Ein guter Mensch klagt

Hiob 31, 1 – 15

 1 Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau. 2 Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe? 3 Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter?

            Jetzt geht Hiob ins Detail. Zählt mögliche Vergehen auf und beteuert gleichzeitig: Ich nicht. Ich bin nicht meinen Augen gefolgt. Ich habe nicht hier jungen Frauen hergeschaut und mir ausgemalt, wies wäre, wenn… Ich habe mich innerlich immer zur Ordnung gerufen und mich so vor dem Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter zu bewahren gesucht. Was mich getroffen hat, so muss man ergänzen, ist keine Antwort auf Schuld.

 4 Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte? 5 Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug? 6 Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld! 7 Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen, 8 so will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und meine Nachkommen sollen entwurzelt werden.

             Hiob hat es immer gewusst: Gott sieht. Er sieht alles. Nichts ist vor ihm verborgen. Darum ist es auch nicht Unschuldbeteuerung gegenüber den Freunden. Es ist vielmehr eine Erklärung Gott gegenüber: es gibt keine Falschheit, keinen Betrug, der gegen Hiob zeugen würde. Das ist kein Plädoyer wegen Mangel an Beweisen, sondern die Forderung nach Freispruch wegen erwiesen Unschuld.  Wäre es anders, würde Hiob jede Strafe akzeptieren.

9 Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert, 10 so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen bei ihr liegen. 11 Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld, die vor die Richter gehört. 12 Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frisst und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

             Noch einmal kommt Hiob auf die eheliche Treue zurück. Nein, er ist keiner fremden Frau nachgelaufen. Nein, er ist in keine Ehe eingebrochen. Nein, er hat seinen Bonus an angesehener Mann nicht ausgenützt. Niemals. Es ist ein Blick in sein Inneres. Er weiß: Sexualität ist wie ein Feuersturm, eine Macht und sie kann vernichten. Darum hat er widerstanden.

13 Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten, 14 was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er heimsucht? 15 Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

             Die Gewissenerforschen geht weiter: Er ist nie unfair seinen Lohnabhängigen gegenüber gewesen. Knecht und Magd, ihm untergeben, haben nicht unter ihm leiden müssen. Er hat es immer geachtet: Sie sind Gottes Geschöpf, so wie er selbst. Gleichwürdig, wenn auch in anderer soziale Rolle.

16 Hab ich den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen? 17 Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen? 18 Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet. 19 Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen? 20 Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde? 21 Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, dass ich im Tor Helfer hatte, 22 so falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk!

             Es liest sich, als würde Hiob sich selbst noch einmal als Zeugnis ausstellen, was ganz am Anfang des Buches von ihm gesagt worden ist: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.(1.1) Er geht jetzt die Möglichkeiten durch, dieses fromme Leben zu verfehlen, den Weg Gottes zu verlassen.

Hiob ist sich sicher: Diese Irrwege habe ich nicht eingeschlagen. Ich war nie einer, der sich selbst genug war in seinem Reichtum. Einer, der vor der Not anderer die Augen verschlossen hat. Ich war nicht „der reiche Mann, der herrlich und in Freuden lebte“ und keine Augen „für den Armen vor der Tür hatte, an dem die Hunde leckten.“(Lukas 16, 19-21)

 Hiob ist ein guter Mensch. Ein Gerechter. Einer, der anderen zum Leben hilft. So sieht er sich. Er weiß das und sagt es ohne Prahlerei. Ohne gleich einen Heiligenschein zu beanspruchen oder sich das Etikett „Gutmensch“ umzuhängen.

 23 Denn ich müsste Gottes Strafe über mich fürchten und könnte seine Hoheit nicht ertragen.

             Wäre es anders, wie könnte er vor Gott bestehen? Wie könnte er Gottes Hoheit ertragen? Merkwürdig, aber wohl treffend: Es gibt eine Bestreitung der Wirklichkeit Gottes, weil die Ahnung da ist: Wenn Gott wirklich Gott ist, dann kann ich mit meinem selbstsüchtigen Leben, mit dem Verweigern von Solidarität und Nächstenliebe vor ihm nicht bestehen.

24 Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht und zum Feingold gesagt: »Mein Trost«? 25 Hab ich mich gefreut, dass ich großes Gut besaß und meine Hand so viel erworben hatte? 26 Hab ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog, 27 dass mich mein Herz heimlich betört hätte, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand? 28 Das wäre auch eine Missetat, die vor die Richter gehört; denn damit hätte ich verleugnet Gott in der Höhe.

 Eine zweite Möglichkeit, den Weg Gottes zu verleugnen, Gott zu kränken, fasst er ins Auge: Das Geld zum Götzen machen, den Reichtum anbeten. Und die Sterne verehren. Sich das Schicksal aus dem Lauf der Gestirne ablesen. Den Sternen zu glauben ist Gott verleugnen. Dem Geld trauen auch.

