Nur ein Mensch

Hiob 38, 1 – 11; 40, 1 – 5

1 Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

             Endlich, möchte man fast sagen. Nach diesen quälend langen Redeschlachten der Freunde mit Hiob, nach diesen so aufwühlenden Klagen und Anklagen, Unschuldsbeteuerungen Hiobs. Jetzt endlich antwortet der HERR. Nicht einfach aus heiterem Himmel. Aus dem Wettersturm.

Das ist die Andeutung einer Theophanie, einer Gotteserscheinung.

Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt;                                                                     in schwarzen, dicken Wolken war er verborgen.                                                             Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen.                 Der HERR donnerte im Himmel,                                                                                           und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.                                                               Psalm 18,12-14

 In vielen biblischen Texten ist das Erscheinen Gottes mit einem Sturm verbunden. Mit Donner und Blitz, Erdbeben und Feuer. Wir sprechen von „Gotteserscheinung“ – aber zu sehen ist hier nur der Sturm, nicht Gott selbst. Ein kleiner Hinweis: Jede Offenbarung Gottes ist zugleich eine Verhüllung. Denn den „nackten Gott“ könnten wir Menschen nicht aushalten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2.Mose 33,20) So also zeigt sich Gott in den Sturm verhüllt.

 „Jetzt erst, wo Gott selbst in Erscheinung tritt, wird er mit dem Namen Jahwe genannt….Erst jetzt wird das wahre Wesen Gottes, um das es im Streit der Meinungen ging, enthüllt; nur wo Gott sich selbst offenbart, gibt es eine gültige Antwort auf die Gottesfrage.“  (A. Weiser, aaO. S. 243)Das ist ein ernüchterndes Urteil über den langen Diskussionsgang zuvor. Er ist nur ein Tasten nach dem Weg, nach Gott. Der Weg aber, Gott selbst ist in diesem Streit immer noch verborgen. Das ist auch eine Mahnung zur Bescheidenheit, zur Demut im Blick auf das eigene Erkenntnis-Vermögen.    

  2 Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? 3 Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

             Hiob hat Gott zum Rechtsstreit gefordert. Er hat ihm seinen Reinigungseid vorgelegt. Er hat ihn aufgefordert, sich dem kritischen Urteil zu stellen. Auf diese Forderungen Hiobs antworten jetzt die Worte Gottes. Jetzt fordert der Herr Hiob. Stelle dich wie ein Mann!  Und es steckt im ersten Satz schon eine Wertung: Alles, was bislang gesagt wurde –  Worte ohne Verstand. Nicht angemessen.  Nicht von weitem hinreichend. Das Dunkel, das Hiob über den –Wegen Gottes beklagt hat, ist in Wahrheit sein Dunkel. Er hat den Ratschluss – hebräisch: ʽeāh –  nicht erkannt, nicht ergründen können. Weil er Mensch ist. Kein Gott. 

 4 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist! 5 Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? 6 Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, 7 als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? 8 Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, 9 als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, 10 als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore 11 und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«?  

Frage auf Frage prasselt auf Hiob nieder. Immer nur von dem einen Gedanken geleitet: Bist Du, Hiob der, der die Erde geschaffen hat? Bist du Schöpfer? Hast Du die Macht, ins Leben zu rufen? Die Macht, den Naturgewalten zu gebieten? Bist du es, der die Zeit geschaffen hat? „Bist du, Hiob, wie Gott? Dann erweise es auch. Wenn Hiob einen Arm und eine Stimme wie Gott hat, dann soll er sich den königlichen Ornat anlegen und ie Welt regieren.“ (H. Flender, Ein Mensch ringt mit Gott. Hiob, Arbeitsheft zur Bibelwoche, Gladbeck 1983, S. 63)

Wo warst du, als ich die Erde gründete? Es geht um Welterfahrung von Anfang an. Und in jeder Frage wird es Hiob demonstriert, dass seine Sicht zu kurz ist, sein Arm zu schwach, sein Wille an Grenzen stößt. „Ganz klein wird der Mensch, wenn sich vor seinen Gedanken die Weite der Welt auftut.“ (A. Weiser, aaO. S. 245) In diesen Fragen wird Hiob der enge Horizont seines Denkens und Lebens aufgezeigt.

