Segnen und Loslassen

 

Tobias 10, 1 – 14

1 Tag für Tag zählte Tobit, wie lange sein Sohn Tobias hinreisen und wann er zurückkehren werde. Als aber die Tage um waren und sein Sohn nicht erschien, 2 fragte er sich: Ist er vielleicht dort aufgehalten worden? Vielleicht ist Gabaël gestorben, und niemand will ihm das Silber zurückgeben? 3 Da wurde er sehr traurig.

Szenenwechsel nach Ninive. Zu dem wartenden blinden Mann Tobit. Der zählt die Tage und lässt die Gedanken wandern. Er spielt die einzelnen Szenarien durch. Es sind alles Möglichkeiten, die nicht außerhalb der Realität liegen. Da wurde er sehr traurig. Es passiert, was wohl oft passiert: düstere Gedanken dienen nicht zur Erhellung des Gemütes. Es ist nicht nur die äußere Dunkelheit, die ihn gefangen hält, jetzt gewinnen auch noch düstere Gedanken die Oberhand über seine Seelenverfassung.

 4 Und Hanna, seine Frau, klagte: Mein Kind ist umgekommen und weilt nicht mehr unter den Lebenden! So begann sie, über ihren Sohn zu weinen und zu klagen, und sie sprach: 5 Weh mir, Kind, dass ich dich ziehen ließ, du Licht meiner Augen!

             Hanna setzt noch einen drauf. Sie glaubt ihren Sohn tot und fängt schon einmal an, ihn zu beklagen. Ist es so, dass Mütter immer das Schlimmste befürchten? Die Sorge um die Kinder ist nie neutral, nie ein Abwägen von Chancen. Sie landet oft in Selbstvorwürfen: Hätte ich doch… Warum habe ich nicht…

 6 Und Tobit sagte zu ihr: Sei still und sorge dich nicht, Schwester! Unserm Sohn geht’s gut! Gewiss sind sie dort aufgehalten worden. Er hat doch einen zuverlässigen Begleiter, einen von unseren Brüdern! Trauere nicht um ihn, Schwester, er wird schon zurückkehren!

             Der selbst in seinem Gemüt nicht sonderlich stabile Tobit versucht ihr die Angst auszureden. Mit vernünftigen Argumenten. Mit dem Hinweis auf den zuverlässigen Begleiter. Tobias ist doch nicht allein dort. Es kann einem schon so vorkommen: er tritt nicht nur den Ängsten seiner Frau entgegen, sondern auch den Ängsten in der eigenen Seele. Das ist ja oft so: Die Beruhigungsversuche gelten nicht nur dem anderen, sondern auch dem eigenen unruhigen Herz.

7 Sie aber sagte zu ihm: Schweig still und täusche mich nicht! Umgekommen ist mein Kind! Und sie sprang auf und hielt alle Tage Ausschau auf den Weg, den ihr Sohn gegangen war, und ließ sich durch niemanden überzeugen. Und wenn die Sonne unterging, kehrte sie ins Haus zurück und klagte und weinte die ganze Nacht und fand keinen Schlaf.

Hanna kann das nicht hören, will es auch nicht hören. So rennt sie weg, an den Weg, auf dem ihr Sohn gegangen war. Sie ist durch nichts und niemanden zu erreichen. Aber sie hält alle Tage Ausschau – gegen die Angst im eigenen Herzen. Ein nervenzerreißendes Warten. Tag und Nacht. Der Schlaf flieht. sie. Oft genug weint sie sich durch die Nacht.

Und als die vierzehn Tage der Hochzeit um waren, die Raguël seiner Tochter versprochen hatte, ging Tobias zu ihm hinein und sagte: Lass mich ziehen! Ich weiß, dass mein Vater und meine Mutter schon nicht mehr glauben, mich wiederzusehen! Und nun bitte ich dich, mich ziehen zu lassen, um zu meinem Vater zu reisen! Ich habe dir ja schon erzählt, wie ich ihn zurückgelassen habe.

Jetzt wieder Blickwechsel,  Szenenwechsel nach Ekbatana. Vierzehn Tage Fest für die glückliche verheiratete Tochter Sara sind vorüber. Es ist Zeit zum Aufbruch. Tobias kennt seine Eltern. Er kann sich gut vorstellen, mit welchen Ängsten die Eltern sich herumschlagen. Dass sie dabei sind, die Hoffnung zu verlieren, ihn wiederzusehen. Darum erbittet er von Raguël: Keine weitere Zeit. Ich muss reisen.

