Im Himmel soll es besser werden

Tobias 13, 10 – 18

 10 Und dein Zelt, Jerusalem, wird mit Freuden wieder erbaut werden. Und der Herr erfreue alle deine Gefangenen und erweise Liebe allen deinen Elenden für alle Geschlechter auf ewig. 11 Ein helles Licht wird leuchten bis an die Grenzen der Erde. Viele Völker werden von Ferne zu dir kommen, die Bewohner von allen Enden der Erde zu deinem heiligen Namen, und ihre Geschenke werden sie in den Händen halten für den König des Himmels. Die fernsten Geschlechter werden in dir Jubellieder singen und der Name der auserwählten Stadt bleibe auf ewig!

Es ist so, als würde hier eine Lücke gefüllt:

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.             Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande.                                     Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten,                                             und in unserm Heulen fröhlich sein:                                                                                     »Singet uns ein Lied von Zion!«       Psalm 137, 1 – 3

Der Psalm, den Tobit hier singt, ist eines von diesen Liedern. Aber anders, kraftvoller, als es sich die Spötter jemals gedacht haben. Aus dem persönlichen Dank-Psalm wird eine Heilsansage an Jerusalem. Der Beter im Exil sieht eine helle Zukunft für die Stadt, die er nur noch aus dem Erzählen kennt. Die Worte sind wie ein Anknüpfen an die prophetische Verheißung der Völkerwallfahrt zum Zion. „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs.“(Jesaja 2,2-3/Micha 4, 1-2) In den Worten Tobits ist die große Zukunft verbunden mit einer Wende für die Gefangenen im Exil. Sie werden befreit und ihre Freiheit dem König des Himmels danken.

            Ein helles Licht wird leuchten bis an die Grenzen der Erde. Im Mund Jesus klingt das so: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“(Matthäus 5, 14-15) Das Haus, in dem das Licht leuchten soll, reicht bis an den Grenzen der Erde. Finis Terre. 

 12 Verflucht seien alle, die ein hartes Wort sagen; verflucht seien alle, die dich zerstören und deine Mauern stürzen, die deine Türme einreißen und deine Häuser niederbrennen; aber gesegnet seien alle, die dich fürchten, in Ewigkeit.

             Das ist die Kehrseite des Heils. Wer das Heil nicht will, nicht für Jerusalem, der will es auch nicht für sich selbst. Wer sich gegen Jerusalem stellt, stellt sich unter den Fluch, sucht sein eigenes Unheil. Diese Doppelgesichtigkeit von Fluch und Segen findet sich ja schon ganz an Anfang – im Bundeswort an Abraham: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12, 3) Wobei in diesem Bundeswort deutlich wird, was auch hier zu beachten ist: Der Fluch ist kein eigentliches Ziel, er ist ein ungewolltes „Abfall-Produkt“, die Folge der Verweigerung des Segens.

 13 Dann mache dich auf, Jerusalem, und juble über die Söhne der Gerechten, denn sie werden alle versammelt werden und den Herrn der Ewigkeit preisen. 14 Selig sind, die dich lieben, und selig, die sich über deinen Frieden freuen! Und selig seien alle Menschen, die über dich und alle deine Züchtigungen betrübt sind, denn in dir werden sie sich freuen und alle deine Freude sehen in Ewigkeit.

             Tochter Zion, freue dich! Es sind Worte, die an Worte und Gedanken anknüpfen, die durch die Verkündigung der Propheten vertraut sind. „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“(Sacharja 2,2) Wird bei Sacharja der Blick ganz auf den kommenden Herrn gerichtet, so ist er bei Tobit ganz auf die gerichtet, die Jerusalem lieben, die sich an seiner Wiederherstellung freuen, die – jetzt – im Exil betrübt sind. Die Betrübnis wird sich in Freude wandeln – ein Motiv, das sich in vielen Psalmen findet. Die Geschichte zielt auf eine Wende zum Heil, festgemacht an der wende für Jerusalem.

 15 Lobe den Herrn, meine Seele, den großen König! 16 Denn Jerusalem wird erbaut werden, ja, Gottes Haus in alle Ewigkeit! Selig werde ich sein, wenn meine Nachkommen deine Herrlichkeit sehen und dem König des Himmels danken!

             Wie soll  man da nicht ins Loben und Schwärmen kommen. Es ist nicht die Art, biblischer Texte, Emotionen zu unterdrücken. Sie werden nicht beschrieben, auch nicht analysiert. Aber sie werden sichtbar in der Aufforderung an das eigene Ich, die Seele, die Kehle – das ist ja das eine gleiche Wort für beides: næfǣš  – Gott zu loben. Über dem, was er tut. Über dem, was geschieht.

 Deine Tore, Jerusalem, werden von Saphir und von Smaragd erbaut werden und von Edelsteinen all deine Mauern. Die Türme Jerusalems werden mit Gold erbaut werden, ja, ihre Zinnen mit reinem Gold! 17 Die Plätze Jerusalems werden mit Rubin gepflastert werden und mit Ofirstein. 18 Und die Tore Jerusalems werden Jubellieder singen und alle Häuser werden rufen: »Halleluja. Gepriesen sei der Gott Israels.« Ja, die Gesegneten werden den heiligen Namen preisen bis in alle Ewigkeit!

             Diese Worte sind über die Zeiten hinweg Vorspiel der Bilder aus der Offenbarung des Johannes. Sie sind hier nicht so gedacht, aber doch dazu geworden. „Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und die Straße der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.“(Offenbarung 21,21) Es ist eine Sehnsucht, die Tobit teilt – mit Jesaja, mit den Sängern der Zionslieder in den Psalmen, mit dem Seher auf Patmos. Die Sehnsucht hat und braucht einen Ort, auf den sie sich richten kann: Jerusalem. aufbewahrt bis heute im Gruß: „Nächstes Jahr in Jerusalem.“

„Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen,
Mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore, an deiner Stadt; wir stehn im Chore
Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt, Kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.“                                                                          P. Nicolai 1599, EG 147

Geschrieben in Unna, einer Stadt, in der die Pest-Toten sich häuften.

Zum Weiterdenken

Es ist gut, wie Tobit in seinem Lobgesang die Perspektive weitet, über den eigenen, engen Horizont hinausschaut. Es ist gut, dass der wieder sehende Tobit nicht nur Augen für seine glückliche Wende hat, dass er den Blick weit hinaus wandern lassen kann.  Es gibt ja Lebens-Situationen, Leidens-Situationen zumal, die den Blick verkürzen, die kurzsichtig werden lassen. Umso wichtiger, dass hier in den Worten des Tobit die größere Perspektive in den Blick kommt – das kommende Heil. Das hilft standhalten und durchhalten.

 

Ich singe Dein Lob. in Dir ist mein Leben. Mein Gott, manchmal fehlen mir die Worte, Deine Güte zu rühmen. Manchmal fehlen mir die Worte, Deine Wohltaten zu besingen. Manchmal bin ich einfach nur stumm, weil zu groß für alle Worte ist, was Du uns zeigst, was Du uns verheißt.

Darauf vertraue ich, dass Du Dir das Lob gefallen lässt,  das doch nur Gestammel ist, nur  ein Anfang, nur ein Suchen. Im Himmel wird es besser werden, wenn ich bei Deinen Engeln bin. Amen