Ninive wird untergehen

Nahum 1, 1 – 14

1 Dies ist die Last für Ninive, das Buch der Weissagung Nahums aus Elkosch.

 Eine Überschrift, die einer Schlagzeile gleicht. Es wird um Ninive gehen. Um die Stadt, die für eine gnadenlose Weltmacht steht, die von Sieg zu Sieg geeilt ist. Der Prophet allerdings sieht nicht die Siege – er sieht die Last, die auf Ninive zu liegen kommen wird. Das hebräische maṥṥa᾽ – bedeutet Last oder Ausspruch als „Überschrift über prophetischen Unheilsankündigungen gegen fremde Völker.“(L. Perlitt, Nahum, ATD 25,1, Göttingen 2004, S. 5)

 Das wird dieses Buch – man könnte auch sagen: diese Aufzeichnung kennzeichnen. Es ist eine einmalige Überschrift im Alten Testament. Kein anderes Prophetenbuch wird so angekündigt. Es steht nicht gut um die Weltmacht sagt der Prophet mit Namen Nahum, ein Namen, in dem der Wortstamm  für „trösten“ mitschwingt. Nahum – ein Tröster? Es ist ein Name, der im ganzen Alten Testament nur hier vorkommt, der – zufällig? – im Dorfnamen κεφαρναουμ – Kapernaum – Dorf des Nahum weiterlebt.

Mir scheint es für das ganze Buch eine wichtige Seh-Hilfe: „Der Prophet eifert nicht für den Sieg seines eigenen Volkes als solchen, sondern für den Gottes über eine brutale Weltmacht.“(O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloh 1969, S. 180) Der Blick Nahums, eines Zeitgenossen des Jeremia, ist vordergründig nicht auf Juda gerichtet, immer nur auf Ninive, auf die Assyrer. In vielem ist sein Reden mit den „Fremdvölkersprüchen“ anderer Propheten wie Jeremia (Kap. 46 – 50) oder Hesekiel (Kap. 25 – 32) verwandt. Seine Botschaft ist die der Macht Gottes auch über die Weltmacht, vor der alle Völker im Schrecken erstarren.       

2 Der HERR ist ein eifernder Gott und ein Rächer, ja, ein Rächer ist der HERR und zornig. Der HERR ist ein Rächer an seinen Widersachern; er vergisst es seinen Feinden nicht. 3 Der HERR ist geduldig und von großer Kraft, doch ungestraft lässt er niemanden.

Nach der doch sehr formalen Überschrift setzt das Buch jetzt mit einem „Hymnus“ .  Der HERR wird besungen. Gleich dreimal nennt ihn Nahum einen Rächer. Der HERR ist einer, der vergilt und nicht vergisst. Der nicht zur Tagesordnung übergeht. Man wird sich hüten müssen, beim Wort Rächer auf emotionale Zwischentöne zu verfallen. „Das Unrecht gegen Gott setzt eine Macht in Bewegung, die sich nicht in Nichts auflöst.“(G. Maier, Nahum, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1986, S. 27)Dass Gott Rächer ist macht deutlich: Die Angriffe, die sein Volk erleidet, sind Angriffe, die Gott treffen. Wer sein Volk anrührt, rührt Gott an.

Es liegt nahe zu vermuten: dieser Hymnus mit dem Ausrufen, dass der HERR ein Rächer ist, spiegelt Erfahrungen von Gewalt und Unrecht. Spiegelt die Erfahrungen von Ausgeliefertsein. Auf  diese Erfahrung, dass es dauern kann, bis Gott handelt, weist auch der etwas überraschende Satz hin: Der HERR ist geduldig. Es gibt eine Geduld Gottes, die denen viel innere Kraft abverlangt, die unter Unrecht leiden. Darum wiederholt sich immer wieder einmal der Ruf: Wie lange noch? Als Ruf nach der Hilfe Gottes, nach seinem Eingreifen. So ist in  diese wenigen Sätze schon die Spannung zu spüren – zwischen der Realität des Leidens und der Erwartung und Hoffnung auf Gott, der doch endlich eingreifen muss.

 Er ist der HERR, dessen Weg in Wetter und Sturm ist; Wolken sind der Staub unter seinen Füßen. 4 Er schilt das Meer und macht es trocken; alle Wasser lässt er versiegen. Baschan und Karmel verschmachten, und was auf dem Berge Libanon blüht, verwelkt. 5 Die Berge erzittern vor ihm, und die Hügel zergehen; das Erdreich bebt vor ihm, der Erdkreis und alle, die darauf wohnen. 6 Wer kann vor seinem Zorn bestehen, und wer kann vor seinem Grimm bleiben? Sein Zorn brennt wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor ihm.

