Trügerische Stärke

Nahum 2, 1 -14

 1 Siehe auf den Bergen die Füße eines guten Boten, der da Frieden verkündigt! Feiere deine Feste, Juda, und erfülle deine Gelübde! Denn es wird der Ruchlose nicht mehr über dich kommen; er ist ganz ausgerottet.

             Friedensboten sind Freudenboten. Erst recht, wenn sich ihre Botschaft mit der Beistands-Zusage Gottes verbindet. Ein Wort, wie es auch bei einem anderen Propheten zu finden ist. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“(Jesaja 52,7) Bei Jesaja ist es im Zusammenhang der Rückkehr zum Zion hinein gesprochen – der Heimweg wird angekündigt.

Hier, bei Nahum ist die Situation eine andere „Nur ein einzigesmal ist das Wort überhaupt an Juda gerichtet, und zwar durch den Freudenboten, der dazu auffordert, die Stunde des Festes vor Jahwe wahrzunehmen.“(G. von Rad, Theologie des AT, Bd. II, München 1960, S. 195) Der Hintergrund dürfte sein: der drohende Feind ist besiegt. Weil Die Herrschaft der Assyrer in den Jahren um 610 im Zusammenbrechen begriffen ist, kann Juda aufatmen. šālôm – Heil, Frieden ist vor den Türen. Das ist umfassend, nicht nur politische Befriedung, nicht nur gesellschaftlicher Friede, nicht nur Ruhe und Ordnung.  Ein Friede, der es erlaubt, wieder Feste zu feiern. Gemeint ist wohl „die Wiederaufnahme des geordneten gottesdienstlichen Lebens in Jerusalem.(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 15) Die angstvolle Lähmung vor dem drohenden Unheil weicht einer neuen Freude an Gott.

Es ist ein Trostwort und eine Aufforderung in einem. Ein Wort, dass widerstandsfähig macht gegen die Angst. Wer Gottesdienst feiert, wer seinen Gott wieder feiert, der hält es sich ja vor Augen: die Welt ist nicht an die Mächtigen ausgeliefert. Wir brauchen diese Erinnerung an Gott, nicht nur ab und zu, sondern oft, damit unsere Herzen fest werden. Das ist das Geheimnis alle Rituale: sie gründen unser Herz in einem Grund, den wir nicht selbst gelegt haben, in der bergenden Gegenwart Gottes. Diese Erfahrung steht hinter den auf den ersten Blick so idyllischen Worten:

„Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte,                                                  Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“                                            G.
Tersteegen 1729, EG 165

Wer sich so Gott hinhält, wieder und wieder,  gewinnt und erwirbt Widerstandskraft- neudeutsch: Resiliienz.

 2 Es ist gegen dich heraufgezogen, der dich zerstreut. Bewahre die Festung! Gib acht auf die Straße, rüste dich aufs Beste und stärke dich aufs Gewaltigste! – 3 Denn der HERR erneuert die Pracht Jakobs wie die Pracht Israels, denn Verwüster haben sie verwüstet und ihre Reben verderbt.

Es ist eine unübersehbare Spannung – hier das Heilswort, offensichtlich für Juda und dem gegenüber die Androhung einer Belagerung. Oder sind diese Worte noch der nachklang der Gefahr, in der Jerusalem sich befunden hat? „V. 3  steht mit dem Bezug auf Jakob so sperrig in diesem Ninive-Kontext, dass ein ursprünglicher Zusammenhang ausgeschlossen ist.“ (L. Perlitt, aaO. S. 19) Es wäre einfach, wenn die Reihenfolge von V. 2 und V. 3 zu vertauschen wäre. Dann ginge das Heilswort gegen Jerusalem den Schilderungen der Belagerung und Eroberung von Ninive voraus.

Nimmt man Abstand von einer Umstellung, bleibt nur ein Weg zum Verstehen: Der Seher sieht wie im Zeitraffer die Vergangenheit – Bedrohung Jerusalem und die heranziehende Zukunft – Wiederherstellung Jerusalems und Fall Ninives zusammen.  Er unterliegt in seinen Worten nicht unserer linearen Logik – er kann doppelsichtig denken und ansagen.

4 Die Schilde seiner Starken sind rot. Sein Heervolk ist in Purpur gehüllt. Feurig leuchten die Beschläge der Wagen, wenn er sie aufstellt. Die Rosse rasen, 5 die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den Plätzen; sie glänzen wie Fackeln und fahren einher wie die Blitze. 6 Er gedenkt an seine Gewaltigen, sie stürzen heran auf ihren Wegen, sie eilen zur Mauer, und aufgerichtet wird das Schutzdach. 7 Schon sind die Tore an den Wassern geöffnet, es wankt der Palast. 8 Die Königin wird gefangen weggeführt, und ihre Jungfrauen seufzen wie die Tauben und schlagen an ihre Brust.

             Es ist wie der Bericht eines Korrespondenten heute aus einer entfernten Hauptstadt. Nahum meldet sich zur Lage aus Ninive. Er verharrt der Prophet bei der Schilderung der Heermacht des Feindes. Es ist eine eindrucksvolle Beschreibung – man sieht förmlich denn Aufmarsch der Truppen vor sich, ihr Heranrücken, das kaum noch zu stoppen sein wird. Der Belagerungswall ist gezogen, die Tore stehen offen. Der Feind bricht in die Stadt ein.

