Schritte in die Weite

Tobias 13, 1 – 9

 1 Da sprach Tobit: Gepriesen sei Gott, der Lebendige, und seine Königsherrschaft in Ewigkeit, 2 denn er züchtigt und ist gnädig, er führt hinab in die Unterwelt unter der Erde und er führt wieder hinauf aus dem großen Verderben, und niemand kann seiner Hand entfliehen.

 Tobit wird zum Psalmen-Sänger In diesen Worten schwingt seine Erfahrung mit – Todesangst, der Absturz ins Dunkel und die Befreiung aus der Finsternis. Tobit ist durch die tiefe Anfechtung der Blindheit gegangen, die ihn am Leben verzweifeln ließ. Das ist seine Unterwelt unter der Erde. Er hat für sich keinen Weg mehr gesehen. Er war am Ende. Aber Gottes Weg mit ihm war noch nicht am Ende. Seit Tobit die Augen aufgetan worden sind, kann er weiter sehen. Von dieser neuen Weitsicht zeugt dieses Gebet. Es sind Worte, wie sie auch in anderen Psalmen zu hören sind. Aber das macht ja die Stärke dieser offenen Sprache aus: Sie lässt Raum, um die eigenen Erfahrungen in sie einzuzeichnen. Es sind Worte, die an den Psalm der Hannah erinnern:

Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.“                                              1. Samuel 2,6 – 7

             Nbetung und auch die Sprache der Anbetung legt keinen Wert auf Originalität und auf vermeintliche Authentizität. Sie legt Wert darauf, dass sie eine Einladung zum Mitsingen und Mitbeten ist. 

 3 Dankt ihm, ihr Israeliten, vor den Völkern. Denn er hat euch unter sie zerstreut 4 und hat euch dort seine Größe kundgetan. Erhebt ihn vor allem Lebendigen, denn er ist unser Herr und er ist unser Gott; er ist unser Vater und er ist Gott in alle Ewigkeit! 5 Er wird euch züchtigen wegen eurer ungerechten Taten und wird sich euer aller erbarmen unter allen Völkern, unter die ihr zerstreut worden seid.

             Anbetung geht immer auch den Schritt über die eigene, private Existenz hinaus. So ruft Tobit die Israeliten auf zum Singen, zum Danken. Ja, Gott hat sein Volk unter die Völker verstreut. Er mutet ihnen die Diaspora zu. Aber er will, dass sie genau da, unter den Völkern  seine Zeugen sind. Gott loben am sicheren Ort – das kann jeder. Gott loben aus der Bedrängnis, aus der Not heraus – das ist das Kennzeichen seines Volkes.

Das ist wohl auch geschichtlich ein zutreffender Befund: Es ist das Exil, in dem die großen Gottesaussagen entstanden sind. Es ist das Exil, in dem Israel gelernt hat: Er ist unser Herr und er ist unser Gott; er ist unser Vater und er ist Gott in alle Ewigkeit! Im Land Israel war Israel nicht so eindeutig mit seinem Gott unterwegs. Da gab es viel Abfall und immer wieder Untreue. Die Fruchtbarkeitsgötter der alten Kulturvölker schienen so viel wirksamer,  einleuchtender  und im Kulturland näherliegend und wirkmächtiger als der Gott der Väter. Es brauchte die Erfahrung der Not des Exils, um Israel seine ungerechten Taten erkennen zu lassen und das Erbarmen Gottes als den zentralen Haftpunkt des eigenen Glaubens.  

 6-9 Wenn ihr zu ihm zurückkehrt mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele, um vor ihm in der Wahrheit zu wandeln, dann wird auch er zu euch zurückkehren und sein Angesicht nicht mehr vor euch verbergen. So erkennt, was er an euch getan hat, und dankt ihm aus vollem Munde. Ja, preist den Herrn der Gerechtigkeit und erhebt den König der Ewigkeiten!

Der Ruf zur Umkehr ist ein Rückruf zu Gott, zum Gottvertrauen. Glaube ist immer auch Umkehren. Zurückkehren zu Gott. Weil es so leicht geschieht, dass man sich von ihm entfernt, entfremdet, ihn aus den Augen und aus dem Herzen verliert. Was hier anklingt ist das Grundbekenntnis Israel – das schma israel: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“(5. Mose 6, 4-5) Sätze, die jeder Jude verinnerlicht hat. Sätze, die Leben geprägt haben. Das mag ein Hinweis sein: Der Erzähler des Tobit-Buches kennt sich aus in der tragenden Tradition seines Volkes.

Es ist wie ein Echo auf diese Worte des Tobit: „Ein Jude, der auf der Flucht seine Frau und seine Kinder hatte sterben sehen, und allein zurück geblieben war, sprach zu Gott: „Herr der Welten, viel tust du mir an, dass ich meinen Glauben verlassen soll. Wisse jedoch, dass ich allem zum Trotz ein Jude bin und ein Jude bleiben wird! Wie viel Unglück du auch über mich gebracht hast, und noch bringen magst – ich bleibe treu bei meinem Glauben!“ (zit. in Salomo Ibn Verga, schéwet Jhudá nach: R Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, d. 4, Stuttgart 1989, S. 128)   

             Es sind Sätze, wie sie sich auch bei den Propheten Israels finden. Der Ruf zur Umkehr. Der Ruf, sich ganz und ungeteilt Gott neu zuzuwenden. „Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“(Jeremia 29,13 – 14) Sätze, die wir heute als Christen und Christinnen neu zu hören haben.

Zum Weiterdenken

Die Grenze sei der Ort der Erkenntnis. Der Ort der Wahrheit. So der Theologe Paul Tillich. Hier bei Tobit klingt es so ähnlich: Erst in der Zerstreuung hast Israel die Größe seines Gottes erkannt. Es musste erst das Land, die Stadt, den Tempel verlieren, um zu begreifen, dass Gott größer ist als seine Gaben. dass er der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, dass er das Leben will, gerade auch derer, die er durch die Unterwelt, den Hades geführt hat.

Wir wissen nicht, was hinter unserem engen Horizont kommen wird. Wir sind kurzsichtige Leute. Ich lerne: Es müssen uns die Augen aufgetan werden, damit wir weiter sehen können, befreit werden von unserer kurzen Sicht. Es ist nötig, dass Gott selbst unsere Kurzsichtigkeit wandelt und heilt. Das ist das Zeugnis dieses Gebetes des Tobit. Gott kann uns die Augen öffnen, so dass wir einverstanden werden mit den Wegen, die er mit uns geht, auch wenn es Wege durch die Unterwelt unter der Erde sind. Es bleibt die Hoffnung: er führt wieder hinauf aus dem großen Verderben – in die Weite seiner Gegenwart.

 

Mein Gott und Herr, ich singe Dein Lob, ich rühme Deinen Namen, ich will Dein Zeuge sein in der Gemeinde, in einer Welt, die sich oft selbst genug ist. Mein Gott, jeder neue Tag ist ein neuer Anfang, den Du setzt, mit mir, mit uns, mit Deiner Welt. Hilf mir, dass ich auch jeden Tag neu anfange mit dem Glauben, mit dem Vertrauen auf Dich, mit dem Fragen nach Deinen Wegen, mit dem Tun Deines Willens. Amen