Gott verteidigen?

Hiob 32, 1 – 22

1 Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

      Hiobs Freunde schweigen. Wieder, wie zu Anfang. Weil sie spüren, dass ihre Worte an Hiob vorbei gegangen sind? Weil sie hören, dass sie nicht zusammenfinden, sie mit ihren Schuldsprüchen und er mit seiner Überzeugung von sich selbst, dass er gerecht ist. Da ist keine Verständigungsebene mehr erkennbar. Darum ist es besser zu schweigen.

2 Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott. 3 Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten. 4 Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er. 5 Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

Jetzt erst erfahren wir als Leser, dass da noch ein Vierter da ist. Elihu, der Sohn Barachels, Ein Freund? So wird er nicht vorgestellt, obwohl er doch ausgiebig vorgestellt wird, nach seiner Herkunft. Wichtiger ist dem Erzähler, das Elihu sich aufregt, zornig ist. Zornig über Hiob und zornig über die Freunde. Hiob hält er für selbstgerecht und anmaßend Gott gegenüber. Es empört ihn: „Ijob erklärt sich für gerecht und Gott für ungerecht; Ijob hält sich für ein schuldloses Opfer, Gott hingegen impliziert für einen Verbrecher.“ (P. Deselaers, in: Sehnsucht nach dem lebendigen Gott. Das Buch Hiob; Bibelauslegung für die Praxis 8, Stuttgart 1983, s. 119)  Die Freunde verärgern ihn, weil sie keine Antwort auf Hiob finden, aber ihn gleichwohl verurteilen.     

Es wirkt ein bisschen, als würden jetzt noch einmal früher gebrachte Argumente überprüft, korrigiert, auf den Punkt gebracht. „Elihu spielt in diesen Reden trotz seiner Jugend die Rolle eines Kritikers und Schiedsrichters.“(A. Weiser, aaO. S. 217)Seine Worte wirken wie ein Kommentar aus einer anderen Sicht, auch aus einer anderen Zeit. Es könnte durchaus ein, dass sie erst später zum Hiob-Buch hinzugefügt worden sind.

 6 Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach: Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun. 7 Ich dachte: Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen. 8 Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. 9 Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist.

Wenn ich salopp formuliere, sagt Elihu: Alter schützt vor Torheit nicht. Der Vorschuss an Ehrfurcht, den er den anderen gegenüber aufgebracht hat, dass sie älter sind, mehr wissen, mehr Lebenserfahrung haben, dieser Vorschuss ist aufgebraucht. Es ist nicht das Alter, das weise macht, sondern – wie recht hat Elihu mit diesen Worten: der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. Es ist fromm gesprochen, aber deshalb ja nicht falsch: „Wirkliche Weisheit ist ein Geschenk Gottes, ein Charisma.“ (Hj. Bräumer, aaO.; S. 154)

             Eine scharfe Unterscheidung: Altersweisheit ist noch nicht gleich Gottes Weisheit. Die Klugheit der Alten, erwachsen aus einem langen Leben und viel Erfahrung, ist noch nicht die Antwort auf alle Fragen. Im Gespräch der Generationen ist das Argument: „Ich bin älter als du“ kein schlagendes Argument mehr. Damals nicht und heute nicht. Darin hat Elihu recht.

10 Darum sage ich: Hört mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun. 11 Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet, 12 und habe Acht gehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete.

        Gleichwohl zucke ich zusammen: Denn hinter seinen Worten steht der Anspruch: Ich habe den Geist Gottes, die Weisheit, die euch abgeht.  Weil ihr nicht weiterkommt, scheitert an dem Widerstand Hiobs, deshalb übernehme ich jetzt. Aus diesen Worten spricht eine große Selbstsicherheit. Auch ich will mein Wissen kundtun. Es ist wohl seine Überzeugung: dieses, sein Wissen ist ihm von Gott gegeben. Darum wird es auch unwiderstehlich sein und Hiob seines Irrtums überführen. Jetzt endlich wird Hiob zurecht gewiesen werden.

 13 Sagt nur nicht: »Wir haben Weisheit gefunden; Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch.« 14 Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten. 15 Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen.

       Es ist schon ziemlich derber Spott, den Elihu seinen Vorrednern zuteilwerden lässt. Nur eine Ausrede ist ihnen noch eingefallen, als sie an Hiobs Widerstand gegen ihre Worte scheitern: Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch. Es gibt Situationen, die nicht durch Menschen endgültig geklärt werden können. Die so etwas wie ein Gottesurteil brauchen. Die Berufung darauf aber hält Elihu für Feigheit oder Denkfaulheit oder beides in einem.