 8 Raguël aber sagte zu Tobias: Bleib, Kind, bleibe bei mir; ich will Boten zu deinem Vater Tobit schicken und ihn wissen lassen, wie es dir geht. 9 Tobias aber antwortete: Nein! Ich bitte dich: Lass mich zu meinem Vater ziehen!

Raguël bietet eine andere, rasche Lösung an. Wohl auch, um noch Zeit für sich und den Abschied von seiner Tochter zu gewinnen. Es reicht doch, einen Boten zu senden. Der kann erzählen und so die Aufregung dämpfen. 

             Tobias aber kontert. Kein Bote – ich selbst. Es ist wie eine Erinnerung an die Erzählung, die in Israel jedermann kennt, vom Knecht Abrahams, Elieser: „Am Morgen aber standen sie auf, und er sprach: Lasst mich ziehen zu meinem Herrn. Aber ihr Bruder und ihre Mutter sprachen: Lass doch das Mädchen noch einige Zeit bei uns bleiben, vielleicht zehn Tage; danach mag sie ziehen. Da sprach er zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.“(1. Mose 24, 54-56)  Es gibt für Tobias kein Verweilen mehr. .

 10 Da erhob sich Raguël und gab Tobias seine Frau Sara und die Hälfte von all seinem Hab und Gut: Knechte und Mägde, Rinder und Schafe, Esel und Kamele, Kleidung und Silber und kostbares Geschirr. 11 Und er ließ ihn gesund und fröhlich von sich ziehen und sprach zu ihm: Bleib gesund, Kind, und zieh wohlbehalten dahin! Der Herr des Himmels sei mit dir und deiner Frau Sara auf dem Wege! Meine Augen mögen eure Kinder sehen, ehe ich sterbe.

             Es bleibt Raguël nur, sich in das Unausweichliche zu schicken. Sara wird als eine „gute Partie“ reich ausgestattet für den Weg vor ihr. Sie ist ja nicht die Tochter eines armen Mannes. Wichtiger aber als der Reichtum der ihr und Tobias mitgegeben wird, sind die letzten Worte, die sie für ihren Weg hören. Segensworte. Segen vom Himmel und hoffentlich Kindersegen auf Erden. 

 12 Und Raguël sprach zu Sara, seiner Tochter: Geh zu deinem Schwiegervater, denn er und seine Frau sind von nun an wie deine eigenen Eltern! Zieh hin in Frieden, Tochter; ich möchte gute Nachricht von dir hören, solange ich lebe. So nahm er Abschied von ihnen und ließ die beiden ziehen.

             Nach den Worten an Tobias folgen Worte an Sara. Hoffnungsworte, Raguël vertraut er seine Tochter segnend den Schwiegereltern an. Die sollen für sie wie deine eigenen Eltern werden.  Seine Tochter geht aus seiner Obhut in die Obhut des anderen Hauses.

 Edna aber sprach zu Tobias: Kind und geliebter Bruder! Der Herr bringe dich zurück, und noch zu meinen Lebzeiten möchte ich eure Kinder sehen! Der Herr sei Zeuge: Wie ein kostbares Gut vertraue ich dir meine Tochter an. Betrübe sie nicht, dein Leben lang! Kind, zieh in Frieden. Von nun an bin ich deine Mutter, und Sara ist deine Schwester! Mögen wir alle gesund und fröhlich sein alle Tage unseres Lebens. Und sie küsste sie beide und ließ sie wohlbehalten ziehen.

             Immerhin: Auch Edna darf letzte Worte an die Aufbrechenden richten. Sie allerdings spricht nur zu Tobias. Weil sie ihn als den sieht, der jetzt für Sara Verantwortung trägt? Als ihren Eheherrn? Man wird fragen dürfen, welches Frauenbild sich hier zeigt. Es ist aber auch gut, nicht die heutigen Maßstäbe an den Bericht über eine Beziehung von damals anzulegen – vor über 2500 Jahren. Man muss die Zeiten in sich selbst messen und nicht vom vermeintlich fortschrittlicheren Standpunkt heute aus.

 13 Und Tobias zog von Raguël los, gesund und fröhlich, und er pries den Herrn des Himmels und der Erde, den König über alles, dass er seinen Weg hatte gelingen lassen.

Ein Herz voll Dankbarkeit. Die Dankbarkeit aber bleibt nicht stumm. Sie drückt sich aus im Lobpreis.

 

Mein Gott, segnend loslassen. Im Segen den Weg freigeben. Das verlangt das Leben von uns. Das verlangst Du von uns.

Ich lerne es neu. Segensworte sind Zeichen des Vertrauens auf Dich, auch des Vertrauens, das wir in Menschen setzen. In ihren guten Willen. Lehre Du mich so zu segnen. Amen