Was für ein Glück!

Tobias 8, 1-21

1 Nachdem sie aufgehört hatten, zu essen und zu trinken, wollten sie sich schlafen legen. Und sie holten den jungen Tobias und führten ihn in die Kammer.

             Es holpert im Erzählfluß ein wenig. Das Essen ist vorüber. Jetzt soll es – endlich – Schlafenszeit sein. Tobias wird zur Kammer geführt, in der Sara sein wird.

  2 Und Tobias dachte an die Worte Rafaëls und nahm Leber und Herz des Fisches aus dem Beutel, den er bei sich trug, und legte sie auf die glühenden Kohlen. 3 Da hielt der Geruch des Fisches den bösen Geist zurück, und er entfloh bis nach Ägypten. Rafaël aber zog los, band ihm dort die Füße und fesselte ihn sogleich.

Der Ort des Geschehens ist unklar – in der Kammer, vor der Kammer. Im Beisein der Sara? Jedenfalls im Beisein des Engels. Hier heißt er wieder, weil er als Engel gebraucht wird, Rafaël. Tobias tut, was sie am Tigris bedacht hatten. Er räuchert den bösen Geist aus. Der flieht sofort – bis nach Ägypten. Ins Haus der Knechtschaft. Dort erleidet er, was Israel vierhundert Jahre lang erlitten hatte. Er wird gebunden.

Die Frage, wie das gehen soll – Rafaël mal hier, mal dort, ist falsch gestellt, Engel sind nicht an Raum und Zeit gebunden. Das weiß der aufgeklärte Leser des Tobit-Buches. Damals. Heute? Engel sind immer da, wo sie gebraucht werden. „Dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit.“ (Hebräer 1, 14)

 4 Und sie gingen hinaus und verschlossen die Kammertür.

             Wer ist das. der die Kammer verlässt? Das ist nicht so wichtig. wichtig ist, wer in der Kammer bleibt und was in der Kammer geschieht.

Und Tobias erhob sich vom Lager und sagte zu ihr: Meine Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, dass er uns Barmherzigkeit und Heil schenke. 5 Da stand sie auf, und die beiden begannen zu beten und zu bitten, dass ihnen Heil geschenkt werde.

             Tobias und Sara sind dort und sie werden eins – im Gebet. Sie fangen an, Fürbitte zu halten. Für sich selbst. Für den Weg ihrer Ehe. Darin sind sie unerreichte Muster für alle späteren Zeiten.

 Und Tobias begann zu beten: Gelobt seist du, Gott unserer Väter, und gelobt sei dein Name in alle Ewigkeit von Geschlecht zu Geschlecht. Dich sollen preisen alle Himmel und deine ganze Schöpfung in alle Ewigkeit! 6 Du hast Adam erschaffen und seine Frau Eva zur Hilfe und Stütze, und aus beiden erstand das Geschlecht der Menschen. Und du sagtest: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, wir wollen ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.« 7 Und nun, nicht aus böser Lust nehme ich meine Schwester zur Frau, sondern reinen Sinnes. Lass uns beide Gnade finden und gemeinsam alt werden. 8 Und sie sagten miteinander: Amen, Amen! 9 Und sie legten sich schlafen für die Nacht.

             Ein bisschen wird die Situation einer Hochzeitsnacht durch den betenden Tobias gesprengt. Er ist irgendwie nicht mit seiner Frau beschäftigt, sondern ordnet die Ehe mit ihr jetzt in die großen heilsgeschichtlichen Zusammenhänge ein. In das Schöpfungshandeln Gottes. So wie Adam und Eva, so ist es auch jetzt. Für besonders moralempfindliche Menschen  findet Tobias auch einen Satz: Nicht aus böser Lust nehme ich meine Schwester zur Frau, sondern reinen Sinnes. Gott hätte diesen Satz nicht nötig. Er hat die Lust in die Herzen gelegt. Wie kann sie dann böse sein? „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“(1. Timotheus 4,4)

 Und Raguël stand auf und rief seine Diener zu sich, und sie gingen hin, ein Grab auszuheben.

Derweil sie in der Kammer so beten und schlafen, schickt sich Raguël an, ein Grab auszuheben.

10 Denn er sagte: Damit wir nicht wieder zu Spott und Schmach werden, wenn auch er gestorben ist! 11 Und als sie das Grab ausgehoben hatten, kehrte Raguël in sein Haus zurück und rief seine Frau 12 und sagte: Schick eine Magd los und lass sie hineingehen und sehen, ob er noch lebt. Sollte er tot sein, so müssen wir ihn eilends begraben, damit es niemand erfahre.

             Der Grund für diese Nachtarbeit: Man will nicht ein achtes Mal blamiert sein, zum Gerede und Gespött der Menschen werden. Seht, sie geben nicht auf, eine Leiche mehr. Diese Arbeit muss die Nacht bis zur Morgendämmerung gedauert haben. Wie sonst könnte Raguël die Magd losschicken, um nachzusehen, wie es in der Kammer steht. Ist es, wie befürchtet, dann muss es rasch gehen. Bevor alle anderen etwas mitkriegen.

13 Da schickten sie die Magd vor, zündeten die Lampe an und öffneten die Tür. Die ging hinein und fand die beiden ruhig beieinander schlafen. 14 Und die Magd kam zurück und brachte ihnen die Botschaft, dass er lebte und ihm kein Übel widerfahren wäre.

