Gut gemacht!

Tobias 11, 1 – 18

 1 Und als sie auf dem Heimweg nach Kaserin kamen, das Ninive gegenüber liegt, 2 sagte Rafaël: Du weißt, wie es deinem Vater ging, als wir ihn verlassen haben. 3 Wir wollen nun deiner Frau vorauseilen und das Haus herrichten, in das sie mit dem Gesinde dann nachkommen wird. 4 Da zogen sie gemeinsam voraus.

             Der Heimweg neigt sich dem Ende zu. Die Reisegruppe wird auf Vorschlag Rafaëls geteilt. Er und Tobias ziehen vorweg, um alles ordentlich vorzubereiten, damit es für Sara ein schönes Willkommen wird.

 Der Engel aber sprach zu Tobias: Nimm etwas von der Galle des Fisches zur Hand. Der Hund aber lief hinter ihnen her. 5 Hanna aber saß da und hielt am Wege Ausschau nach der Heimkehr ihres Sohnes. 6 Und als sie ihn kommen sah, sprach sie zu seinem Vater: Siehe, dein Sohn kommt und mit ihm sein Begleiter!

             Jetzt auf einmal: der Engel. Es scheint, um anzudeuten, dass jetzt wieder himmlische Regie angesagt ist. Hanna, die Mutter des Tobias, sitzt, wie alle Tage, um zu warten, Ausschau zu halten. Der blinde Tobit sitzt bei ihr. Sie sieht, wer kommt und gibt die Information weiter, mit einem stocknüchternen Satz: Siehe, dein Sohn kommt und mit ihm sein Begleiter! Mehr nicht. Kein Lachen, keine befreites Schluchzen, nichts dergleichen. Wo bleiben die Emotionen?

 7 Aber noch bevor sich Tobias seinem Vater nähern konnte, sprach Rafaël zu ihm: Ich weiß, wie seine Augen wieder geöffnet werden können: 8 Reibe die Fischgalle in seine Augen! So wird die Arznei die weißen Flecken zusammenziehen und von seinen Augen abschälen, und dein Vater wird aufblicken und das Licht wieder schauen.

             Der Engel Rafaël übernimmt immer mehr die Regie. Er gibt Anweisung an Tobias. Anweisung zum Heilen. Sorgfältig, weil es ja auch darauf ankommt, nichts von der Fischgalle zu vergeuden? Rafaël weiß, was geschehen wird. In seiner Anweisung ist nicht der Hauch eines möglichen Versagens der seltsamen Arznei wahrzunehmen. In seinen Worten dein Vater wird aufblicken und das Licht wieder schauen ist das Ziel der Heilung fast schon wie erreicht.

9 Da lief Hanna herbei und fiel ihrem Sohn um den Hals und sagte zu ihm: Ich habe dich wiedergesehen, Kind, nun kann ich sterben. Und sie weinte.

             Bevor es so weit ist, kommt der Auftritt der Hanna. Jetzt fließen Tränen des Glücks. Und sie sagt: Jetzt ist alles gut. Jetzt kann ich sterben. Für gewohnheitsmäßige Bibelleser*innen bietet sich eine Assoziation an in den Worten des greisen Simeon: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“(Lukas 2, 29-30) Hanna hat nicht den Heiland, nur ihren Sohn gesehen. Das genügt ihr.

10 Und Tobit stand auf und stolperte zur Tür des Hofes hinaus. Tobias aber ging ihm entgegen 11 mit der Fischgalle in der Hand. Und er blies ihm in die Augen, ergriff ihn und sprach: Sei getrost, Vater! Und er trug die Arznei auf und verrieb sie. 12-13 So schälte er die weißen Flecken mit den Händen aus seinen Augenwinkeln. Da fiel ihm Tobit um den Hals, 14 und er weinte und sprach zu ihm: Ich sehe dich, Kind, du Licht meiner Augen!

Tobit stolpert seinem Glück entgegen. Es folgt die seltsame Behandlung mit der  Fischgalle durch den Sohn. Einen medizinischen Laien. Verbunden mit dem Zuspruch: Sei getrost, Vater! Die Behandlung wirkt. Die Augen gehen dem Vater auf und  was er sieht, ist das Licht seiner Augen. Den Sohn.

