Zofars These: Alles nur Blabla

Hiob 11, 1 – 20

 1 Da hob Zofar von Naama an und sprach:

          Endlich kommt auch der dritte der Freunde, Zofar von Naama, zum Zug. Er hat lang genug warten müssen. Aber diese lange und heftige Klage des Hiob darf nicht ohne Antwort, ohne Entgegnung bleiben. Diese Entgegnung übernimmt Zofar

 2 Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer Recht haben? 3 Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?

Seine ersten Worte schon zeigen es: hier führt der Ärger das Wort, bestimmt Tonfall und Wortwahl. Was er gehört hat, ist ihm leeres Gerede. So wenig Gespür hat Zofar für einen Mann in Trauer, im Schmerz? Es erschreckt mich, dass jemand über einen Klagenden, zu einem Klagenden sagen kann: alles nur leeres Stroh, was du drischst. Es lässt mich, selbstkritisch, danach fragen, wie es denn mit meinem Zuhören steht, wenn jemand wieder und wieder in die gleichen Klagen verfällt, nicht herausfindet aus dem, was ich innerlich vielleicht für unfruchtbar halte.

 4 Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.« 5 Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf 6 und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis -, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

Das ist die Antwort Zofars auf die Unschuldsbeteuerung Hiobs: Wenn Gott redete, würde er es dir zeigen, dass noch viel mehr gegen dich spricht. Die Unschuldsbeteuerungen Hiobs treffen bei Zofar auf taube Ohren. Er hört und hört doch nicht. Weil seine Anthropologie ihn etwas anderes lehrt? Davon ist Zofar überzeugt: Gott sieht in den Tiefen seiner Weisheit auf die dem Hiob selbst verborgenen Fehle, auch die ihm nicht bewusste Schuld. Vor Gott liegt alles offen zu Tage. Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Das ist eine Sicht, die die Psalmen teilen.

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                   du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                               Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                  und siehst alle meine Wege.                                                                                                        Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                 das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                    Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                   und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“            Psalm 139, 1 – 4.7

           Die tröstliche Gottesgegenwart hat gleichwohl auch  das Potential, etwas Bedrängendes zu sein. Sie kann auch zur unausweichlichen Gegenwart werden, vor der keine Flucht hilft, vor der es kein Verbergen gibt. Ob sie tröstet oder bedrängt hat vor allem mit der inneren Verfassung des Menschen zu tun, der diese Gegenwart erfährt.

 7 Meinst du, dass du weißt, was Gott weiß, oder kannst du alles so vollkommen treffen wie der Allmächtige? 8 Die Weisheit ist höher als der Himmel: was willst du tun?, tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?, 9 länger als die Erde und breiter als das Meer: 10 wenn er daherfährt und gefangen legt und Gericht hält – wer will’s ihm wehren? 11 Denn er kennt die heillosen Leute; er sieht den Frevel und sollte es nicht merken?

Der Vorwurf Zofars an Hiob lautet: Du denkst zu klein von Gott. Du bildest dir ein, den Unbegreiflichen zu begreifen, den Unfassbaren fassen zu können? Du überschätzt dich selbst in deinem Verstehen und Begreifen-wollen. Die Weisheit übersteigt deinen Horizont bei weitem.

Seltsam: Die Beschreibung der Größe Gottes, die Zofar gibt, ähnelt den Worten des Hiob, aber sie hat eine ganz andere Tendenz. Sie wird zur Anklage gegen Hiob. Zur Forderung nach Unterwerfung, nach Ergebenheit. Vielleicht sogar nach dem erleichterten Aufseufzen: Gott seid Dank hält er mir nicht alle Frevel vor, die er an mir merkt.

Im Hintergrund steht immer die These: es könnte noch schlimmer sein – und du, Hiob, dürftest dich nicht beklagen. Auch das steht im Hintergrund der Argumente des Zofar: Ich, Zofar, stehe auf dem Boden der Weisheit. Mein Wissen ist so, dass es Gott entspricht. Es ist wohl diese Selbsteinschätzung Zofars, die ihn dann zu den nachfolgenden Worten verleitet.

 12 Kann ein Hohlkopf verständig werden, kann ein junger Wildesel als Mensch zur Welt kommen?

               Wie steht es bei Hiob um die Chancen zur Umkehr? Zur Einsicht? So scheint Zofar zu fragen. Und gibt sich selbst Antwort in seinen Vergleichen. Diese sind wenig schmeichelhaft für Hiob: Hohlkopf und Wildesel – was ist da schon zu erwarten. Es scheint, als würde Zofar eine Missachtung seiner Worte einkalkulieren, weil er ja zu einem spricht, der sich anschickt, die Umkehr zu verweigern und damit zeigt, was er ist: ein unbelehrbarer Hohlkopf, ein störrischer Wildesel.

