Die Wiedergutmachung Gottes

Hiob 42, 10 – 17

10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

 Eben noch hatte es geheißen: der Herr erhörte Hiob. Gemeint ist wohl: in seiner Fürbitte für die Freunde. Zu diesem Erhören Gottes kommt jetzt das andere hinzu: Hiobs Leben erfährt eine Wende. Darf man sagen: Eine Re-Vision? Weil es bei Hiob zu einer neuen Innensicht auf Gott gekommen ist, kommt jetzt auch ein neues Leben in Sicht. Zuallererst – und knapp angedeutet: er wird doppelt entschädigt – für den Verlust an Habe, an Kamelen, Schafen, Viehzeug.

Eine Entschädigung für den Tod seiner Kinder vermag ich nicht zu denken. Es gibt keinen Ersatz  für verstorbene Kinder durch Nachgeborene. Das wird beiden nicht gerecht – nicht dem Verlust und nicht den Nachgeborenen. Sie dürfen doch nie nur als Ersatz, als Entschädigung angesehen werden.

 11 Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

             Jetzt taucht auch die Verwandtschaft auf. Die sich lange bei dem Unglückseligen nicht hat blicken lassen. Die den Freunden den Vortritt gelassen hat. Man kann das schäbig finden: Jetzt, wo das Blatt sich wendet, sind sie wieder da. Aber es ist so menschlich. Es gibt sie doch wirklich, die Angst vor der Ansteckungskraft des Unglücks. „Es ist nicht nur feige und unbeholfen, wenn so viele verschwinden, auf der Straße das Trottoir wechseln oder nicht mehr anrufen.“ (W. Reiser, aaO.; S.200) Es ist allzu menschlich.

Immerhin: sie kommen, sie bringen ihm gemäß altem Sippenbrauch die Notsteuer, damit er keine finanziellen Sorgen haben muss. Ein Restbestand dieser Sitte sind heutzutage wohl Geldscheine, die man Beileidsbekundungen beilegt, um etwas zur Grabpflege beizusteuern. Und sie essen miteinander. Zeichen dafür, dass Hiob wieder zu den Lebenden zählt, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen ist. Sie reden auch wieder miteinander. Keine Angst mehr davor, dass die richtigen Worte fehlen könnten. Die Ansteckungsgefahr durch seine Krankheit und sein Unglück ist ausgestanden.  Ansehen und Ehre des Dulders sind wieder hergestellt.

 12 Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als einst, sodass er vierzehntausend Schafe kriegte und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen.

             Dazu kommt, dass sich sein Wohlstand märchenhaft vermehrt. Es ist der Segen des HERRN, der ihm alles so geraten lässt. Hat Gott ihm alles genommen, so gibt Gott jetzt wieder reichlich neu.

  13 Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter 14 und nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch. 15 Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.

             Die Rückkehr Hiobs ins Leben ist nicht nur eine Rückkehr in alte Besitzverhältnisse. „Im alternden Hiob erwachen die Sinne und wie! In Lebens- und Geschlechtslust zeugt er noch einmal zehn Kinder, sieben Söhne und drei Töchter.“(W. Reiser, ebda, S.202) Sie sind eigene Personen, kein Ersatz für die früher verstorbenen. „Ein einmal verlorenes Kind kann nie wieder ersetzt werden.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S.272)

             Auffällig ist, dass die Söhne nur nach ihrer Zahl pauschal genannt werden, die Töchter aber einzeln und mit Namen. Ungewöhnlich genug sind ihre Namen. Mir gefällt: „Keine üblichen Pfarrhausnamen.“ (W. Reiser, ebda.; S.202) Also nicht Friedgard, Theodora, Magdalena, Thekla, Mirijam, Hannah, Eva-Maria oder Tabitha. Sondern „Täubchen, Zimtblütenduft, Schminkdöschen“. Ob die jungen Damen mit diesen, doch eher ausgefallenen Namen auf die Dauer ihres Lebens glücklich waren, darf man vermutlich nicht fragen. Das interessiert den Hiob-Erzähler auch nicht wirklich. Was ihm am Herzen liegt ist das Signal der Lebensfreude des Hiob, das sich mit dieser Namens-Gebung verbindet.