Hiob muss nicht weit gehen, um diese Haltungen zu finden. Die göttliche Verehrung der Sterne zeigt sich schon in den Namen, die sie tragen: Jupiter, Mars. Pluto, Venus. Und die göttliche Verehrung des Geldes, des Reichtums? Mammon. Allabendlich liturgisch gefeiert  in DAX und Euro-Stand. Wir sind weit davon entfernt, keine Götter zu haben. Wir glauben nur an die falschen.

  29 Hab ich mich gefreut, wenn’s meinem Feinde übel ging, und mich erhoben, weil ihn Unglück getroffen hatte? 30 Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, dass ich verwünschte mit einem Fluch seine Seele.

Keine klammheimliche Schadenfreude Feinden gegenüber. Hiob bestreitet nicht, dass er Feinde hat, wohl auch mit ihnen kämpft. Aber nie geht er so weit, sie zu verwünschen. „Mit seinem Verzicht auf eigene Vergeltung und auf Schadenfreude erreicht Hiob die Grenze, jenseits derer die Feindesliebe beginnt.“(Hj. Bräumer, Das Buch Hiob, 2.Teil, 20 – 42, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1994,S.143 )

 31 Haben nicht die Männer in meinem Zelt sagen müssen: »Wo ist einer, der nicht satt geworden wäre von seinem Fleisch?« 32 Kein Fremder durfte draußen zur Nacht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.

Hiob hat Gastfreundschaft geübt. Keiner musste bei ihm draußen vor der Tür bleiben. Obwohl die Männer in seinem Zelt das manchmal vielleicht skeptisch gesehen haben. Er hat sich der Herausforderung gestellt, auch den Fremden zu beherbergen. Es ist ein heiliges Recht, dass Hiob übt. In den Spuren dessen, was Gott geboten hat:Den Edomiter sollst du nicht verabscheuen; er ist dein Bruder. Den Ägypter sollst du auch nicht verabscheuen; denn du bist ein Fremdling in seinem Lande gewesen.“(5. Mose 23,8)  Es gibt keine Grenze für diese Gastfreundschaft, keine Obergrenze, keine religiöse, keine aus der Geschichte.      

 33 Hab ich meine Übertretungen, wie Menschen tun, zugedeckt, um heimlich meine Schuld zu verbergen, 34 weil ich mir grauen ließ vor der großen Menge und die Verachtung der Sippen mich abgeschreckt hat, sodass ich still blieb und nicht zur Tür hinausging?

             Auch darin ist sich Hiob sicher: Er hat nicht über sein wirkliches Sein hinweg getäuscht. Nicht Schuld verdeckt, nicht mit schönen Worten schlechtes Tun zugekleistert. Er ist kein Heuchler. Keine getünchte Gräberwand, hinter der der Unrat haust.

  35 O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! -, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben! 36 Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen. 37 Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

             Das ist der Kern dieser ganzen Unschulds-Beteuerungen. Hiob sagt das alles nicht zu den Freunden. Sie mögen zuhören oder nicht. Was macht das schon. Sondern mit diesen Worten sucht er Gott. Diese Worte sind wie ein „Reinigungseid“. Sie sind eine Unschuldsbeteuerung vor Gericht.  Es ist, als würde Hiob einen Beichtspiegel durchgehen und sagen: Das alles kann mich nicht anklagen.

Natürlich kann man fragen: Ist das nicht Hochmut? Ist das nicht in sich schon schuldhafte Selbstsicherheit? Hiob fehlt es an Demut. Ihm fehlt die Einsicht:

„Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.“                                                           M. Luther 1524, EG 299

Ihm fehlt das Eingeständnis:   „So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ (Lukas 17,10) Dass eine so auf sich und seiner Unschuld beharrt, das befremdet. Hiob ist weit entfernt von einem demütigen und demütigenden Büßer- und Sünder-Bewusstsein.

Aber genau dieser Hiob weiß sehr wohl: Es reicht nicht, dass er sich selbst freispricht. Es reicht nicht, dass er sich selbst Unschuld attestiert. Paulus wird, viel später, einen Satz schreiben, den Hiob wohl sofort mit unterschreiben würde: Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.“(1.Korinther 4,4) Genau das ist das Anliegen Hiobs: dass Gott sich im „Prozess Hiob“ zu Wort meldet. Dazu will er ihn durch diese Worte nicht zwingen, aber bringen.

38 Hat mein Acker wider mich geschrien und haben miteinander seine Furchen geweint, 39 hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und seinen Ackerleuten das Leben sauer gemacht, 40  so sollen mir Disteln wachsen statt Weizen und Unkraut statt Gerste. Die Worte Hiobs haben ein Ende.

