Hoffnung für den Hoffnungslosen?

Hiob 14,  1- 22

 1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

  Hiob hat sehr wohl aus der Glaubenstradition Israels gelernt. Er kennt sich aus, nicht weniger als die Freunde. Er weiß, dass der Mensch vergänglich ist. Jeder, auch er selbst. Darüber macht er sich nichts vor. Er sagt, wie  es ist: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit – und sagt es wie ohne Bedauern. Nüchtern: So steht es um uns, um mich.

Wir sind alle nur für kurze Zeit hier Gast auf Erden. Schattenhafte Gestalten, wenn man auf das Ganze der Welt und Zeit sieht. Ein nichts angesichts der Größe des Alls, angesichts der Millionen Jahre, die die Welt ist. Es besteht kein Anlass zur Selbstüberschätzung.

  3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

             Und doch: Gott sieht auf dieses vergängliche Wesen. Hat ein Auge auf ihn. Achtet auf ihn. Einmal mehr erweist sich Hiob als einer, der den Psalmen nahe ist:

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                 und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                                                              Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                                                     bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.                                               Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                           so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.                                Psalm 139, 8-10  

             Der Unterschied: Im Psalm ist die unausweichliche Gegenwart Gottes beängstigend und tröstend in gleicher Weise. Ambivalent, zwiespältig. Sie kann erdrücken, aber eben auch schützen. In den Worten Hiob ist sie nur noch beängstigend: Gott ist nur so gegenwärtig, dass er vor Gericht zerrt.  Anders vermag ihn Hiob nicht mehr zu sehen.

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

             Dabei ist es ja unausweichlich, Schicksal. Von Anfang an, vom Wesen des Menschen her. Was die Freunde ihm als Anklage vorhalten, was sie aus ihrer Dogmatik ableiten, dass er doch ein Sünder sein muss, unrein und alle seine Unschuldsbeteuerungen nur Selbstbetrug, das bringt Hiob jetzt vor – aber als Klage gegenüber Gott.

Hiob ist weit davon entfernt, zu leugnen, was ist. „Er kennt das Gefangensein des Menschen in der nicht abreißenden Kette der Sünde.“ (A. Weiser, aaO.; S.102) Er kennt diese Not. Aber er hält es Gott vor, dass er diese Not zur Anklage gegen ihn, gegen Hiob wendet.

 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Nun noch eine Sehnsucht hat Hiob: dass Gott wegschaut. Dass der Richter ihn aus den Augen lässt. Dass er Ruhe hat, bis der Tag des Sterbens kommt. Mitten in der Bibel, die das Leben als die höchste Gabe Gottes preist, diese ergreifende Klage: es gibt Leben, das so schrecklich ist, so verwundet, verletzt, zerbrochen, dass nur noch die Hoffnung auf den Tod bleibt. Das selbst die Gottesferne ihren letzten Schrecken verliert. „In gefährlichen schönen Bildern scheint er in das faszinierende Lied von der Nichtigkeit des menschlichen Lebens einzustimmen… Die Absolutheit des Todes scheint ihn geradezu vergänglichkeitssüchtig zu machen.“ (W. Reiser, aaO.;, S.104)

Es ist keine abstrakte Klage. Kein theoretische Erörterung, wann das so ist. Es sind, das darf man beim Lesen dieser Worte nie außer Acht lassen, die Worte eines Menschen, dem wirklich alles genommen worden ist. Die Kinder, der Reichtum, sein Lebensglück, das Ansehen, die Gesundheit. Einer, der bei lebendigem Leib und Geist verfällt. Der aber nie, wirklich nie, auch nur annäherungsweise den Gedanken erwägt, sich selbst ein Ende zu setzen.

7 Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. 8 Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, 9 so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

             So hoffnungslos ist für Hiob die eigene Situation, dass er sagen muss: Selbst für einen gefällten Baum gibt es noch Hoffnung. Aber für mich?

„Wir sägten Holz, griffen dabei nach einem Ulmenbalken und schrien auf. Weit im vorigen Jahr der Stamm gefällt wurde, war er vom Traktor geschleppt und in Teile zersägt worden, man hatte ihn auf Schlepper und Lastwagen geworfen, zu Stapeln gerollt auf die Erde geworfen – aber der Ulmenbalken hatte sich nicht ergeben! Er hatte einen frischen grünen Trieb hervor gebracht – eine ganze künftige Ulme oder einen dichten, rauschenden Zweig. Wir hatten den Stamm bereits auf den Bock gelegt, wie auf einen Richtblock; doch wir wagten nicht, mit der säge in seinen Hals zu schneiden. Wie hätte man ihn zersägen können? Wie sehr er doch leben will – stärker als wir“ (A. Solschenizyn, Im Interesse der Sache, Neuwied 1970) 

Umso härter die Klage Hiobs, seine Hoffnungslosigkeit.

