Umkehr der Unbelehrbaren

Hiob 42, 7 – 9

7 Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman:

             Man kann es leicht überlesen: Mit der Gottesrede an Hiob ist noch nicht alles gesagt. Auch Elifas von Teman wird vom HERRN angesprochen. Auch er „bekommt“ ein Gotteswort, seine direkte Gotteserfahrung. Ich habe den Eindruck: wir sind es so sehr gewöhnt, die Freunde Hiobs als theologische Rechthaber und Langweiler zu sehen, dass wir regelrecht blind dafür sind: Elifas wird von Gott einer Antwort gewürdigt. Er wird nicht mit Nichtachtung bestraft!

 Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

             Die Worte der drei Freunde sind Gott seinen Zorn wert. Sie sind nicht ungehört in einer Himmelsleere verhallt. Gott, der HERR, hat sie wahrgenommen. Und bewertet sie: sie sind nicht recht von ihm geredet. Sie haben nichts Zutreffendes über ihn gesagt. Obwohl sie doch ihrer innersten Überzeugung und der Tradition der Weisheit Israels gefolgt sind – nicht recht geredet. Obwohl ihre Sätze nach dem Urteil vieler korrekt sind – nicht zutreffend. Sie haben Gott in ein Denk-System gesperrt und ihn genau darin verloren, verpasst, verfehlt.

Oder anders gesagt: „Die Freunde haben sich hinter ihren religiösen Sätzen und Weisheiten verschanzt, haben ihre schönen und weisen Bilder Gottes sorgfältig hingepinselt, haben ihn gerechtfertigt und verteidigt, weil sie ja Bescheid wussten über ihn. Sie standen mit ihrem Wissen über ihm und darin fest und brauchten sich keinen Zentimeter von sich weg zu ihm hin zu bewegen. Darum hat sich an ihnen auch nichts verändert. Sie blieben, die sie waren.“ (W. Reiser, aaO.; S.196) Das sind erschreckende Worte und wohltuende Warnungen für jemand, der selbst leidenschaftlich gerne Theologie treibt, Prediger ist.

Es gehört zur mich beglückenden Weisheit des Hiob-Buches, dieses unbekannten Schreibers, dass er dem verfehlten Reden der Freunde jetzt keine „richtige Theologie“ entgegensetzt. Gott „verkündet keine Theologie, die ihm angemessen wäre. … Denn dann würden wir hurtig nach seinen theologischen Sätzen greifen und rufen: Das ist es nun… Das wäre nur wieder ein Gott vom Hörensagen, ein Gott der angelernten Sätze, der angelesenen Buchstaben und der einstudierten Wendungen, ein lehrbarer Gott, der rasch wieder ein leerer Gott wäre.“ (W. Reiser, aaO.;,S.195f.) Nichts davon in diesem Buch. Nur der Hinweis: eure Lehre ist es nicht. 

Vor Jahren habe ich einen Satz gelesen, der mich seitdem nicht mehr los lässt. Auch wenn ich nicht weiß, von wem er stammt: „Der Sündenfall der Theologie ist, dass sie aus einer knienden zu einer sitzenden Angelegenheit geworden ist.“ Statt zu Gott beten, vor ihm klagen, ihn anschreien – über ihn nachdenken. Als ob es das wäre.

Zur Weisheit des Hiob-Buches gehört auch, dass nicht gesagt wird, ob und warum möglicherweise Hiob von Gott Recht geredet hätte. Es reicht, dass er geschrien und gekämpft hat, Gott herausgefordert hat, sich mit ihm angelegt hat. Dabei hat er wohl manchmal auch die Grenzen überschritten. Ist lauter geworden, als es sich gehört. Er hat sich mit Gott – im Gegensatz zu seinen Freunden – nicht mehr ausgekannt. Aber er hat sich an ihn festgeklammert. Ihn wie Jakob am Jabok nicht losgelassen.

  8 So nehmt nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte tun; denn ihn will ich erhören, dass ich nicht töricht an euch handle. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

             Die Drei werden nicht zur Revision ihrer Theologie aufgefordert. Sondern zu etwas, das sie kennen: Brandopfer sollen sie bringen für sich selbst. Damit kennen sie sich ja aus. Sieben Stiere und sieben Widder – das ist ein völliges, vollständiges Opfer. Und darin ihre Anerkennung: Wir haben Gott mit unseren Worten verfehlt. Vielleicht nimmt er unser Opfer dennoch gnädig an.

Und – ist das eine Demütigung oder ist es ein neuer Weg, den Gott öffnet: Hiob soll für sie Fürbitte vor Gott einlegen. Sie, die Hiob trösten wollten und ihm dann so zugesetzt haben, die ihm unaufhörlich und hartnäckig bescheinigen wollten, dass er im Unrecht ist, ein verstockter Sünder, die ihm dummes Gerede vorgeworfen haben, sie sind jetzt an ihn gewiesen. Auf seine Fürbitte angewiesen. Der, den sie als den Gott Gestraften angesehen haben, der soll sie jetzt vor Gottes Strafen bewahren. Damit Gott sie nicht in Schanden bringt.