                  Den Acker ausbeuten bis zum Letzten – das schadet doch nur dem Landwirt selbst. Das ist doch keine Schuld, sondern höchstens Blödheit. Wer wird bei einer Ackerwirtschaft, die den Boden aussaugt, von „Schuld“ sprechen oder gar von Sünde? Wir begnügen uns: Nicht nachhaltig. Nicht zukunftsträchtig.

Es ist ein starkes Bild: Der Acker schreit. Die Furchen weinen. Und die Tagelöhner sind ausgebeutet bis aufs Blut. Statt Land-Wirtschaft Land-Raubbau. Das ist keine Erfindung der Neuzeit, der modernen, industrialisierten Anbau- und Ernte-Methoden. Nein, so ist Hiob nicht mit dem anvertrauten Gut der Erde umgegangen.

Die ersten Leser des Hiob-Buches haben es ja noch gelernt: „Die Erde ist des Herrn.“ (Psalm 24,1) Sie haben es noch gelernt, dass das Land das Land Gottes ist, nur geliehenes Land ist. So hat also Hiob der letzten Versuchung des Landbesitzers, mit der stummen Erde zu machen, was er will, ihren Ertrag um jeden Preis zu maximieren, widerstanden. Er ist Treuhänder Gottes geblieben.

Mehr hat Hiob nicht mehr zu sagen. Mit seinem Reinigungseid ist alles gesagt. Jetzt sind andere dran, das Wort zu nehmen.

Zum Weiterdenken

 

             Wir haben hier das Muster einer sorgfältigen, peinlich genauen  Gewissenprüfung vor Augen. Hiob geht die Felder durch, die besonders brisant sind: den Umgang mit der Sexualität und den Umgang mit Abhängigen schaut er an – und attestiert sich selbst. Da ist nichts. „Ahnungslos ist er nicht gewissenlos ist er nicht, und dennoch bekennt er – schuldlos.“(W. Reiser, aaO. S. 166) Er weiß, was alles möglich gewesen wäre, aber er weiß von sich: Ich habe keine Gelegenheit ergriffen. Ich habe sie alle ungenutzt vorübergehen lassen, ich ihnen verweigert. Die Frage, die sich Hiob und allen, die so wie er sind und leben, wie von selbst stellt: Was hat es genützt? Was hat es gebracht. Für Hiob gilt: „Die ganze Anständigkeit endet im Mist.“(W. Reise, ebda.) Im heutigen Jargon: „Der Ehrliche ist immer der Dumme.“(U. Wickert.)

Mich befremdet, wie einig sich manche Ausleger darin sind, diesen Reinigungseid Hiobs doch sehr kritisch zu beurteilen. „Hiobs Rechtfertigung ist von seinem hohen Selbstgefühl bestimmt. Dieses wird für ihn Anlass zur Sünde. Es führt ihn bis zur selbstherrlichen Gottunabhängigkeit.“ (Hj. Bräumer, aaO.;, S.150) Oder, eine andere Stimme: „Die Schritte, mit denen er sich an Gott heranzudrängen wähnt, sind in Wahrheit der Weg, auf dem er sich von Gott entfernt, weil er nur noch sich selbst sieht… Weil sein Rechthabenwollen vor Gott letztlich nichts anderes ist als die Auswirkung der menschlichen Ursünde.“(A. Weiser aaO.; S.216 )

Mir will es scheinen, dass wir mit solchen Urteilen der Gefahr unterliegen, der auch Hiobs Freunde zum Opfer gefallen sind, dass uns unsere Dogmatik das Denken diktiert und die Urteile wie von selbst produziert. Hiob muss einfach schuldig sein. So oder so. Und wenn er schuldig ist und wird in der Bestreitung aller Schuld. Was aber, wenn er Recht hätte mit seinem Reinigungseid? – Ein früher Vorläufer des reichen Jungen Mannes, von dem das Evangelium unwidersprochen durch Jesus (!) den Satz überliefert: „Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“(Markus 10,20)

 Stünde es uns als vorsichtigen Lesern nicht besser zu Gesicht, das Urteil über Hiob Gott zu überlassen? Wie er diesen Reinigungseid aufnimmt? Annimmt oder ablehnt?

 

Gott, es sitzt tief in meinem Denken. Wir sind Sünder von Anfang an. Wie viel Misstrauen ist daraus bei mir erwachsen gegen Menschen, die sich für gut halten, die sich redlich mühen, die ein untadeliges Leben führen.

Jeder hat seine Leichen im Keller, denke ich und höre nicht mehr hin, wenn einer alle Schuld von sich weist, wenn eine vom Guten erzählt, dem sie ganz verpflichtet ist, von kleinauf.

Gott, wehre Du meinem engen Herzen, meinen schnellen Urteilen, die sich so leicht an Deine Stelle setzen. Hilf mir zur Freude an allen, die gerecht sind, rechtschaffen und fromm. Amen