9 Ninive ist wie ein voller Teich, aber seine Wasser müssen verrinnen. »Steht, steht!«, ruft man, aber niemand wendet sich um. 10 So raubt nun Silber, raubt Gold! Denn hier ist der Schätze kein Ende und die Menge aller kostbaren Kleinode. 11 Nun muss sie verheert und geplündert werden, dass aller Herzen verzagen und die Knie schlottern, aller Lenden zittern und aller Angesicht bleich wird.

             Die Frage stellt sich: Wird hier die Eroberung Ninives angedeutet? Die Eroberung der Haupt-Stadt der Weltmacht? Die wie ein voller Teich ist, gefüllt mit Silber, Gold, Schätzen ohne Ende. Das ist das Ergebnis der Raubzüge der Assyrer – sie haben weggeschleppt, was zu kriegen war. Ihre Stadt ist reich an Beutekunst. Dieser Teich wird leer gefischt. „Die Plünderer werden geplündert.“ (G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 41)

 12 Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Höhle der jungen Löwen, wo der Löwe und die Löwin mit den jungen Löwen herumliefen und niemand wagte, sie zu scheuchen? 13 Der Löwe raubte genug für seine Jungen und würgte für seine Löwinnen. Seine Höhlen füllte er mit Raub und seine Wohnung mit dem, was er zerrissen hatte.

             Noch einmal wechselt das Bild: Nicht mehr ein friedlicher Teich, sondern die gefährliche Höhle des Löwen. Ninive – eine Stadt wie die Höhle von Löwen. Aber diese Höhle, die wohl gefüllt ist mit Raubgut, wird erobert, nicht standhalten können. Mit der Macht der Löwen ist es vorbei.

 14 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR Zebaoth, und deine Wagen anzünden, und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen. Und ich will deinem Rauben ein Ende machen auf Erden, dass man die Stimme deiner Boten nicht mehr hören soll.

             Es ist Gott, der HERR Zebaoth der diese Raubtierhöhle dem Untergang preisgibt. Siehe, ich will an dich. Alle Welt zittert vor Ninive, aber Gott macht ihrer Macht ein Ende. Es wird wohl so sein, auch wenn es der Tröster Nahum nicht ausdrücklich sagt: Dass Gott sich um die Feinde „kümmert“, dient der Rettung Judas. Es  kommt ein anderes Heer, herbeigerufen durch den Willen Gottes, das stürmt  die stolze Stadt.

Zum Weiterdenken  

„Auf Gestohlenem ruht kein Segen.“(G. Maier, ebda.) Dass ist eine so lapidare Feststellung, die sich aus dem Geschick Ninives ergibt. Was die Assyrer aus aller Welt zusammengeraut hatten, geht wieder verloren. Es ist kein Segen auf der Beute der Raubzüge. Darf man diesen Satz verallgemeinern – in die Geschichte heute hinein, auch die deutsche Geschichte? Die Eroberungsfeldzüge der Wehrmachts-Truppen sind in sich zusammen gebrochen. Aber bis heute tut Deutschland, die Bundesrepublik, sich schwer damit, sich von so manchen Beutestücken wieder zu trennen. Von der Beutekunst aus NS-Zeiten, von der Beute-Kunst aus Kolonialzeiten, von der Beutekunst aus Zeiten der Archäologie, in der es noch keine strengen Regeln gab.

Für die heuten Leser*innen ist es eine Zumutung: dass Gott hier als der auftritt, der den Krieg gegen Ninive anzettelt. Unsere Zeit fremdelt mit Sätzen, wie sie der Psalmbeter ausspricht:

„Kommt her und schauet die Werke des HERRN,                                                             der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,                                                                      der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt,                                                                  der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.“                                     Psalm 46, 9-10

Gott wirft nicht mit Wattebäuschen, um den Kriegen ein Ende zu machen. Er steuert (so die alte Lutherübersetzung bis 1964) die Kriege so, dass sie ein Ende finden. Gott ist den Kriegen nicht ohnmächtig ausgesetzt und nicht hilflos gegenüber. Es ist die Erwartung und Prophetie Nahums: Gott ist kriegsmächtig zugunsten seines Volkes.

 

Du, Gott, bist mächtig. Du bist nicht nur der ohnmächtige Gott, der dem Treiben der Welt zusehen muss, weil er keine Divisionen ins Feld führen kann. Du bist nicht der Ohnmächtige, weil du Dich selbst entwaffnet hättest, auf Frieden um jeden Preis festgelegt.

Du greifst ein in den Gang der Geschichte. Du willst, dass Menschen ihre Macht nützen, um der Gewalt zu wehren, um die Ungerechtigkeit zu überwinden, um Frieden zu schaffen, der allen zugutekommt.

Gib Du doch, dass wir unsere Sinne darauf richten, Schritte des Friedens einzuüben, die das Unrecht eindämmen, die dem Leben Raum schaffen, die Deinen Willen zum Heil spiegeln.

Leite du uns dazu durch Deinen Geist. Amen