Die Luther-Übersetzung: dass ich nicht töricht an euch handle, führt hier in die Irre. Es geht nicht darum, dass Gott irgendwelche Torheiten an den Freunden verübt, sich an ihnen nicht zum Narren macht, indem er sie straft. Sondern es geht darum,  dass Gott ihnen „nichts Schlimmeres antut“(Einheitsübersetzung), „gegen euch nicht nach eurer Torheit handle“ (Schlachter 2000), „euch nicht Schimpfliches antue.“(Elberfelder) Die Fürbitte Hiobs soll sie davor bewahren, durch Gottes Reaktion auf ihr unangemessenes Reden offensichtlich wie Narren dazustehen, in Schimpf und Schande zu geraten.

Auffällig: gleich viermal wird Hiob hier mein Knecht Hiob genannt. Genau das hatte ja der Satan in Frage gestellt. Darauf hatte er gehofft, dass Hiob nicht mehr Gottes Knecht sein wolle, dass er sich lossagen würde. Gott aber sieht sich in seinem Zutrauen zu Hiob bestätigt. An der Zugehörigkeit Hiobs zu Gott – das meint die Wendung mein Knecht Hiob – hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: sie ist durch diesen Schmerzensweg noch vertieft.

9 Da gingen hin Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama und taten, wie der HERR ihnen gesagt hatte. Und der HERR erhörte Hiob.

             Der Rest ist rasch erzählt. Die drei Freunde, jetzt alle drei noch einmal namentlich genannt (!), gehen hin und tun, wie der HERR es ihnen gesagt hat. Sie gehorchen. Ob das der Anfang einer neuen Gottesbeziehung ist? Es wird nicht erzählt. Aber sie verschwinden immerhin auch nicht sang- und klanglos aus der Erzählung. Von Elihu aber dem vierten Redner, ist nicht mehr die Rede, als wäre er und mit ihm seine Reden lediglich aus Versehen in das Buch geraten.

Und auch Hiob tut, was der Herr von ihm – durch den Mund der drei Freunde (!) – verlangt hat. Er tritt in die Fürbitte für die ein, die ihn so hart geplagt haben. Was das Hiob zugemutet hat, was die Fürbitte in ihm  bewirkt hat – kein Wort darüber. Es ist möglich, nachzudenken: „Indem nun Hiob vor Gott für seine Freunde als Fürbitter auftritt, verschwindet das persönlich erlittene Unrecht aus seinem Gesichtskreis. Er vergisst die ihm von den Freunden zugefügten Kränkungen….. Damit ist die Beziehung zu seinen Freunden wieder hergestellt.“ (Hj. Bräumer, aaO. S. 269) Das alle kann und darf man so denken. Aber es steht nicht da.

Der Hiob-Dichter hat kein Interesse daran zu erzählen, ob diese Freundschaft wieder in die Spur gekommen ist oder ob da Reste von Fremdheit bleiben. Wichtig ist allerdings: Hiob tut, was ihm aufgetragen ist. Das neue Verhältnis zu Gott schließt mit ein zu tun, was Gott will.

Warum wird diese ganze Episode überhaupt erzählt? Es ist doch nicht wirklich von Bedeutung, wie die drei Freunde Hiobs aus dieser Geschichte wieder herauskommen. Oder ist es umgekehrt gerade doch von Bedeutung? Es bewegt mich schon: sie wollten helfen, trösten, aufrichten. Sie wollten Hiob zurecht helfen. Sie waren überzeugt, dass sie die richtigen Worte über Gott sagen. Und müssen am Ende hören: Ihr habt nicht recht geredet. Über wie viele meiner Sätze, meiner Worte wird Gott im Himmel wohl sagen: Das ist nicht recht von mir geredet.

Darum gefällt mir die Schlussbemerkung über die Freunde: „Sie kamen in guter Absicht. Wir entlassen sie in guter Zuversicht.“ (W. Reiser, aaO. S. 197)Mehr zu sagen ist wahrscheinlich zu viel gesagt.

 

Mein Gott, es passiert uns leicht, dass wir nur die Hauptpersonen im Blick haben, aber die Nebenfiguren vergessen. Sie sind ja nur Nebendarsteller. Du bist anders als wir. Du siehst auch die, die sich vergaloppiert haben in ihren Worten, die falsch von Dir gedacht haben, die Dich klein und eng gemacht haben und willst sie zurecht bringen.

Du gibst  auch die Engherzigen nicht auf, die Rechthaber, die alles geregelt haben wollen und denen alle Unordnung tief verdächtig ist, die Dich darauf reduzieren, dass Du das Echo unserer guten und bösen Taten bist

Ich danke Dir, dass Du großzügiger bist als wir, weitherziger, barmherziger als wir es zu glauben und zu sagen wagen. Amen

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