Zeitlich weit entfernt und doch so nah an dieser Erzählung: „Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, spuckte in seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen umhergehen, als sähe ich Bäume. Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht und konnte alles scharf sehen.“(Markus 8, 22 -25) Die Heilmethoden der alten Zeiten sind nicht unsere, aber deshalb sind sie noch nicht unwirksam.

 Und er hob an: Gepriesen sei Gott und gepriesen sei sein großer Name, und gepriesen seien alle seine heiligen Engel! Sein großer Name sei unter uns, und gepriesen seien alle Engel in alle Ewigkeiten! 15 Denn er hat mich gezüchtigt, aber siehe, nun kann ich meinen Sohn Tobias wieder sehen!

Ein Gebet mehr. Diese Menschen vergessen über dem Glück ihres Lebens nicht, dem zu danken, der Urheber ihres Glücks ist. So geheilt kann Tobit  die Zeit seiner Blindheit nicht nur als eine Zeit im Dunkeln verstehen, sondern als eine Zeit der Bewährung unter dem Züchtigen Gottes. So steht es ja in den Sprüchen: „Wen der Herr liebt, den weist er zurecht und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn.“ (Sprüche 3,12)  So zu denken, mag uns fremd sein. Den Alten ist dieses Denken irgendwie näher.   

 Da ging Tobias hinein voll Freude und pries Gott aus vollem Munde, und er erzählte seinem Vater, dass sein Weg gelungen sei und dass er das Silber mitgebracht habe. Und er berichtete, wie er Sara, die Tochter Raguëls, zur Frau genommen habe und dass sie schon auf dem Weg und kurz vor den Toren Ninives sei.  

Zeit zum Erzählen, wenn auch nur kurz. Es war eine ereignisreiche Reise, von Erfolg gekrönt. Das Silber ist da und auch eine Frau hat er gefunden. Sie ist schon fast da, vor den Toren der Stadt.

 16 Da ging Tobit hinaus an das Tor Ninives, seiner Schwiegertochter entgegen; voller Freude pries er Gott. Als die Bewohner Ninives ihn gehen sahen, wie er aus eigener Kraft einherschritt und von keinem an der Hand geführt werden musste, wunderten sie sich sehr. 17 Tobit aber tat ihnen kund, dass Gott sich seiner erbarmt und ihm die Augen geöffnet habe.

             Der Geheilte wird zum Zeugen. Sein Gang durch die Stadt wird zur Botschaft, weil alle ihn gehen sehen, ohne Hilfe. Tobit aber klärt die Sehenden auf. Er erklärt seine Heilung,  nicht als Erfolg alternativer Medizin, sondern: Gott hat sich seiner erbarmt. Es ist die tiefere Wahrheit hinter dem Geschehen, auf die es ihm ankommt und die er bezeugt.

  Und Tobit näherte sich Sara, der Frau seines Sohnes Tobias. Er segnete sie und sagte zu ihr: Mögest du wohlbehalten eintreten, Tochter! Gepriesen sei dein Gott, der dich zu uns geführt hat, Tochter! Und gesegnet sei dein Vater und gesegnet sei mein Sohn Tobias und gesegnet seist du, Tochter. Tritt wohlbehalten ein in dein Haus, in Segen und Freude; tritt ein, Tochter!

             Ein herzliches Willkommen. Wieder in großer Dankbarkeit gegen Gott, der dies alles so geordnet hat. Gepriesen sei dein Gott, der dich zu uns geführt hat, Tochter! Ist das religiöser Überschwang? Vielleicht fehlt ja uns etwas, dass wir nicht hinter dem Geschehen in unserem Alltag so schlicht die Hand Gottes glauben und bezeugen.

 An diesem Tag widerfuhr allen Juden, die in Ninive wohnten, große Freude. 18 Auch Achikar und Nabad, die Vettern des Tobias, kamen und freuten sich mit ihm.

             Ein Tag der Freude in der Exilsgemeinde. Alle freuen sich mit. so wird es Paulus später als die Wirklichkeit in der Gemeinde benennen: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“(1. Korinther 12, 26) In Ninive haben sie mit dem Mitfreuen begonnen.

 

Gott, Du hast es gut gemacht mit Tobit und Tobias, Hanna und Sara. Du hast es gut gemacht mit so vielen, deren Namen wir nicht kennen.

Du hast es gut gemacht mit uns. Mit mir. Lobe denn Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Wie könnte ich je vergessen, ich müsste ja undankbar werden über allem Glück und allem behütet worden sein. Ich danke Dir, du treuer Gott und Heiland. Amen