem barmherzigen Willen. Aber sie dürfen seinen Weg dennoch auch nicht hindern.                     

 27 Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein.  

Es geht in diesen Worte auch um das Kommen Christi. Sein Wiederkommen. παρουσα. Es ist kein bloßes Himmels-Ereignis, kein kosmisches Zeichen, das hier beschrieben und angekündigt wird, sondern es geht um Eindeutigkeit, hier, in der Wirklichkeit der Welt, die wir immer als ambivalent erleben. Als erklärungsbedürftig. Wenn er wiederkommt, wird es kein Sieh hier, sieh da mehr brauchen. Keine Erklärungen. Weil alles eindeutig ist. Alle werden ihn sehen und ihn erkennen. So ist es schon vor Zeiten angesagt worden: „Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“(Jeremia 31,34)

 28 Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier.

Mir fällt nur eine Parallele ein: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn.“(Jesaja 1,3) Es ist ein sicheres Zeichen für Aas. Dort finden sich Adler – so besser statt Geier – zusammen. Für sie ist das eine eindeutige Botschaft, die sie durch ihr Tun bestätigen. Genauso eindeutig wird das Kommen des Menschensohnes sein. Und seine Leute werden es sehen und durch ihr Verhalten bestätigen: Auf dich haben wir gehofft. Gewartet. „Maranatha. Ja, komm, Herr Jesus.“ (Offenbarung 21,20) 

 Zum Weiterdenken

Man muss es nicht ausdrücklich sagen, wie fremd uns diese Worte sind, in einem  sicheren Land, das Toleranz groß schreibt, das allen Religionen ihr Recht gewährt, das aus Gründen des Glaubens, der Herkunft, des Geschlechts niemand diskriminiert sehen will. Anderen Christ*innen in anderen Regionen der Welt sind diese Worte heute nicht fremd. Sie sind Erfahrung, die sie in der Gegenwart machen. Sie bezahlen für ihren Glauben – mit Ausgrenzung, mit Verfolgt-Werden und manchmal sogar mit dem Tod. Wir in unseren sicheren Kirchen haben das oft – und zu lange – nicht wahrgenommen, wohl auch nicht wahrhaben wollen. Es ist gut, dass wir heute die verfolgten Christ*innen wenigstens nicht mehr totschweigen.  Manchmal sogar für sie beten.

Aber auch das wird zu sagen sein: Allmählich breitet sich eine Gefühl der Bedrohung in unserem Land aus, das solche Worte neu aufmerksamer lesen lässt. Terrorgefahr, gar Mordgefahr von rechts, durch „Spinner“ jeder Couleur und Herkunft, bereit auch zum Selbstmord-Attentat. Es ist eine bange Fragen: lassen wir uns allein von Terror-Warnungen schon in unserer Lebenshaltung deformieren? Wie gelingt es uns, in unserer Gesellschaft zu leben, in der Offenheit und Menschlichkeit zum Sicherheits-Risiko zu werden scheinen? Auf die Dauer, zeitlich unbegrenzt, hält das keiner durch. Deshalb ist es tröstlich: Diese Zeiten sind nicht für immer. Sie läuten kein Schrecken ohne Ende ein. Sie sind begrenzt, weil Gott die Belastungsgrenzen unserer Seelen kennt. Die Menschen manchmal so brutal überschreiten.

 

Mein Jesus, Du traust uns zu, dass wir unterscheiden zwischen den Worten, die Du sprichst und die Dich bezeugen, und den anderen Worten, die nicht Deinen Geist atmen.

Du traust uns zu, dass wir ein Gespür entwickeln, auf Draht sind, dass wir Dein Kommen erwarten und Dich als den Kommenden erkennen werden. Du traust es uns zu, dass wir bis zu Deinem Kommen Deinen Weg gehen, geleitet durch Deinen Geist, geborgen in Dein Wort, getragen von Deinem Erbarmen, dass wir auf diesem Weg der Welt Deine Liebe bezeugen. Amen