Man kann fragen: Ist das fair, die vielen Fragen Hiobs an Gottes Weg so mit einem Fragenschwall regelrecht wegzuschwemmen. Ist es fair, einfach nur die eigene Macht zu demonstrieren. Ich bin der Schöpfer – wer bist du, Menschlein? Oder anders gefragt: „Wo bleibt in dieser Antwort das Elend Hiobs?“ (W. Reiser, aaO.; S. 185)

 Was bedeutet es, dass Gott zum Leiden Hiobs schweigt? Es wird wohl kaum bedeuten, dass es ihn nicht interessiert, dass es ihm gleichgültig ist. Es könnte sein, dass Gott schweigt, weil es anders gar nicht geht. „Hätte das Leiden in der Welt einen fest umrissenen Platz, geriete es sofort in den Erklärungszwang unseres Verstandes.“(W. Reiser, Hiob. ebda. )

 Auch daran darf ich doch erinnern: in der Mitte der Botschaft des Neuen Testamentes steht die Leidensgeschichte Jesu. Da wird davon erzählt, dass er bis in den Tod geht, bis in die Hölle der Gottesferne. Da wird das Leiden nicht erklärt, aus der Warte Gottes. Sondern da nimmt Gott das Leiden auf sich und tritt an die Seite der Leidenden, wird Teilnehmer am unbegreiflichen Elend, das Menschen Menschen antun können. Das ist keine Lehre über das Leiden als Antwort. Das ist Gott selbst, der sich gibt, sich selbst gibt als Antwort: ich bin bei euch. Auch da, ganz unten.

40, 1 Und der HERR antwortete Hiob und sprach: 2 Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

           Es wirkt wie eine Wiederholung, ist aber eher wie ein Abschluss der Gottesrede zu lesen. Wie eine Zusammenfassung der Argumente. Wie kommt einer dazu, Gott zurechtweisen zu wollen. Ihm etwas vorzuschreiben. Mit dem Allmächtigen zu rechten? Eine dreifache Abweisung des Rechtes, Gott zu verklagen. Jedes Mal ist klar: das ist unangemessenes Verhalten Gott gegenüber. Dem Schöpfer gegenüber, dem Allmächtigen gegenüber.

Der Kläger Hiob, so wird in diesem kurzen „Statement“ deutlich, hat seine Grenze überschritten. Aus dem klagenden und fragenden Hiob wird durch die Gottesrede ab 38,1 einer, der in Frage gestellt wird. Aus dem Kläger wird der Beklagte, aus dem, der Gott angreift, wird selbst einer, der durch die Fragen Gottes angegriffen und gestellt wird. Zur Rechenschaft hat Hiob Gott gefordert: Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde. Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.“(13,18-19) Aber nun ist alles anders geworden. Nicht Gott muss sich verantworten vor Hiob, sondern Hiob muss vor Gott antworten. Sich vor Gott verantworten.

Ist dieser Rollentausch überzeugend? Ist er zwingend? Wenn man die Rede Gottes ganz liest, dann ist klar: hier stehen sich Schöpfer und Geschöpf gegenüber. Gott und Mensch. Sie sind nicht gleichwertig. Nicht in ihrem Wollen, nicht in ihrem Können, nicht in ihrem Wesen. Der ewige Gott und der sterbliche Mensch. Der Allmächtige, El Schaddai, und der Ohnmächtige, Hiob.

Was ich verstehe: Die Basis eines beide gleich verpflichtenden Rechtes, die Hiob suchte und setzen wollte, gibt es nicht. Der Versuch, eine Gerechtigkeit zu finden, die Gott wie den Menschen in gleicher Weise bindet, die über beiden steht, ist gescheitert. Zwangsläufig, weil Gott nicht mehr Gott wäre, wenn es ein Recht gäbe, dem er unterliegt, vor dem man ihn zur Rechenschaft ziehen kann.

Das gilt wohl nicht nur für Hiob. Das gilt auch für alle modernen Versuche, ein Recht zu formulieren, an dem wir die Gerechtigkeit Gottes messen könnten. Ob es nun die Humanität unseres Zuschnittes ist, die Verteilungsgerechtigkeit, der wir huldigen. Oder ob es die große Katastrophen wie Tsunami, Vulkan-Ausbrüche und Erdbeben sind – bei denen wir immer fragen: Und wo ist Gott? Es gibt kein Recht, das wir gegen Gott ins Feld führen könnten. Was uns alleine bleibt, ist der Appell an ihn, an sein Recht, sein Erbarmen, seine Güte.

  3 Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach: 4 Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. 5 Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.

             So fällt dann auch die Antwort Hiobs aus. „Vor der erdrückenden Wirklichkeit Gottes wird der Mensch seiner eigenen Wirklichkeit in ihrer ganzen erbärmlichen Ohnmacht bewusst.“ (A. Weiser, aaO.; S.250)Es ist, als würde Hiob hier von seinen eigenen Worten eingeholt:  „Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht „eins“ antworten. Gott ist weise und mächtig; wem ist’s je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat? (9,3-4) So weit also war Hiob schon einmal.