Ob ich so weit gehen darf oder gehen muss, mit der Namensnennung der Töchter, dem Verschweigen der Namen der Söhne und der Einsetzung der Töchter als gleichberechtigte Erben auch gleich eine innere Kritik am patriarchalischen Denken biblischer Schriften zu verbinden, ist mir fraglich. Ich habe immer wieder den Eindruck: Die biblischen Autoren kennen starke Frauen und schwache Männer, so wie sie auch schwache Frauen und starke Männer kennen. Mit Geschlechtergerechtigkeit nach heutigem Zuschnitt hat das alles wenig zu tun.

Das mag ein Wechsel sein. Es ist der gleiche Mann, der wollte, dass die Nacht nie mehr endet, der den Tag seiner Geburt verflucht hat, der sich selbst das Schicksal einer Totgeburt gewünscht hat, der jetzt den Töchtern diese Namen gibt. Oder ist Hiob gar nicht mehr der gleiche? Nicht mehr mit sich selbst identisch? Gibt es eben doch nach der Gotteserfahrung einen neuen, anderen Hiob? Ich könnte sogar auf die – durchaus reizvolle – Idee kommen, dass diese Vorstellung einer lebenslangen Identität mit sich selbst doch eher an der Oberfläche bleibt und dem Menschsein nicht gerecht wird.

„Herr Lenz, Menschen ändern sich nicht.“ Diesen Satz habe ich, gehört in einem Gespräch in meiner Kirchenverwaltung, seit Jahren im Ohr. Und Hiob vor Augen, der nach seiner Gottesbegegnung ein anderer geworden ist. Ich neige dazu, dem Buch Hiob Recht zu geben und meinem Oberkirchenrat zu sagen: Auch Oberkirchenräte können irren.

  16 Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied.

             Ein versöhnlicher Schluss? Am Ende ein gutes Ende? Happy end? Der da noch einmal so viel Lebenszeit als Zugabe bekommt, bleibt doch bis an sein Ende ein gezeichneter Mann. Gewiss, er sieht Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied. Er ist nach dem Maßstab biblischen Denkens ein gesegneter Mensch.

Aber er ist auch ein gezeichneter Mensch. So wie Jakob aus seiner Gottesbegegnung mit einer lädierten Hüfte hervor geht, so wie Mose mit dem Schmerz leben und sterben muss, dass er das gelobte Land sehen, aber nie betreten kann, so wie Petrus damit leben muss, dass er in der Nacht der Auslieferung nur bedacht war, die eigene Haut zu retten und Paulus damit zurechtkommen muss, dass an seinen Händen das Blut vieler haftet, die er seine Brüder und Schwestern nennt, so ist Hiob gesegnet und gezeichnet. Beides gleichzeitig.

Es mag sein, auch das will uns der Schreiber des Hiob-Buches lehren. Es gibt im Leben vor Gott Zeiten, in denen wir nur schreien, nur klagen, nur fragen können. Zeiten, in denen uns Gott fraglich wird und wir doch nicht von ihm lassen können. Es gibt auch wieder andere Zeiten. Gute Zeiten. Aber wir sollten uns nicht einbilden, in diesen guten Zeiten, dass wir Gott jetzt verstanden haben. Wir werden ihn nie verstehen. Aber wir können auch nicht ohne ihn leben. Nicht in den guten und nicht in den schweren Zeiten.

 17 Und Hiob starb alt und lebenssatt.

Das sagt die Bibel nicht oft. Von Abraham sagt sie das. Von Isaak. Und von Hiob. Ein erfülltes Leben. Leben satt.

 

Am Ende meiner Tage, mein Gott, möchte ich gehen können, reif geworden, alt geworden, gesättigt an dem, was Du mir zugeteilt hast an guten und an schweren Zeiten.

Am Ende meiner Tage möchte ich gehen können, mit dem Schmerz, dass ich loslassen muss, die ich geliebt habe, was mir viel bedeutet hat, woran ich meine Lust hatte.

Am Ende meiner Tage möchte ich gehen können in dem Glauben, dass dieses Ende nicht das Ende aller Dinge ist, dass Du mich erwartest, dass ich Dich schauen darf.

Am Ende meiner Tage möchte ich gehen können in der Hoffnung, dass Du mich alles in einem neuen Licht sehen lässt, das Leben und alle, die mit mir auf dem Weg waren. Amen