Was für ein Tempo

Tobias 7, 1 – 17

1 Und als sie nach Ekbatana hineingingen, sagte Tobias zu ihm: Bruder Asarja, führe mich geradewegs zu unserem Bruder Raguël. Da führte er ihn zum Hause Raguëls, und sie fanden ihn, wie er an der Tür des Hofes saß.

             Sie kommen nach Ekbatana, einem der Hauptorte in Medien und landen geradewegs bei  Raguël. Weil Asarja weiß, wo er wohnt und wie der Weg zu ihm zu finden ist. Es ist ein Bild, das Ruhe ausstrahlt: er saß an der Tür des Hofes. Es ist ein Bild aus alten Zeiten – am Feierabend sitzen die, die den Tag über tätig waren, vor dem Haus. So viel Muße muss sein.

Sie grüßten ihn als Erste, da sagte er zu ihnen: Seid vielmals gegrüßt, Brüder; wie gut, dass ihr wohlbehalten angekommen seid. Und er führte sie in sein Haus. 2 Zu seiner Frau Edna sagte er: Wie gleicht dieser junge Mann doch meinem Bruder Tobit! 3 Da fragte Edna sie: Woher seid ihr, Brüder? Sie antworteten: Aus dem Stamm Naftali sind wir, von den Gefangenen in Ninive. 4 Und sie sagte zu ihnen: Kennt ihr Tobit, unseren Bruder? Sie antworteten: Ja, wir kennen ihn. 5 Und sie fragte: Ist er wohlauf? Sie antworteten: Ja, er lebt und ist wohlauf. Und Tobias sagte: Er ist mein Vater.

             Es kommt nach den wechselseitigen Grüßen zu einen Gespräch, das den, der bis hierher dem Erzählfluß gefolgt ist, nicht mehr überraschen kann. Frage und Antwort fügt sich so ineinander, dass es am Ende klar ist: Hier stehen sich nicht Fremde gegenüber, obwohl sie sich bis vor wenige Augenblicke fremd waren. Sie gehören zusammen – aus einem Stamm. Seinen Bruder Tobit hat Raguël in Tobias wiedererkannt. Wobei Bruder hier nicht wörtlich zu nehmen ist als Abstammung aus gemeinsamen Eltern. Es ist wahrscheinlich eher der fromme Sprachgebrauch, wie er auch in Kirchen Usus ist. Bei Paulus, der Brüder und Schwestern in Fülle hat. Alle, die zu Jesus gehören. So auch hier: alle, die zu Israel, zum Stamm Naftali gehören sind, Brüder.

Darauf läuft es hinaus: Raguël hat sich nicht getäuscht. Er hat zwar nicht den vor Augen, den er kennt, aber seinen Sohn.

 6 Da sprang Raguël auf, küsste ihn und weinte 7 und sprach zu ihm: Gesegnet seist du, mein Kind, Sohn eines edlen und guten Vaters! Welch schlimmes Unglück, dass ein so gerechter und barmherziger Mann blind wurde! Und er fiel seinem Bruder Tobias um den Hals und weinte. 8 Und auch seine Frau Edna und ihre Tochter Sara fingen an zu weinen.

             Es ist erstaunlich, wie gut sie in Ekbatana über das Geschick derer in Ninive informiert sind. Man wird als Leser*in heute nicht fragen dürfen, wie das geht. In dieser Gemeinschaft der Exilierten weiß man über hunderte von Kilometern hinweg, was bei den anderen los ist. Auch ohne Smartphone. So wird ganz nebenbei das Bild einer sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft gemalt.

 9 Danach ließ er einen Widder von der Herde schlachten und nahm sie mit Freuden auf. Als sie nach dem Bade zu Tische saßen, sagte Tobias zu Rafaël: Bruder Asarja, sage doch zu Raguël, dass er mir meine Schwester Sara zur Frau gebe.

             Es geht weiter. Nach dem Bad für die Reisenden – welche Aufmerksamkeit der Gastgeber – sitzt man beim Essen. Und es ist, als würde der Frischverliebte keine Zeit mehr verlieren wollen. Er gibt Asarja den Auftrag, für ihn den Brautwerber zu machen. Für eine Braut, die er auch jetzt noch nicht gesehen hat – von Sara ist seit ihrem Eintreffen noch keine Spur zu finden.

 10 Als Raguël das hörte, sprach er zu dem Jungen: Iss und trink und sei fröhlich diese Nacht, denn es gibt niemanden außer dir, Bruder, dem es zukommt, Sara, meine Tochter, zur Frau zu nehmen. Auch habe ich nicht die Macht, sie einem anderen als dir zu geben, denn du bist mein nächster Verwandter. Freilich will ich dir die Wahrheit sagen, Kind. 11 Ich habe sie schon sieben von unseren Brüdern zur Frau gegeben, und alle sind in der Nacht gestorben, als sie zu ihr eingehen wollten.

            Raguël hört nur die Bitte an Asarja. Aber er antwortet Tobias, als hätte Asarja schon gesprochen. Zustimmung. Ohne Wenn und Aber. Es steht Tobias zu, der Löser zu sein. Weil er der nächste Verwandte ist. Es ehrt Raguël, dass er nicht mit der Wahrheit hinter dem Berg hält, die Tobias zurückschrecken lassen könnte. Siebenmal schon ist es schiefgegangen mit den Hochzeiten. Sieben Tote sind das Ergebnis.