 10 Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? 11 Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, 12 so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

             Mag sein, in der Natur und im Jahreskreislauf gilt: Stirb und werde! Für den Menschen gibt es keine Wiederkehr. Keinen Ort jenseits des Todes. Das Totenreich, nach dem sich Hiob sehnt, ist ihm nicht wirklich ein Ort. Sondern ein Nicht-Ort, eine Utopie. Das erst, diese Leere, dieses Nichts macht sichtbar,  wie tief die Verzweiflung Hiobs ist. Da ist kein Raum für eine Hoffnung auf ein Handeln am Menschen, das neue Zukunft öffnet. „Es gibt vom Menschen her keine Hoffnung über den Tod hinaus, weder in dem Sinn, dass der Mensch selbst aus den Todesschlaf einmal  erwachen würde, noch dass es irgendjemand gäbe, der ihn daraus erwecken könnte – außer Gott selbst.“ (A. Weiser, aaO.; S,104 )

13 Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest! 14 Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. 15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Schöpfer und Richter. Eine Schonfrist erhofft sich Hiob. Eine Atempause. Bis der Zorn sich legt, von dem Hiob nicht weiß, worin er seinen Grund hat.

Es ist nicht ernsthaft das Totenreich gemeint. Zumindest nicht als Daueraufenthalt. Aus dem gibt es ja keine Wiederkehr. Aber Hiob ersehnt einen Ort, an dem er „zwischengelagert“ sein könnte, dem Zorn entnommen. Aber immerhin: in Rufweite. Damit rechnet Hiob, dass Gott ihn wieder rufen könnte. Das ist seine Hoffnung, dass Gott ihn nicht in der Weise argeschrieben hat, dass er kein Wort mehr an ihn wendet.

Auch darauf hofft Hiob immer noch: dass Gott seine Übertretung zur Seite legen könnte, sie nichts achten. Diese Worte mögen auch ein Hinweis darauf sein, dass Hiob nicht behauptet, dass er schuldlos ist, dass er keine Sünde kennt, dass ihm nie Verfehlungen unterlaufen sind. Aber das ist noch nicht gleichbedeutend damit, dass er sagen würde: Es ist meine Sünde, meine Schuld, die mich in diesen Unglücken und meiner Krankheit einholt.

Es ist, so denke ich, ein Stück gesundes Denken: Schuld und Unheil bedingen sich nicht gegenseitig. Sie stehen auf zwei verschiedenen Blättern. Und man wird Gott nicht gerecht, wenn man ihn in diesen Automatismus Tun-Ergehen eingesperrt sieht, nur als Vollzugsbeamten, der Taten der Menschen.

Ich lese diese Worte Hiobs wie ein kleines, zaghaftes Hoffnungssignal. Festgemacht daran, dass Gott frei ist, dass er nicht festgelegt ist auf vergelten, auf nachstellen, auf verurteilen, sondern dass er auch die andere Möglichkeit hat: dem Tod zuwider neu zu rufen.

 18 Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen, 19 Wasser wäscht Steine weg, und seine Fluten schwemmen die Erde weg: so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte. 20 Du überwältigst ihn für immer, dass er davonmuss, entstellst sein Antlitz und lässt ihn dahinfahren.

             Aber dann: Der Blick in die Weltwirklichkeit sagt anderes. Selbst die festen Berge vergehen. „Das weiche Wasser bricht den Stein.“(Bots) Was im Lied eine Hoffnungsbotschaft ist, ist bei Hiob das krasse Gegenteil: Alles vergeht, wird weggespült, hat keinen Ort mehr. So geht es auch mit der menschlichen Hoffnung. Sie wird zunichte gemacht, weggeschwemmt von der harten Wirklichkeit.

 21 Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht, oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr. 22 Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.

             Nicht einmal das bleibt, dass Hiob seine Hoffnung auf die Nachfahren setzen kann. Es geht ihm, wie es allen geht. In das Totenreich kommen keine Nachrichten aus dem Leben und aus dem Totenreich gibt es keinen Zugriff mehr in das Leben. Der im Tod ist, „kann weder das wohl noch das Wehe derer verfolgen, die seines Lebens Inhalt, Freude und Sorge gewesen sind.“ (Hj. Bräumer, aaO. S. 229)

 

Mein Gott, flüchtig und nichtig ist unser Leben, ein paar Jahre sind wir da und nehmen uns so wichtig. Mein Gott, weil Du Deine Augen auf mich richtest, halte ich mich für einen angesehenen Menschen. Weil ich Dir wert bin, bin ich mir wert. Weil ich Dein Achthaben auf mich glaube, über jedem Leben, will ich achten und achtsam sein , für mich, für uns, über  allem Leben.

Ich glaube nicht, dass das Ziel des Lebens das große Dunkel ist, das Nichts. Ich glaube, dass Du selbst uns am Ende das große weiße Tor öffnest, die Pforten der Ewigkeit, die Tür zum Vaterhaus. Amen