Wenn Gott weit weg scheint

Hiob 12, 1 – 25

 1 Da antwortete Hiob und sprach: 2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

Manchmal bleibt nur noch Ironie. Hiob ist physisch und psychisch fast am Ende. Aber das macht ihn noch nicht wehrlos, noch nicht gefühllos. So antwortet er auf die Attacken der Freunde, auf ihre Verhaltung mit einem Gegenangriff. „Wofür haltet ihr euch eigentlich?“ lese ich zwischen den Zeilen. „Die Freunde sollen nur nicht glauben, die Leute zu sein, die die Weisheit gepachtet haben.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 197) Hiob treibt es auf die Spitze: ohne euch und eure Weisheit wäre die Welt ein dunkles Loch!

 3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

             Ohne Umschweife: ich bin nicht dümmer als ihr. Ich bin nicht weniger bewandert in den Schriften wie ihr. Ich kann auch denken. Es wirkt, als würde Hiob sich darauf berufen, dass die Leute ihn doch kennen, dass es doch dieses Bild von ihm gibt: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“(1,1) Hiob kann sich durchaus sehen lassen, auch mit seinem Verstand, seinem Verstehen und Begreifen.  Es ist wohl richtig beobachtet: „Die Temperatur der Auseinandersetzung steigt merklich an und wird hitzig. Mit der Hellsichtigkeit eines Patienten, dem man nichts mehr vormachen kann, und mit der Rücksichtslosigkeit, die keinen Gesunden mehr schont, seziert er die empfohlene Weisheit.“(W. Reiser, aaO. S. 86)

 4 Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

             Aber – wie auch immer Hiob sich selbst sieht, andere sehen ihn anders. Er ist zum Gespött geworden. Er ist in den Augen der Freunde einer, der mit seiner Frömmigkeit und Gerechtigkeit gescheitert ist. „Hohlkopf“ hat ihn Zofar genannt und damit auf den Punkt gebracht, was sie wohl alle drei denken: Das, was sie jetzt vor Augen haben, Hiob auf seinem Aschehaufen, sagt, was ist: sein Leben ist nichts mehr wert. Seine Überzeugungen sind widerlegt. Alles, was er gesagt, getan, geglaubt hat, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Ein einziges Trümmerfeld – sein Leben, sein Glauben. Und sie sind dabei, ihm den letzten Stoß zu versetzen.

„Die sich des Tun-Ergehen-Zusammenhang so sicher sind, leben nach dem gemeinen Grundsatz: „Was fallen will, das soll man auch noch stoßen“ (Hj. Bräumer, aaO. S. 198) Da ist kein Mitgefühl, kein Mitleid, vielleicht auch keine klammheimliche Schadenfreude. Aber sie sind himmelweit entfernt von dem, was die Schrift als die Art Gottes zeichnet. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jesaja 42,3) Sie, die so stolz die Gerechtigkeit Gottes zu kennen behaupten, werden doch Gott in keiner Weise gerecht.

7 Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir’s sagen, 8 oder die Sträucher der Erde, die werden dich’s lehren, und die Fische im Meer werden dir’s erzählen. 9 Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat, 10 dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, in seiner Hand auch der Geist im Leib eines jeden Menschen?

             Hiob treibt seine Argumente auf die Spitze. Die Freunde, die alles zu wissen glauben, sollen doch einmal bei dem Vieh und den Vögeln nachfragen. Die werden sie lehren. Was? Das alles nur lebt, weil Gott es leben lässt. Weil es in seiner Hand ist, Lebendigkeit zu schenken. Nur, damit ist doch noch nichts gesagt außer, dass ist, was ist. Die Behauptung der Freunde ist ja, dass sie in allem Geschehen auch Sinn finden, Gerechtigkeit, Weisheit. Genau dieser Sicht, Einsicht widerspricht Hiob. „Alles, was wir von Gott sagen möchten, scheitert an den Grenzen dessen, was wir selbst als „Sinn“ bezeichnen.“(W. Reiser, aaO.  S. 88) Weil wir nicht zu begreifen vermögen, was hinter den Wegen Gottes steht. Ihr Sinn entzieht sich uns.

 11 Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt? 12 Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten? 13 Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.