             Die Magd geht, schaut nach und meldet Vollzug. Alles in Ordnung. Kein toter Bräutigam. Er hat die Hochzeitsnacht überlebt. Ihm ist kein Übel widerfahren. Das alles ist ja durchaus doppeldeutig und wird sicherlich nicht ohne Augenzwinkern erzählt.

15 Und sie priesen den Gott des Himmels und sprachen: Gelobt seist du, Gott, mit lauterem Dank, loben soll man dich in alle Ewigkeit. 16 Und gelobt seist du, dass du mich mit Freude erfüllt hast und dass nicht geschehen ist, was wir befürchtet haben. Denn du hast uns deine große Barmherzigkeit erwiesen. 17 Und gelobt seist du, dass du dich dieser beiden Kinder, der einzigen ihrer Eltern, erbarmt hast. Gib ihnen, Herr, Barmherzigkeit und Heil und vollende ihr Leben in Freude und Barmherzigkeit.

             Spontan brechen die Eltern in den Lobpreis aus. Es ist gut, dass es gut gegangen ist Es ist gut, dass sie überlebt haben. Es ist gut, dass sie heil über diese Schwelle der Hochzeits-Nacht gekommen sind. Es ist ein guter Anfang. Jetzt ist es an Gott, auch auf dem weiteren Weg Barmherzigkeit und Heil an ihnen zu erweisen.

18 Und sogleich befahl Raguël seinen Dienern, das Grab wieder zuzuschütten, ehe es Tag würde. 19 Seiner Frau aber trug er auf, viele Brote zu backen. Er ließ zwei Rinder und vier Widder schlachten und für ein Festmahl zubereiten.

             Das Grab wird eilig zugeschüttet. Damit Tobias nichts merkt von der Angst der Schwiegereltern? Damit sich diese Vorsichtsmaßnahme nicht herumspricht? Jetzt ist, so viel Erleichterung muss sein, ein Festmahl zu bereiten. Es wird überaus opulent werden. Man ist schließlich nicht bei armen Leuten

 20 Dann rief er Tobias und sagte zu ihm: Vierzehn Tage sollst du noch nicht von hier abreisen, sondern bleib, um mit uns zu essen und zu trinken und die betrübte Seele meiner Tochter zu erfreuen. 21 Alsdann nimm von all meinen Gütern die Hälfte und kehre wohlbehalten zu deinem Vater zurück. Die andere Hälfte soll euch zufallen, wenn ich und meine Frau gestorben sind. Sei getrost, mein Kind, ich bin dein Vater, und Edna ist deine Mutter, und wir sind bei dir und bei deiner Schwester von nun an bis in Ewigkeit. Sei getrost, mein Kind.

Raguël regelt weiter: vierzehn Tage Fest. Damit es der Tochter gut geht. Der betrübten Seele. Das wird sich kaum auf die vergangene Nacht zurückbeziehen, sondern darauf, dass sie Vater und Mutter verlassen wird, um mit ihrem Mann zu ziehen.

Es spricht für die Nüchternheit im Umgang. Das „Geschäftliche“ wird von Raguël gleich mit geregelt. Die Hälfte der Güter jetzt und den Rest nach dem Ableben. Es gibt sonst keine Erben. Bis dahin mag es noch gute Weile haben. Und es ist ein Versprechen, keine Drohung: wir sind bei euch. Du bist uns wie ein Sohn. Darum: Sei Getrost, mein Kind. Es ist die Wiederholung der Worte der Mutter an Sara – vor der Nacht.

Was mich beschäftigt:

Dieses  Beten in der Hochzeitsnacht ist irritierend. Frömmelnd. Schwer in der Realität vorstellbar. Auch wenn zwei Menschen nicht über sich herfallen. Malt die Erzählung ein Idealbild, das gar nicht ernsthaft erreicht werden soll? Es würde sich ja vielleicht auch ein wenig krampfig anfühlen. Aber die Anfrage hinter dem Erzählen und dem frommen Beten ist ja ernsthaft: Wie steht es um das Beten für den Weg der Ehe? Es ist doch nicht so weit her mit dem guten Willen. Es ist auch nicht so weit her mit der Tragkraft der Leidenschaften.

Es könnte gut sein, hier wird ein tieferer Grund für das Beieinanderbleiben sichtbar gemacht. Es ist  die gute Ordnung Gottes, in die Zwei eingewilligt haben. Die gute Ordnung, die man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen darf. Die gute Ordnung, die auf dem Weg der Ehe mit Leben gefüllt wird. Es mag sein, so zu beten, ist keine Garantie für das bleibende Miteinander. Aber es schadet nicht und es erinnert daran: wir dürfen uns der Treue Gottes anbefehlen Sie gilt uns immer.

 

Mein Gott, mein Heiland. Der Berg ist geschafft, die Schwelle überschritten, ein neuer Anfang gemacht. Wie viel Erleichterung. Das habe ich oft erlebt, wie die Spannung abfällt, wenn die ersten Schritte getan sind. Das habe ich oft gefeiert: Jetzt muss alles gut werden.

So sind Väter, so sind Mütter. Sie wollen es gut für ihre Kinder. So bist Du, väterlicher, mütterlicher Gott. Du willst es gut für uns. Amen