Doch es ist ein Unterschied: Hiob hat seine ganze Aufregung, seinen ganzen Schmerz gegen Gott zur Sprache gebracht. Er hat nicht vor einem theologisch richtigen Satz kapituliert, mit ihm kapituliert. Ihn einfach so hingenommen. Sondern er hat diesen Satz bekämpft, mit aller Leidenschaft seines Lebens. Und wenn er jetzt „klein beigibt“, dann ist das anders als nur die Zustimmung zu einer theologischen Wahrheit. Er hat es gelernt, existentiell gelernt: „Im Rechtsstreit mit Gott ist der Mensch absolut chancenlos.“ (Hj. Bräumer aaO.; S.231)

Nach seinen Antworten gefragt, gesteht Hiob ein: ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich bin diesen Fragen nicht gewachsen. Ich bin Gott nicht gewachsen. Im Gegenüber zu Gott kommt Hiob zur Einsicht: Ich habe mich übernommen. Ich habe mich überschätzt. Ich habe vergessen, dass ich Mensch bin und nicht Gott.

Zum Weiterdenken

Manchmal überfällt mich der Gedanke, wie viel oder wie wenig von dem, was ich über Gott gedacht, gesagt, geschrieben habe, wohl wirklich Gott  entspricht. Wie viele meiner Sätze werden in sich vergehen, wenn ich ihn sehen werde, von Angesicht zu Angesicht. Ihn, an den ich glaube, dem ich vertraue, in dessen Hände ich mich mit den Meinen berge.  Was sich vor Menschen vielleicht noch ganz gut anhören mag, hat doch im Gegenüber zu Gott selbst kaum Bestand. Totaliter aliter. Ganz anders ist Gott. Darauf aber vertraue ich, dass er, der ganz Andere, uns dennoch zugewandt ist.

Ich bin mir nicht so sicher, ob man das Sündenerkenntnis nennen darf, was Hiob hier erfährt. „Sein Blick war durch den Willen,  der nur das Eigene sucht, irregeleitet…. Als erste Wirkung des göttlichen Gerichtes ist in ihm die Erkenntnis seiner Sünde erwacht.“ (A. Weiser, aaO. S. 251) Ich finde das hier nicht – weder das Gericht, noch die Einsicht in die Sünde. Ich finde nur einen Menschen, der im Gegenüber zu Gott, das er erfährt und nicht nur denkt, Klarheit über sich selbst und seinen Status findet.

Mir gefällt, dass hier nicht allgemeine Sätze stehen. Wie es um den Menschen vor Gott bestellt ist. Dass der Mensch immer Gott gegenüber ein „Nichts“ ist. „Leicht, leichtgewichtig, klein, unbedeutend, geringfügig, verächtlich“ – alles Bedeutungen, die in dem hebräischen Wort qll mitschwingen, das hier mit „gering“ wieder gegeben ist (Hj. Bräumer, ebda, S. 232)

             Mich berührt auch eine neutestamentliche Erinnerung: Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.(Matthäus 18,10) So redet Jesus von den Kleinen, Unbedeutenden, Schwachen. Ταπεινόι.  Er redet so auch von den μικρόι, den Mickrigen. Die nie und nirgends Schlagzeilen machen. Die keine Lobby haben. Von denen gibt es so viele, dass sie nicht zählen, außer in der Statistik. So die Logik der Welt. Und es ist die Gefahr der Welt, dass man sie verachtet, auf sie herab sieht.

Wenn Hiob sich unter sie einreiht, dann ist das nicht einfach nur angesagte Demut. Nicht einfach nur jetzt endlich doch erlernte Bescheidenheit. Sondern dann ist das eben auch ein Festhalten: so klein ich sein mag – ich bin Gottes Gegenüber. Gewürdigt darin, dass er mir antwortet.

 

Mein Gott, Himmelweit sind wir unterschieden. Du der ewige Gott. Ich. Mensch unter Milliarden Menschen. Du der Eine, unvergleichlich. Ich einer wie so viele. Himmelweit sind wir unterschieden. Aber nicht himmelweit getrennt. Du hast dich auf den Weg gemacht zu uns, sprichst zu uns, lässt uns Deine Wirklichkeit erfahren.

Und schließlich wirst Du einer wie wir. Uns gleichgestaltet als Mensch. Menschensohn, damit wir es wissen und darauf vertrauen: Du lässt Dich nie von uns trennen. Amen