             Es ist eine Herausforderung an die Freunde: Verwendet eure Sinne, um zu prüfen. Denkt nach und macht es euch nicht zu einfach. „Der Mensch hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Worte zu prüfen.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 202)Nicht das ehrwürdige Alter eines Gedanken oder eines Sprechenden garantiert seine Wahrheit – Weisheit und Gewalt muss ihre Wurzel in Gott haben. So weit ist der mit Gott rechtenden Hiob davon entfernt, die Weisheit Gottes zu bestreiten. Nur, dass wir sie so locker erkennen können, das stellt er in Frage. Man könnte fast als ein Wort Hiobs angeben: „Kritischer müssten mir die Kritischen sein.“(K. Barth)

 14 Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen. 15 Siehe, wenn er die Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er sie loslässt, verwüsten sie das Land. 16 Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt. 17 Er lässt die Ratsherren barfuß gehen und macht die Richter zu Toren. 18 Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet ihre Lenden mit einem Gurt. 19 Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter. 20 Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten. 21 Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus. 22 Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht. 23 Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt’s wieder weg. 24 Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre in wegloser Wüste, 25 dass sie in der Finsternis tappen ohne Licht. Er führt sie irre wie die Trunkenen.

 „Es sind ja Gott sehr leichte Sachen und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen, den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.“                                               G.
Neumark 1657, EG 369

Es ist ein seltsamer Text, eine Art Anti-Psalm. Kein Loblied, aber ein Lied der Anerkennung der Macht Gottes. Wobei es fast noch idyllisch anfängt und sofort an den Psalm erinnert:

Wenn der HERR nicht das Haus baut,                                                                                      so arbeiten umsonst, die daran bauen.                                                                            Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,                                                                                so wacht der Wächter umsonst.                                                                                               Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht                                                                                  und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen;                                                 denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.              Psalm 127, 1 – 3

Was im Psalm noch wie eine Aufforderung ist, sich in die Allmacht Gottes zu bergen, wird hier zur Aufforderung, sich in Demut klar zu werden. Gott ist in der Lage, die Welt umzustürzen. Es gibt keine Sicherheit, dass alles immer so bleiben wird, wie es ist. Gott ist nicht der Garant unserer Weltordnungen, wie wir sie gerne hätten.

Diese Worte des Hiob sind nahe dran an den rebellischen Frauenliedern.

 Der HERR tötet und macht lebendig,                                                                                 führt ins Totenreich und wieder herauf.                                                                           Der HERR macht arm und macht reich;                                                                                   er erniedrigt und erhöht.                                                                                                            Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub                                                                          und erhöht den Armen aus der Asche,                                                                                 dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.                     Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN,                                                                    und er hat die Erde darauf gesetzt.  1. Samuel 2, 6 – 8

             Aufgenommen von dem kleine Mädchen aus der galiläischen Provinz:

 Er übt Gewalt mit seinem Arm                                                                                           und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                  Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                                    und erhebt die Niedrigen.                                                                                                          Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                           und lässt die Reichen leer ausgehen.                                                                                        Er gedenkt der Barmherzigkeit                                                                                              und hilft seinem Diener Israel auf.               Lukas 1, 51-54

      Der Unterschied: Hiobs Psalm  bleibt bei den destruktiven Möglichkeiten Gottes stehen. Kein Wunder, wenn man sich vor Augen hält, dass er auf seinem Misthaufen sitzt, von Lepra zerfressen, von seelischen Schmerzen geplagt. Tief gestürzt. Und doch: Kein böses Wort über Gott in diesem Anti-Psalm. Nur die ohnmächtige Anerkennung seiner Macht. Auch dann, wenn sie zerstört.

 

Gott, manchmal bleibt nur das ohnmächtige Eingeständnis. Du bist uns zu groß, zu stark, zu unbegreiflich. Manchmal bleibt nur der Schmerz. Ich fühle mich Dir ausgeliefert. Ausgeliefert an einen Gott, der mir fremd geworden ist.

Und doch: Immer noch besser in Deinen Händen als in den Verliesen der Menschen. Immer noch besser unter einem schweigenden Himmel, in den hinein ich schreien kann als eingesperrt in Mauern, die jeden Schrei schlucken.

Ich werde nicht aufhören, nach Dir zu schreien, auch wenn mir der Atem ausgeht. Amen