 Doch jetzt, mein Kind, iss und trink, und der Herr wird es euch gewähren. Tobias aber sagte: Ich will weder essen noch trinken, ehe du nicht meine Sache entschieden hast. Und Raguël sagte zu ihm: Wohlan, sie sei dir gegeben nach der Ordnung im Buch des Mose. Vom Himmel her ist es bestimmt, dass sie dir gegeben werde! Nimm deine Schwester zur Frau! Von nun an bist du ihr Bruder, und sie ist deine Schwester. Sie sei dir gegeben von heute an und bis in Ewigkeit. Und der Herr des Himmels bewahre euch in dieser Nacht, mein Kind, und gewähre euch Gnade und Frieden!

Es ist, als wolle Raguël es damit für heute gut sein lassen. Nicht so aber Tobias. Der will heute schon klare Sache machen. Er will wissen, woran er ist. Warum auch immer, Raguël stimmt zu. Es ist, als wüsste Raguël, dass hier nicht zu debattieren ist. Es hat alles seine Ordnung und so wird alles auch nach der Ordnung im Buch des Mose gehalten werden. Wir sind lesenderweise unter gesetzestreuen Israeliten im Exil, im fernen Ekbatana. Für jüdische Leser*innen ist das eine Botschaft, die Mut machen kann: auch fern vom gelobten Land gilt die Ordnung des Mose und ist es gut, sich von ihr leiten zu lassen. Und geleitet von dieser Ordnung darf man sich dem Herr des Himmels anvertrauen und auf seine Gnade und Frieden hoffen. Selbst mit so einer Vorgeschichte, wie sie Sara zu tragen hat.

12 Dann rief Raguël seine Tochter Sara, und sie kam herbei. Da legte er ihre Hände ineinander und sprach: Nimm sie nach dem Gesetz und der Ordnung, die im Buch des Mose geschrieben steht, dass sie deine Frau sei; behalte sie bei dir und führe sie wohlbehalten zu deinem Vater. Und der Gott des Himmels bewahre euch in Frieden!

             Jetzt endlich ist es auch an der Zeit, dass Sara kommt. Sie wird gerufen und diesem Reisenden, den sie bis dahin noch nicht gesehen hat, anvertraut. Beide werden sie dem Frieden Gottes anbefohlen, nicht ohne die Mahnung, sie ordentlich, wohlbehalten zu seiner Familie zu führen. Eine kürzeres Trau-Zeremonial und eine kürzere Traupredigt sind kaum vorstellbar.

13 Und er rief ihre Mutter und befahl ihr, eine Schriftrolle zu bringen, und er schrieb den Ehevertrag, dass er sie ihm zur Frau gebe nach der Ordnung im Gesetz des Mose. 14 Danach begannen sie zu essen und zu trinken.

Ein Ehevertrag wird aufgesetzt und unterschrieben. Jetzt endlich ist es Zeit, sich dem Essen wieder zuzuwenden, das so unversehens zu einem Hochzeitsessen geworden ist.

  15 Und Raguël rief seine Frau Edna und sprach zu ihr: Meine Schwester, richte die andere Kammer her und führe sie dort hinein. 16 Und sie ging und richtete das Bett in der Kammer her, wie er ihr gesagt hatte, und sie führte ihre Tochter dort hinein. Und sie weinte ihretwegen, und nachdem sie die Tränen abgewischt hatte, sagte sie zu ihr: 17 Sei getrost, Tochter, der Herr des Himmels verwandle dein Leid in Freude. Sei getrost, Tochter! Und sie ging hinaus.

             Jetzt ist es an Edna, ihre Pflichten zu erfüllen .In der Kammer das Lager zu bereiten. Die Mutter tut, wie es ihr Auftrag ist und bringt die Tochter in das Gemach. Es sind wohl nicht nur die üblichen Tränen der Mutter bei einer Hochzeit. Es wird so sein, dass sie die Vorgeschichte im Sinn hat und ihre Fortsetzung fürchtet. Aus dem Gemach könnte wieder ein Ungemach werden.

Irgendwie ist es vor einer Hochzeit, auch vor dieser, doppeldeutig: Der Herr des Himmels verwandle dein Leid in Freude. Endlich soll alles gut werden. Ein Rest Hoffnung ist noch da im Denken der Mutter. Darum: Sei getrost, Tochter!  Es wird schon werden.

Zum Weiterdenken

Es muss alles seine Ordnung haben, Es muss alles den Regeln folgen, wie sie im Gesetz und dem Buch des Mose festgehalten sind. Das ist eine Botschaft des Buches wie nebenbei, nur erzählt: Wer sich an die Ordnungen des Mose hält, der kann sichere Schritte tun. Er hat ein Geländer, das ihn auf gutem Weg leitet. Mehr noch, der kann sich sicher sein, dass seine Entscheidungen vom Himmel her geleitet sind. Vom Himmel her ist es bestimmt, dass sie dir gegeben werde! ist kein Satz, der das individuelle Glück aus dem Himmel ableitet, sondern der sich darauf beruft, dass es alles ordnungsgemäß zugeht, wie es vom Himmel her bestimmt ist. So viel zur Korrektur, dass Ehen im Himmel geschlossen werden. Nein, sie folgen „nur“ einer himmlischen Ordnung.

 

Schlag auf Schlag. Keine Luft zum Atmen, keine Chance zu verweilen, innezuhalten. Und doch: über allem gelassene Ruhe.

Manchmal geht es im Leben so zu, dass Du, unser Gott es eilig mit uns hast. Dass du uns Schritt um Schritt tun lässt, uns kein Zögern gewährst, weil es Dein Ziel ist, auf das hin wir unterwegs sind.

Ich danke Dir, dass ich mich Deinen Wegen anvertrauen darf, auch Deinem Tempo, weil Du ja weißt, wann es an der Zeit ist zu handeln oder zu verweilen. Amen