        Es geht weiter mit dem Hymnus – scheinbar in einem Wechsel – von der Hoffnung auf den Rächer zu einem Lobpreis auf die Macht des Schöpfers. In Wahrheit aber hängt wohl beides zusammen. Es ist der Schöpfer, der auch die Macht hat, in den Gang der Geschichte einzugreifen. Für den Propheten ist die Schöpfung nicht ein angeschlossener Vorgang in grauer Vorzeit. Sondern mit dem Blick auf den HERRN, vor dem die Berge zittern, „der Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn“(P. Gerhardt, 1653, EG 361), verbindet sich die Erwartung, dass er auch für sein Volk Wege aus der Bedrängnis hat, dass er die Übermacht der Weltmacht in ihre Schranken weist.

 7 Der HERR ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und kennt, die auf ihn trauen. 8 Mit reißender Flut macht er seinen Widersachern ein Ende, und seine Feinde verfolgt er mit Finsternis.

             Darauf läuft es hinaus: Gott ist Zuflucht für die, die auf ihn trauen.  Das steht so unauffällig im Text, dass man es fast überlesen kann. Es gibt keinen vollautomatischen Rettungsschirm. Auch nicht für die, die die Botschaft des Tröster Nahum hören. Damit Gott zur Feste in der Zeit der Not wirf, muss man ihn aufsuchen. Es ist ein durchgängiges Thema in den Schriften Israels – Gott ist ganz gewiss da. Aber seine Gegenwart wird erst für die zur Hilfe, die ihn suchen. die sich an ihn halten.

Dass Gott ist, wie er ist, dass er eingreift in den Gang der Geschichte, kann auch Angst machen. Mit reißender Flut macht er seinen Widersachern ein Ende. Niemand steht unbeteiligt und unberührt am Rand eines reißenden Flusses, der alles mitreißt. Niemand kann sich dem Grauen entziehen, wenn sich Finsternis über ein Land legt. Das rettende Handeln Gottes hat auch dunkle Seiten, die die Herzen bangen lassen.

Es wirkt wie ein später Reflex auf die Worte des Propheten:

„Er macht die Völker bangen vor Welt- und Endgericht
und trägt nach dir Verlangen, lässt auch den Ärmsten nicht.
Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht:
Und alles wird zunichte, was dir so bang gemacht.“          J. Klepper 1938, EG 379

             Geschrieben in einer Zeit, in der viele im Volk ihre Zuflucht bei dem Führer wähnten und nicht sehen wollten, dass sie Verführte waren.

9 Was wollt ihr ersinnen wider den HERRN? Er führt doch das Ende herbei. Es wird das Unglück nicht zweimal kommen. 10 Denn wenn sie auch sind wie die Dornen, die noch ineinanderwachsen und im besten Saft sind, so sollen sie doch ganz verbrannt werden wie dürres Stroh. 11 Denn von dir ist gekommen, der Böses wider den HERRN plant und Ruchloses ersinnt.

             Der gleiche Gott, der Judas Zuflucht ist, ist zugleich Widerstand für die, die sich aufspielen als die Herren der Welt. Es wirkt wie ein Aufgreifen von Worten, die sich in den Psalmen finden:

„Warum toben die Völker  und murren die Nationen so vergeblich?                        Die Könige der Erde lehnen sich auf,                                                                                  und die Herren halten Rat miteinander                                                                             wider den HERRN und seinen Gesalbten:                                                                            »Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke!«                     Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.“                                                                    Psalm 2, 1 – 4

             Das ist der Anfang des Gerichtes und sein tiefster Grund: Ninive hat sich in seiner grenzenlosen Machtgier gegen Gott gestellt. Es hat sich überhoben, es hat Böses gegen den HERRN geplant – und gewalttätig verwirklicht.

 12 So spricht der HERR: Sie mögen kommen so gerüstet und mächtig, wie sie wollen, sie sollen doch umgehauen werden und dahinfahren. Ich habe dich gedemütigt, aber ich will dich nicht wiederum demütigen. 13 Jetzt will ich sein Joch, das du trägst, zerbrechen und deine Bande zerreißen.