Er jedenfalls sieht sich in der Lage, Hiob so zu antworten, dass alles gesagt ist. Ganz anders als die sprachlos gewordenen Freunde. Es fällt mir auf: diese Rede Elihus ist ausschließlich an die Freunde gerichtet. Hiob selbst ist ihm kein Gegenüber, zumindest bis jetzt nicht. Und er wirkt mir in seinen Worten an die Freunde doch ausgesprochen überheblich.

16 Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten? 17 Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun! 18 Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt. 19 Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herauslässt und der die neuen Schläuche zerreißt. 20 Ich muss reden, dass ich mir Luft mache, ich muss meine Lippen auftun und antworten.

       Es ist einigermaßen erschütternd: Da führt einer das große Wort, der nicht mit dem leidenden Hiob befasst ist, sondern nur mit sich selbst. Angesichts eines leidendenn Menschen hat er nur ein Thema: Ich, ich, ich… Ich muss mir Luft machen. Wenn ich weiter schweige, platze ich. Es drängt ihn, es sprudelt nur so aus ihm heraus. „Die Selbstgefälligkeit des seiner Überlegenheit bewussten weisen Theologen kann er weder hinter seiner Bescheidenheit noch hinter seiner Entrüstung verbergen.“ (A. Weiser, aaO.; S.222)

21 Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln. 22 Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

Das ist in den Spuren des Rechtes gedacht: Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten. So will Gott es haben: „Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen; denn Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten.“(5. Mose 16,19)  Denn so geht Gott selbst ja auch mit Menschen um. „Bei dem HERRN, unserm Gott, ist kein Unrecht, weder Ansehen der Person noch Annehmen von Geschenken.“ (2. Chronik 19,7)

Es ist das Verhalten, das einem Rechtsverfahren angemessen ist. Damit wird auch deutlich, dass Elihu es übernimmt, auf den Reinigungseid Hiobs zu antworten. Er wird gewissermaßen der Anwalt Gottes in diesem Rechtsstreit. Er gibt sich „den Anschein prophetischer Geisterfülltheit“ (A. Weiser, ebda.) aus der heraus er für Gott einsteht.

Zum Weiterdenken

Das ist eine überaus gefährliche Position – sich zum Anwalt Gottes zu machen. Bis heute lauern da Gefahren. Der Selbstüberschätzung – als ob wir das Format dafür hätten, Gott zu verteidigen. Aber auch die Gefahr, die Situation zu verkennen, als ob es Gott nötig hätte, dass wir ihn verteidigen.

 Ich wollte Dich verteidigen, bei denen die Dich übergeh’n,
Dich schmähen Dich beleidigen, weil sie Dich einfach nicht versteh’n.
Doch plötzlich stand nur meine Ehre und nicht mehr Deine auf dem Spiel
und meine Weisheit, meine Lehre, weil ich mir nicht als Dein Narr gefiel!                            M.
Siebald, Das ungedüngte Feld, 1976,

             Man kann es an Elihus Reden geradezu ablesen, wie er dieser Gefahr unterliegt: eintreten wollen für Gottes Ehre und in Wahrheit doch nur das eigene Ego zum Thema zu haben. Es ist eine Frage, die bei mir eine Menge selbstkritischer Gedanken auslöst: wie oft in meinem Leben war ich näher bei Elihu als bei Hiob? Es ist schmerzhaft, sich selbst so zu befragen. Aber es kann ja auch heilsam sein. Und kann helfen, beim nächsten Mal nicht in diese Verteidiger-Rolle zu schlüpfen. Weil es ja nicht um Siege geht, schon gar nicht um Gottes Siege, die wir erkämpfen müssen, damit er nicht als Verlierer da steht.

 

Gott, Du schweigst nicht immer, aber oft. Wir aber reden, machen viele Worte und meinen manchmal, damit wäre schon etwas getan. Bewahre mich davor, nur Worte zu machen, hinter meinen Worten meine Leere zu verbergen. Bewahre mich davor, über das Leiden zu theoretisieren.

Gib mir Worte, die trösten können, weil sie nichts wollen als Nähe, weil sie den Schmerz teilen, weil sie die Ratlosigkeit nicht überspringen. Gib mir, dass ich den Leidenden meine Zeit gebe, mich ihnen zuwende, mittrage,was unerträglich ist und einfach da bin, wenn ich gebraucht werde. Amen