  13 Wenn aber du dein Herz auf ihn richtest und deine Hände zu ihm ausbreitest, 14 wenn du den Frevel in deiner Hand von dir wegtust, dass in deiner Hütte kein Unrecht bliebe: 15 so könntest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten. 16 Dann würdest du alle Mühsal vergessen und so wenig daran denken wie an Wasser, das verrinnt, 17 und dein Leben würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstre würde ein lichter Morgen werden, 18 und du dürftest dich trösten, dass Hoffnung da ist, würdest rings um dich blicken und dich in Sicherheit schlafen legen, 19 würdest ruhen und niemand würde dich aufschrecken, und viele würden deine Gunst erbitten.

             Zofar kennt den Ausweg aus dem Schmerz des Hiob, aus seinem Elend. Er malt ihm ein „herrliches Bild seines zu künftigen Lebens(W. Reiser, Hiob. Ein Rebell bekommt Recht, Stuttgart 1991, S. 84), wenn er nur diesen Weg beschreitet, den Zofar ihm aufzeigt: Umkehren. Sich demütigen vor Gott. Gott Recht geben.  

           Es sind zum Teil Worte, die sich Zofar bei den Propheten leiht: Jesaja kann davon reden – aber nun gerade nicht im Blick auf Unterwerfung vor Gott, sondern im Blick auf die Zuwendung zum Nächsten. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten … dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ (Jesaja 58, 7-9a. 10b-12)

Zofar kennt seine prophetischen Lehrmeister und nimmt aus dieser Kenntnis heraus den Mut zur Prophetie in ein konkretes Leben hinein. Immer unter der Voraussetzung: wenn du dich zur Umkehr rufen lässt…

Was ist das für ein Versprechen? Stimmt das denn? „Soll alles so sein wie vorher – wie wenn zwischen ihm und Gott nichts passiert wäre? Wasserfluten hinterlassen bekanntlich Schlamm, Gräben und Trümmer, und das Vernarben dauert Jahrzehnte. Und das schwerste mit Gott soll vorbei und vergessen sein? Keine Spuren hinterlassen, keine Veränderung der inneren Landschaft bewirken?“ (W. Reiser, aaO. S. 84)

Ich denke in der Tat: Gotteserfahrungen hinterlassen lebenslange Spuren – die guten als Erinnerung, die schweren als Narben. Wir müssen sie nicht vergessen und abschreiben, ungeschehen machen. Wichtig ist nur dies eine: dass sie uns den Weg in die Zukunft nicht verstellen dürfen.

Nur: ob man das so bedenkenlos in eine Leidens-Situation hinein sagen kann, daran habe ich doch meine Zweifel. Das ist nicht die Art Seelsorge, die ich gelernt habe, der ich in meinem eigenen Leben Raum gebe.

  20 Aber die Augen der Gottlosen werden verschmachten, und sie werden nicht entrinnen können, und als ihre Hoffnung bleibt, die Seele auszuhauchen.

             Wie um der eigenen Unsicherheit zu wehren, schickt Zofar am Ende seiner Rede noch ein Drohwort hinterher. Als spürte er beim eigenen Reden schon den unausgesprochenen Widerstand es Hiob. Wer sich nicht raten lässt, für den bleibt nur noch eine Hoffnung: der Tod als Erlösung.

Zum Weiterdenken

             Mich beschäftigt in allen Reden der Freunde eine übereinstimmende Beobachtung. Sie sagen, jeder auf seine Weise, durchaus richtige Sätze. Fromme Worte. Auch tiefsinnige Worte. Aber sie stimmen trotzdem nicht.  Das macht mir deutlich: ob ein Wort stimmt, tragfähig ist, hilfreich gar, hängt nicht nur daran, dass es „stimmt“. Es hängt auch daran, ob es passt, die Situation trifft, dass es dem Menschen, dem es gesagt wird, entspricht. Also: keine allgemeine Wahrheit. Die Wahrheit, die tragfähig ist, ist immer konkret.

 

Mein Gott, wie oft rege ich mich auf über den Unsinn, den andere von sich geben, wenn sie von Dir reden. Keine Ahnung haben sie. Sie reden dummes Zeug daher. Sprechen wie Wirrköpfe. Wie oft möchte ich dazwischen fahren, Dich in Schutz nehmen, richtig stellen, aber doch wohl auch, meinen Glauben als vernünftig verteidigen.

Mein Gott, bewahre mich vor der Besserwisserei, vor dem hochmütigen Gedanken, dass ich es besser weiß, dass meine Erfahrung allein aus Dir schöpft.

Hilf Du mir, dass ich meine Sätze des Glaubens ansehen lerne als das was sie in Wahrheit sind – Annäherungen. Gestammel, als den Versuch, Unsagbares irgendwie doch zu sagen. So wie es für mich, nur für mich stimmt. Amen