             Die Erwartung des Gerichtes verdichtet sich zu einem Gottesspruch. Einem Droh- und Strafwort an die, die sich gegen Israel gestellt haben. Die es unterworfen haben. Es liegt nahe, diese Worte in den geschichtlichen Zusammenhang gesprochen zu sehen. Die Assyrer, die alles niedergewalzt haben, alles von sich abhängig gemacht haben, werden nicht immer so mächtig bleiben. Sie sollen doch umgehauen werden und dahinfahren. Es spricht manches dafür, hier Anspielung auf Zeitereignisse zu sehen: „625 erster Skythensturm, der aber noch einmal abgewehrt wird, 625 Nabopolassar (Chaldäer) macht Babylonien selbstständig; bald darauf machen sich die Meder unter Kyaxares selbstständig; 616 Kämpfe ums Kernland, 612 fällt Ninive.“(G. Maier, aaO. S. 16 )

Der Blick des Propheten, das Wort Gottes wendet sich weg von den Assyrern hin zu Juda – im Trostwort, das neue Freiheit verheißt. Die Zeit der Unterdrückung durch Ninive wird zu Ende gehen. Er kündigt den Bedrängten Freiheit an. Es sind also „Gerichtsworte gegen Ninive, Trostworte für Juda.“(L. Perlitt, aaO. S. 13)

   14 Wider dich hat der HERR geboten, dass von deinem Namen kein Nachkomme mehr bleiben soll. Vom Hause deines Gottes will ich ausrotten die Götzen und Bilder; ein Grab will ich dir machen, denn du bist zunichtegeworden.

Es folgt eine direkte Anrede -wohl an einen Herrscher in Assur gerichtet. Es gibt einen König in Ninive, der sich im Jahr 612 mit seiner ganzen Familie in seinem Palast verbrennen ließ. Er könnte hier angesprochen sein.

Es kann allerdings genauso sein, dass diese Worte an das ganze Volk der Niniviten gerichtet sind. Immerhin weiß ja die Jona-Erzählung von der Androhung eines Untergangs für die ganze Stadt Ninive. Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“(Jona 3,4) Dieser Untergang ist ausgeblieben. Für diese Deutung auf das Kollektiv spricht, dass nicht nur Tod angesagt wird, sondern die Verwüstung der Tempel. Wenn man so will: der Untergang der falschen Götter.

 Zum Weiterdenken

             Wir sind gewohnt, die Frage nach der Schöpfung auf die Frage nach dem Anfang der Welt zu reduzieren. Damit bleiben wir weit hinter dem biblischen Denken zurück, auch hinter dem Denken Nahums. Die Schöpfung geht weiter, weil der Schöpfer sich nicht mit dem Anfang zur Ruhe gesetzt hat. Für Nahum ist es eine konkrete Hoffnung in die Gegenwart hinein und für eine gute Zukunft – Gott ist als der Schöpfer der, der die Geschicke der Welt in Händen hat. Auch die Wege der Völker. An den Schöpfer glauben ist glauben an den, der die Welt in seinen Händen hält – segnend, bewahrend und auch richtend.

Auch darüber kann und darf ich nachdenken: diese Bilder von der Gewalt Gottes, vom Zorn, der alles niederwalzt, lösen bei mir zwiespältige Gefühle aus. Es ist ein Reden,  das der Hebräischen Bibel nicht fremd ist: Gott ist gewaltig und von ihm geht Schrecken aus. Vor dem Zorn Gottes gibt es keinen Schutz.  Es ist ein zwiespältige Botschaft: gegen die Gewalt der Gewalttäter setzt Gott seine größere Gewalt.  Mir liegen die Bilder von dem sanftmütigen König auf dem Esel, Jesus, der die Gewalt durch Leiden überwindet, näher

 

Heiliger Gott, ich sehe das ganze Chaos der Weltgeschichte, Aufstieg und Fall von Völkern. Ich  höre die Stimmen, die uns einreden wollen, dass die Geschichte nur diese Regeln kennt – Macht und Ohnmacht.

Und Du bist irgendwie außen vor. Ein Gott, der mit dem Gang der Ereignisse überfordert ist, keine Rolle mehr spielt.

Ich aber hänge an Dir. Ich suche meine Zuflucht bei Dir, weil ich sonst in den Ängsten der Zeit vergehe. Ich bin angewiesen auf dieses Vertrauen, dass Du Dir Deine Welt nicht nehmen lässt, dass Du sie nicht auslieferst an die Mächtigen, die Interessen, die Märkte.

 Durch Gericht und Gnade hältst Du uns fest. Darüber bete ich Dich an. Amen

 

Ein Gedanke zu „Ninive wird untergehen“

  1. Danke, dass du die letzten Wochen beide biblischen Bücher parallel ausgelegt hast. Was für eine Arbeit!
    Über Tobit/Tobias ist unser Blick schon auf Ninive gerichtet.
    Ist unser Land auch so weit von Gott entfernt mit Götzen aller Art, dass Gott zornig eingreifen muss?

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